Donnerstag, 23. Januar 2020

Linksextremismus: Die Kindheit von Katharina de Fries


Über die Kindheit von Katharina de Fries hatte ich schon während meiner Recherchen zu meinem Buch gelesen. Sie wurde zwar von der Bundesrepublik Deutschland als RAF-Terroristin verfolgt, allerdings kam es nie zu einem Prozess, da sie nach Frankreich floh. Ich fand keine Belege dafür, dass de Fries Mitglied der RAF war. Deswegen hatte ich sie im Rahmen meiner Fallbesprechungen von RAF-Terroristen in meinem Buch auch nicht aufgenommen.

In meiner „Terror von Links“-Reihe im Jahr 2019 habe ich hier im Blog viele Kindheiten von Linksterroristen besprochen. Auch die Kindheit von Katharina de Fries möchte ich dem nun anhängen. Ich selbst würde de Fries nach meinen Recherchen als Linksextremistin bezeichnen, die u.a. an ideologisch begründeten Raubüberfällen beteiligt war.

Meine wesentliche Quelle ist das Buch: Schmid, U. (2014): Frau mit Waffe: Zwei Geschichten aus terroristischen Zeiten. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main.

Ulrike Edschmid hat wochenlange Gespräche mit de Fries (und auch Astrid Proll, deren Kindheit ich in meinem Buch besprochen habe) geführt und draus eine biografische Erzählung gemacht.
So weit ich es aus dem Bericht herausfiltern konnte, war de Fries in den 1970er und 1980er Jahren stark in die militant-linke Szene Berlins eingebunden. In dem Bericht wird u.a. erwähnt, dass sie mit Georg von Rauch befreundet war (Edschmid 2014, S. 56). Oder sie spricht davon, wie „ihre Freunde von Tod und Gefängnis sprachen und sich des Risikos bewusst waren“ (S. 62). Wer diese „Freunde“ alles waren und was diese angestellt haben, lies sie offen.
Ging es an dieser Stelle um Tod oder Gefängnis (und wohl um entsprechend schwere Straftaten ihrer Freunde), so berichtet sie an anderer Stelle vorher im Buch folgendes: „Nachts schlich sie mit ihren Freunden durch die Stadt, sie hinterließ ihre Zeichen. In der einen Hand den Hammer, in der anderen den Brandsatz, auf der Schulter die Leiter, näherten sie sich den Fenstern der Herrschenden und scheiterten am Panzerglas. Es waren Zeichen eines anarchistischen Gerechtigkeitssinns, wobei Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Menschen strikt unterschieden wurden“ (S. 48).

Schmid schreibt an einer Stelle: „Es war kein Zufall, dass die marxistisch-leninistischen Organisationen und die Rote Armee Fraktion gleichzeitig entstanden. Nicht die illegale Aktion hielt sie davon ab, sich ihr anzuschließen, sondern das Leben in der Illegalität, das die Trennung von den Kindern, von den Menschen, die sie liebte, vom Leben bedeutet hätte. Dazu war sie niemals bereit. (…) In tiefster Seele stellte sie sich den bewaffneten Kampf als eine Abenteuerexistenz vor, mit mutigen Frauen und Männern und warmherzigen Familien, die für die Kinder sorgten“ (S. 54). Sie erkannte wohl aber auch die Realitäten, die sich hinter dem Leben der Terroristen verbargen. Und auch dies scheint sie im Rückblick abgeschreckt zu haben. Ich betone hier „im Rückblick“. An den zitierten Zeilen wird auch deutlich, wie schmal der Grat war und wie leicht auch de Fries zur Terroristin im Untergrund hätte werden können.

Kommen wir nach diesem kleinen Überblick zu ihrer Kindheit:

Katharina wurde 1934 geboren und verlebte entsprechend eine Kriegskindheit. Drei Mal sei sie aus einem zerbombten Haus herausgezogen worden. Außerdem wird von dem Heulen der Bomben, den Schreien der Menschen und ihrem Zusammenbrechen berichtet (S. 63).
Aber schon vor dem Krieg begannen massive Probleme. Als Katharina drei Jahre alt war, gingen ihre Eltern fort. Ihr Vater schloss sich in Spanien den Anarchisten an, die Mutter ging zu den Kommunisten. Mit ihrer älteren Schwester wurde sie bei den Großeltern untergebracht. 1938 kamen beide Eltern zurück. Später (der genaue Zeitpunkt erschließt sich nicht) trennten sich die Eltern. Die Mutter verschwand auf Jahre aus dem Leben von Katharina. Der Vater brachte die Kinder erneut zu den Großeltern und scheint ansonsten oft abwesend gewesen zu sein (S. 13f).

Ihr Vater holte eine neue Frau an seine Seite. „Die Stiefmutter war eine harte Frau“, die die jüngere Schwester schlug, „bis das Blut aus der Nase lief“ (S. 17). 1944 wurde der Vater von der Gestapo abgeholt und kam dann in ein Strafbataillon. Später kam er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Eines Tages tauchte er plötzlich wieder Zuhause auf. Zuhause scheiterte er beruflich und musste die Kinder erneut bei den Großeltern unterbringen. Während der gesamten Zeit scheint das Verhältnis von Katharina zur Stiefmutter weiter und extrem eskaliert zu sein:
Nach dieser letzten Rückkehr zu den Großeltern beschloss sie, ihre Stiefmutter umzubringen. Sie war elf Jahre alt, und die Auseinandersetzungen waren ausweglos geworden. Auch die Großeltern hassten die Stiefmutter, alle hassten sie. Der Vater stand dazwischen. Die kleine Schwester machte das Bett naß und wurde dafür von der Stiefmutter geschlagen. Wochenlang lief sie mit Rattengift in der Tasche herum. Im Keller probierte sie es aus. Als sie eine Ratte mit offenem Mund und hochgezogener Lippe fand, schämte sie sich, dass sie das Tier umgebracht hatte“ (S. 22).
Eine Zeit danach wusste sie keinen Ausweg und wollte sich und ihre Schwester in einem Fluss umbringen, was misslang. „Der Hass auf ihre Mutter prägte ihr Verhältnis zu sich selbst. Von Kindheit an hatte sie sich nur dann lieben können, wenn sie sich aus ihrem eigenen Willen heraus bewegen konnte, losgelöst war von dem Schicksal, Frau zu sein“ (S. 24).
Zu den ganzen Umständen kam noch der Hunger dazu. Es gab nichts zu essen. Die Kinder zogen oft los, um irgendwo Nahrung aufzutun.

Zusammenfassend betrachtet ist Katharina de Fries als Kind komplex und schwer traumatisiert worden.

Dienstag, 14. Januar 2020

Jungenbeschneidung in den USA und das "Traumagesamtpaket"


Dank einer kritischen Stimme bin ich auf das Thema Jungenbeschneidung in den USA aufmerksam geworden. Thematisch habe ich das Thema bisher hin und wieder gestreift, mich aber nicht vertiefend damit befasst. Und in meinem Blog habe ich bisher auch nichts dazu geschrieben. Meine Einstellung zur - medizinisch nicht notwendigen - Jugenbeschneidung war und ist ganz klar: Sie verstößt gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit!

Ich werde auch in diesem Beitrag nicht vertiefend auf das Thema eingehen können, weil ich mich immer noch zu wenig mit der Materie befasst habe. Mir geht es hier um folgendes: Die kritische Stimme, die mich kürzlich angeschrieben hat, stellte die These auf, dass die Jungenbeschneidung auch politische Folgen haben kann. Außerdem verwies Sie auf den aktuell hohen Anteil von als Kind beschnitten Männern in den USA (und historisch auch etwas weiter zurückgeblickt in Großbritannien). Für den muslimischen und auch afrikanischen Raum und die jüdischen Lebenswelten war mir natürlich bewusst, dass die Jungen dort entsprechend belastet werden. Mein erster Reflex auf das Anschreiben war, dass ich das Ausmaß in den USA anzweifelte. Keinesfalls konnte ich glauben, dass in diesem westlichen Land die Mehrheit der Männer - ohne religiöse Begründung - als Kind beschnitten wurden.

Nun, ich wurde eines Besseren belehrt.

Zwei seriöse Medienberichte haben das Ausmaß der Jungenbeschneidung in den USA thematisiert.

Der erste von mir gefundene Artikel ( DIE ZEIT, 19.11.1998: "Mit Geduld und Stahl") wurde Ende 1998 verfasst. Darin heißt es, dass an sechs von zehn männlichen Neugeborenen (also 60%) in den USA dieser operative Eingriff durchgeführt wurde. Dies betrifft also die heutige Erwachsenengeneration in den USA ab dem 22. Lebensjahr aufwärts. Ursprünglich, so im Artikel weiter, waren christliche Prediger Ende des 19. Jahrhunderts für die Verbreitung der Praxis in den USA verantwortlich. Moralapostel des Viktorianischen Zeitalters begrüßten damals die Jungenbeschneidung als "Präventivmaßnahme gegen Masturbation"...
In dem Artikel wird ergänzend auch folgendes geschrieben: „In einer im Juli veröffentlichten Studie der Healthpartners Medical Group in Minneapolis gaben 55 Prozent von 1769 befragten Ärzten an, bei diesem Eingriff keine Schmerzmittel zu benutzen.“ Neben den Belastungen, die eine Beschneidung an sich schon für den Säugling oder das Kind bedeuten, kommt also noch in ca. der Hälfte der Fälle ein massives Trauma durch den betäubungsmittelfreien Eingriff dazu.

In einem Artikel im Tagesspiegel wurde geschrieben, dass die Weltgesundheitsorganisation für die USA von einer Beschneidungsrate von Jungen und Männern von rund 70 % ausgeht (Tagesspiegel, 28.06.2012: "Beschneidung. In den USA ist es Routine").

Ich muss gestehen, dass diese Zahlen mich wirklich erstaunt haben. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass in den USA die Mehrheit der Jungen beschnitten werden. Dazu oftmals noch ohne Betäubung.

Dieser Sachverhalt sollte gedanklich zum bekannten Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in den USA hinzuaddiert werden. Bzgl. der Analyse einer Gesellschaft geht es immer darum, das "Traumagesamtpaket" zu erfassen. Kinder können Verletzungen oft gut verarbeiten, wenn sie in einem gesunden Umfeld aufwachsen. Wenn sich Verletzungen allerdings anhäufen und zu einem "Traumapaket" kumulieren, dann wird es kritisch. Die Jungenbeschneidung in den USA muss hier ebenso in den Blick genommen werden, wie all die anderen Belastungen, die Kinder in diesem Land erleben. Nur mit Blick auf das Gesamtpaket wird ersichtlich, warum diese Nation so häufig durch politische Destruktivität und Irrationalitäten auffällt.



Montag, 6. Januar 2020

Islamistische Radikalisierung: Kindheit von Oliver N.


Oliver N. konvertierte als Jugendlicher zum Islam und hatte sich dann in relativ kurzer Zeit der Terrorgruppe „Islamischen Staat“ angeschlossen. Es existiert u.a. ein Video, in dem Oliver N. in der syrischen Stadt Rakka sagte: "Ich lade alle ein, hierherzukommen, um die Ungläubigen zu schlachten wie die Schafe“.
Später stellte er sich und kehrte zurück nach Österreich. Dort wurde er zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Über seine Erlebnisse hat er ein Buch veröffentlicht:
N., Oliver & Christ, Sebastian (2017): Meine falschen Brüder: Wie ich mich als 16-Jähriger dem Islamischen Staat anschloss. Kiepenheuer & Witsch, Köln.

Zudem gab es kürzlich eine sehr interessante Doku über ihn und sein Leben:
Panorama - die Reporter (2019, 03. Dez.): „Der IS-Rückkehrer“

In der Doku sagte er an zwei Stellen etwas, das ich hier unbedingt zitieren muss:
Als ich 16 Jahre alt war, bin ich zum Islam konvertiert, durch einen Schulfreund. Das Gefühl, das ich dann erlebt habe, das war unglaublich schön. Ich war da ein Teil einer Gemeinschaft, die so eng miteinander verbunden waren (…). Warum ich mich dem so leicht hingegeben habe? Ich war einfach verloren. Familie, das hat mir gefehlt. Und danach habe ich gesucht. Und wäre da damals eine rechtsradikale Gruppe zu mir gekommen, die mir genau das geboten hätte, dann wäre ich Nazi geworden.“
Und: „Aus meiner Ideologie, aus meiner kranken Ideologie heraus habe ich mir nur gedacht, ich töte ja nur die bösen Menschen: Die Unterdrücker, die Vergewaltiger, die Mörder (…). Du rechtfertigst es mit dem Gedanken, dass sie das Selbe mit Deiner Familie gemacht haben. Ab dem Zeitpunkt, wo ich Muslim wurde, wurde mir beigebracht, dass jeder Mann im Islam mein Bruder ist und jede Frau im Islam meine Schwester ist. Also war es ganz egal, wo die Person ist. Wenn ihr geschadet wird, dann ist das meine Familie, der geschadet wird.“

Wie sehr seine destruktive Kindheit, seine Suche nach Halt und Familie seinen Weg hin zum Terror bedingt haben, wird durch die zitierten Zeilen deutlich. Ebenfalls wird deutlich, wie zufällig und austauschbar die Gruppe und Ideologie im Grunde ist. Das verlorene Opfer von einst fand plötzlich eine „Pseudofamilie“, die ihn „pseudowärmte“, die ihm "eine Bedeutung" gab und die vorgab, angegriffen zu werden und viele Opfer zu beklagen. Seine neue „Familie“ galt es zu schützen und das ging – der kranken Ideologie folgend – nur im IS in Syrien.

Über seine Kindheit spricht Oliver N. nicht gerne. Trotzdem sind einige Eckdaten öffentlich geworden. 

Seine Eltern trennen sich, als er 5 Jahre alt ist, er bleibt zunächst bei der Mutter  (N. & Christ 2017, S. 12) „Ich kam zu meiner Mutter. Es entbrannte ein hässlicher Kleinkrieg zwischen ihr und meinem Vater. Eines Tages standen dann Angestellte des Amts bei uns auf der Matte, meiner Mutter wurde das Sorgerecht entzogen. Mein Vater beantragte das Sorgerecht, doch meine Mutter manipulierte mich so, dass ich nicht zu meinem Vater zurückwollte, und ich war von diesem Tag an ein Heimkind. Später, als ich älter war, tingelte ich von einer Wohngruppe des Jugendamtes zur nächsten“ (N. & Christ 2017, S. 12).

In dem o.g. Panorama Beitrag wurde ergänzend folgendes über seine Kindheit berichtet:
- Im Alter von 6 Jahren kommt er in ein Kinderheim
- Er ist 11 Jahre alt, als sich sein Bruder erhängt

In einem ZEIT-Artikel fand ich ergänzend die Info, dass seine Mutter Alkoholikerin war.

In vielerlei Hinsicht ist der Fall Oliver N. ein Paradebeispiel dafür, was das Fundament für Terror und Extremismus bildet. Aus seinem Fall können wir auch Präventionsmaßnahmen ablesen:

1. Natürlich und zu aller erst Kinderschutz und Elternförderung

2. Es braucht gerade für solche „verlorenen Kinder“ konstruktive Gruppenangebote, in denen sie sich Zuhause fühlen können und in denen sie wirklich Verbundenheit und Anerkennung finden. Wenn sie einmal fest verbunden sind, werden sie – trotz ihrer destruktiven Kindheit – nicht so leicht auf Anwerber destruktiver (politischer oder religiöser) Gruppen hereinfallen.

3. Psychotherapeutische Angebote müssen nicht nur gefördert werden und gut aufgestellt sein, sondern es muss auch mehr "Werbung" dafür geben. Sprich: Jeder Jugendliche, der in Deutschland das Schulsystem durchläuft, sollte innerhalb einen allgemeinen Bildungsplans darüber aufgeklärt werden, dass es psychotherapeutische Angebote gibt und diese besonders von den Menschen angelaufen werden sollten, die in ihrer Kindheit viel Destruktivität erlitten haben. Psychotherapien sind - neben vielen anderen Vorteilen - Extremismusprävention!

Dienstag, 17. Dezember 2019

Rückblick auf das Buchprojekt 2019


So liebe Leute, das Jahr neigt sich dem Ende zu. Für mich ist es also an der Zeit für einen kleinen Rückblick. Das Jahr 2019 steht für mich natürlich vor allem im Zeichen meiner Buchveröffentlichung im Februar.

Obwohl ich hier schon seit Jahren Blogbeiträge verfasse und durch das Internet bisher weit mehr Leser und Leserinnen erreicht habe (bis heute fast 580.000 Seitenzugriffe), als mein Buch wohl je bekommen wird, war das Buchprojekt für mich wirklich aufregend und kostete mich auch etliche Nerven. Ein Buch bleibt und ist nun mal etwas Besonderes.

Was ist seit der Veröffentlichung passiert? Der für mich wesentlichste Erfolg ist, dass meine Thesen und Recherchen jetzt auch in manchen Fachkreisen wahrgenommen werden. So hat sich das Buch mittlerweile in so einigen UNI-Bibliotheken und auch öffentlichen Bücherhallen (kurze beispielsweise Auswahl hier und hier) verbreitet (von Hamburg bis nach Zürich). Fachmenschen wie der Kinderarzt Herbert Renz-Polster (in seinem Buch „Erziehung prägt Gesinnung“ + in seinem Blog), der Kriminologe Christian Pfeiffer (in seinem aktuellen Buch „Gegen die Gewalt“), die Pädagogin Anke Elisabeth Ballmann (in ihrem Buch „,Seelenprügel: Was Kindern in Kitas wirklich passiert.“), der Traumaexperte Franz Ruppert (in seinem aktuellen Buch „Liebe, Lust und Trauma“ + in einzelnen Vorträgen + er hat mein Buch sehr positiv am Ende eines Podcast-Interviews gewürdigt: Psycho trifft Coach, #13 - Trauma (13.05.2019)) und der Psychoanalytiker und Psychohistoriker Ludwig Janus (z.B. in seinem Beitrag „Die Kindheitsursprünge der Diktaturen des 20. Jahrhunderts“) haben mein Buch zitiert bzw. es verarbeitet. Einzelne Fachleute, die ich hier öffentlich nicht nennen kann, haben mir kurz persönlich eine positive Rückmeldung gegeben.

Ganz besonders hat mich ein Beitrag des Kinderarztes und Wissenschaftlers Hans Michael Straßburg gefreut. Für die Fachzeitschrift „Kinderärztliche Praxis“ hat er kürzlich den Artikel „Wie politisch ist die Kindheit? Und was hat das mit der Kindermedizin zu tun?“ verfasst. Wie man am Titel sehen kann, hat ihn mein Buch, das er im Text auch bespricht, offensichtlich bewegt. Mich hat wiederum sehr bewegt, dass mein Buch auch bei Fachleuten, die täglich mit Kindern zu tun haben, Verbreitung findet und dort wiederum offensichtlich auch etwas bewegt. Das macht mich wirklich stolz und auch glücklich!

Bisherige (Fach-)Rezensionen meines Buches:

- Dr. med. Ludwig Janus: Die Kindheit ist politisch! In: "Gewalt und Trauma: Direkte und transgenerationale Folgen" (Jahrbuch für psychohistorische Forschung Band 19, 2018)
- Ingeborg Salomon: "Entsetzlich wahr" (Rhein-Nekar-Zeitung vom 17.05.2019)
- Dr. Erika Butzmann: "Gewalt - von Anfang an" (Stiftung Zu-Wendung für Kinder vom 30.05.2019) + ergänzend ein kurzes Interview mit mir
- Caroline Fetscher: "Das Paradies sieht anders aus" (Der Tagesspiegel, 02.06.2019) + "Sind Diktatoren auch das Produkt einer traumatischen Kindheit?" (Der Tagesspiegel-Online, 04.06.2019)
- Prof. Dr. Gertrud Hardtmann: Sven Fuchs: Die Kindheit ist politisch! (für socialnet, 26.09.2019)

Außerdem wurden ich und mein Buch auf der 33. Jahrestagung der GPPP im April 2019 in Heidelberg kurz vorgestellt und ich durfte auch ein paar Worte an die ZuhörerInnen richten :-).

Rückmeldungen von Lesern und Leserinnen habe ich persönlich bisher nicht all zu viele bekommen. Allerdings lese ich natürlich sehr aufmerksam die Bewertungen und Kommentare im Online-Buchhandel. Was mir noch aufgefallen ist: Nicht nur einmal habe ich die persönliche Rückmeldung bekommen, dass das Lesen meines Buches nur in Etappen möglich war. Das Buch wühlt auf und ist keine leichte Kost, natürlich! Manche Leser gaben aber auch die Rückmeldung, dass sie das Buch in zwei Tagen verschlungen hatten. Jeder kommt halt individuell anders mit dem klar, was ich zusammengetragen habe. Ich selbst lese immer mal wieder selbst in meinem Buch und muss auch selbst noch weiterhin verarbeiten, was darin steht...

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass bei den ersten 200 Buchexemplaren leider noch so einige Rechtschreibfehler (trotz Prüfung durch mich und den Verlag) enthalten waren. Falls Euch dies aufgefallen ist und beim Lesen gestört hat, so tut mir dies leid. Ab der Auflage Mai („korr. Nachdruck Mai“) sind die Fehler verbessert worden.

Wir werden sehen, wie es 2020 weitergeht. Ich werde berichten!



Mittwoch, 27. November 2019

Der Vater von Donald Trump prügelte seine Kinder mit einem Holzgegenstand

Fred Trump, der Vater von Donald Trump, hat seine Kinder zur Strafe mit einem Holzgegenstand geprügelt. Diese Information fand ich erst kürzlich in dem Buch: Blair, Gwenda (2000): The Trumps: Three Generations of Builders and a President. Simon & Schuster, New York. Kindle E-Book Edition. 

Ich habe immer wieder in der Vergangenheit versucht, etwas zum Thema „Körperstrafen“ in der Familie Trump zu finden. Der Charakter des Vaters und auch gängige „Erziehungspraktiken“ in den USA machten es sehr wahrscheinlich, dass Donald Trump auch zu Hause Gewalt erlebt hat. Bisher hatte ich dazu fast nichts gefunden. Einzig einen Beleg für väterliche Ohrfeigen gegen Donalds Bruder hatte ich gefunden.

Die o.g. Quelle ist da jetzt noch einmal deutlicher. Gwenda Blair schreibt, dass Donalds Mutter ihrem Mann abends, wenn dieser nach Hause kam, von Fehlverhalten der Kinder berichtete. Der Vater teilte dann die Strafen aus: „Depending on the seriousness of what had occured, malefactors might be grounded for a few days; according to the children`s friends, occasionally wrongdoers were also paddled with a wooden spoon" (Blair 2000, S. 228). Die Mutter delegierte entsprechend die Gewalt (Stichwort: Warte nur, bis Papa nach Hause kommt). Dies muss sie für ihre Kinder ebenso zu einer gefährlichen Figur gemacht haben.

Der Fall Trump ist für mich in mehrfacher Hinsicht klassisch:

- Je länger man sich mit ihm und seiner Kindheit befasst, desto mehr Destruktivität kommt zu Tage. (Dies habe ich so bei etlichen destruktiven Akteuren, die ich in der Vergangenheit analysiert habe,  erlebt. Das Bild wurde immer schlimmer, je mehr man recherchierte!)

- Die Gewalt innerhalb der Familie Trump wird bisher öffentlich viel zu selten thematisiert. Dabei zeigt Donald Trump im Grunde täglich klassische Folgen des Battered-Child-Syndrom und einer starken Identifikation mit dem Aggressor. Dies zu sehen und zu benennen würde natürlich heute nichts verändern (wohl am Wenigsten Donald Trump selbst). Es wird aber deutlich, dass Erfahrungen, die er vor über 60 Jahren machte, heute immer noch nachwirken. Kinderschutz ist also weitergedacht auch ein Weg, politische Hassakteure wie Trump zukünftig zu verhindern.

Was mich sehr gewundert hat (naja, eigentlich auch wieder nicht wirklich, weil ich dies schon so oft erlebt habe) ist, dass das o.g. Zitat z.B. bei der Googel-Suche im Internet - außer bei googel-Books im Buch von Gwenda Blair und jetzt natürlich auch in meinem Blog – nicht zu finden ist. Wenn man „wrongdoers were also paddled with a wooden spoon“ (in Anführungszeichen) in die Suchmaschine eingibt, findet man im gesamten Internet bis zum heutigen Tag dieses Zitat nicht! Das ist schon erstaunlich, weil körperliche Misshandlungserfahrungen in der Familie zumal in der Geschichte des aktuellen Präsidenten doch ein Thema sein sollten (und es nahe liegt, diesen Satz zu zitieren).

Dienstag, 19. November 2019

Kritik an der Doku-Reihe "Warum wir hassen"


Die Doku-Reihe „Warum wir hassen“ (von Steven Spielberg und Alex Gibney) ist derzeit in der Mediathek des ZDF zu sehen. Mehrere Teile gehen der Frage nach den Ursachen von Hass, Gewalt, Genozid, Massenmord und Amokläufen nach. Die gesamte Doku-Reihe ist interessant und auch vom Stil her gut gemacht. Auch die erwähnten Gruppendynamiken und auch evolutionären Wurzeln der Gewalt sind spannend.

Aber: Nur im Teil über Extremismus werden Kindheitshintergünde erwähnt. An Hand von zwei Fallbeispielen (Frank Meeink + Jesse Morton) und durch einen kurzen Kommentar einer Expertin.

Diese Art der Herangehensweise an die Ursachen von Hass und Gewalt habe ich schon oft gesehen. 240 Minuten umfassen alle Teile der Doku. Die im Extremismusteil kurz erwähnten Kindheitshintergründe werden nicht noch einmal erwähnt. Beim Thema Amokläufe, Rassismus, Krieg, Massenmord und Genozide werden Kindheitshintergründe als eine gewichtige Ursache überhaupt nicht in Betracht gezogen. Die kurz erwähnten Kindheitshintergründe im Extremismusteil fallen bezogen auf die 240 Minuten überhaupt nicht ins Gewicht. Die Fallbeispiele stehen außerdem für sich. Eine Expertin kommentiert nur kurz mit 2-3 Sätzen. Das war es. Und vor allem: Es wird nicht die Frage gestellt, ob als Kind geliebte und gewaltfrei aufgewachsene Menschen zu Extremisten, Kriegstreibern oder Massenmördern werden können.

Klassisch ist dieses „Aufflackern“ (wenn ich das so nennen darf) vom Erkennen der tieferen Ursachen. Im Extremismusteil gab es dieses „Aufflackern“. Durch die fehlende Hervorhebung der Bedeutsamkeit von Kindheitshintergründen, durch die fehlende Übertragung dieser Erkenntnisse auf andere destruktive Bereiche der Menschheit und auch durch die fehlende Besprechung von Beispielen wie z.B. der deutlich positiveren Kindheiten von JudenretterInnen (stattdessen wurden, auch das ist "klassisch",  das Milgramexperiment und das Stanford-Prison-Experiment besprochen) bleiben Kindheishintergründe in der Gesamtsicht wenig bedeutsam. Auch in dem der Doku angehängtem Interview mit Steven Spielberg und Alex Gibney wird deutlich, dass Kindheitshintergründe keine besondere Bedeutung beigemessen wird: Mit keinem Wort sprechen die beiden Macher darüber.

Es scheint noch ein weiter Weg, bis die tieferen Ursachen von Hass und Gewalt auch klar und deutlich medial und öffentlich besprochen werden.

Hier noch die oben erwähnten Fallbeispiele und der Kommentar der Expertin. Die Beispiele sind eigentlich überdeutlich. Es ist absolut erstaunlich, dass daraus nicht mehr entwickelt wurde:

Frank Meeink (ehemaliger rechter und gewalttätiger Skinhead):
Als Frank 9 Jahre alt war, zog sein Stiefvater bei ihm zu Hause ein. Er blieb vier Jahre. „Das Prügeln ging gleich in der ersten Woche los. Ich durfte beim Essen nicht reden. Idioten wie ich würden ihm den Appetit verderben, meinte er. Er war brutal. Ich hasste ihn. Er war der erste Mensch, den ich hasste. Irgendwann schmiss er mich raus.“ Frank musste umziehen und kam an eine Schule, mit mehrheitlich schwarzen Kindern.  Dort wurde er massiv gemobbt. „Bei mir hat sich einfach Hass aufgestaut“, sagte Frank Meeink. Ein Cousin brachte ihn dann in Berührung mit rechtsextremem Gedankengut und Feindbildern. Vor allem Juden seien schuld an allen möglichen Missständen. „Endlich sprach es jemand aus: `Du bist das Opfer`. Denn gefühlt hatte ich mich die ganze Zeit schon so.“ und bezogen auf die rechte Gruppe, der er sich immer weiter anschloss, kommentiert Meeink: „Ich freute mich immer, wenn sie kamen. Endlich interessierte sich jemand für mich.“ Dann wurde ihm schließlich der Kopf rasiert und er war Teil der Skinheadgruppe.

Sasha Hevlicek (Gründerin des Institute für Strategic Dialog“) kommentiert gleich nach dem Fall "Frank": "In vielen solcher Fälle liegt ein frühes Trauma vor. Und das führt wie bei Frank zu dem verzweifelten Wunsch, dazuzugehören. Eine Antwort auf die Frage zu finden: Wer bin ich?"
Das war es an Kommentaren in der Doku zu den Kindheitshintergründen!

Ein weiterer Fall wird kurz selbsterklärend aufgeführt: Jesse Morton (ehemaliger Dschihadist).
Morton im O-Ton: „Ich wurde in meiner Kindheit schwer misshandelt. Mit 16 lief ich von zu Hause weg. Und fing an, mit Drogen zu dealen, um zu überleben.“ Er wurde inhaftiert und radikalisierte sich im Gefängnis islamistisch.


Montag, 11. November 2019

Terror von Links - Kindheit von Henning und Wolfgang Beer


Ein Bericht über die Kindheit des ehemaligen RAF-Terroristen Henning Beer sagt sehr wahrscheinlich gleichzeitig auch etwas über seinen Bruder Wolfgang Beer, der ebenfalls RAF-Terrorist war, aus.

Meine Quelle ist: Wunschik, Tobias (1997): Baader-Meinhofs Kinder: Die Zweite Generation der RAF. Westdeutscher Verlag, Opladen.

Als Henning „zehn Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden; von da an lebte er bei seiner Mutter, die an Alkoholsucht litt und mehrfach in psychiatrischen Anstalten untergebracht war. Unter diesen Umständen stellte sein Bruder Wolfgang Beer die einzige feste Bezugsperson für ihn dar. Dieser war es auch, der ihn später in diverse Wohngemeinschaften und Zirkel mit linksextremen Ambiente einführte“ (S. 225).

Ab Februar 1974 hatte Wolfgang Beer eine Haftstrafe zu verbüßen. Henning war plötzlich auf sich allein gestellt. „Er kam in der Wohngemeinschaft seines Bruders unter, wo sich insbesondere Prieß und von Seckendorff-Gudent um ihn kümmerten. Letzterer machte ihn mit linksextremen und revolutionärem Gedankengut vertraut“ (S. 226). Der am 30.11.1958 geborene Henning Beer muss zu dieser Zeit gerade einmal 15 Jahre alt gewesen sein.

Sein Bruder Wolfgang wurde Ende 1953 geboren. Zur Zeit der Trennung der Eltern war Wolfgang entsprechend ca. 15 Jahre alt. Inwieweit auch er die Alkoholsucht der Mutter miterlebt hat, erschließt sich nicht. Die Vermutung liegt im Raum, dass es schon vor der Trennung Probleme im Elternhaus gab. In der o.g. Quelle wird kein einziges Wort zum Vater geschrieben. Dass die Kinder bei der alkoholkranken Mutter unterkamen, spricht nicht gerade für ihn. Da Wunschik schreibt, dass nach der Trennung der Eltern nur der große Bruder Bezugsperson für Henning war, wird der Vater vermutlich aus dem Leben der Kinder verschwunden sein.

Donnerstag, 7. November 2019

Terror von Links - Kindheit von Silke Maier-Witt


Auch über die ehemalige RAF-Terroristin Silke Maier-Witt finden sich einige aufschlussreiche Details aus ihrer Kindheit.
Meine Quelle dafür ist: Wunschik, Tobias (1997): Baader-Meinhofs Kinder: Die Zweite Generation der RAF. Westdeutscher Verlag, Opladen.

Als Silke 6 Jahre alt war (1956), starb ihre Mutter. „Eine erneute Ehe ihres Vaters währte nur etwa ein Jahr. Infolgedessen wuchs das Mädchen zunächst bei ihren Großeltern in Hamburg, dann bei der Schwester ihrer Mutter in Itzehoe auf. Dort wurde sie auch wegen nervöser Störungen behandelt; in der Schule wurde sie `verschickt`. Nach einer erneuten Heirat des Vaters zog Silke Maier-Witt im Oktober 1959 wieder zu ihm. Seine neue Gattin fand jedoch keinen `Draht` zu dem Mädchen und ihrer schon 1946 geborenen Schwester; auch später war das Thema der Wiederheirat des Vaters innerhalb der Familie tabu. (…) Maier-Witt bekam im Elternhaus kaum einmal die Gelegenheit zu vertrauensvollen Gesprächen und wagte auch nicht, ihre Probleme offen auszusprechen. Die häufig aufkeimenden Spannungen wurden stets nur verdeckt ausgetragen. Nach außen hin bot sich das Bild einer intakten Familie, doch `ich war mir schon sehr früh sehr sicher, dass ich so wie meine Eltern nicht werden wollte`“ (S. 215f).

In einem Hamburger Mädchengymnasium, das ihr Vater für sie gewählt hatte, fühlte sich Silke als "soziale Außenseiterin". Als Jugendliche begannen vermehrt Konflikte mit dem Vater. Silke forderte mehr Mitsprache, ihr Vater wehrte ab. Auch Auseinandersetzungen um politische Themen begannen, ebenso wie Fragen nach der Vergangenheit des Vaters während der NS-Zeit.

Tod der Mutter, Trennung vom Vater, wechselnde Bezugspersonen und psychische Probleme (als Folge all dieser Erlebnisse?), Probleme mit der neuen Stiefmutter, Außenseiterrolle und wenig Raum für ihre Bedürfnisse und Probleme. All dies verdichtet sich zu der Schlussfolgerung, dass die Kindheit von Silke Maier-Witt sehr belastet war.

Ergänzend stellt sich mir die Frage, was unter der „Verschickung“ während der Schulzeit zu verstehen ist? In der Nachkriegszeit war es in der Tat üblich, dass Kinder „verschickt“ (in Heime oder zu Lehrzwecken) wurden. Über diese Kinderverschickungen gibt es heute mittlerweile Berichte, die erschaudern lassen. „Hunderttausenden von Kindern brachten Ferien in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren Erfahrungen, die sie besser nie gemacht hätten. Sie wurden, wie man damals sagte `verschickt`. Sommers wie winters nahmen staatliche, konfessionelle und private Erholungsheime für Wochen oder Monate Kleinkinder und Schulkinder auf, um Eltern zu entlasten.“ (Fetscher, C., 08.07.2018, Kindesmissbrauch in der Nachkriegszeit. Ferienverschickung – vor allem tat meist das Heim weh, Tagesspiegel-Online) Die Zustände waren dem Bericht folgend nicht selten katastrophal: Gewalt, Drohungen, Demütigungen, Missbrauch und Misshandlungen gehörten dazu. Hat auch Silke damals ähnliches erlitten?

Mittwoch, 6. November 2019

Terror von Links - Die Kindheit von Susanne Albrecht


Über die ehemalige RAF-Terroristin Susanne Albrecht habe einige wenige, aber aufschlussreiche Informationen über ihre Kindheit gefunden.
Meine Quelle dafür ist: Wunschik, Tobias (1997): Baader-Meinhofs Kinder: Die Zweite Generation der RAF. Westdeutscher Verlag, Opladen. 

Susanne Albrecht wuchs in einer großbürgerlichen und konservativen Familie in Hamburg auf. Wunschik schreibt über ihre Kindheit: „Es herrschte ein strenger Erziehungsstil, gelegentlich erhielt das Mädchen auch Schläge. Kam es wegen der Edukation der Tochter zu Streitigkeiten zwischen den Eltern, fühlte sich Albrecht hierfür verantwortlich. Sich mit ihren Sorgen Dritten anzuvertrauen, kam indes für sie nicht in Frage – nach dem Willen der Eltern durften innerfamiliäre Differenzen keinesfalls nach außen getragen werden. Entsprechend ihrer sozialen Herkunft sollte sie auch bei der Auswahl ihrer Freunde auf deren gesellschaftliche Stellung achten“ (S. 211).

Der Druck der Eltern scheint sich auf viele Bereiche bezogen zu haben. So sollte sie z.B. Klavier lernen und Tennis spielen, hatte daran aber gar keine rechte Freude. Die Eltern übten einen „allgemeinen Leistungsdruck auf ihre Tochter aus und überforderten diese schlichtweg mit ihren Leistungserwartungen“ (S. 215). „Das Mädchen schottete sich zunehmend von ihrer Umwelt ab. Schwierigkeiten mit den Eltern führten dazu, dass sie auf ein Internat nach Holzminden geschickt wurde. Doch dort erwartete sie die `Fortsetzung des Erziehungsstils von zu Hause`“ (S. 211f).
Was genau sie alles im Internat erlitten hat, bleibt offen. Fest steht, dass es dort streng zuging. Außerdem war sie gänzlich aus ihrem alten Umfeld in Hamburg herausgerissen.

Ein weiteres Ereignis scheint mir von Bedeutung zu sein. Als Jugendliche erlebte sie, dass sich ihr damaliger Freund umbrachte. Susanne machte „die Welt der Erwachsenen einschließlich ihrer Eltern hierfür verantwortlich“ (S. 212).

Als Soziologiestudentin politisierte sie sich später zusehends und kam in Kontakt mit Hausbesetzern, zu denen auch spätere RAF-Terroristen gehörten. Ihre Radikalisierung nahm ihren Lauf...

Dienstag, 29. Oktober 2019

Terror von Links - Kindheit von Holger Meins


Über die Kindheit des RAF-Terroristen Holger Meins fand ich nur wenige, aber aufschlussreiche Informationen in dem Buch:
Conradt, Gerd (2001): Starbucks - Holger Meins: Ein Porträt als Zeitbild. ESPRESSO Verlag, Berlin. 

Holger Meins wurde am 26. Oktober 1941 in Hamburg inmitten des Krieges geboren.
Der Vater von Holger sagte in Gesprächen: „Ganz frühzeitig hatte er eine Operation nach einem Leistenbruch, die lebensgefährlich war. In den ersten Monaten durfte er weder schreien noch weinen, weil dann die Gefahr eines `kalten Brandes` aufgetreten wäre und er hätte daran sterben können. In seinen ersten Lebensjahren verlebte er bis zum Kriegsende jeden Sommer an der Ostsee, um mit seiner Mutter und seinem Bruder den Luftangriffen auf Hamburg nicht ausgesetzt zu sein. Ein beeindruckendes Erlebnis für ihn war, dass er während des Winters mit seiner Mutter nicht rechtzeitig in den Luftschutzbunker gekommen war und einen Luftangriff außerhalb der Luftschutzräume miterlebte. Er sprach von einem schönen Feuer: `Da waren herrliche Lichter am Himmel und es machte Bummbumm wie ein Feuerwerk.` Das war für ihn kein erschütterndes Kriegserlebnis. Das hat er mit strahlendem Gesicht erzählt. 
1943 wurden wir ausgebombt. (…). Wir fanden aber in Hamburg einen Unterschlupf am Stadtpark, wo Holger seine Jugend verbrachte. Im Sommer 1948 war er zu einer Kinderverschickung in der Schweiz, bei der Schreinerfamilie Albert Fürer in Bühler“ (S. 13).

Hier haben wir gleich mehrere Informationen. Zunächst die frühzeitige, lebensgefährliche Operation – offensichtlich im Kleinkind- oder Säuglingsalter. Wie wurde damals das Kind dazu gebracht, dass es nicht schreit oder weint? Gab es dazu irgendwelche damals übliche Methoden? Wie konnte dies in diesem jungen Alter überhaupt gelingen? Diese Fragen stehen im Raum.

Holger verlebte ganz eindeutig eine traumatische Kriegskindheit, auch wenn sein Vater die Situation in der Erinnerung sehr beschönigt. Hamburg wurde vielfach bombardiert und Holger war seine gesamte frühe Kindheit über – außer im Sommer – in der Stadt.

Über die Länge der „Kinderverschickung“ erfährt man nichts von dem Vater. Holger muss damals ca. 6 Jahre alt gewesen sein. Da er von Hamburg aus in die Schweiz „verschickt“ wurde, gehe ich davon aus, dass es ein längerer Aufenthalt und insofern eine längere Trennung von der Familie in diesem jungen Alter gewesen ist. Auch über die Situation vor Ort erfährt man fast nichts. Der Vater kommentiert, dass Holger in Briefen für seine gute Rechtschreibung und sein mathematisches Können gelobt und für das Herumspielen mit Werkzeug kritisiert wurde. Außerdem habe sein Sohn „Ich bin gerne hier“ unter die Briefe geschrieben (S. 14).
Da hier auch von „Briefen“ die Rede ist, bestätigt dies meine Vermutung, dass der Aufenthalt länger dauerte. Für ein sechs Jahre altes Kind ist das, egal was nun der Vater dazu kommentiert, eine große Belastung, so weit weg in der Fremde und getrennt von der Familie zu sein.

Der Vater ist eine zentrale Figur in dem Buch. Er stand zu seinem Sohn, auch, als dieser Terrorist und inhaftiert wurde. Es scheint eine doch starke Bindung zwischen Vater und Sohn gegeben zu haben. Fakt ist aber auch, dass der Vater nichts über die Erziehung und den familiären Alltag Preis gibt. Wir wissen schlicht nicht, wie die Eltern konkret mit ihren Kindern umgingen und ob und wenn ja wie Strafen ausgeführt wurden.

Ein Sachverhalt sticht in dem Buch ins Auge: Der Vater überstrahlt alles, die Mutter dagegen bleibt fast gänzlich unerwähnt und ausgeblendet. Dies liegt wohl an folgendem Sachverhalt:
Die Nachbarn kannten Holger alle. Drüben bei Meyers war er fast wie ein halber Sohn, nachdem meine Frau verstorben war. Sie war nervenkrank gewesen, darum hatten wir eine Wohnung im Grünen“ (S. 16).

Was genau sich an psychischer Krankheit hinter dem Wort „nervenkrank“ verbirgt, bleibt unsere Fantasie überlassen. Fest steht aber, dass die Mutter auch alleine für die Kinder sorgte, so z.B. im Sommer, wie oben zitiert. War die Mutter schon damals "nervenkrank" und wenn ja, was erlebten die Kinder mit einer „nervenkranken“ Mutter?

In dem Buch „Starbucks - Holger Meins: Ein Porträt als Zeitbild“ fällt mir besonders ins Auge, dass die Sozialisation und Kindheit von Holger Meins als möglichst normal und freundlich dargestellt wird. Das Buch an sich ist sehr tendenziell und sympathisiert deutlich mit linken Ideen und den damaligen Akteuren. Der Staat, der die Isolationshaft der RAF-Häftlinge verantwortete, erscheint dagegen tendenziell als Gegner. Das Buch erscheint eher als Denkmal für Holger Meins.

Wie auch immer: Trotzdem konnte ich so einige Informationen über die Kindheit von Holger Meins herausziehen. Es wird sehr deutlich, dass Holger sehr belastet aufgewachsen ist.

Freitag, 25. Oktober 2019

Kinder in Moria: "Da ist das Leben des Menschen doch vorbei"

Jeden Tag könnte man über das Leid von Kindern in der Welt berichten…

Ich selbst habe mich in diesem Blog vor allem auf das Thema Kindesmisshandlung fokussiert. Und ich habe das Gefühl, dass ich damit etwas Gutes tue, und ja, auch etwas bewirke.
Heute möchte ich auf die Situation von Kindern im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos hinweisen. Ich kann den Kindern dort nicht helfen, aber mir ist es ein tiefes Bedürfnis, kurz etwas dazu zu schreiben.

Jeder Europäer sollte diesen Bericht sehen: „Kinder in Moria: Auf dem Weg nach Europa | Exklusiv-Reportage aus dem völlig überfüllten Flüchtlingscamp auf Lesbos“ (ARD)

Die Lage dort ist katastrophal, vor allem auch für die Schwächsten, die Kinder. Ein Arzt berichtet, dass Kinder versuchen, sich umzubringen oder sich selbst Verletzungen zufügen. „Ihre Kindheit wird ihnen genommen“, sagt der Mann. Es gibt keine Schulen, keine Beschäftigung, keine Decken, keine Unterkünfte, keine Toiletten, keinen Schutz, zu wenig Essen und und und.

Am Ende des Berichts fragt ein Mädchen eine Reporterin, die sich in das Lager hineingeschmuggelt hat: „Wie lange müssen wir hier noch bleiben?“ Die Reporterin antwortet: „Was schätzt Du denn?“ „Ich frage Sie doch!“, sagt das Mädchen. „Vielleicht ein Jahr“, antwortet die Reporterin. Das Mädchen überlegt eine Weile und sagt: „Da ist das Leben des Menschen doch vorbei

Ich bin dafür, dass zumindest alle Familien mit Kindern nicht länger als eine Woche in solchen Lagern leben sollten! Zumal wir hier von europäischem Boden sprechen. Wenn wir dies wollten, könnten wir dies auch leisten!

Das wäre - neben den menschlichen Aspekten - auch Prävention! Denn wenn diese Kinder irgendwann in andere europäische Länder überführt werden (nicht Wenige auch nach Deutschland) und dort aufwachsen, dann muss es im Interesse der Aufnahmeländer sein, dass diese Kinder möglichst wenig traumatische Erfahrungen gemacht haben. Ansonsten haben die Aufnahmeländer später weit mehr Probleme, als wenn jetzt investiert würde. Die möglichen Folgen von Traumatisierungen im Kindesalter habe ich hier im Blog jahrelang ausführlich behandelt. Das Handeln der EU, gerade bezogen auf die Kinder, die als Flüchtlinge kommen, macht also keinen Sinn. Es wäre viel günstiger, jetzt und sofort zu helfen, als Traumatisierungen durch diese Lager systematisch zu fördern. Was wir heute an Leid gegen Kinder zulassen, kommt übermorgen auf uns zurück.

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Terror von Links - Kindheit von Stefan Wisniewski


Der ehemalige RAF-Terrorist Stefan Wisniewski wurde am 08.04.1953 geboren. Wenig später, am 9. Oktober 1953, starb sein Vater im Alter von nur 27 Jahren an einer Nierenentzündung. Die Krankheit, davon ging Stefans Mutter aus, sei Folge der Zeit im Konzentrationslager. Während des Krieges war Stefans polnischstämmiger Vater von den Deutschen verschleppt und interniert worden. Die Mutter bemühte sich um Wiedergutmachung und finanzielle Hilfen, aber vergebens (Krall, 2007).

Geboren wurde Stefan in Klosterreichenbach, einem Dorf im Schwarzwald. Angst habe ihn und seine Familie begleitet. In der Umgebung wohnten damals viele ehemalige SS- und SA-Männer. Die Geschichte des Vaters musste geheim bleiben (Hengst & Schwabe, 2007).

Später scheint es massive Probleme mit Stefan gegeben zu haben: „Als Stefan wieder einmal aus der Schule weggelaufen war, bat Gisela bei Pädagogen um Rat. Es waren Pädagogen der Jugendhilfe. Sie rieten ihr, den Sohn ins Heim zu geben. `Dort landet er früher oder später sowieso`, sagten die Pädagogen. Stefan war ein Jahr im Heim. (…) Heimleiter war ein Pastor, ein stämmiger Mann mit feistem Gesicht und starken Fäusten. Der Pastor vergab an jeden drei Zensuren pro Woche: für Arbeit, Unterricht, Betragen. Hatte man nur eine einzige Sechs darunter, verbrachte man das Wochenende im Isolationsraum. Dort gab es zwei Bretter. Ein niedriges zum Sitzen, ein höheres, um Arme und Kopf aufzustützen“  (Krall, 2007).
Die „starken Fäuste“ des Heimleiters werden in dem zuvor zitierten Text mehrmals erwähnt und hervorgehoben. Ich deute dies dahingehend, dass der Heimleiter auch – neben der psychischen Gewalt - körperliche Gewalt gegen Stefan angewandt haben könnte.

Siebenmal flüchtet Stefan aus dem Heim, innerhalb eines Jahres. „Die Polizei bringt ihn immer wieder zurück“ (Hengst & Schwabe. 2007).

Verwendete Quellen: 

Hengst, B. & Schwabe, A. (2007, 23. April): Stefan Wisniewski. Wie aus einem Provinzler die Furie der RAF wurde. Spiegel-Online.

Krall, H. (2007, 27. April): „Stefan Wisniewski, Sohn eines Zwangsarbeiters“. Welt-Online.