Sonntag, 18. April 2021

"Generation Allah" von Ahmad Mansour - Seine eigene Kindheitsgeschichte als Fallbeispiel für Radikalisierungsprozesse

 "Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen" (2015: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. Kindle E-Book Version) von Ahmad Mansour stand schon seit langer Zeit auf meiner Lesewunschliste. Jetzt endlich habe ich das Buch gelesen. 

Ich will hier keine komplette Rezension verfassen, sondern einige wesentliche Zeilen herausfischen und vor allem auch die Kindheitsbiografie des Autors selbst besprechen. Denn Mansour radikalisierte sich als junger Mensch islamistisch und wurde Teil der Muslimbruderschaft.

Seit Jahren arbeitet Mansour als Psychologe in der Extremismusprävention und hilft Menschen beim Ausstieg aus der radikalen Szene. Sein Buch ist also ein Mix aus Autobiografie (als greifbares Fallbeispiel, das ihn gleichzeitig zum Experten macht), psychologischem und pädagogischem Fachwissen und Praxisanleitung für Extremismusprävention. Ein wirklich gutes Buch!

Ich wusste bereits, dass der Autor als Kind belastet war und dass dies das Fundament für seine damalige Radikalisierung legte. Die vielen (schweren) Belastungen und Traumatisierungen, die er bzgl. seiner Kindheit schildert, haben mich allerdings doch ziemlich überrascht, damit hatte ich nicht gerechnet. Wobei seine Kindheitsbiografie wohl auch stellvertretend für viele andere palästinensische Kinder steht, die in einer Krisenregion aufwachsen müssen. 

Seine Eltern und Großeltern waren schwer belastet, wahrscheinlich auch traumatisiert. Krieg, Leid und Flucht hatten ihr Leben geprägt. Dazu kamen weitere Belastungen, wie Zwangsheirat seiner Großmutter und ihre Erfahrungen mit häuslicher Gewalt. "Die Erwachsenen, deren eigenes Leben von so viel Entbehrungen geprägt war, haben zu dieser Zeit nicht viel Rücksicht auf die Bedürfnisse von Kindern genommen. Kinder hatten nichts zu sagen. Sie störten. Und sie sollten möglichst schnell in der Lage sein zu arbeiten" (Kapitel: Wie ich Islamist wurde, Position 532).

Eltern und Großeltern hätten zudem kein Interesse daran gehabt, dass die Kinder eigenständig denken. Dazu kam eine tiefe Tabuisierung von Sexualität. Das ganze noch gepaart mit starkem elterlichen Leistungsdruck und hohen Erwartungen. Ahmad wurde von seinen Großeltern, die sehr präsent in seiner Kindheit waren, nicht ernst genommen und sollte vor allem gehorchen. Aber: Es gab auch glückliche Momente mit ihnen, scheibt er. Inkl. liebevoller Pflege, wenn er mal krank war. "Vermutlich waren es diese positiven Erfahrungen, die mir später die Kraft gegeben haben - anders als vielen Jungen aus meinem Umfeld -, den radikalen Irrweg wieder zu verlassen" (Kapitel: Wie ich Islamist wurde, Position 548).  Das ist in der Tat ein ganz wesentlicher Punkt, den er erwähnt: Positive Ausgleicherfahrungen stärken die psychischen Abwehrkräfte. Ich würde noch ergänzen, dass auch seine offensichtlich hohe Intelligenz einen Beitrag leistete. 

Seine Großmutter habe ihn als Kind häufig mit Gruselgeschichten z.B. über Untote geängstigt. Dies hätte zum Sinn gehabt, Gehorsam zu erzeugen. Mansour erwähnt auch Bestrafungen, die die Großmutter ausübte, geht aber nicht in Detail. Vor allem sein Vater wird als Strafender erwähnt (aber Gewalt, so deutet es sich an, scheint auch allgemein Bestandteil seines Alltags gewesen zu sein):
"Feste Bestandteile der Erziehung waren zudem Strafe und Gewalt. Ich glaube nicht einmal, weil meine Eltern wirklich überzeugt davon waren, sondern aus Überforderung. (...) Mein Vater kam (...) nach oben und gab den Ärger, den Druck an mich weiter. Bis ich zehn oder elf war, habe ich fast täglich körperliche Gewalt erlebt" (Kapitel: Wie ich Islamist wurde, Position 579). Auch die Lehrer in der Schule schlugen zu. Hinzu kam Mobbing durch Gleichaltrige. 

In der frühen Kindheit - er war ca. 1 Jahr alt - kam ein weiteres Trauma hinzu: Der Großvater mütterlicherseits wurde überfallen und angeschossen, er starb einige Monate später. Dies bedeutete für Ahmad eine lange Phase der mütterlichen Abwesenheit (sowohl physisch als auch emotional). 

Als 14-Jähriger erlebte er Bombenangriffe mit, nie wieder habe er in seinem Leben eine solche Angst verspürt. 

Ein Imam aus seiner Schule wurde dann auf Ahmad aufmerksam, der Imam wurde zur Vaterfigur für den Jungen und gab ihm Anerkennung. Und natürlich sollte und wollte Ahmad seinen Koranunterricht besuchen. Auch dort fühlte sich Ahmad aufgehoben und traf Gleichaltrige, die ihn anerkannten. Die Radikalisierung nahm ihren Lauf...

Nun fasst der Autor in einigen Zeilen ganz zentrale Erkenntnisse zusammen:
"Was ich erlebt habe, ist eine ganz typische Entwicklung, auf die ich auch in meiner Arbeit mit Jugendlichen immer wieder treffe. junge Menschen, denen es auf Grund ihrer Erziehung und des schulischen und sozialen Umfeldes nicht möglich war, eine stabile Persönlichkeit zu entwickeln, die unsicher sind, sich als ausgestoßen empfinden, sind dankbar und empfänglich, wenn sich plötzlich jemand für sie interessiert und ihre Bedürfnisse nach Anerkennung und Aufgehobensein erfüllt. Fatal ist, dass das, was eigentlich die Familie, die Schule und die Mehrheitsgesellschaft tun sollte, oftmals von den falschen Menschen übernommen wird, den Verführern. Denn in dem Moment, in dem den Jugendlichen dämmert, worauf sie sich eingelassen haben, ist es meist schon zu spät. Viel zu tief sind sie dann schon in ihr neues Umfeld verstrickt" (Kapitel: Wie ich Islamist wurde, Position 590)

Noch etwas kam in seinem Fall hinzu: Er konnte nun in direkte Konfrontation mit seinen Eltern gehen, sich über sie stellen, sie belehren, ihnen sagen, sie seien keine richtigen Muslime usw. Die gleiche Dynamik passierte in der Schule, das neue Auftreten brachte dem gemobbten Kind Respekt.  

Das muss ein wirklich "gutes" Gefühl für den misshandelten und vernachlässigten Jungen gewesen sein. Und ist es nicht genau das, was wir so oft bei Islamisten sehen? Dieses Bedürfnis nach dem über den Anderen stehen, nach der einzigen, überlegenen Wahrheit? Die radikal ausgelegte Religion verleiht Sicherheit, Selbstbewusstsein, Orientierung und Größe. Die radikale Gruppe bietet Geborgenheit, Anerkennung und Familienersatz. Gleichzeitig bietet die Ideologie eine Opfererzählung und Opferinszenierung: Wir sind das Opfer von XY, dort sind also unsere Feinde, wir müssen uns wehren und behaupten

Dem fehlenden Urvertrauen, das durch ungünstige Bedingungen in der Kindheit bedingt ist, widmet der Autor ein eigenes Unterkapitel unter gleichnamigen Titel. Diese Prägungen machen Menschen empfänglich für radikale Verführer. 

Der Autor fasst wunderbar und eindringlich zusammen:
"Von der paradiesischen Verheißung bis zur rigorosen Härte korreliert das salafistische Gott-Phantom mit den Sehnsüchten und Nöten, die Resultate einer dysfunktionalen, oft traumatischen Erfahrung in der frühen Kindheit sind. Es ist ein großes kompensatorischen Angebot an die beschädigte Psyche."(Kapitel: Über-Ich, Position 1283).

Im Buchverlauf stellt der Autor - neben seinem eigenen - 3 weitere Fallbeispiele ausführlich vor. Auch hier finden sich diverse Problemlagen und Belastungen in Kindheit und Familie. Außerdem hat er eine sehr gute Zusammenfassung von Präventionsansätzen aufgestellt. Vor allem der Punkt "In Elternarbeit investieren" gefällt mir besonders gut!

Fazit: Das Buch eröffnet Innansichten bzgl. dem Weg in die Radikalisierung, mit Tiefgang. Die Erkenntnisse des Autors decken sich mit der Forschungslandschaft bzgl. der Ursachenketten von Extremismus. Dass Mansour zentriert auf Kindheit und Trauma den Blick richtet, hebt sein Buch allerdings besonders hervor! In vielen anderen Veröffentlichungen findet sich oftmals nicht eine solche Deutlichkeit (davon abgesehen, dass viele Bücher über Extremismus gar nicht auf Kindheitserfahrungen eingehen). 

Donnerstag, 15. April 2021

Kritik an der Sendung: "Der kleine Diktator - Wie der Vater den jungen Hitler prägte"

Der Titel der Sendung „FORUM“ ist recht eindrucksvoll: „Der kleine Diktator - Wie der Vater den jungen Hitler prägte“ (SWR2, 13.4.2021)

Gregor Papsch diskutiert in der Sendung mit Prof. Dr. Wolfram Pyta (Historiker), Prof. Dr. Roman Sandgruber (Historiker) und Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig (Philosophin). Alle 3 geladenen Gäste haben jeweils ein Buch über Adolf Hitler geschrieben. Anlass für die Runde ist die neue Hitlerbiografie von Sandgruber unter dem Titel „Hitlers Vater. Wie der Sohn zum Diktator wurde“, auf die ich hier im Blog auch schon hingewiesen habe.  

Die Sendung ist für mich ein ganz und gar klassischer Fall, allerdings mit Fortschrittstendenzen. Was meine ich damit? 

„Klassisch“ ist die Sendung dahingehend, dass die traumatischen Kindheitserfahrungen von Adolf Hitler keine zentrale Rolle einnehmen und das trotz des Titels der Sendung, die ja eigentlich einen Schwerpunkt auf das Vater-Sohn-Verhältnis legt. Der Titel der Sendung und der gezielte Blick auf den Vater ist im Prinzip schon ein Fortschritt, vor allem im Vergleich zu vielen anderen Beiträgen aus der Wissenschaft, die sich mit Hitlers Werdegang befassen. 

Ein deutlicher Fortschritt ist auch, dass Sandgruber auf den strengen und gewalttätigen Vater Hitlers und auch die vielen Todesfälle in der Familie hinweist. (Ich hatte in meinen Blogbeitrag über Sandgrubers Buch ja auch betont, dass endlich einmal ein Historiker ganz klar hervorhebt: Ja, dieser Mann ist als Kind schwer und oft geschlagen worden und es gibt derart viele Belege dafür, dass es da auch keine Zweifel gibt.) „Klassisch“ ist aber auch in dieser Sendung wiederum, dass diese Belastungen zwar erwähnt werden, sie aber nicht breiter aufgegriffen und diskutiert werden. Man wendet sich schnell wieder anderen Sach-Bereichen zu, die dann ausführlich besprochen werden. Es wird auch nicht ausgesprochen, dass Hitlers Kindheitserfahrungen traumatisch waren. Das Wort „Trauma“ fällt in der Runde nur einmal und zwar durch den Moderator. Er sagt: „Adolf Hitler hat alles getan, um seine Herkunft, die Geschichte seiner Eltern, seiner Großeltern und anderer Verwandtschaft zu verbergen oder umzuschreiben. Waren ihm sein Herkunft, die Provinzialität bis hin zu zur Sprache, peinlich, ist ihm ein Trauma geblieben?“ 

Warum wird diese Frage in Bezug auf die Verwandtschaft und deren Stellung in der Gesellschaft gestellt, aber nicht in Bezug auf das reale Grauen, dass Hitler als Kind erlitten hat? Am Ende der Sendung wird von Frau Zehnpfennig hervorgehoben, dass Einflüsse durch genetische Anlagen und Umwelt/Sozialisation immer spekulativ seien. Man solle sich daher mehr auf das Denken von Hitler konzentrieren, weil dies auch deutlich belegbar sei. Und Sandgruber betont in seinem Schlusswort:
Es sind noch viele viele offene Fragen, die für mich da sind, wo man also einerseits historisch, andererseits natürlich auch philosophisch erklären könnte.“ 

Das ist wahrscheinlich das ganze Grundproblem: In solchen Sendungen (wie auch in vielen anderen Medienbeiträgen oder Wissenschaftsveröffentlichungen) werden i.d.R. keine Traumaexperten, Kinderpsychologen oder Psychohistoriker eingeladen, sondern Historiker, Philosophen oder Politologen. Hitlers Kindheitserfahrungen kann man nur, wenn man sich mit der Materie auskennt, als traumatisch bezeichnen. Kein Kind könnte nicht-traumatisiert aus einer solchen Kindheitsgeschichte hervorgehen! Das hat nichts mit Spekulation zu tun, sondern mit den belegten Fakten über seine Kindheit und psychologischem Fachwissen + Forschungen zu den Folgen von belastenden Kindheitserfahrungen.  

Der fehlende Wille, das fehlende Bewusstsein und die fehlende Zentriertheit in Öffentlichkeit, Wissenschaft und Medien auf Kindheitseinflüsse bzgl. gesellschaftlicher Phänomene ist für mich wiederum zentrale Antriebskraft, immer wieder etwas über diesen Bereich zu schreiben. Wenn es irgendwann ganz selbstverständlich sein sollte, dass Personen wie Hitler und auch gesellschaftliche Entwicklungen stets auch unter die Lupe der Traumaforschung kommen, dann kann ich in den "Ruhestand" gehen ;-). 

Dienstag, 13. April 2021

Neue Studie zeigt: IS-Terroristen sind extrem selten als Kind belastet. Warum dies nicht stimmen kann!

Überraschung: Ehemalige IS-TerroristInnen und IS-Anhänger gehören laut einer aktuellen Studie zu den Menschen, die in ihrer Kindheit weltweit verglichen am friedlichsten aufgewachsen sind! 

220 (davon 182 männlich) Überläufer, Rückkehrer und inhaftierte ISIS-Kader (Durchschnittsalter ca. 30) wurden zwischen 2015 und 2019 ausführlich befragt. Die große Mehrheit der Befragten hatten von Geburt an muslimische Hintergründe, nur 7,7 % der Befragten waren zum Islam konvertiert.

Diese Studie hat mich wirklich einige Nerven gekostet: 

Speckhard, A. & Ellenberg, M. D. (2020): ISIS in Their Own Words: Recruitment History, Motivations for Joining, Travel, Experiences in ISIS, and Disillusionment over Time – Analysis of 220 In-depth Interviews of ISIS Returnees, Defectors and Prisoners. Journal of Strategic Security, 13, no. 1: S. 82-127. DOI: https://doi.org/10.5038/1944-0472.13.1.1791

Im ersten Moment ließ die Studie mein Herz wirklich höherschlagen. Die Autorinnen weisen im Textverlauf darauf hin, dass sie 10 Fragen aus dem Adverse Childhood Experiences-Fragebogen verwendet haben. Hinzu kamen weitere Fragen zu Belastungen (z.B. Tod von Elternteilen, Familienkonflikte). Dies ist die erste mir bekannt Studie bzgl. islamistischen Terroristen, die systematisch die Adverse Childhood Experiences abgefragt hat. Ich wäre vor Spannung fast vom Hocker gefallen, als ich dies las. Allerdings wäre ich auch beinahe fast ein zweites Mal vom Hocker gefallen, nämlich als ich die Ergebnisse sah. Die Ergebnisse kann ich hier nochmals zusammenfassen: 

IS-TerroristInnen und IS-Anhänger gehören – dieser Studie nach - zu den Menschen, die in ihrer Kindheit weltweit verglichen am friedlichsten aufgewachsen sind. Herzlichen Glückwunsch, als Kind weitgehend unbelastete Menschen sind es also, die der Welt den Terror und all die Grausamkeiten beschwert haben, die wir während der Hochphase der IS-Herrschaft gesehen haben. 

Mir war sofort klar, dass hier etwas nicht stimmen kann! 

Ich bewege mich jetzt auf einem schmalen Grat. Ich bin kein institutionell eingebundener Wissenschaftler und muss daher nicht „neutralisiert“ um den Brei herumreden. Aber, ich habe sehr hohe Ansprüche an meine Arbeit und Recherchen, die möglichst wissenschaftlichen Kriterien standhalten sollen. Wer meine Arbeit kennt und verfolgt, könnte jetzt schnell zu dem Schluss kommen, dass ich solche Ergebnisse wie aus dieser Studie einfach nicht anerkennen WILL, weil sie nicht der Richtung entsprechen, die ich stets finde, bespreche und verbreite. Diese Schlussfolgerung wäre naheliegend, zugegeben. Ich meine allerdings, dass ich ziemlich gute Argumente dafür habe, warum die Ergebnisse bezogen auf die Kindheitserfahrungen der Terroristen und Terroristinnen nicht stimmen können. Diese werde ich gleich vortragen. 


Hier zunächst die Ergebnisse. Jeweils in Klammern habe ich die ACE-Werte für die erwachsene Durchschnittsbevölkerung der USA (Studie: Prevalence of Adverse Childhood Experiences From the 2011-2014 Behavioral Risk Factor Surveillance System in 23 States) und für Deutschland (Studie: Prävalenz und Folgen belastender Kindheitserlebnisse in der deutschen Bevölkerung) und ergänzend die Ergebnisse einer Studie von jungen Erwachsenen (meist Studierende) im Irak (Adverse childhood experiences and their relationship to gender and depression among young adults in Iraq: a cross-sectional study) aufgeführt. Warum, werde ich gleich erläutern. 


ACE-Werte der IS-Akteure:

Emotionale Misshandlung: 0 % IS-Männer, 7,9 % IS-Frauen

(USA: 34,42 % Männer/Frauen; Deutschland: 12,5 % Männer/Frauen; Irak (nur junge Erwachsene): 6,27 % Männer/Frauen)


Körperliche Misshandlung: 1,7 % IS-Männer, 7,9 % IS-Frauen

(USA: 17,94 % Männer/Frauen; Deutschland: 9,1 % Männer/Frauen; Irak (nur junge Erwachsene): 17,21 % Männer/Frauen)


Sexuelle Misshandlung: 0 % IS-Männer, 2,6 % IS-Frauen

 (USA: 11,6% Männer/Frauen; Deutschland: 4,3 % Männer/Frauen; Irak (nur junge Erwachsene): 7,52 % Männer/Frauen) 


Emotionale Vernachlässigung: 1,7 % IS-Männer, 0 % IS-Frauen 

(USA: keine Angaben; Deutschland: 13,4 % Männer/Frauen; Irak (nur junge Erwachsene): 19,2 % Männer/Frauen)


Körperliche Vernachlässigung: 0 % IS-Männer, 0 % IS-Frauen 

(USA: keine Angaben; Deutschland: 4,3 % Männer/Frauen; Irak (nur junge Erwachsene): 19,8 % Männer/Frauen)


Miterleben von Häuslicher Gewalt: 1,7 % IS-Männer, 5,3 % IS-Frauen 

(USA: 17,51 % Männer/Frauen; Deutschland: 9,8 % Männer/Frauen; Irak (nur junge Erwachsene): 16,54 % Männer/Frauen)


Suchtmittelmissbrauch in der Familie: 1,7 % IS-Männer, 7,9 % IS-Frauen 

(USA: 27,56 % Männer/Frauen; Deutschland: 16,7 % Männer/Frauen; Irak (nur junge Erwachsene): 3,24 % Männer/Frauen)


Psychisch kranke Familienmitglieder: 2,2 % IS-Männer, 0 % IS-Frauen 

(USA: 16,53 % Männer/Frauen; Deutschland: 10,6 % Männer/Frauen; Irak (nur junge Erwachsene): 8,23 % Männer/Frauen)


Trennung oder Scheidung der Eltern: 8,8 % IS-Männer, 21 % IS-Frauen 

(USA: 27,63 % Männer/Frauen; Deutschland: 19,4 % Männer/Frauen; Irak: keine Angaben)


Inhaftierte Familienmitglieder: 1,1 % IS-Männer, 5,2 % IS-Frauen 

(USA: 7,9 % Männer/Frauen; Deutschland: 3,5 % Männer/Frauen; Irak: keine Angaben)


Wir sehen eindrucksvoll, dass die IS-TerroristenInnen in ganz wesentlichen Punkten weit unter den Durchschnittswerten der Bevölkerungen in den USA, Deutschland (wobei Deutschland bzgl. der ACE-Verteilung gerade auch bei den Gewaltbereichen schon zu den weltweit verglichen am besten dastehend Ländern gehört und somit hier ein Vergleich zu seinem Land aufgeführt ist, in dem Kinder weltweit verglichen sehr sicher aufwachsen) und dem Irak liegen. Für die Studie im Irak wurden zudem junge Erwachsene befragt, die meist Studierende waren. Diese Bevölkerungsgruppe ist vermutlich deutlich weniger belastet, als z.B. die einfach, ländliche Bevölkerung ohne große Bildungshintergründe im Irak (darauf deuten ergänzend auch Ergebnisse aus den MICS-Studien von UNICEF hin, die ein sehr hohes Ausmaß von körperlicher Gewalt gegen Kinder im Irak fanden: 63 % aller Kinder im Irak erleben demnach innerhalb von 4 Wochen körperliche Gewalt im Elternhaus; besonders schwere körperliche Gewalt erleben ca. 27 % aller irakischen Kinder). Trotzdem liegen die ACE-Werte der IS-Leute deutlich darunter. Dies kann alleine statistisch und von der Wahrscheinlichkeit her nicht sein! 

Was mich besonders stört ist, dass die Autorinnen keine Hinweise in diese Richtung geben. Sie stellen ihre Ergebnisse bzgl. der ACEs nicht in Frage und sie setzen sie auch nicht ins Verhältnis zur Allgemeinbevölkerung. 

Besonders auffällig ist auch, dass die männlichen IS-Leute deutlich weniger Belastungen angeben (in 7 von 10 ACE-Bereichen), als die weiblichen. Die meisten Studien über Kindesmisshandlung belegen z.B., dass Jungen häufiger körperlich misshandelt werden, als Mädchen. Bei den IS-Leuten gaben 1,7 % der Männer und 7,9 % der Frauen an, als Kind körperlich misshandelt worden zu sein. Diese Zahlen sind sowohl im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, wie auch bzgl. der Verteilung dieser Belastung bei den Geschlechtern absolut unwahrscheinlich. Es liegt also die Vermutung nahe, dass sich gerade die IS-Männer bzgl. kindlicher Belastungen besonders ausgeschwiegen haben. 

Der Blick auf die Methodik der Studie zeigt allerdings schnell die Schwächen auf, die meiner Auffassung nach mit dazu führen, dass hier falsche Ergebnisse zu Tage kommen. 

In der Einführung schreiben die Autorinnen zunächst: „All three groups of ISIS insiders (prisoners, defectors, and returnees) are often reluctant and fearful about giving interviews“ (S. 83). Was es sehr schwer machen würde, diese Leute zu erreichen. Trotzdem haben die Autorinnen 220 Befragte in ihrem Sample. Dies wird sie viel Mühe und Zeit gekostet haben. Trotzdem möchte ich den zitierten Satz aufgreifen. Diese IS-Leute waren zeitlich noch nah an ihren Erlebnissen während der Terrorherrschaft des IS dran und natürlich spielte Angst eine Rolle im Hintergrund und auch noch in ihrem aktuellen Leben. Was auch der nachfolgend zitierte Satz deutlich macht: „All of the interviews touched on highly traumatic material and often required psychological expertise to support the individual to continue speaking about painful events that were difficult to discuss“ (S. 85). Die Autorinnen betonen gleich im Anschluss an diesen Satz, dass sie beide sehr qualifiziert für diese Befragungen seien, sowohl was Erfahrung mit der Befragung von Terroristen (inkl.  der Arbeit mir Übersetzern) angeht, als auch bezogen auf ihre psychologische Qualifikation. Insofern seien die Interviews auch relativ reibungslos verlaufen und die Befragten hätten sich geöffnet.

Ich habe da meine Zweifel. Und zwar auf Grund der nachfolgend erläuterten Rahmenbedingungen:

Die Interviews wurden in der Türkei, Irak, Syrien, auf dem Balkan, in Europa und Zentralasien durchgeführt. Die Befragten stammen aus 35 verschiedenen Ländern und repräsentieren 41 verschiedene ethnische Hintergründe. Die Interviews wurden i.d.R. in Gefängnissen, Lagern, Verhörräumen oder Büros geführt. In mehr als der Hälfte der Fälle musste ein Übersetzer dabei sein. Die Interviews wurden auf Video oder per Audio aufgenommen. Die Interviews dauert im Schnitt 1,5 Stunden. In manchen Fällen wurden die Interviews gestört, weil Leute in den Raum kamen. In Gefängnissen und Lagern wären i.d.R. Wärter im Raum verblieben. Überläufer hätten sehr um ihre Sicherheit gefürchtet und suchten einen sehr privaten Rahmen für das Interview, was wiederum mehr Unsicherheit für die Interviewer bedeutete. Die Interviews begannen stets mit Fragen über die Kindheit.

Alle diese Sachverhalte machen es für mich mehr als nachvollziehbar, warum diese Leute – so meine These - ihre Kindheit beschönigt bzw. belastende Ergebnisse nicht angegeben haben.

Schon den Durchschnittsbürger kostet es viel Überwindung, offen seine Kindheitserfahrungen darzulegen. Hier haben wir es mit Tätern und Täterinnen zu tun, die oft noch in einem für sie unsicheren Rahmen festsaßen (ob nun z.B. im Gefängnis oder als versteckter Überläufer). Dazu kam, dass das Gesagte aufgezeichnet wurde. Dazu kam, dass oft Dritte anwesend waren (Übersetzer, Wächter, Sonstige). Dazu kam, dass viele dieser Leute an sich durch ihre IS-Zeit traumatisiert waren, was die Autorinnen im Verlauf der Studie aufzeigen. Dazu kam, dass noch kein langer zeitlicher Abstand zwischen der Mitgliedschaft im IS und dem Interview da war. Dazu kam, dass die Mehrheit der Befragten Männer waren. Männer, die sich einer mittelalterlichen Ideologie wie der des IS angeschlossen hatten. Zu dieser Ideologie gehörte die systematische und starke Entwertung von Frauen und die Überhöhung alles männlichen. Anne Speckhard und Molly D. Ellenberg (die Autorinnen und Feldforscherinnen der Studie) sind beides westliche Frauen. Warum sollten diese IS-Männer gerade gegenüber diesen beiden Frauen ihre intimsten und größten Schwächen, ihre geheimen Kindheitstraumata offenbaren? Warum?
Nóch dazu, wo alles aufgezeichnet wurde, noch dazu, wo oft Dritte im Raum waren. Noch dazu, obwohl ihr eigenes Schicksal oft noch gar nicht geklärt und gesichert war und sie nicht wissen konnten, wie diese Daten verwendet werden. Zu all dem wurden die Interviews auch noch mit den Fragen zur Kindheit begonnen. Besser wäre es gewesen, diese Fragen im Schlussteil des Interviews unterzubringen, nachdem die Interviewten etwas erschöpft sind und weniger nachdenken und – ganz wichtig – nachdem sie vielleicht etwas Vertrauen gewinnen konnten. 

Bzgl. der ACE-Werte wäre es wohl deutlich sinnvoller gewesen, diese per Fragebogen abzufragen, nicht durch persönliche Interviews. In den persönlichen Interviews hätte man dann noch die Chance gehabt, um die IS-Leute nach Episoden aus ihrer Kindheit und Erfahrungen mit ihren Eltern zu befragen, um das Bild zu ergänzen bzw. abzugleichen. Vom Gefühl her würde ich sagen, dass ein sicherer Rahmen auch eine wesentliche Voraussetzung dafür gewesen wäre, dass die Wahrheit über die Kindheit berichtet wird. In einem Gefängnis in einem nicht wirklich demokratischen Land, würde ich keine absoluten Wahrheiten von Befragten erwarten, zumal, wenn es um die größten Schwächen geht. 

Insofern fasse ich zusammen: Ich bin wirklich enttäuscht von dieser Studie. Aber: Ich habe die Hoffnung, dass die Forschenden zukünftig weitere ACE-Befragungen von Extremisten und Terroristen durchführen. Sie sollten sich aber vorher mit den ganzen Problemlagen solcher Befragungen befassen. Meine eigenen Recherchen haben auch immer wieder gezeigt, dass solche Leute ihre Kindheit gar nicht "anfassen" wollen oder sie einfach mit Sätzen wie „war alles normal“ „keine schlechten Kindheitserfahrungen“ (z.B. Anders Breivik) usw. abtun, obwohl ihre Kindheiten unfassbar traumatisch waren. 

Bevor man versucht, traumatische Kindheitserfahrungen abzufragen, muss man darum wissen, wie ungemein schwer es vielen als Kind traumatisierten Menschen fällt, über ihre Erlebnisse zu sprechen, Man muss zudem um Spaltungsprozesse wissen (viele Menschen können sich wirklich nicht an ihre schrecklichen Kindheitserfahrungen erinnern). Und muss im Hinterkopf haben, dass gerade grausame Täter (insbesondere die männlichen Exemplare) nach außen Stärke und absolute Macht demonstrieren wollen. „Schwächen“ abzufragen, gestaltet sich naturgemäß in solchen Fällen als äußerst schwierig. Hier wäre eine methodische Lösung u.a. die, dass man ergänzend und zum Abgleich Verwandte und Freunde über die Kindheiten dieser Leute befragt (ggf. auch Gerichtsakten einsieht), was natürlich den Aufwand deutlich erhöht hätte. 

Abschließend sei auf das Kapitel „11. Das Schweigen der Täter: Von der Schwierigkeit, die ganze Wahrheit über das erlebte Kindheitsleid zu erfahren“ in meinem Buch verwiesen, in dem ich mich ausführlich mit diesen Problemlagen befasst habe. 


Samstag, 10. April 2021

Studie über Einflussfaktoren für islamistische Radikalisierung

Für folgende Studie wurden 33 (davon 2 weiblich) in Deutschland straffällig gewordene Islamisten auf Grundlage von Gerichtsakten und ergänzend 4 Interviews mit Personen aus dem Sample analysiert: 

Srowig, F., Roth, V., Böckler, N. & Zick, A. (2017): Junge Menschen und die erste Generation des islamistischen Terrorismus in Deutschland: Ein Blick auf Propagandisten, Reisende und Attentäter. In: Böckler, N. & Hoffmann, J.: Radikalisierung und extremistische Gewalt: Perspektiven aus dem Fall- und Bedrohungsmanagement. Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt am Main, S. 101-117.


Das Autorenteam fasst zusammen: 

Über alle Fälle hinweg konnten eine Vielzahl von Konflikten in der Familie, in der Schule, bei dem Übergang in das Berufsleben, wie auch in Interaktion mit der Gruppe Gleichaltriger identifiziert werden. Die Konflikte lassen sich wie folgt aufschlüsseln: 

- Kritische Lebensereignisse, wie die Erkrankung oder der Verlust einer nahestehenden Person bzw. vergleichbare Krisensituationen

- Gewalterfahrungen als Opfer im Elternhaus

- Gewalterfahrungen als Täter

- Exzessiver Konsum von Drogen und Alkohol“ (S. 105)

Leider wurde nicht die genaue prozentuale Verteilung dieser Belastungsfaktoren aufgestellt. Fest steht, dass die genannten Belastungsfaktoren zentrale Gemeinsamkeiten der Islamisten sind. Ich möchte ergänzend erwähnen, dass ein exzessiver Drogen- und Alkoholkonsum laut Forschungslage vor allem von Menschen praktiziert wird, die ein hohes Maß an kindlichen Belastungen (Adverse Childhood Experiences) erlitten haben. Zusammen mit dem Punkt „Gewalterfahrungen als Opfer im Elternhaus“ sowie auch dem Verlust von Bezugspersonen zeigt diese Studie also eindeutig auf den Einfluss von Kindheitserfahrungen bzgl. Radikalisierungsprozessen. 

Im Anhang (S. 108-114) werden 3 Fallbeispiele vorgestellt, die ich kurz zusammenfasse: 

Frank: 

Frank wuchs mit 4 Stiefgeschwistern auf, die aus verschiedenen Beziehungen der Mutter stammen. Dies alleine deutet bereits auf eine von Beziehungsbrüchen geprägte Familiensituation hin. Die Kinder wurden oft alleine gelassen, weil die Mutter arbeiten musste. Frank hat in seinem Leben wenig Zuneigung erlebt und verfügt über ein geringes Selbstbewusstsein. Die Beziehungen im familiären Umfeld waren „durchgehend von Konflikten und körperlichen Auseinandersetzungen geprägt. Auch mit zunehmendem Alter versucht Frank nahezu alle inner- wie außerfamiliären Auseinandersetzungen mit Gewalt zu lösen (…)“ (S. 108). Ein Lebensgefährte der Mutter war aktiver Salafist. Dieser brachte Frank mit dem radikal ausgelegten Islam in Berührung. Frank konvertierte daraufhin in kurzer Zeit zum Islam. Auf Grund von Konflikten zog Frank zunächst zu seiner Stiefschwester. Auch hier kam es zu Konflikten, so dass er schließlich in eine Wohngruppe für Jugendliche unterkam. Auch die Wohngruppe musste er auf Grund seiner radikalen Einstellungen wieder verlassen und kam in einer anderen Gruppe unter. 

Rakim: 

Rakim kam als jüngstes von insgesamt 7 Kindern dieser türkischen Einwandererfamilie zur Welt. Die vielen Kinder werden vermutlich dazu geführt haben, dass die Eltern kaum Zeit und Aufmerksamkeit für Rakim hatten. In der Grundschulzeit fühlte sich Rakim durch Gleichaltrige ausgeschlossen. Während seiner Jugend oder Kindheit wurde beim Vater Krebs diagnostiziert. Der Vater starb schließlich, als Rakim 17 Jahre alt war, was für Rakim eine tiefe Lebenskrise bedeutete. 

Hassan: 

Die einzigen Infos über seine Kindheit sind die, dass er der jüngste Sohn eines deutsch-türkischen Ehepaares ist und nie schulische Probleme hatte. Insofern bleiben hier Fragezeichen bzgl. Belastungen. 


Samstag, 3. April 2021

"Listening to Killers" von James Garbarino

Das Buch „Listening to Killers. Lessons Learned from My 20 Years as a Psychological Expert Witness in Murder Cases“ von James Garbarino (2015, erschienen in University of California Press, Oakland) erinnert mich stark an die Arbeiten von James Gilligan und Jonathan H. Pincus. Garbarino hat wie Gilligon und Pincus langjährige Erfahrungen in der Arbeit mit und der Befragung von Mördern. Nach eigenen Angaben hat er mit über 50 Mördern gearbeitet (S. 22). Für viele weitere Mörder bekam er Einsicht in die Akten.

Seine Schlussfolgerungen gleichen ebenfalls denen von Gilligan und Pincus, was sich in einem Zitat eindrucksvoll zuspitzt: „Many of the killers I interview come from families so terrible that to call them `dysfunctional` would be a gross understatement“ (S. 110).

Viele der Mörder, mit denen der Autor gesprochen hat, seien emotional geschädigt. Und dies wäre nicht so, weil sie so geboren worden wären. „They are the way they are because of what they experienced as children and adolescents. Few of them would have walked the path in life that they have walked if they had been born into and grown up in stable, positive, loving, functional family. (…) Listening to these killers, I hear stories of physical, psychological, and sexual abuse (…). I hear stories of profound emotional deprivation, devasting rejection, and catastrophic abandonment. I hear stories of trauma, often with lifelong effects“ (S. 114f.) 

Fälle wie der von „Duke“ sind noch die harmloseren: Sein Vater verließ ihn in früher Kindheit. Seine Mutter war für ihn emotional nicht erreichbar. Seine Mutter wurde als Kind von ihrem Halbbruder vergewaltigt und neigte als Erwachsene sehr dem Alkohol zu, um ihr Trauma zu deckeln. Bis zum Alter von 10 Jahren schlief Duke im Bett seiner Mutter und wurde von Zeit zu Zeit auf das Sofa ausquartiert, wenn sie Männer empfing, um Sex mit ihnen zu haben. Manchmal nahm sie auch Geld für Sex. Dukes Schwester versucht sich einmal, das Leben zu nehmen; überall sei Blut gewesen. Seine älteste Schwester wurde ermordet, als Duke 7 Jahre alt war. Seine Mutter trichterte ihm danach ein, mit niemandem über den Mord zu sprechen. Er selbst blendete seine Gefühle aus und meint im Rückblick, dass er ihren Tod nicht wirklich registriert hätte. (S. 106) Duke brach später in das Haus einer älteren Frau ein, um Geld für seinen Sohn zu beschaffen. Die Frau hatte ihn überrascht. Er tötete sie daraufhin äußerst brutal auf eine Weise, die sonst nur so vorkommt, wenn Täter und Opfer in einer Beziehung zueinander stehen, was hier aber nicht der Fall war.

Die Kindheit von „Malcolm Jones“ gleicht einem reinen Alptraum. Er war das Opfer von langjährigen, schweren körperlichen, sexuellen und psychischen Misshandlungen. Zigaretten wurden auf ihm ausgedrückt. Er wurde wiederholt vergewaltigt. „He was treated like a piece of garbage“ (S. 58). Niemand war da, um ihm als Kind zu helfen. Als er 6 Jahre alt war, wurde er Zeuge eines Mordes in seinem Zuhause. Der Täter: sein Stiefvater. Garbarion fügt an: „Is it any wonder that Malcolm haunts me? He should haunt us all. Our society failed to protect him as a child and now there is hell to pay“ (S. 59).

Einen Fall fand ich besonders interessant, weil er – wie so viele andere Fälle auch – deutlich macht, wie schwer es manchmal ist, die ganze Wahrheit über die Kindheitshintergründe herauszubekommen. „Jane“ (eine Mörderin) und ihre gesamte Familie waren in die Gang-Kultur in L.A. involviert. Das alleine lässt erahnen, dass sie als Kind und Jugendliche vielfältigen Belastungen ausgesetzt war. Jane drohte vor Gericht die Todesstrafe. Garbarino hatte von ihrem Anwalt erfahren, dass sie als Kind über einen langen Zeitraum von ihrem Onkel mütterlicherseits sexuell missbraucht wurde. Jane wollte nicht, dass dies vor Gericht besprochen wird, weil auch ihre Mutter anwesend sein würde. Garbarino überredete sie, es doch zu tun; auch für ihre Tochter, die eine Mutter brauchen würde, die am Leben ist (auch wenn sie im Gefängnis sitzt). Sie war einverstanden. Sie wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Vermutlich gab der Bericht über die Übergriffe des Onkels den Ausschlag dafür.
Wäre die Situation eine andere gewesen und wäre es nicht um Leben und Tod gegangen (Todesstrafe drohte), vermutlich hätten die Beteiligten nichts von den Übergriffen erfahren bzw. diese wäre nicht in die Akten gekommen. Wie viele Täter verschweigen vor Gericht, was ihnen wirklich alles in der Kindheit widerfahren ist?

Eine Stelle im Buch hat mich an den Bericht von Jens Söring erinnert. Garbarino hatte einen Vortrag unter dem Titel „Untreated Traumatized Children and the Scary Men They Become“ über Gefängnisinsassen gehalten. Kerry May Cook, der über 20 Jahre im Gefängnis gesessen hatte, obwohl er die Tat nicht begangen hatte, kam danach auf ihn zu. Cook sagte: „Man, I spent twenty years with these guys and what you said is exactly what I observed“ (S. 56). 

Neben den Kindheitshintergründen befasst sich der Autor auch mit anderen Analyseebenen, die allerdings wiederum in die Sozialisation mit hineinspielen. Dazu gehört vor allem die Umgebung und Kultur, in der diese Mörder aufgewachsen sind. Viele wuchsen in einer Umgebung auf, die er als „War Zone“ bezeichnet. Sprich Gewalt oder das Beobachten von Gewalt gehörte für viele Mörder zu ihrem Alltag, zusätzlich zu dem Leid, dass sie in ihren Familien erlitten hatten.

Interessant fand ich auch, dass Garbarino wiederholt betont, dass manche Mörder wie Kinder im Gewand eines Erwachsenen erschienen. Oder besser gesagt: Dass das traumatisierte Kind in ihnen auch zum Ausdruck kam. So hatte sich z.B. ein Mörder den „Pink Panther“ auf seine Brust tätowieren lassen, sein Lieblings Stofftier aus seiner Kindheit (S. 48).
Oder der Fall „Danny“, ein derart bedrohlicher Mann, dass er vor Gericht von 6 Wachleuten begleitet wurde, weil man davon ausging, er könne gewalttätig werden. Garbarino fragte ihn, was er über sich erzählen könne, dass andere Leute sehr überraschen würde. Seine Antwort: „I cry myself to sleep at night“ (S. 1). Garbarino kommentiert: „Afterwards, I check out his story: he does. Inside this big, scary, dangerous man is a frightened and hurt little child“ (S. 1). 

Nachtrag: In einem Interview hat Garbarino berichtet, dass er Mördern i.d.R. ein Set von 10 Fragen zur Kindheit und traumatischen Erfahrungen vorlegt (bekannt unter "Adverse Childhood Experiences"-Fragebogen). Die Mörder berichten über ein extrem hohes Ausmaß an Belastungen (ACEs), das weit über dem der Allgemeinbevölkerung liegt: "When I ask these questions of guys in these murder cases, it's rare that you get anybody less than eight, (...) And it's very common to get nine or ten." (Weller 2015: 5 surprising lessons a psychologist learned from interviewing killers)



Montag, 29. März 2021

Rechtsextremismus. Kindheit von Ingo Hasselbach.

Die Kindheit des ehemaligen Neonazis Ingo Hasselbach - der von der taz einst „Führer des Ostens" genannt wurde -  weist diverse Belastungen auf, wie sie in ähnlicher Form häufig bei Extremisten zu finden sind. 

Meine Quelle dafür ist: Hasselbach, I. & Reiss, T.  (1996). Führer-Ex. Memoirs of a Former Neo-Nazi. Random House, New York.

Ingo ging aus einer Affäre seines damals verheirateten Vaters hervor. Ingos zunächst alleinerziehende Mutter hatte ihrem Sohn verschwiegen, wer sein Vater war. Dieser kam manchmal zu Besuch und war für ihn Onkel Hans.
Ingo wuchs in Ostberlin auf. Seine Mutter hat viel gearbeitet, so dass er seine ersten Lebensjahre meistens bei seinen Großeltern verbrachte (S. 5).

Als Ingo 4 Jahre alt war, heiratete seine Mutter erneut. Der Stiefvater war sehr autoritär und schlug den Jungen, meist wenn die Mutter abwesend war. Dafür benutzte er u.a. auch Gegenstände wie Gürtel oder Kleiderbügel. Ingo hatte Angst, seiner Mutter von den Schlägen zu berichten. Sein Stiefvater hätte meist ca. 2 Stunden Zeit gehabt, ihn zu terrorisieren, bevor die Mutter nach Hause kam. Wenn sie nach Hause kam, tat der Stiefvater so, als ob nichts passiert wäre. Er habe keinerlei Bindung zum Stiefvater gehabt (S. 7, 10, 12). Die Gewalt des Stiefvaters endete erst, als Ingo ca. 13 Jahre alt war, weil er ab dann zu groß war (S. 23). 

Ingos Mutter arbeitete weiterhin sehr viel, so dass Ingo von Montag bis Freitag in einem Heim untergebracht wurde, das 40 Meilen von der heimischen Wohnung entfernt lag. Ab Freitag wohnte er dann am Wochenende bei seiner Familie. In dem Heim sei es sehr streng zugegangen. Auch Strafen wurden vollzogen. Hasselbach berichtet, dass er damals häufig für eine Stunde in der Ecke stehen musste (S. 10). Seine Mutter bekam zwei weitere Kinder mit ihrem neuen Mann. Der Stiefvater habe seinen eigenen Sohn Jens stets bevorzugt.

Als Ingo fast 7 Jahre alt war, wurde er einmal sehr schwer vom Stiefvater misshandelt. Danach vertraute er sich seiner Großmutter an, mit der er in seinen ersten 12 Lebensjahren ein engeres Verhältnis hatte, als zu seiner eigenen Mutter. (Auffällig an sich ist, dass Hasselbach über die Beziehung zu seiner Mutter fast nichts berichtet!). Die Großmutter sagte ihm daraufhin, dass dieser Mann nicht sein echter Vater sei, dies wäre Onkel Hans. Ingo war daraufhin sehr erleichtert (S. 13). Allerdings erfährt man nichts davon, dass die Großmutter bzgl. der Gewalt interveniert hätte. Der Junge kam ab diesen Zeitpunkt zukünftig nur noch zum Schlafen nach Hause und mied seinen Stiefvater. Ingos Leben spielte sich auf der Straße oder in den Wohnungen anderer Leute ab. Letztere waren u.a. auch eine Gruppe von Hippies. 

In diesem Zusammenhang schreibt Hasselbach, dass er seine erste Freundin im Alter von 11 Jahren hatte. Seine "Freundin" war eine ca. 25 Jahre alte Frau aus der Hippie-Gruppe, mit der er dann auch Sex hatte. "I liked it a lot, and all the other hippies thought it was cute that I was sleeping with Elke. I was like a child for the whole group of them, their little hippie kid. Elke was like my mother or aunt, but my having sex with her didn`t strike anyone as strange" (S. 14). Auch wenn Hasselbach diese Erfahrungen beschönigt (was nicht selten in solchen Konstellationen vorkommt, gerade auch, wenn Jungen von Frauen missbraucht werden!), so ist dies eindeutig als sexueller Missbrauch zu bewerten. Der verlorene, vernachlässigte Junge war ein geeignetes Opfer dafür. Und seine Eltern hatten damals längst die Kontrolle über Ingo verloren. 

Ab dem 11. Lebensjahr wurde aus dem Jungen Stück für Stück auch ein Täter: Er fing häufig Schlägereien an (S. 20).
Weitere Belastungen kamen hinzu. Ingo hatte sehr strenge Lehrer an der Schule. Außerdem lebte er mit seiner Mutter und deren Mann in einem Viertel, in dem mehrheitlich Stasi-Mitarbeiter lebten. Dies hielt Ingo kaum aus. Er rebellierte immer mehr auch gegen den Staat und fand als Jugendlicher seinen Weg zu den Punks. in diesem Kontext verübte er immer wieder auch Gewalttaten, teils auch in schweren Formen (S. 21). 

Ab dem 13. Lebensjahr fing er an, diverse Substanzen zu schnüffeln. Auch Alkohol bestimmte zunehmend sein Leben, genauso wie Diebstähle. Auch die Polizei griff ihn immer wieder auf, genauso wie der Krankenwagen, weil er sich mit Alkohol vergiftet hatte (S. 23).

Später kam Ingo auf Anweisung der Jugendhilfe für einige Zeit zu seinem leiblichen Vater, der ihn dann aber schließlich rausschmiss. Der Weg vom Punk zum Neonazi verlief wohl fließend. Die Punkszene hatte sich Ende der 1980er Jahre gewandelt und die Skinheadkultur wurde zum Trend. Außerdem saß Hasselbach auch einige Zeit im Gefängnis und traf dort u.a. auf bekannte Altnazis, die ihn prägten. 

Ingo Hasselbach baute nach seinem Ausstieg aus der rechten Szene die Aussteigerorganisation EXIT mit auf.

Am 26.08.2020 wurde ein langes Interview mit Ingo Hasselbach veröffentlicht (Campus-Stream | "Wie wird man in der DDR zum Neonazi?"). Ulrike Bieritz (die Interviewpartnerin) fragte immer wieder nach, wie er in die Nazi-Szene hineingeraten ist. Auch das Elternhaus war kurz Thema. Während des über 1 Stunden langen Interviews ging Hasselbach nicht ein einziges Mal auf die o.g. Belastungen in seiner Kindheit ein. Die Zusammenhänge sind ihm entweder unangenehm oder er blendet sie aus. 

Was ich allerdings interessant in dem Interview fand, war folgende Aussage: "Natürlich hat es mit Leuten zu tun, die man trifft (...). Ich hab ja auch immer gesagt: Wären die Hare-Krishnas gekommen, wäre ich vielleicht mit denen mitgegangen" (Minute ca. 10:50). Die Austauschbarkeit der Ideologie, der Einfluss von zufälligen Begegnungen, beides Dinge, die ich so nicht das erste Mal bzgl. Extremisten lese. 


Freitag, 19. März 2021

Kindheit von Eric Rudolph (Bombenanschlag bei den Olympischen Spielen 1996)

Eric Rudolph verübte 1996 einen Bombenanschlag bei den Olympischen Spielen; zwei Menschen starben und über 100 wurden damals verletzt. 

Über seine Kindheit fand ich einige Schlüsselinformationen. Meine Quelle dafür ist:
Vollers, M. (2006): Lone Wolf. Eric Rudolph: Murder, Myth, and the Pursuit of an American Outlaw. Harper Collins, Sydney - Toronto - Auckland - London - New York (Kindle E-Book Version) 

Seine Eltern waren streng und legten viel Wert auf Disziplin. Es gab klare Regeln für die Kinder, wer dagegen verstieß, wurde geschlagen (S. 247f.). Die älteren Kinder hätten eine harte Zeit gehabt, vor allem Erics Bruder Damian, der schließlich die Familie verließ, als er selbst noch ein Teenager war. Eric hielt sich weitgehend an die Regeln, sagte seine Mutter später. „He was a smart cookie, and he avoided getting paddled because he knew what he was gonna get“ (S. 248) 

Eric selbst sagte später aus, dass er von seinen Eltern geschlagen wurde: „Rudolph said he was spanked and whipped as a boy, but not abused. He felt like today`s society wasn`t strict enough. ´Spare the rod and spoil the child`, said Rudolph.“ (S. 199). In diesen Zeilen steckt auch eine starke Identifikation mit dem Aggressor: Die Schläge und Peitschenhieb seien keine Misshandlung und wer die Rute schone verwöhne das Kind… Deutliche Worte!  

1981 starb sein Vater an Krebs. Die Erkrankung wurde wohl Ende der 1970er/Anfang der 1980er entdeckt und die Familie muss den Tod des Vaters auf sich zukommen gesehen haben, mit entsprechender Belastung für die Kinder. Eric war ca. 15 Jahre alt, als sein Vater starb, ein weiteres schweres Trauma. 

In der Schule kam Eric als Teenager nicht gut an. Vor allem seine politischen Überzeugungen (u.a. die Leugnung des Holocaust) machten ihn zu einer Randfigur. In der 9. Klasse ging er in der Stadt Homestead zu Schule, die mehrheitlich von schwarzen und hispanischen Schülern besucht wurde. Er bekam dort viele Probleme und wurde auch von Mitschülern verprügelt (S. 249). Seine Mutter nahm ihn dann schließlich aus der Schule. 

Aufschlussreich für mich ist, dass Eric Rudolph zur U.S. Army ging und eigentlich zu den Special Forces wollte, was allerdings misslang. In meinem Buch habe ich diverse Quellen besprochen, die Zusammenhänge zwischen destruktiven Kindheitserfahrungen und dem Weg zum Militär fanden (siehe ergänzend auch hier im Blog). Vor allem Elitesoldaten waren schwer als Kind belastet. Allerdings agieren diese Leute legal, denn sie sind ja Soldaten. Ihre Gewalt verläuft in „geregelten“ Bahnen. Die etwas provokante Frage ist, ob Eric Rudolph auch zum Attentäter geworden wäre, wenn er Elitesoldat geworden wäre? 

Zusammenfassend zeigt sich ein Bild über seine Kindheit und Jugend, das ich so sehr oft bei solcher Art von Tätern fand: Vor allem Mehrfachbelastungen fallen ins Auge. Insgesamt betrachtet hatte Eric Rudolph eine traumatische Kindheit. 

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siehe ergänzend auch einen Artikel in der New York Times: A Life Marked by Loyalty, Self-Sufficiency and Deep Hatred. Der Artikel zeigt deutlich auf, dass in dieser Familie so einiges nicht stimmte...


Samstag, 13. März 2021

Studie: Kindheitserfahrungen/Familie und rechtsextreme Einstellungen

Ich habe erneut eine sehr interessante Studie zum Thema Kindheit und Rechtsextremismus gefunden: 

Polis, Gesellschaft für Politik- und Sozialforschung (2001): Rechtsextremismus und Gewalt: Ergebnisse einer Repräsentativbefragung bei Jugendlichen. Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. 

Im Jahr 2000 wurden 1012 Jugendliche (14 bis 25 Jahre) repräsentativ für Nordrhein-Westfalen befragt. (Die Studie zeigte – nebenbei bemerkt – einen deutlichen Rückgang von Gewalterfahrungen im Elternhaus im Vergleich zur Vorgängerstudie aus dem Jahr 1993: Ohrfeigen gingen von 45 % auf 31 % zurück; häufiges Schlagen von 13 % auf 6 %.)

Ca. 8 % der Befragten zeigten rechtsextreme Einstellungen. Auffällig sind bezogen auf diese Gruppe vor allem Unterschiede bzgl. der Kindheitserfahrungen (Seite 175-177): 

So stimmten 9 % der rechtsextrem eingestellten Jugendlichen „voll und ganz“ der Aussage „Ich hatte eine glückliche Kindheit“ zu. Dagegen stimmten dieser Aussage 32 % aller Befragten zu. 

Solche Unterschiede finden sich auch bei anderen Aussagen („voll und ganz“!):

„Meine Eltern haben immer zu mir gehalten“: 29 % der rechtsextrem eingestellten Jugendlichen, dagegen 47 % aller Befragten. 

„Meine Eltern verstanden sich ausgesprochen gut“: 12 % der rechtsextrem eingestellten Jugendlichen, dagegen 29 % aller Befragten.

„Wenn ich Probleme hatte, waren meine Eltern für mich da“: 23 % der rechtsextrem eingestellten Jugendlichen, dagegen 47 % aller Befragten.

„Ich wurde als Kind von meinen Eltern oft gelobt“: 7 % der rechtsextrem eingestellten Jugendlichen, dagegen 22 % aller Befragten.

„Meine Eltern hatten nicht viel Zeit für mich“: 24 % der rechtsextrem eingestellten Jugendlichen, dagegen 7 % aller Befragten.

„Ich habe mich als Kind oft einsam gefühlt“: 15 % der rechtsextrem eingestellten Jugendlichen, dagegen 5 % aller Befragten.

„Wenn ich etwas angestellt habe, dann gab es schon mal Ohrfeigen“: 12 % der rechtsextrem eingestellten Jugendlichen, dagegen 6 % aller Befragten.

„Ich wurde als Kind oft geschlagen“: 6 % der rechtsextrem eingestellten Jugendlichen, dagegen 2 % aller Befragten.

„Ich wurde ziemlich streng erzogen“: 19 % der rechtsextrem eingestellten Jugendlichen, dagegen 8 % aller Befragten.

Außerdem fand die Studie diverse Unterschiede bzgl. Einstellungen/Ansichten oder persönlichen Gefühlen zwischen rechtsextrem eingestellten Jugendlichen und allen Befragten. Manche Aussagen verwundern wenig: Z.B. sagten nur 14 % der rechtsextrem eingestellten Jugendlichen, dass sie grundsätzlich gegen Gewalt seien, dagegen 53 % aller Befragten (S. 213). 

Insgesamt zeigt die Studie eindrucksvoll und überdeutlich, wie Kindheit und Familie politische Einstellungen prägen können.


Dienstag, 2. März 2021

Zwischeninfo: Blog, Twitter & zukünftige Entwicklung

 Ich spiele mit dem Gedanken, den Blog in eine Homepage zu überführen, innerhalb der ggf. ebenfalls eine Art Blogfunktion eingebaut ist. 

Mittlerweile habe ich derart viele Infos verarbeitet, dass ich manchmal selbst den Überblick verliere. Außerdem gibt es viele Texte, die aktualisiert gehören, z.B. über Hitlers Kindheit. 

Ich stelle mir auch eine bessere Struktur/Inhaltsangabe vor. Und ich stelle mir auch "wachsende" Texte vor, also Grundlagentexte, die wissenschaftlichen Standards entsprechen, aber stetig weiterentwickelt und ergänzt werden. Irgendwann würde ich dann auch mein Buch als eine Art "wachsenden Text" online stellen, aber das ist noch Zukunftsmusik. 

Auf Twitter habe ich innerhalb der letzten 12 Monate über 550 Beiträge produziert. Nun ist dort nicht alles Gold, was glänzt, aber auch hier sehe ich die Notwendigkeit, wichtige Dinge auch zu strukturieren bzw. aktuell zu halten, was auf Twitter nun einmal nicht möglich ist. Twitter ist auf jeden Fall vom zeitlichen Faktor her ein wichtiges Medium für mich: Es kostet deutlich weniger Zeit und Aufwand, dort Infos zu verbreiten, als über Blogbeiträge. 

Ich sehe in den letzten Jahren eine stetige Abnahme von Zitaten von oder Verweisen auf meinen Blog. Das finde ich schade, weil die Qualität nach meinem Eindruck zugenommen hat. Eine Homepage, die gut gestaltet ist, regt evtl. mehr dazu an, wichtige Infos auch zu verlinken. 

Nun, wir werden sehen. 





Montag, 1. März 2021

Hitler: Ein einst misshandeltes Kind. Deutliche Worte in einem neuen Buch

Immer wieder gab es Zweifel, Umdeutungen, Verharmlosungen oder es wurde gar ausgeblendet oder nur nebensächlich kurz erwähnt: Hitlers traumatische Kindheit. In einem neuen Buch findet der Historiker Roman Sandgruber deutliche Worte. Damit ist jetzt im Grunde alles gesagt. 

"Adolf Hitler war ein vom Vater unterdrücktes und geschlagenes Kind" (S. 209) 

Und: „Die Schläge, die wohl deutlich über das damals übliche Maß hinausgingen, sind von mehreren Seiten bezeugt: von den Nachbarn, aber auch von der Schwester Paula, der Halbschwester Angela und dem Halbbruder Alois, von dessen Sohn William Patrick und von seiner irischen Mutter Bridget. Auch das Hitler selbst später immer wieder darauf zu sprechen kam, darf man als Bestätigung sehen“ (S. 210).

Sandgruber, R. (2021). Hitlers Vater: Wie der Sohn zum Diktator wurde. Molden Verlag,  Wien - Graz (Kindle-E-Book Version). 


Freitag, 19. Februar 2021

3 Fallstudien über rechtsextreme Jugendliche

Es ist wirklich erstaunlich, dass ich nach all meinen Recherchen immer noch neue Forschungsarbeiten finde. Meine neue Quelle ist: 

Krall, H. (2007): Aggression und Gewalt bei rechtsextremen Jugendlichen — Perspektiven sozialpädagogischer Jugendarbeit. Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie, Volume 6, S. 99–113.

Dies ist somit die bis heute 27. Forschungsarbeit, für die Rechtsextremisten begutachtet/befragt wurden, die ich bisher gefunden habe!!

Der Autor ist Psychotherapeut und arbeitet sozialpädagogisch mit Jugendlichen u.a. in Wohnprojekten. In der o.g. Arbeit hat er 3 rechtsextreme Jugendliche vorgestellt, mit denen er gearbeitet hat. 

Der Fall „David“:

  • Scheidung der Eltern als er 5 Jahre alt war, die Ehe der Eltern war bereits Jahre zuvor belastet, was das Kind entsprechend mitbekommen haben wird. 
  • Der Kontakt zum Vater reduzierte sich nach der Trennung auf gelegentliche Besuche. Später sagte David, dass er seinen Vater hassen würde.
  • David reagierte nach der Scheidung aggressiv und musste nach Schulbeginn in der 1. Klasse auf Grund seines Verhaltens bereits die Schule wechseln
  • Die Mutter brachte David in der Folge für 1 Jahr bei ihrer Schwester unter, was eine erneute Trennungserfahrung bedeutete. 
  • Häufige Spannungen und Konflikte zwischen Mutter und Sohn, aber auch in der Schule.
  • Als David 11 Jahre alt war, holte die Mutter Hilfe beim Jugendamt. David sollte gegen seinen Willen in einem Heim untergebracht werden und rastetet in der Folge derart aus, dass er zunächst 3 Monate in eine Art Jugendpsychiatrie kam. Dort notierte man, dass David Zuhause keine Geborgenheit und keinen emotionalen Halt fand.
  • Danach kam er in einer betreuten Wohngemeinschaft unter, seine Mutter nahm ihn später allerdings wieder auf. Danach wiederholten sich die alten Muster und David wurde schließlich von der Mutter erneut in einer Jugendeinrichtung untergebracht. Später kam er dann zu seiner Mutter und deren neuen Partner zurück.
  • Mit 15 Jahren schloss er sich einer rechten Skinheadgruppe an
  • Als David 17 war, wurde er erneut Zuhause rausgeschmissen. 2 Monate später erhängte er sich unweit der mütterlichen Wohnung in einem Waldstück. 

Auch bei den anderen beiden Fällen – Marko und Gerit (beide in der rechten Skinheadszene aktiv) - zeigen sich sehr belastete Kindheitshintergründe. Über Marko fasst der Autor zusammen: „Emotionale Verwahrlosung, Ablehnung und Misshandlungserfahrungen hatten Markos Kindheit und Jugend geprägt“ (S. 106).

Gerits Eltern hatten sich früh getrennt, mit der Mutter gab es dauernd Konflikte, der Vater war sehr kontrollierend und abwertend gegenüber seiner Tochter und es deutet sich auch sexuelle Übergriffigkeit an (er ging einmal mit seiner 13 Jahre alten Tochter in Bordelle und sprach Prostituierte an). Mit 14 Jahren ist sie noch eskalierenden Konflikten mit der Mutter damit einverstanden, in einer betreuten Wohngemeinschaft unterzukommen. Dort wurde sie von einem Mann, den sie außerhalb kennengelernt hatte, vergewaltigt. Ein ähnliches Erlebnis hatte sie bereits 2 Jahre zuvor (also im Alter von 12 Jahren). 


Montag, 8. Februar 2021

Kindheit des Ex-Nazis Achim Schmid

Ich habe die Autobiographie des Ex-Nazis Achim Schmid durchgesehen:

Schmid, Achim (2016): Vergessene Erinnerung - Bis Alles in Scherben fällt: Autobiographie eines ehemaligen Rechtsextremisten. Edition widerschein. Kindle E-Book Version.

15 Jahre war Achim Schmidt ein Schwergewicht in der rechten Szene“ (Adler, S. (2019, 15. Dez.): Neonazi-Aussteiger Achim Schmid - Weg von diesem ganzen Hass. Deutschlandfunkkultur)  Er war außerdem einer der bekanntesten Rechtsrocker Deutschlands, Skinhead und gründete im Alter von 25 Jahren den „Klu Klux Klan“ in Deutschland. Mittlerweile lebt er in den USA und ist außerdem Botschafter für Exit Deutschland.

Seine Kindheit gleicht der von vielen anderen Nazis und auch Aussteigern. Als er 2 Jahre alt war, trennten sich seine Eltern und sein Vater zog aus. Schmid hat heute kaum noch Erinnerungen an ihn. Er konnte seinen Vater damals an manchen Sonntagen besuchen, daran erinnert er sich noch, ebenfalls an die Beerdigung des Vaters. Denn als Achim in der 2. Klasse war, starb sein Vater an Lungenkrebs. 

Achim lebte mit seiner alleinerziehenden Mutter in einem kleinen süddeutschen Dorf (ein „konservatives Bauerkaff“, wie er betont) mit ca. 500 Einwohnern. Die Familie war zugezogen und wurde von den Dorfbewohnern argwöhnisch beobachtet und auch ausgegrenzt. Achims Eltern hatten die einzige Kneipe im Dorf , was den Argwohn ebenso steigerte, wie die Herkunft der Mutter (sie stammte aus Köln) und der entsprechend andere Dialekt. Immerhin fand Achim einen besten Freund und hat gute Erinnerungen an die Zeit mit ihm. In dem Dorf scheint auch rechtes Gedankengut offen vertreten worden zu sein.

Zentral ist allerdings, dass Achims Mutter Alkoholikerin war! Schmid meint, dass seine Mutter kein glücklicher Mensch war. Nachmittags kam sie nach Hause, rauchte, trank Kaffee, löste Kreuzworträtsel, abends schloss sie sich in ihr Zimmer ein, schaute fern und trank. Der Alkoholismus der Mutter war ein weiterer Grund dafür, dass der Ruf der Familie im Ort nicht der beste war. „Aber sie versuchte mich trotzdem gut zu erziehen und hatte es letztlich immer gut gemeint“ (Schmid 2016, Position 287) Diese Idealisierungen bzw. Beschwichtigungen gleich im Nachsatz zu Berichten über elterliche Destruktivität (in seinem Fall der Alkoholismus der Mutter) habe ich so gefühlt schon über 100 Mal so gelesen. Und so erfährt man auch nicht darüber, wie der Erziehungsalltag mit seiner Mutter aussah. Hat sie Gewalt angewandt, gerade auch, wenn sie betrunken war? Gab es psychische Gewalt? Was hat Achim alles miterlebt? Diese Fragen bleiben offen. 

Man braucht allerdings nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass die Kindheit von Achim Schmid sehr belastet war. Als Jugendlicher kam er vor allem durch die Musik in Kontakt mit der rechten Szene und verspürte schnell ein Bedürfnis dazuzugehören.