Donnerstag, 25. Juni 2020

Verklärt, beschönigt, verdrängt: Kindheiten von Gewalttätern und Extremisten. Eine Mahnung an die Forschung


Die Professorin für Psychologie Birgit Rommelspacher hat sich in einer Arbeit mit einigen jungen Rechtsextremisten befasst:
Rommelspacher, B. (2006): »Der Hass hat uns geeint«: Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene. Campus Verlag, Frankfurt am Main. 

Im ersten Teil ihres Buches befasst sie sich mit der Sozialisation und auch Kindheit von 10 Rechtsextremisten (9 männlich, 1 weiblich). Ich möchte hier einen Punkt aufgreifen, der mir nicht zum ersten Mal innerhalb der Extremismusforschung begegnet ist. In dem Kapitel „Zur Rolle der Familie“ beginnt sie wie folgt: „Vielfach wird angenommen, dass die Jugendlichen Halt und ˈGeborgenheitˈ in rechten Gruppen suchen, weil sie diese zu Hause vermissen. Wie wir aber bereits gesehen haben, gibt es auch Rechtsextreme, die sich in ihrer Familie durchaus wohl gefühlt haben“ (Rommelspacher 2006, S 33).

Im Text führt sie dann aus, um welche Akteure es hier geht. Bei Kent Lindahl, Bert Altmann, Jörg Fischer, Jörg Schneider, Ingo Hasselbach und Stefan Michael Bar macht Rommelspacher diverse Problemlagen in Familie und Kindheit aus. „Aber es gibt auch andere, die von einer sehr guten Atmosphäre in ihrer Familie berichten, wie etwa Olsen, Büttner oder Greger. Auch Christine Hewicker fühlt sich von ihren Eltern angenommen. Sie wird als jüngstes und einziges Mädchen von ihren Brüdern verhätschelt und, wie sie sagt, von allen sehr geliebt. Die Situationen sind also unterschiedlich, und so verwundert es nicht, dass in der Forschung nichts Eindeutiges über den Zusammenhang zwischen familiärem Hintergrund und Zugang zum Rechtsextremismus gesagt werden kann“ (Rommelspacher 2006, S. 34).
    Ihre Positivbeispiele sind also: Peter Olsen, Nick Greger, Manfred Büttner und Christine Hewicker. Ihre Informationen über die Sozialisation all der oben genannten Akteure stammen oft aus Büchern oder Biografien, teils aber auch aus von Rommelspacher durchgeführten Interviews. Olsen, Greger und Büttner wurden von ihr interviewt, insofern kann ich dies nicht überprüfen. Ihre Infos bzgl. Christine Hewicker hat sie allerdings aus deren Autobiografie und diese habe ich mir angesehen. Dazu gleich mehr. Vorweg sei schon einmal angemerkt, dass Christine Hewicker so rein gar nicht als Positivbeispiel bezogen auf die Familiensozialisation taugt.

Zunächst möchte ich eine kleine Rechnung durchführen. Im ersten Teil hat die Autorin wie schon gesagt 10 Akteure in den Blick genommen. Bei 4 fand sie in den Familien bzw. der Sozialisation keine Auffälligkeiten (40%). Bei 6 fand sie Auffälligkeiten (60%). Das ist schon mal eine deutliche Mehrheit, bei der Problemlagen festgestellt werden können. Die Kindheit von Kent Lindahl habe ich kürzlich auch hier im Blog besprochen und man kann sich ein umfassendes Bild von der massiv destruktiven Kindheit, die er erlitten hat, machen. Zu den anderen 5 Akteuren hier ein paar Infos (nach Rommelspacher 2006, S. 15-34):

Jörg Fischer erlebte seinen Vater als sehr gewalttätig. Der Vater verließ zudem früh die Familie. Jörg erkrankte als Kind an Diabetes und wurde von seiner Mutter angstbeladen von der Jugendpeergroup ferngehalten. Dadurch wurde er zum Außenseiter.

Jörg Schneider kommt aus einem gewalttätigen Elternhaus. Der Vater verließ irgendwann die Familie, die Mutter übte weiterhin Gewalt gegen Jörg aus. Die Mutter heiratete erneut. Der Stiefvater war ein Pakistani, der das Familienleben nach strengen islamischen Regeln neu ordnete. Als Jörgs Mutter schließlich zum Islam konvertierte, riss Jörg aus und kam in einem Heim unter.

Ingo Hasselbach, der in Ostberlin aufgewachsen ist, wehrte sich von klein auf gegen die Lebensformen in der DDR. Die sozialistische Lebensweise seiner Eltern lehnte er ab, besonders der Vater scheint dabei zentrale Konfliktfigur gewesen zu sein. Bereits als kleiner Junge wurde er von Hippies im Prenzlauer Berg aufgenommen. Später landete er bei den Punks. Seine Eltern nahmen von diesen Entwicklungen keine Kenntnis, was als solches bereits Fragen aufwirft. Von seinem Vater fühlte er sich nie als Mensch und Sohn ernst genommen. In einem Brief an den Vater schrieb er später u.a. „Man kann nicht einfach Kinder produzieren und dann so tun, als ob sie einen nicht mehr angingen“ (Rommelspacher 2006, S. 33) Bereits mit 13 Jahren wurde er als potentieller Störer des sozialistischen Systems erfasst. Später (der genaue Zeitpunkt wird nicht angegeben, vermutlich aber war er noch minderjährig) wurde er verhaftet und machte in Einzelhaft offensichtlich traumatische Erfahrungen, die seine Gefühle abstumpfen ließen.

Stefan Michael Bar wurde nach der Geburt seinen leiblichen Eltern weggenommen und kam in ein Heim. Seine Mutter war bei der Geburt erst 15 Jahre alt, sein Vater ein junger Gastarbeiter aus Italien. Seine Adoptiveltern lehnte er später ab und wollte auf keinen Fall so werden wie sie. Nachdem er politisch zu denken anfing, sei er mit seinen Adoptiveltern nicht mehr klargekommen.

Über Bert Altmann führt die Autorin nicht viel aus, aber sie zählt ihn nicht zu den Akteuren, die eine positive Familienerfahrung machten.

Die o.g. Angaben über Kindheits- und Familienhintergründe von Rechtsextremisten sind klassisch und in dieser Form immer wieder in entsprechenden Studien zu finden. Vor allem sind diese und ähnliche Belastungen in entsprechenden Studien i.d.R. bei der Mehrheit der Befragten auszumachen. Dies gilt auch für die Arbeit von Rommelspacher und es erstaunt insofern sehr, dass sie 4 Positivbeispiele bzgl. der Familiensozialisation nennt und entsprechend wie oben zitiert kommentiert.

Kommen wir jetzt wie angekündigt zu Christine Hewicker


 2012 kam Hewickers Autobiographie unter dem Titel „Die Aussteigerin. Autobiographie einer ehemaligen Rechtsextremistin“ im ACABUS-Verlag Hamburg heraus. Diese Autobiographie war auch die verwendete Quelle für Birgit Rommelspacher, aus der heraus sie die positive Familiensozialisation der Akteurin abgeleitet hat.
In der Tat schwärmt Hewicker zunächst über ihre Kindheit und Familie. Sie sei verwöhnt und vergöttert worden und die Eltern hätten „uns Kinder liebevoll, aber mit strengen Regeln erzogen“ (Hewicker 2012, S. 9) Bei mir schlugen bei dem zitierten Satz sofort die Alarmglocken! Wenn „Liebe“ mit „Strenge“ in einem Satz genannt wird, so bedeutet dies erfahrungsgemäß nichts Gutes.

Aber auch andere Belastungen deuten sich bereits im ersten Teil des Buches an. Ihr Vater habe nie viel über sich erzählt und sei sehr introvertiert gewesen. Später fand Hewicker heraus, dass ihr Vater als Jugendlicher im Krieg aus den ostpreußischen Gebieten fliehen musste. Verwandte hatte ihr Vater damals aus den Blick verloren und ging davon aus, dass sie umgekommen waren, was aber nicht stimmte (Hewicker 2012, S. 9). Ihre Mutter hatte ebenfalls den Krieg erlebt und dabei auch Freunde und Schulkameraden verloren. Der Großvater mütterlicherseits hatte sich schon vor der Geburt von Christine erhängt. Insofern wird hier sehr schnell deutlich, dass diese Familie alleine aus ihrer Geschichte heraus sehr belastet war.

Ihre Eltern, so führt Hewicker weiter aus, seien sehr arbeitsam gewesen und wären hauptsächlich darauf konzentriert gewesen, den Kindern eine vernünftige Erziehung und eine gute Schul- und Berufsausbildung zu ermöglichen. Und sie hängt noch an, dass sie „eine glückliche Kindheit ohne viele Entbehrungen“ hatte und sie von ihrer gesamten Familie sehr geliebt wurde (Hewicker 2012, S. 11). Im Alter von 14 Jahren kam sie mit rechtem Gedankengut in Kontakt, das sich sehr schnell auch in ihrem Dorf ausbreitete. Ebenfalls wurden ihre Brüder in diesen Bann gezogen. Mit ihren Brüdern verbrachte sie u.a. Singabende bei der Wiking-Jugend, wogegen ihre Eltern nichts einzuwenden hatten (Hewicker 2012, S. 13, 17).
Der erste Teil der Autobiographie veranlasste offensichtlich Birgit Rommelspacher dazu, das positiv dargestellte Bild, das Hewicker wortstark zeichnet, zu übernehmen. Die Belastungen dazwischen (wie oben erwähnt) überging Rommelspacher, ebenso wie das Wort “streng“, das bezogen auf die Erziehung fiel.

Im weiteren Verlauf führt Hewicker dann aus, dass sie sich in der Schule regelmäßig geprügelt hätte, vor allem, um unterdrückten Kindern zu helfen, wie sie schreibt. Dies galt auch bezogen auf ihren an Leukämie erkrankten, jüngeren Bruder, den sie gegen ältere Schüler durch Prügeleien verteidigt habe (Hewicker 2012, S. 12). Hier fällt eine erneute, schwere Belastung ins Auge: Die potentiell lebensgefährliche Erkrankung des Bruders. Die vielfach selbst ausgeübte Gewalt fällt ebenfalls ins Auge, egal wie die Begründung aussehen mag. Einer ihrer Brüder prügelte sich ebenfalls sehr oft, vor allem auch, nachdem er immer mehr in rechte Kreise hineingezogen wurde (Hewicker 2012, S. 17).

Ihre Brüder übten auch eine starke Kontrolle über sie aus, vor allem auch, als sie anfing, sich für das andere Geschlecht zu interessieren. Teils wurden Verehrer ernsthaft von ihren Brüdern bedroht. „Ich war folglich sehr bestrebt, mich aus den Fesseln meiner älteren Geschwister zu befreien. Es begann eine Zeit, in der ich mich zu einer außerordentlich widerspenstigen, trotzigen, sturen, sehr schwierigen Tochter und Schwester entwickeln sollte. Je mehr mir verboten wurde, umso mehr kämpfte ich um meine vermeintliche Freiheit. Mit meiner Mutter stritt ich fast nur noch, und meinen Brüdern büxte ich aus, wann immer sich Gelegenheit bot. Ich entglitt meiner Familie endgültig, als ich Klaus-Dieter kennenlernte. Als ich 18 wurde, hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als meine Lehre abzubrechen und auszuziehen“ (Hewicker 2012, S. 196).

Das Bild von der liebevollen Familie bekommt aber nicht nur an dieser Stelle starke Brüche. Denn Hewicker berichtet auch von mütterlichen Misshandlungen. Als Jugendliche war sie der Kontrolle ihrer Brüder entwischt und feierte und knutschte mit einem männlichen Bekannten bis 2 Uhr nachts. Dann ging es zurück nach Hause. „Ich starb mehrere Tode, als ich im Esszimmer noch Licht brennen sah. Als wir die Tür öffneten, saß meine gesamte Familie mit finsteren Mienen am Tisch. Mein ältester Bruder wetterte schon los, noch bevor meine Mutter oder mein Vater etwas sagen konnten. (…) Kai sprang auf, schrie mich an und wollte mir eine schmieren, als sein Zwillingsbruder ihn gerade noch davon abhielt. (…) Noch in dieser Nacht wurde ich von meiner Mutter mit einem Teppichklopfer aus Bast verprügelt (…)“ (Hewicker 2012, S. 22) Danach erhielt sie Hausarrest.
    Sowohl die Brüder (durch Prügeleien, aber auch wie oben beschrieben; ihr Bruder Kai fand es offensichtlich angebracht und berechtigt, vor den Augen der Eltern auf seine Schwester loszugehen), als auch die Mutter fallen durch Gewalttätigkeiten auf. Christine hatte schon zu Beginn des Buches die „Strenge“ in der Erziehung nebenbei erwähnt. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Körperstrafen keine Ausnahme in dieser Familie waren.

Wir erinnern uns an dieser Stelle an meine kleine Rechnung zu Beginn. Passen wir sie also nach der Analyse der Kindheit von Hewicker an: Bei 70 % (7 von 10) der besprochenen rechten Akteure finden sich Auffälligkeiten in deren Kindheit und Sozialisation.

Ich kann irgendwie schon etwas nachvollziehen, dass Rommelspacher auf die Verklärung und Beschönigung von Hewicker hereingefallen ist. Andererseits: Bei gründlicher Durchsicht der Autobiographie hätte man dies auch merken können. Mein wesentlicher Antrieb dafür, diesen Text hier zu schreiben, ist allerdings nicht Frau Rommelspacher schlecht aussehen zu lassen. Ich möchte meine Kritik und meine Anmerkungen eher als Ratschlag und Mahnung an die Extremismusforschung verstanden wissen. 

Von der Schwierigkeit, die ganze Wahrheit über das erlebte Kindheitsleid zu erfahren


Es ist ein psychologisch bekanntes Phänomen, dass Menschen, die leidvolle Erlebnisse in der Kindheit machen mussten, diese rückblickend umdeuten oder beschönigen. Dies gilt umso mehr, wenn Familienmitglieder Täter oder destruktive Agitatoren waren. Wie oft habe ich selbst von schwer als Kind misshandelten Menschen gehört oder gelesen, die trotzdem meinen, dass ihre Kindheit doch im Grunde „normal“ verlaufen wäre und die Eltern doch eigentlich nette Leute sind, die sich nur um die Entwicklung der Kinder sorgten? Die Frage ist immer auch, wie Akteure ihre Kindheit überhaupt objektiv beurteilen können? Man kannte ja nur die eigene Kindheit und die war nun einmal die Normalität! Um all das (inkl. des Abwehrmechanismus Identifikation mit dem Aggressor) muss man wissen.
    Darum muss man noch viel mehr wissen, wenn man sich mit Gewalttätern und Extremisten befasst. Denn dass diese Menschen zu Extremisten und Gewalttätern wurden, sagt bereits viel über sie aus: Sie müssen z.B. Realitäten ausblenden können (u.a. die Realität ihrer Opfer). Und: Sie zeigen durch ihr Verhalten bereits ein hohes Maß an Identifikation mit Aggressoren. Dass Elternteile einst Aggressoren gewesen sein könnten, sollte immer mitgedacht werden. Zumal die Forschungslage mittlerweile ziemlich gut aufgestellt ist und sowohl Gewaltverhalten, als auch Extremismus in einem ursächlichen Zusammenhang zu destruktiven Kindheitserfahrungen gebracht werden konnten.
Ich selbst habe in meinem Buch ein ganzes Kapitel zu dem Thema verfasst: „Das Schweigen der Täter: Von der Schwierigkeit, die ganze Wahrheit über das erlebte Kindheitsleid zu erfahren“. Ich bin für ein grundsätzliches (begründbares) Misstrauen, wenn von einzelnen Akteuren (oder aus Teilen aus deren Umfeld), die durch schwere Gewalttaten aufgefallen sind, erklärt wird, dass in der Kindheit alles großartig, liebevoll und normal war. Mit diesem grundsätzlichen Misstrauen im Gepäck habe ich auch auf die Ausführungen von Birgit Rommelspacher reagiert und mir selbst die Autobiographie von Hewicker durchgelesen. Mein Misstrauen war in diesem Fall mehr als berechtigt.

Von den Problemen der Forschung, das Kindheitsleid der Täter in den Blick zu nehmen. Ein weiteres Beispiel: 


Es gibt weitere Beispiele für oben besprochene Prozesse: In einer Veröffentlichung über Extremismus schreibt der Sozialwissenschaftler Lazaros Miliopoulos unter dem Zwischentitel „Sind gestörte Familienverhältnisse typisch?“ zunächst einen Satz, den ich nur unterstreichen kann: „Im Falle des (heutigen) Rechtsextremismus ist die These der gebrochenen oder zerrütteten Familiensozialisation als Ursache von Radikalisierungsprozessen weitgehend unbestritten“ (Miliopoulos 2017, S. 109). Bzgl. Islamismus und Linksextremismus sehe dies allerdings anders aus.

Im Textverlauf schreibt der Autor dann zunächst, dass sich bei Führungsfiguren des Linksextremismus im 20. Jahrhunderts zwar durchaus Auffälligkeiten in gehäufter Form finden lassen (er nennt u.a. Stalin, János Kádár und Lenin), bei anderen aber wiederum nicht (er nennt u.a. Ceaușescu, Pol Pot, Mao, Tito, Trotzki). Dazu kann ich gleich anmerken, dass ich die Kindheiten von Mao, Tito und Ceaușescu recherchiert und u.a. in meinem Buch besprochen habe. Diese Kindheiten waren alles andere als „unauffällig“, sondern ein reiner Alptraum. Über Pol Pot habe ich ebenfalls recherchiert. Seine Kindheit liegt derart im Dunkeln, dass es kaum Sinn macht, diese als unauffällig zu bezeichnen. Man weiß schlicht fast nichts über Pol Pots Kindheit.
    Bzgl. dem Linksextremismus in Westdeutschland nach 1945 nimmt der Autor ebenfalls gehäufte Auffälligkeiten wahr (u.a. bezogen auf Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Horst Mahler, Bernward Vesper). Allerdings sei das Bild auch uneinheitlich und: „Überdies finden sich in narrativen Selbstdarstellungen und biografischen Darstellungen im Bereich des Linksterrorismus auch ˈHinweise auf im Großen und Ganzen unauffällige oder behütete familiäre Bedingungen ˈ (Gudrun Ensslin, Gabriele Rollnik, Till Meyer, Fritz Teufel und Wolfgang Grams)“ (Miliopoulos 2017, S. 111).
    Über Ensslin habe auch ich recherchiert und dies in meinem Buch angemerkt. Ihre Kindheit ist ebenfalls derart unbeleuchtet, dass man keine feste Aussage treffen kann, weder in die eine, noch in die andere Richtung. Man kann nur festhalten, dass sie bei beiden Eltern aufwuchs. Auch über Fritz Teufel habe ich recherchiert. Positive Erinnerungen über seine Kindheit machte er in einem Interview, in dem er deutlich „zugedröhnt“ wirkte. Für Drogenkonsum war er ja auch bekannt. (Teufel werde ich hier im Blog irgendwann noch gesondert besprechen). Seine Angaben halte ich unter diesen Umständen für fragwürdig. Die Kindheiten von Till Meyer und Wolfgang Grams habe ich hier im Blog ausführlich besprochen. Keinesfalls kann bei den beiden von einer unauffälligen oder behüteten Familiensozialisation die Rede sein!

Till Meyer selbst hat an einer Stelle seiner Autobiographie folgendes geschrieben: „An Beachtung und Liebe fehlte es mir nicht. Trotz ihrer großen Belastung hatte ich immer die besondere Zuwendung und Aufmerksamkeit meiner Mutter. Vielleicht, weil ich der Jüngste war.“ Diese Idealisierung von Kindheit und Eltern ist klassisch. Diese Aussage mag kurz dazu verleiten, Meyer eine unauffällige Kindheit zu attestieren. Zu dieser besonderen „Aufmerksamkeit“ seiner Mutter gehörte allerdings auch körperliche Gewalt.  Hier erstaunt, dass der Autor Lazaros Miliopoulos den Akteur Till Meyer in die Liste der Unauffälligen aufnimmt, obwohl er selbst einige Passagen vorher auf „Gewalterfahrungen bei Till Meyer“ hingewiesen hat (Miliopoulos 2017, S. 110) und sich somit selbst widerspricht.

Der Autor nimmt auch einige NS-Akteure kurz in den Blick und stellt sehr richtig auch Auffälligkeiten bei vielen (u.a. Hitler, Ribbentrop, Göring, Bormann) fest (wobei hier auch einiges lückenhaft ist), die ich auch in meinem Buch ausführlich besprochen habe. Aber erneut kommt das „Aber“ hinterher: „D.h. im Umkehrschluss aber nicht, dass solcherart Auffälligkeiten in jedem Fall zutrafen“ (Miliopoulos 2017, S. 111). Und dafür nennt er als Beispiele u.a. Heinrich Himmler, Julius Streicher, Hans Frank oder Ernst Röhm. In meinem Buch habe ich mich ausführlich mit den Kindheiten von Himmler, Frank und Streicher befasst und auch hier muss ich anmerken: Diese Kindheiten waren alles andere als unauffällig, sondern sehr von Destruktivität in verschiedenen Bereichen durchzogen.

Abschließende Bemerkungen und Mahnung an die Gewaltforschung


Dieses „Aber“ werden wir bei diesem Thema niemals weg bekommen. Wir werden nie bei 100 % der Gewalttäter, Massenmörder und Terroristen destruktive Kindheiten nachweisen können. Oft wissen nicht einmal die eigenen Ehepartner die ganze Wahrheit über die Kindheit ihres Partners (vor allem, wenn diese Kindheit sehr belastend war). Und oft wissen auch die Akteure selbst nicht die ganze Wahrheit über ihre eigene Kindheit (Stichworte: Spaltung, Verdrängung, Erinnerungsverlust). Ich möchte hier jetzt nicht alles wiederholen, was ich zu diesem Thema bereits aufgeschrieben habe (siehe das genannte Kapitel in meinem Buch). Aber (um dem „Aber“ mit dem gleichen Wort zu entgegen): Wir wissen heute sehr viel, über die Mehrheit der Gewalttäter und auch Extremisten (siehe meinen Blog bzw. Inhaltsverzeichnis). Belastende Kindheitserfahrungen sind bei der Genese von Gewalt und Extremismus ein bedeutsamer Faktor.

Die Wissenschaft sollte sich von der lupenreinen Arbeit, die natürlich vom Grundsatz her ansonsten immer wünschenswert ist, beim Blick auf Kindheitshintergründe von Gewalttätern ein Stück weit verabschieden. Sie sollte sich viel mehr wissenschaftlich und faktenbasiert mit den Problemlagen befassen, die bei der rückblickenden Betrachtung von Kindheitserinnerungen (sowohl bei den Akteuren, als auch ihrer Familie) naturgemäß vorhanden sind. Und sie sollte diese Problemlagen in entsprechenden Texten auch aussprechen, selbst wenn bei einzelnen Akteuren positive Berichte über die Kindheit zu finden sind. Letzterem sollte mit einem gesunden Misstrauen begegnet werden. Es macht keinen Sinn, Kindheitseinflüssen z.B. beim Phänomen des Extremismus ihr Gültigkeit abzusprechen, weil man bei einem Teil der untersuchten Akteure nichts Auffälliges finden konnte. Ich spreche da aus Erfahrung, aber auch auf Grundlage von viel Fachwissen, das man sich aneignen kann.

Manchmal findet sich dieses „gesunde Misstrauen“ auch in Fachbeiträgen, so z.B. bei Heitmeyer & Müller (1995), die 45 rechte Gewalttäter analysiert haben. Sie schreiben an einer Stelle: „Es bleiben schließlich insgesamt acht Jugendliche bzw. junge Erwachsene übrig, deren Schilderung ihrer Familienverhältnisse und Erziehungs- und Sozialisationserfahrungen das vorsichtige Fazit zulassen, dass sie keine subjektiv relevanten Desintegrationserfahrungen in der Familie gemacht haben.“ Der Hinweis auf das „vorsichtige Fazit“ ist hier genau richtig! Darum geht es mir in diesem Text. Mein „gesundes Misstrauen“ beim Thema Kindheit von Gewalttätern schlug aber auch wieder bei der Arbeit von Heitmeyer & Müller zu. So wurde der mütterliche Erziehungsstil von den Forschenden beim Fall „Harry“ in einer Übersicht als „demokratisch“ gekennzeichnet. In der detaillierten Darstellung berichtet Harry allerdings, dass es „schon mal ´n paar Backpfeifen oder so“ gab. Ob ein solcher Erziehungsstil wirklich demokratisch sein kann?

(Nachtrag: siehe ergänzend auch den Beitrag Kindheit und Extremismus (mit Blick auch auf den NSU). Erneute Anregung für die Forschung (vom 04.09.2020)


Verwendete Quellen (Für Quellen, die ich bereits ausführlich im Blog besprochen habe, siehe die oben gemachte Verlinkung): 

Hewicker, C. (2012):  Die Aussteigerin. Autobiographie einer ehemaligen Rechtsextremistin. ACABUS-Verlag, Hamburg.

Miliopoulos, L. (2017): Biografische Verläufe im Extremismus: Ein kritischer Blick auf ihre Bedeutung für die Radikalisierungsforschung und die Extremismusprävention. In: Ralf Altenhof, Sarah Bunk, Melanie Piepenschneider (Hrsg.): Politischer Extremismus im Vergleich. Beiträge zur politischen Bildung. Lit Verlag, Berlin. S. 105-136.

Rommelspacher, B. (2006): »Der Hass hat uns geeint«: Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene. Campus Verlag, Frankfurt am Main.

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