Freitag, 27. September 2019

Terror von Links - "Case history of a German terrorist" (wahrscheinlich Christof Wackernagel)



1984 wurde eine anonymisierte Fallstudie über einen deutschen RAF-Terroristen veröffentlicht:
Billig, Otto (1984): The case history of a German terrorist. In: Studies in Conflict & Terrorism, 7:1, S. 1-10.

Schaut man sich einige Eckdaten an, dann handelt es sich bei dem untersuchten Mann (im Text „Rolf“ genannt) sehr wahrscheinlich um Christof Wackernagel. Die Eckdaten aus dem o.g. Text sind folgende:

-        -  Der Vater starb, als „Rolf“ sieben Jahre alt war
-        -   Sein Vater war ein bekannter Künstler
-         -  „Rolf“ wollte u.a. Schauspieler werden
-         -  „Rolf“ wurde 1977 zusammen mit einem Freund verhaftet, als sie sich in eine Telefonzelle begeben hatten. Dabei wurden sowohl die beiden Terroristen als auch drei Polizisten verletzt.

Alle diese Daten und Begebenheiten treffen auf Christof Wackernagel (der mittlerweile Schauspieler ist) zu. Der Autor Otto Billig hat sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht, die Eckdaten zu verändern (damals gab es aber auch noch kein Internet und eine Recherche der Eckdaten war entsprechend aufwendig). Der Name „Rolf“ scheint die einzige Veränderung zu sein. Da ich trotz dieser Überschneidungen nicht 100%ig sicher sein kann, ob Christof Wackernagel wirklich hinter „Rolf“ steckt, bleibe ich im Verlauf bei dem Pseudonym „Rolf“.

Kommen wir nun zur Kindheit des untersuchten Terroristen (Quelle siehe oben):

Wie schon oben erwähnt starb sein Vater früh. Dies bedeutet an sich ein schweres Trauma für ein Kind. „Rolfs“ Mutter bezeichnete ihren Mann als „Neurastheniker“, was wohl damals depressive Verstimmungen meinte. Die Familie habe Rücksicht auf die Beschwerden des Vaters genommen. Auf Grund seiner Karriere, Unsicherheiten und körperlichen Verfassung habe er keine Nähe zur Familie aufbauen können. „Rolfs“ Beziehung zum Vater sei entsprechend von Distanz geprägt gewesen. 

Die familiäre und berufliche Situation bedeutete auch, dass die Mutter nur wenig Zeit mit den Kindern verbrachte. Dies galt einmal mehr nach dem Tod ihres Ehemannes. Zum Vorbild für Rolf wurde ein Freund der Familie (ein Anwalt), der sich sehr für das Kind interessierte. Wie diese Beziehung zwischen dem Anwalt und dem Kind aussah, erfährt man in dem Text nicht.

Rolf entwickelte nach dem Tod des Vaters ein großes Verantwortungsgefühl für die Familie, insbesondere für seine stark ausgelastete Mutter. "Rolf" war 12 Jahre alt, als ein neuer Mann an die Seite seiner Mutter kam. „Rolf“ habe sich daraufhin verändert und sich zurückgesetzt gefühlt. Alles, was Otto Billig dazu weiter ausführt, legt den Schluss nahe, dass „Rolf“ durch die neue Verbindung seiner Mutter seinen letzten Halt verlor. 

Als Jugendlicher kam „Rolf“ in Kontakt mit der Drogenszene und wurde auch einmal auf Grund des Besitzes von Haschisch festgenommen. In seiner späten Adoleszenz wurde er dann Stück für Stück politisch aktiver und schloss sich radikalen Gruppen an. Es kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem Stiefvater bzgl. der politischen Einstellungen von „Rolf“.

Als 17-Jähriger zog er von zu Hause aus und brach den Kontakt mit seiner Familie ab. Später wurde er von einem Anwalt, der RAF-Mitglieder vertreten hatte, angesprochen und um Hilfe gebeten. (Was für ein Zufall, dass dieser Verbindungsmann nun gerade Anwalt war, so wie es sein einziges männliches Vorbild in der Kindheit auch gewesen war) So wuchs er langsam in die Gruppe hinein und wurde schließlich RAF-Mitglied.




Montag, 23. September 2019

Terror von Links - Kindheit von Margrit Schiller


Die ehemalige RAF-Terroristin Margrit Schiller hat 2007 ihre Autobiografie veröffentlicht:
  Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung. Ein Lebensbericht aus der RAF (Konkret Literatur Verlag, Hamburg). 

Auch ihr Bericht über Kindheit und Jugend reiht sich bzgl. destruktiver Erfahrungen ein in die Berichte der anderen RAF-Terroristen, die ich kürzlich vorgestellt habe.

Nachdem ich mein Abitur gemacht hatte, zog ich von zu Hause aus, weil ich es dort nicht mehr aushielt. Mein Vater war Major beim MAD, dem Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr. Er hatte immer versucht, mich mit Drohungen einzuschüchtern und in allem zu kontrollieren. Er nahm mir die Luft zum Atmen“ (S. 19)
Als Kind habe sie immer auf ihre Geschwister aufpassen müssen. Als sie auszog, verweigerten ihre Eltern jegliche Unterstützung. Wenn sie Hunger habe, könne sie ja nach Hause kommen.
Mit meiner Mutter hatte ich heftige Diskussionen, weil ich ihr Lebenskonzept nicht übernehmen wollte. (…) Meine Kindheit war bedrückend und beengend gewesen. Ich verließ mein Elternhaus mit dem dumpfen Gefühl, verstümmelt worden zu sein. Ich wollte auf keinen Fall so leben, so werden wie meine Eltern. (…) Seit ich nicht mehr zu Hause wohnte und mein Leben selbst in die Hand nehmen konnte, versuchte ich, die Trauer abzuschütteln, die mich über die Jahre begleitet hatte“ (S. 21f).

„Ich fühlte mich sehr einsam. Das war mein grundlegendes Lebensgefühl, seit ich denken konnte. Ich kannte es nur so, dass sich jeder allein durchs Leben kämpfen musste“ (S. 24).

Als sie sich mit ca. neun Jahren in einen Jungen verliebte und ihre Mutter dies mitbekam, versuchte diese zunächst mit Verboten einzuwirken. „Als ihr das nicht gelang, prügelte sie mich grün und blau. Vorher schickte sie meine jüngere Schwester zum Spielen auf die Straße, verlangte, dass ich mich auszog und schlug mich dann so lange mit Stricknadeln, bis ich an Rücken und Beinen blaue Striemen hatte. Am nächsten Tag in der Schule fragte mich jeder danach. Ich schämte mich und sagte nichts. Bis zu diesen Schlägen war ich ein frühentwickeltes Mädchen gewesen. Jetzt kehrte sich meine Entwicklung völlig um, ich blieb noch jahrelang ganz kindlich. Jahre später merkte ich, dass mein Vater starke sexuelle Gefühle mir gegenüber empfand, auch wenn er mich nie körperlich missbrauchte. Aber die Art und Heftigkeit seiner Emotionen waren mir immer bedrohlich. (…) Für ihn war ich sein Besitz, und er war während meiner gesamten Jugend eifersüchtig auf jedes männliche Wesen, mit dem ich auch nur den geringsten Kontakt hatte“ (S. 31f). Als sie ihren ersten Freund hatte, schlug der Vater ihr vor den Augen des Freundes ins Gesicht.

Auch in einem Radiobeitrag (SWR2 (2015, 13. Nov.): Untergrund.Gefängnis.Exil von Margot Overath) hat Margrit Schiller auf die erlittene körperliche Gewalt durch Vater und Mutter hingewiesen. Außerdem sei sie die ersten 10 Jahre ihres Lebens in einem Barackenlager aufgewachsen. Ihre Eltern waren nach dem Krieg Vertriebene und hatten damals kaum Geld.
 
In ihrem Buch berichtet Schiller auch, wie sie über einen Freund Kontakt zur RAF bekam. Schon vorher hatte sie sich politisiert. Jetzt wurde sie um Hilfe für Leute gebeten, die „Schwierigkeiten mit der Polizei hätten“ (S. 35). Dies habe sie neugierig gemacht und auch angezogen, so Schiller. Sie hatte eine deutliche Ahnung, um was für Leute es ging. Erst wurde sie um ihren Pass gebeten. Danach um ihre Wohnung, aus der sie sich dann zunächst ausquartierte. Und dann traf sie schließlich auf die RAF: „Als ich in meine Wohnung kam, saßen dort Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe“ (S. 39).

Im Fall von Margrit Schiller sieht man sehr gut, wie einiges zusammenkommen muss, damit ein Mensch zum Terroristen wird. Ihr Kindheitstrauma war das Fundament. Die politisierte Umgebung (auch an ihrer UNI) und Zeit wirkten stark auf diesen jungen Menschen. Durch mehr oder weniger Zufälle kam sie in Kontakt mit der RAF. Danach geriet sie in eine Dynamik, der sie sich nicht mehr entziehen konnte oder wollte. Am Ende landete sie im Gefängnis.

Mittwoch, 18. September 2019

Terror von Links - Kindheit von Hans-Joachim Klein


Der ehemalige Terrorist Hans-Joachim Klein hat deutliche Einblicke in seine Kindheit innerhalb seiner Autobiografie „Rückkehr in die Menschlichkeit - Appell eines ausgestiegenen Terroristen“ (1979, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek) gegeben.

Kurz nach seiner Geburt im Jahr 1947 starb seine Mutter. Sein Vater gab das Kind danach in ein Heim. Im Alter von drei oder vier Jahren sei er dann zu „sogenannten Pflegeeltern“ gegeben worden (S. 31). Genauer: er lebte von da an bei einer alleinstehenden Frau und ihren Großeltern. Auch wenn er zusammenfasst, dass es dort „im großen und ganzen recht manierlich“ zugegangen sei (S. 31), hängt Klein im nächsten Satz gleich an, dass es Ohrfeigen gab, wenn er nicht spurte. In einem katholischen Kindergarten habe er als kleines Kind einen „fürchterlichen Knacks“ (S. 31) wegbekommen, nachdem eine Nonne ein Huhn geköpft hatte und das Tier ohne Kopf durch die Gegend flatterte. Er konnte in der Folge nicht mehr alleine sein, schlecht schlafen und machte ins Bett. Er berichtet auch von Strafen, nachdem er sich im Kindergarten in die Hose gemacht hatte. Er wurde daraufhin in einen Holzverschlag gesperrt.

Die Schule mochte er nicht. Nachmittags war er Teil einer Kinderbande. Dabei hatte er stets „die Rolle des Prügelknaben (…). Egal, was passierte (…) ich bekam die Prügel für jeden Misserfolg. Ich war halt der schwächste (…) (S. 32).
Als Hans-Joachim ca. 9 oder 10 Jahre alt war, tauchte sein echter Vater, der auch eine neue Frau an seiner Seite hatte, wieder auf und holte ihn zurück.
Die erste Zeit ging es ganz manierlich zu. Das änderte sich aber schlagartig, als mein Bruder auf die Welt kam. (…) Es setzte Prügel noch und nöcher“ (S. 33). Prügel gab es fürs ins Bett machen, mit dreckigen Händen vom Spielen kommen, fürs zu spät nach Hause kommen usw. Ergänzend bekam er dann auch nichts mehr zu Essen fürs zu spät kommen.  „Und die Prügel: erst mit den Händen oder der Faust. Dann erkannte man, dass dies wohl nicht das richtige sei und griff zu allem, was in Reichweite lag. Beliebt waren vor allen Dingen Elektrokabel (…), ein Nudelholz und Kochlöffel. Bei letzteren gab`s noch mal Nachschlag, wenn sie zerbrachen, und das war sehr oft. Einmal brach ich im Winter im Ostpark ins Eis ein, und irgendjemand holte mich da unter Lebensgefahr heraus und brachte mich nach Hause. Anstatt froh zu sein, dass ich noch am Leben war, wurde ich dafür fürchterlich durchgeprügelt. Stubenarrest war auch ein sehr beliebtes Mittel oder 1000 mal denselben Satz aufschreiben. Ich war in der Zeit ungeheuer isoliert (…)“ (S. 33).

Nachdem Hans-Joachim den Wellensittich Bubi zum Fester rausgelassen hatte, damit dieser frei sein könne, wurde er von seinem Vater fast totgeprügelt. Danach lief er von zu Hause weg und ging zum Jugendamt. „Ich also zum Jugendamt – meine erste Rebellion, hatte mächtig schiss – und erzählte der Frau, dass ich nicht mehr nach Hause wolle und zeigte ihr meinen zugerichteten Körper. Kommentar: man lässt ja auch keine `Bubis` fliegen. Ich wurde wieder nach Hause gebracht (….)“ (S. 34). Im Alter von 16 Jahren kam er dann allerdings doch - nachdem er im Jugendclub deutlich gemacht hatte, dass er sich ansonsten umbringen würde - auf eigenen Wunsch für ca. ein Jahr in ein Jugendheim. Auch dort war er nicht vor Gewalt sicher. Gleich am ersten Tag setzte er sich vor ein Schlagzeug und spielte darauf. „Da kam mein `Erzieher`; die allererste Begegnung (…) und haute mir links und rechts in die Fresse, dass ich wirklich vom Hocker kippte. Auf meinen Einwand, er soll das Prügeln lassen – damit, dass dies ein Ende haben soll, deswegen wäre ich freiwillig hierhergekommen -, als Antwort dasselbe noch mal, damit du weißt, wie es hier langgeht. Den Rest kann ich mir sparen zu schildern, wie es Mitte der sechziger Jahre in den `Erziehungsheimen` zuging, wisst ihr ja nur zu genau“ (S. 35).  Danach kam er wieder bei seinem Vater unter. Die Prügeleien hörten zwar auf, aber sein Vater ging zu Psychoterror über.

Hans-Joachim Klein wurde als Kind ganz eindeutig schwer traumatisiert! Er fand nirgends Hilfe. Im Gegenteil, von Seiten der Betreuer in Hilfseinrichtungen ging ebenfalls Gewalt und Gleichgültigkeit aus.

Dienstag, 17. September 2019

Terror von Links - Kindheit von Wolfgang Grams


Wolfang Grams (geb. 1953) war Mitglied der RAF und kam nach einem Schusswechseln mit der GSG9 im Jahr 1993 um. Über seine Geschichte (sowie parallel auch die von Alfred Herrhausen, der zum Opfer der RAF wurde) hat Andreas Veiel (2005) ein ganzes Buch geschrieben:
Black Box BRD: Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main. 

Veiel hat Informationen aus Gesprächen mit Wolfgangs Bruder Rainer und auch früheren Klassenkameraden wiedergegeben. Daraus werde ich gleich zitieren.

Wolfangs Vater trat 1942 als 17-Jähriger freiwillig in die Waffen-SS ein und kämpfte u.a. an der russischen Front, wobei er auch verwundet wurde. Wie so viele damalige Männer wird dieser Mann wohl auch traumatisiert nach Hause zurückgekehrt sein. Wolfgangs Mutter musste bei Kriegsende mit ihrer Familie aus Ostpreußen vor den russischen Truppen fliehen. Sie träumte davon, irgendwann in die Heimat zurückkehren zu können. Wenig Rücksicht nahm sie bei diesem Thema auf ihren Sohn Wolfgang. „Immer wieder hat Wolfgang Grams seinen Freunden eine Geschichte erzählt, wie ihn die Mutter zum Brötchenholen schickt, acht Jahre mag er alt gewesen sein. Als er vom Bäcker zurückkommt, gibt die Mutter die Brötchen in eine Schale. Dann bläst sie die Tüte auf, ruft Wolfgang herbei und zerschlägt sie mit einem lauten Knall direkt neben seinem Ohr. Dann habe die Mutter über sein Erschrecken gelacht. Sie soll gesagt haben: `Du musst dich an den Gefechtslärm gewöhnen. Es wird Krieg geben. Irgendwann wird die Heimat wieder deutsch werden`“ (S. 27f). So überträgt man Kriegstraumata an die nächste Generation!

Für den Vater stand die Arbeit im Mittelpunkt. „Der beruflich stark eingespannte Werner Grams ist wenig zu Hause, er sieht seine Söhne kaum“ (S. 27). „Erst die Arbeit, dann kommt das Essen. Und dann vielleicht noch wir. Da konnte keine Nähe aufkommen“, berichtet Rainer Grams (S. 29).
Beide Eltern wendeten körperliche Gewalt gegen Wolfgang an. Wolfgang sollte ein Musikinstrument lernen und gut darin werden. Der Druck sei extrem gewesen. „Da wurde vom Vater abends abgefragt, ob richtig geübt worden ist, notfalls wurde Wolfgang mit einer Ohrfeige dazu angehalten“ (S. 30).
Die Mutter von Wolfgang wollte, dass auch Rainer mit Wolfangs Freunden spielen durfte. „Wenn Wolfgang sich nicht daran hält, indem er etwa den jüngeren Bruder rausschickt, setzt es in Anwesenheit der Freunde auch mal eine Ohrfeige. Albert Eisenach erinnert sich noch heute gut an die stumme Wut, die das in Wolfgang Grams hervorruft“ (S. 30).
Es kommt oft zu Streitigkeiten zwischen Wolfgang und Rainer. Die schlichtet die Mutter, indem sie mit dem Vater droht“ (S. 29). Hat Wolfgang also auch diesen klassischen Satz zu hören bekommen: `Warte nur, bis Papa nach Hause kommt`?  In der Erwartung von Prügel? Vieles spricht dafür, dabei vor allem die Berichte über die Routine von Körperstrafen im Hause Grams.

Der Schulfreund Eisenach berichtet, dass Wolfgang sich früh gegen die bürgerliche Existenz auflehnte: „Er hat das gemacht, was er sich in den Kopf gesetzt hat. Da haben ihn auch die Schläge von zu Hause nicht abgehalten, ganz im Gegenteil“ (S. 33).

In der Pubertät haute Wolfgang nach heftigem Streit zu Hause ab, kommt bei seinem Freund Eisenach unter oder, bei anderen Gelegenheiten, in einer Kleingartenkolonie. Wolfgang probiert Haschisch und auch LSD. Er politisiert und radikalisiert sich Stück für Stück immer mehr und findet schließlich den Weg zur RAF und in den Untergrund.


Mittwoch, 11. September 2019

Terror von Links - Kindheit von Till Meyer


Ich habe im Nachgang zu meinem Buch und dem Kapitel über Terroristen weitere Einzelfälle recherchiert, die ich hier demnächst vorstellen werde. Beginnen wir heute mit Till Meyer, ehemaliges Mitglied der terroristischen „Bewegung 2. Juni“ und Teil des bewaffneten Kampfes.
Die nachfolgenden Informationen habe ich aus dem Buch:
Meyer, Till (2008): Staatsfeind. Erinnerungen. Rotbuch Verlag, Berlin. 


Der Vater starb im Krieg ca. Anfang 1945 als Tíll noch ein Baby war. Die Mutter musste in der Folge für sechs Kinder alleine aufkommen und war damit von morgens bis abends beschäftigt, wie Till Meyer ausführt. Alle Kinder waren in der Kriegs- und Nachkriegszeit stark unterernährt. „In meiner Erinnerung spielten sich die ersten sechs Jahre meines Lebens zwischen Entbehrung und Hunger ab, mit Lebertran, Leibchen und langen, kratzigen Strümpfen, zwischen Langeweile zu Hause und aufregenden Entdeckungstouren auf den Straßen und in den Ruinen. (…) An Beachtung und Liebe fehlte es mir nicht. Trotz ihrer großen Belastung hatte ich immer die besondere Zuwendung und Aufmerksamkeit meiner Mutter. Vielleicht, weil ich der Jüngste war“ (S. 230).

Ich setze hinter diesem gezeichneten positiven Bild seiner Mutter gewisse Fragezeichen. Denn Meyer selbst hat zuvor in seinem Buch beschrieben, dass seine Mutter extrem gefordert war und kaum Zeit hatte. Er selbst berichtet aber auch an zwei Stellen über strenge Erziehungsmaßnahmen seiner Mutter. Dies lässt das idealisierte Bild deutlich bröckeln. „Den Spitznamen Brüller hatte ich mir eingehandelt, weil ich abends nie freiwillig nach oben in die Wohnung wollte und aus freien Stücken nicht aus den Ruinen herauskam. Wann immer man mir beim Spielen etwas verweigerte oder gar verbot, fing ich tränenlos, doch lauthals an zu brüllen. Und zwar so lange, bis man meinem Willen nachgab oder aber meine Mutter mit einer schallenden Ohrfeige dem Gebrüll ein Ende setzte. Die Nachbarn kannten das Ritual“ (S. 231). Und: „Ich lernte nicht und machte keine Schularbeiten, sondern träumte mich durch einsame Abenteuer in weiter Wildnis. (…) Ich verweigerte mich hartnäckig. Alles büffeln unter den Fittichen meiner Mutter und die vielen Ohrfeigen, die ich wegen meiner Lernunwilligkeit verpasst bekam, halfen nicht“ (S. 235). In beiden Berichten zeigt sich, dass die Gewalt der Mutter häufig vorkam!

Till Meyer hasste die Schule, wohl auch wegen der strengen Methoden. „In den Schulen herrschte zu jener Zeit strikte Disziplin und penible Ordnung. Vorlautes Dazwischensprechen, Kaugummi kauen, Tuscheln oder Abschreiben vom Nachbarn bestraften die Lehrer nicht selten durch einen heftigen Schlag mit dem Lineal auf die Handflächen des Schülers. Auch Ohrfeigen setzte es zuweilen. Mildere Strafen waren Nachsitzen, ellenlange Strafarbeiten oder mit dem Gesicht zur Wand In-der-Ecke-Stehen“ (S. 233). Auch in der Schule gab es also keinen Schutz vor Übergriffen durch Erwachsene.

Und so sollte es auch in der Lehre weitergehen. Till wollte Seemann werden und landete mit 15 Jahren auf einem Frachter. Sein Traum wurde schnell zerstört. Man beutete ihn aus und verstieß gegen alle möglichen Jugendarbeitsschutzgesetze. Der Kapitän war nicht nur sein Lehrherr, sondern auch Erziehungsberechtigter. Einmal in der tiefen Nacht, als Till am Ruder war, nickte er ein und das Schiff machte eine starke Linkskurve. Die Mannschaft war in der Folge aus den Betten gefallen. „Im Schlafanzug, ein Stück Tau, den sogenannten Tampen in der Hand, jachtete der Kapitän den Niedergang rauf: `Du Scheiß Berliner bist eingepennt!`, und noch bevor er das Schiff wieder auf Kurs brachte, schlug er wie von Sinnen mit dem Tauende auf mich ein. Noch ein Tritt, `verschwinde von der Brücke`, und ich war weg“ (S. 84). Till brach dann die Lehre ab.

In Hamburg wurde Till dann Teil einer „Halbstarkenclique“: „Wo immer sich unsere Clique an den verschiedenen Straßenecken des Viertels versammelte, gab es Ärger mit den Bürgern und bald auch mit der Polizei. (…) Wir waren laut, aggressiv und fühlten uns wie `King Elvis` persönlich. Unter den Jungarbeitern herrschte eine harte Sprache und ein aggressives Klima. Streitigkeiten, auch innerhalb der Clique, meistens wegen Nichtigkeiten, wurden vielfach mit den Fäusten ausgetragen“ (S. 88).
Da er die Berufsschule als Jugendlicher dauerhaft schwänzte, wurde er eines Tages von der Polizei zur Schule gebracht. In der Pause floh er erneut aus der Schule. Dies brachte ihn damals vor den Richter. Er wurde zu drei Wochen Jugendarresthaft verurteilt. Über seine Zeit im Arrest schreibt er: „Ich fühlte mich einsam und hoffnungslos. Du bist dem hier schutzlos ausgeliefert. Das hältst du nicht durch. Es hatte etwas von Endgültigkeit. Hier kommst du nie mehr raus. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Stundenlang weinte ich lautlos vor mich hin“ (S. 108).
Später politisierte und radikalisierte sich Till Meyer im Zuge der 68er Bewegung und fand schließlich zum Terrorismus.

Die Kindheits- und Jugendgeschichte von Till Meyer ist auch ein Zeitzeugenbericht für eine allgemeine „Kultur der Gewalt“, die in der Nachkriegszeit in Deutschland herrschte. Eltern schlugen und demütigen ihre Kinder, Lehrer schlugen und demütigten die Kinder, Lehrherren schlugen und demütigten die Kinder. Und selbst das Justizsystem war gnadenlos (siehe die Inhaftierung des jugendlichen Till). Es wundert mich überhaupt nicht, dass aus dieser Gewaltkultur eine teils erheblich gewaltbereite und im Extrem eben auch terroristische Generation heranwuchs. Was nichts entschuldigt, aber einiges erklärt.

Für sich alleine genommen zeigt der Lebensbericht von Meyer eine sehr traumatische Kindheit und Jugend auf. Sicher ging es vielen Kindern damals ähnlich. Das ist aber nicht der Punkt! Es geht nicht darum, dass aus solchen Verhältnissen automatisch Terroristen hervorgehen. Es geht darum, dass diese Verhältnisse das Fundament für Terrorismus und Extremismus sein können. Und es geht darum, dass dieser Fall – mal wieder – zeigt, dass als Kind gewaltfrei und liebevoll behandelte Menschen nicht zu Terroristen werden.

Der Kindheitsbericht von Till Meyer zeigt mir persönlich aber auch, wie viel sich mittlerweile verändert hat. Elterliche Gewalt gegen Kinder ist heute hierzulande verboten und Nachbarn, die dies mitbekommen, halten nicht mehr so oft still wie damals. Lehrer dürfen schon lange keine Kinder mehr schlagen. Lehrherren würde man heute vor Gericht bringen, wenn sie ein Kind so misshandeln, wie dies Till geschah. Und einem jungen Dauerschulverweigerer würde man nicht drei Wochen wegsperren und demütigen, sondern ihm Sozialarbeiter an die Seite stellen. Ich will damit nicht sagen, dass heute alles gut ist! Aber mir ist nach der Lektüre des o.g. Buches noch einmal überdeutlich bewusst geworden, dass all diese genannten Veränderungen und Verbesserungen eben auch Extremismusprävention sind (ohne dass dies wohl das eigentliche Ziel war).

Montag, 9. September 2019

Nazi-Familien: "Wir waren keine glückliche Familie"


Heidi Benneckenstein wuchs in einer Nazi-Familie auf und hat über ihr Leben und auch ihren Ausstieg aus der rechten Szene ein Buch geschrieben: „Ein deutsches Mädchen: Mein Leben in einer Neonazi-Familie“ (2019).

Sie schreibt: „Ich habe meine ersten 18 Jahre mit Nazis verbracht. Nicht aus sicherer Distanz und nicht für ein, zwei Jahre in der Pubertät, sondern mittendrin, ausschließlich und von Anfang an. Ich wurde von ihnen erzogen und aufs Leben vorbereitet. Ich wurde von ihnen geschlagen und drangsaliert, gelobt und belohnt. Eigentlich kannte ich überhaupt keine anderen Menschen: meine Großeltern, mein Vater, die Freunde meiner Eltern, die Kinder, mit denen ich meine Ferien verbrachte, meine erste Clique, mein erster Freund, ja sogar der Mann, mit dem ich heute verheiratet bin – alles Nazis (…). Ich wurde von klein auf ideologisch geschult und militärisch gedrillt. (…) Ich prügelte und wurde verprügelt, griff Polizisten an und rannte vor ihnen weg“ (S. 13f)

Disziplin, Gehorsam, Fleiß, Ehre und Heimatliebe waren die Werte, die ihr Vater ihr versuchte einzutrichtern. Dazu kam ständiger Leistungsdruck. Lieblosigkeit und Psychoterror waren dabei sein wesentliches Erziehungsprogramm. Dies fing schon nach der Geburt von Heidi an: Ihr Vater bestand darauf, dass der Säugling die Nächte in den Wochen nach der Geburt alleine im Kinderzimmer zu verbringen hatte und nicht im Schlafzimmer der Eltern. „Ich tat mir wahnsinnig leid, als ich das hörte, stellte mir vor, wie ich einsam in meinem dunklen Zimmer lag und weinte, ohne dass mich jemand hörte“ (S. 29). „Wir waren keine glückliche Familie“, schreibt Heidi Benneckenstein an einer Stelle im Buch (S. 50).

Und ist es nicht genau das, was immer wieder bzgl. Rechtsextremen auszumachen ist? Diese Leute, diese Hasser und Menschenverachter, sind zutiefst unglückliche Menschen. Man schaue sich die Gesichter und Mimik auf entsprechenden Demos und Versammlungen einmal an! Das sind keine Leute, die strahlen, die zufrieden und gesund wirken, die sich dem Leben zuwenden. Ich sehe dort das genaue Gegenteil.

Es ist kein Zufall, dass rechtsextreme Familien – wie in dem oben genannten Bericht gesehen – von Chaos, Unglück und Gewalt bestimmt sind. Die Forschungslage bzgl. Kindheitshintergründen von Rechtsextremisten ist da ja ziemlich deutlich: Bei der überwältigenden Mehrheit findet man sehr destruktive Kindheiten. Das Fundament dafür, in Extremismus und Gewalt abzurutschen.

Auch die Autorin hat diese Zusammenhänge offensichtlich ausgemacht. Sie bezieht sich im Buch auf das Lied der Gruppe Die ÄrzteSchrei nach Liebe“ und merkt an: „Es stimmt leider nur zur Hälfte: Bei vielen Kameraden ist die Gewalt kein stummer Schrei nach Liebe, sondern Konsequenz einer verkorksten Kindheit“ (S. 81). Wenn jemand, der über 18 Jahre lang ein Nazi und tief in die Szene integriert war, so etwas schreibt, dann sollte man das sehr ernst nehmen. Und sie beschreibt auch, wie diese Leute im Prinzip zutiefst unsichere Menschen sind, die keine tieferen Beziehungen mit Menschen (inkl. den eigenen Kindern) hinbekommen. Und: Sie sehnen sich nach Anerkennung. „Es klingt wie ein Klischee, aber meiner Meinung nach ist es die Wahrheit: Der Nährboden für rechte Gesinnung ist fast immer persönliche Unzufriedenheit“ (S. 98).
Bzgl. Heidi kommt noch die Besonderheit dazu, dass ihre Familie und Umfeld bereits rechtsextrem war. Andere Akteure werden durch ihre destruktiven Kindheitshintergründe und Zufälle/Begegnungen erst im Laufe ihrer Jugend zu Extremisten.

Ergänzend möchte ich auf den Beitrag Die Kinder der NS-Täter und die Kindheit der NS-Täter hinweisen. Auch in diesem Beitrag konnte ich an Hand der Familiengeschichte von Kindern der NS-Täter deutlich herausstellen, dass diese Familien keine glücklichen Familien waren, um es milde auszudrücken...

Mittwoch, 4. September 2019

Psychotraumatologie: Widerstandsinszenierungen, Rückschrittsfantasien und Opfer-Wahrnehmungen von rechten, politischen Bewegungen


Bzgl. der Zustände in der Welt und vor allem auch politischer Verrücktheiten (inkl. der hohen, aktuellen Wahlergebnisse der AFD in Sachsen und Brandenburg) lohnt immer auch ein Blick auf die Psychotraumatologie. 

Dazu habe ich aktuell zwei Bücher durchgesehen:

Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft? Wie Täter-Opfer-Dynamiken unser Leben bestimmen und wie wir uns daraus befreien“ (2019), von dem Professor für Psychologie und Psychotherapeuten Franz Ruppert.

und

 „Verkörperte Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann“ (2018), des Psychiaters und weltweit anerkannten Psychotraumaexperten Bessel van der Kolk.

Einzelne Passagen aus diesen Büchern möchte ich zunächst hervorheben:

Viele Traumatisierte stellen fest, dass sie mit den Menschen in ihrer Umgebung kaum noch zurechtkommen. Einige finden Trost in Gruppen von Menschen, die ähnliches wie sie erlebt haben (…). Die Isolation in einer streng definierten Opfergruppe fördert eine Sicht, die andere Menschen als bestenfalls irrelevant und schlimmstenfalls gefährlich erscheinen lässt – was wiederum zu einer noch stärkeren Entfremdung führt. Gangs, extremistische politische Parteien und religiöse Kulte können Trost bieten, aber sie fördern kaum die mentale Flexibilität, die Menschen brauchen, um sich dem, was das Leben bietet, völlig zu öffnen, und deshalb können sie ihre Mitglieder nicht von ihren Traumata befreien. Menschen mit guter allgemeiner Funktionsfähigkeit können individuelle Unterschiede akzeptieren und das Menschsein anderer anerkennen“ (van der Kolk 2018, S. 98).

 „Doch für viele Menschen sind Panik und Wut erstrebenswerter als deren Gegenteil: sich zu verschließen und damit für die Welt wie tot zu sein. Die Kampf-/Fluchtreaktion mobilisiert ihre Energie. Deshalb fühlen sich so viele missbrauchte, misshandelte und anderweitig traumatisierte Menschen erst angesichts von Gefahr völlig lebendig, wohingegen sie in komplexeren, aber objektiv ungefährlichen Situationen - wie Geburtstagsparty und Festessen der Familie - in einen Zustand der Gefühlstaubheit verfallen“ (van der Kolk 2018, S. 102).

Ob wir Menschen kooperativ oder aggressiv sind, liegt in erster Linie an der Verfassung unserer Psyche. So wie es in unserer Psyche aussieht, so gestalten wir auch unsere Umwelt, die soziale wie die natürliche. Herrscht in unserer Psyche Chaos, so veranstalten wir auch im Außen Chaos. Sind wir mit unserer Psyche im Reinen, können wir auch in unserer Umwelt für klare und geordnete Verhältnisse sorgen“ (Ruppert 2019, S. 19).

Die ausschlaggebende Ursache für die Destruktivität von uns Menschen ist die Traumatisierung unserer Psyche. Sie führt in nicht endende Täter-Opfer-Beziehungsdynamiken hinein. Wird diese Tatsache erkannt und von den betroffenen Menschen auch anerkannt, dann ist der Ausstieg aus dieser Destruktivität wieder möglich, selbst wenn wir uns schon lange darin aufgehalten und bereits daran gewöhnt haben“ (Ruppert 2019, S. 20).

Da Familien und die Eltern-Kind-Beziehungen der Kernbereich jeder Gesellschaft sind, hat das Auswirkungen über die Familie hinaus. Wenn nämlich aus psychisch traumatisierten Kindern Erwachsene werden, dann tragen sie ihre psychischen Störungen in sämtliche Bereiche einer Gesellschaft hinein: in das Bildungs-, das Arbeits- und das Politiksystem. Sie verbleiben mit einem wesentlichen Teil ihrer Psyche in einer unguten Form von Kindlichkeit verhaftet. Aufgrund ihrer aus der Kindheit stammenden Traumatisierungen können sie die aktuellen Realitäten entweder gar nicht oder verzerrt wahrnehmen, fühlen und denken. Sie konstruieren sich ihre eigene Welt und folgen ihren Illusionen und ausgedachten Prinzipien entgegen der Realität. Sie bleiben in der Scheinwelt ihrer kindlichen Trauma-Überlebensstrategien stecken“ (Ruppert 2019, S. 51f).

Durch Trauma-Erfahrungen geraten wir (…) in den Zustand einer in sich gespaltenen Psyche, in der Wahrnehmung, Fühlen, Denken, Wollen, Erinnern und Handeln nicht mehr als Einheit zusammenwirken, sondern sje für sich existieren und unabhängig voneinander Informationen über die reale Welt verarbeiten; oder sich immer weiter von dieser entfernen. Die Selbstorganisation des psychischen Systems funktioniert nicht mehr (Ruppert 2019, S. 81).

Einer traumatisierten Psyche fällt es schwer, Innen und Außen, Damals und Heute, Ich und Du, Realität und Fiktion klar und zuverlässig zu unterscheiden. Traumatisierte Menschen können schon beim geringsten Anlass in Stress und helle Aufregung geraten. Andererseits kann es sein, dass sie in brandgefährlichen Situationen den Ernst der Lage überhaupt nicht begreifen. Trauma bedeutet, dass wir mit den Überlebensmustern von früher die Probleme von heute zu bewältigen versuchen“ (Ruppert 2019, S. 83).

Traumatisierte Menschen leben in einem permanenten Zustand des inneren Bedrohtseins. Wenn daher der äußere Stress nachlässt, wird das innere Bedrohungsgefühl umso deutlicher wahrgenommen. So erleben sich Menschen instinktiv selbst als andauernde Quelle der Bedrohung und versuchen von sich selbst abzulenken und vor sich selbst wegzulaufen. Sie schauen dann lieber auf die gesellschaftlichen Vorkommnisse statt auf sich selbst“ (Ruppert 2019, S. 164).


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All diese Beobachtungen müssen nur verknüpft werden mit dem Ausmaß an psychischen Traumatisierungen. Der größte Bereich ist dabei das „Entwicklungstrauma“ in der Kindheit (durch immer wieder vorkommende Destruktivität gegen das Kind durch seine nahen Bezugspersonen, dabei vor allem die eigenen Eltern), also eine komplexe Traumatisierung, die man nicht mit einem traumatischen „Einzelereignis“ (Unfälle, Gewaltakt usw.) vergleichen kann, weil die Folgen viel komplexer sind.
Noch etwas kommt hinzu: Menschen, die zu Tätern werden, traumatisieren sich ebenfalls durch ihre Taten. Franz Ruppert nennt solche Akteure „Trauma-Täter“. Sie wurden durch erlebte Traumatisierungen zum Täter und traumatisieren sich durch ihre Taten erneut.

In diesem Blog habe ich vielfach aufgezeigt, in welchen Regionen auf der Welt welche Art und wie viele Belastungen von Kindern zu finden sind. Es verwundert mit Blick auf die oben zitierten Auszüge kaum, dass in Regionen mit hohen Belastungsraten für Kinder häufig auch politisches, soziales und ökonomisches Chaos zu finden ist. Darüberhinaus erinnern viele Verhaltensweisen und Äußerungen von rechten und sonstigen extremistischen Politakteuren an klassische Verhaltensweisen von traumatisierten Menschen.

Was lernen wir aus all dem mit Blick auf die AFD & Co.?

Was seit Monaten oder auch einigen Jahren die mediale Diskussion hierzulande immer wieder bestimmt, sind die großen Fragezeichen in Angesicht von Wahlen von Rechten und Hetzern, Brexit-Chaos, Erfolge der AFD, Wahl von Donald Trump usw. oder auch schlechter Stimmung in Teilen der Bevölkerung trotz objektiv guter Lage und Lebenssituation. Klassisch ist auch das Mehr von Kriminalitätsfurcht obwohl Jahr für Jahr die Sicherheitslage (vor allem in Deutschland) immer besser wird. Wenn man zudem die Reden von rechten Politikern hört, dann glaubt man, dass diese in einer anderen Welt leben: Überall sind Bedrohungen, man selbst würde dauernd zum Opfer, die Ganzheit des Volkes wäre bedroht und die Welt stünde kurz vor dem Abgrund... Rational kann man dies alles nicht umfassend erklären. Mit den oben zitierten Textstellen wird dagegen vieles klarer.

Ein Mehr an Fortschritt, Sicherheit, politischer Stabilität und auch ein Mehr von gesellschaftlicher, pluralistischer Entwicklung bei gleichzeitiger immer mehr Ausdifferenzierung der Individuen bedeutet einen unermesslichen Druck auf all jene Menschen oder besser gesagt Anteile in der Bevölkerung, die überdurchschnittlich traumatisiert sind. Die Ruhe im Land, Veränderungen und der Fortschritt macht sie bildlich gesprochen (aber teils wohl auch real) wahnsinnig. Positive Entwicklungen gilt es deswegen rückgängig zu machen. Oder anders gesagt: Die äußere Welt muss chaotischer, real bedrohlicher und auch gewalttätiger werden, damit Innen und Außen wieder gut zusammenpassen und man von seiner eigenen, inneren Misere wieder mehr abgelenkt ist. Das ist der eigentliche Antrieb destruktiver, politisch gefärbter Bewegungen (inkl. AFD, Brexiteers, Trumpanhänger, Bolsonaro in Brasilien usw.), die im Grunde eigentlich emotionale Bewegungen sind. Es geht niemals um ein Besser, das Ziel ist, die gegenwärtige Realität zu zerstören, damit die Gesellschaft schlechter dasteht (aus besagten Gründen).

Der Politologe Matthias Quent sagte nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg mit Blick auf die Ergebnisse der AFD:  "Wir haben es hier nicht mit wütendem Protest, sondern mit einer Art Kulturkampf zu tun." Ich würde dem ergänzend anhängen, dass es auch um einen inneren, emotionalen Kampf geht! Wenn dem so ist, so sind kurzfristige Lösungen nicht in Sicht. Langfristig gesehen geht es um die Reduzierung von traumatischen Erfahrungen und der Aufarbeitung von Traumatisierungen.

Warum wird nun im Osten deutlich mehr rechts gewählt? Warum finden auch überproportional viele rechte Attacken im Osten statt?

Dazu müssen wir in die „Traumageschichte“ des Ostens schauen. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster hat dies eindrucksvoll z.B. mit Blick auf das autoritäre Kita- und Erziehungssystem der DDR getan, das Folgen bis heute hat. Er hat den fehlenden „Link“ zur Erklärung der Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Ost und West geliefert.

Dazu kommen ganz sicher die (Trauma)Erfahrungen in einer Diktatur, sowohl als Opfer als auch als Täter (letztere leben immer noch im Land, was gerne vergessen wird).

Ganz zentral sind für mich auch die drei großen Abwanderungswellen aus der DDR (einmal von 1949 bis 1961; sodann von 1989 bis 1994 und schließlich ab dem Jahr 2000). „Bevorzugt jüngere, gut ausgebildete Menschen, darunter viele Spezialisten wie Ärzte und Ingenieure, kehrten dem Land den Rücken.“ (bpb, 20.03.2010, "Zug nach Westen – Anhaltende Abwanderung") Und: Überproportional viele junge und gut ausgebildete Frauen verließen den Osten, vor allem ab der Wende. Es ist bisher nicht erforscht, wie die psychosoziale Struktur dieser Menschen aussieht. Ich vermute, dass diese Abwanderer auf Grund ihrer jüngeren Altersstruktur und ihrer flexibleren Einstellung (sonst wären sie nicht abgewandert) psychisch verhältnismäßig weniger belastet sind, als der Durchschnitt. Dadurch würde sich die psychosoziale Situation in den verlassen Gebieten verschärfen, nicht nur durch den Wegzug der flexiblen (vermutlich weniger traumatisierten) Leute, sondern auch weil vor Ort die Menschen fehlen, die etwas bewegen, die in Diskussionen auch mal dagegenhalten oder die auch Situationen durch ihre Art entschärfen.

Leider wird es Zeit brauchen, bis sich die Welt wieder deutlich beruhigt. Die psychisch unbelastetere Generation (die auch mit deutlich weniger elterlicher Gewalt und Destruktivität aufgewachsen ist), steht erst in den Startlöchern. In Zeiten des Klimawandels verlieren wir leider durch die aktuellen "Rückschrittsprozesse" in der Welt wertvolle Zeit. Zeit, die wir dringend bräuchten.