Donnerstag, 3. April 2014

Kindheit in Russland

Ich habe vor geraumer Zeit schon einmal versucht, etwas über das Ausmaß von Kindesmisshandlung in Russland herauszufinden. Aktuell bin ich erneut auf die Suche gegangen und habe weiterhin nicht wirklich repräsentative Daten gefunden. Auch UNICEF (Ein Länderbericht aus dem Jahr 2007 z.B. konnte bzgl. Gewalt gegen Kinder nur auf Hellfeldzahlen zurückgreifen und erwähnte keine weiteren Zahlen, vgl. ab S. 72 im Bericht), WHO oder die Initiative „End all Corporal Punishment“ (siehe entsprechenden Länderbericht) verfügen bisher über keine aussagekräftigen Zahlen.

Insofern beginne ich damit, die historische Entwicklung von Kindheit in Russland kurz zu beschreiben, da diese bereits Mittelpunkt psychohistorischer Forschungen war. Unter dem aussagekräftigen Titel
»Der Feind ist das Kind«: Kindheit im zaristischen Russland“ hat Patrick P. Dunn  in dem Buch deMause, L. (1980). Hört ihr die Kinder weinen. Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main. die Kindheit zwischen ca. 1760 und 1860 beschrieben, wobei er anmerkt, dass die von ihm beschriebenen Methoden der Kindererziehung natürlich auch vor 1760 und auch noch lange nach 1860 bestanden. (Dunn 1980, S. 536). Der Autor fasst gleich am Anfang zusammen: „In der Zeit von 1760 bis 1860 in Russland ein Kind zu sein, war eine Qual, ein ungesichertes Dasein voll von Hindernissen für die körperliche wie die seelische Entwicklung. Vielleicht weniger als die Hälfte der Kinder erreichte das Erwachsenenalter. (…) Nur wenige von denen, die trotz allem körperlich überlebten, wurden in unserem heutigen Sinn erwachsen, nämlich autonome eigenverantwortliche Persönlichkeiten.“ (ebd., S. 537)
Eine hohe Säuglingssterblichkeit kam, dem Autor folgend, zwar auch durch Bedingungen wie unzureichende Ernährung und medizinische Versorgung, klimatische Bedingungen etc. zu Stande. Aber: „Wichtig ist meiner Meinung nach die Tatsache, dass russische Eltern Kinder und Kinderaufzucht für unwichtig hielten. Zwar musste man sich um die Kinder kümmern, doch im Grunde genommen vernachlässigten die Eltern ihre Kinder, ja, waren ihnen gegenüber sogar feindlich gesonnen.“ (ebd.,S. 537)
Desweiteren beschreibt Dunn die Methoden des strafen Wickelns, Abhärtungsrituale wie dem Aussetzen von starker Hitze oder Kälte, Fehlen von warmherzigen Eltern-Kind-Beziehungen und die Routine des Schlagens von Kindern. Vor allem sollte das Kind gehorsam sein und sich nicht zu einer selbstbestimmten Person entwickeln. „Die russische Kindheit kann verstanden werden als Versuch der Eltern, die Entwicklung ihrer Kinder zur Selbstständigkeit zu verhindern. (…) Auf individuelle Autonomie wurde in der russischen Gesellschaft üblicherweise kein Wert gelegt, und bereits in der Familie wurde die Selbstständigkeit des einzelnen zukünftigen Staatsbürgers unterdrückt.“ (ebd.,S. 551+552) )
Im letzten Kapitel beschreibt Dunn allerdings auch, wie sich die Vorstellungen von der Kindererziehung bei einer Minderheit (im Adel und bei der Bildungsschicht) im 18. Und 19. Jahrhundert langsam veränderten und Kindern mehr Autonomie zugestanden wurde.

Übrigens trafen Abhärtungsrituale auch  z.B. den 1777 geborenen Zar Alexander I.
Er durfte nicht verhätschelt werden: Seine Matratzen wurden mit Stroh gefüllt; selbst im kalten russischen Winter musste in seinem Zimmer immer ein Fenster offenstehen. Er schlief in einem Flügel des Winterpalais, der neben der Admiralität lag, so dass sein Ohr sich an die Kanonenschüsse gewöhnte.“  (Palmer, Alan (1994). Alexander I. Der rätselhafte Zar. Ulstein Verlag, Frankfurt am Main/Berlin. S. 21+22) Allerdings zeigt sich auch in diesem Beispiel, dass sich beim Adel etwas veränderte. Vor allem seine Großmutter Kaiserin Katharina II.wollte eine modernere Erziehung für ihren Enkel (und scheint dies auch teils durchgesetzt zu haben) und die Entwicklung des Kindes fördern. Allerdings herrschte am Hofe von Alexanders Eltern ein Ton, „der im krassen Widerspruch zu der aufklärerischen Erziehung stand“. (ebd., S. 24)

Lloyd deMause hat in seinem Buch „Was ist Psychohistorie? Eine Grundlegung“ erschienen 2000 im Psychosozial-Verlag, Gießen den Aufsatz „Die sanfte Revolution: Die Wurzeln der russischen und osteuropäischen Demokratiebewegung in der Kindheit“ (der ursprünglich 1990 erschien; online in englisch auch hier) veröffentlicht. DeMause meint mit Blick auf bis ins 20. Jahrhundert praktizierten „Abhärtungsrituale“ von Säuglingen (die es früher auch in Westeuropas gab), dass sich Reformen der Kindererziehung in Russland im Vergleich zu Westeuropa um ca. 200 Jahre verzögerte. (deMause 2000, S. 455) Er formuliert: „Die politischen Alpträume des zaristischen und stalinistischen Russlands waren exakte Abbilder der Alpträume einer gewöhnlichen russischen Kindheit. Weitverbreiteter Kindesmord, heftige Schläge und andere Arten physischer Misshandlung waren Vorbilder für physische Gewalt des Kremls, das KGB und des Gulag. Was Nathan Leites als traditionelle russische Charaktereigenschaften anführt – Furcht vor Unabhängigkeit, Wankelmut und Wunsch nach externer Kontrolle -, all das war Resultat der bis vor kurzem weitverbreiteten Praktiken des langen Wickelns der Kinder (pers. Anmerkung: deMause meint mit Wickeln vor allem Methoden, die im Deutschen eher mit „Einschnüren“ bezeichnet werden), der emotionalen Weglegung und der Gefühlskälte der Eltern gegenüber ihren Kindern.“ (ebd., S. 455+456)
Erst ab den 1930er Jahren begann die Kindheit in Russland jener in der übrigen modernen Welt immer mehr zu ähneln. (ebd., S. 458) Vor allem die Gebildeten wickelten ihre Säuglinge nicht mehr straff, das Auspeitschen wurde inakzeptabel und elterliche Wärme begann sich langsam auszubreiten. (ebd., S. 460) Der Fortschritt der Kindererziehung ist allerdings, so deMause (ebd., S. 462), nicht flächendeckend in den Gebieten der früheren Sowjetunion verlaufen, was seiner Meinung nach auf Dauer den Erfolg von Demokratiebewegungen gefährden könnte. (wir erinnern uns an dieser Stelle, dass sein Text aus dem Jahr 1990 stammt! Gemessen an den unterschiedlichen Säuglingssterblichkeitsraten versprach z.B. die DDR die friedlichsten Entwicklungen – was sich bestätigte – und die Gebiete des früheren Jugoslawien genau das Gegenteil davon – was sich auch im Laufe der 1990er Jahre bestätigte. Rumänien und die Staaten der früheren UDSSR liegen eher in der Mitte dieser beiden Pole.)

So viel zu den historischen Entwicklungen. Wie aber sieht Kindheit heute in Russland aus? Wie war die Kindheit der jungen Generation, die heute 20 bis 30 Jahre alt ist und die zukünftig Russland gestalten werden? Darüber habe ich, wie anfangs schon geschrieben, fast nichts gefunden.

Eine kleinere Studie mit 375 Schülern in einer sibirischen Stadt, wurde öfter zitiert. Misshandlungen erlebten 28,9 % der Befragten, . von diesen 3.8% derart stark, dass sie medizinisch versorgt werden mussten. (Berrien FB, Aprelkov G, Ivanova T, Zhmurov V, Buzhicheeva V. (1995) Child abuse prevalence in Russian urban population: a preliminary report. In: Child Abuse Negl. ;19(2):261-4.)

Ein noch kleinere (250 Schulkinder und182 Eltern), aber aktuellere Studie - Volkova, Olga Alexandrovna & Besschetnova, Oksana Vladimirovna (2013). Child Abuse in Russia as a Cause of Social Orphanhood. In: World Applied Sciences Journal 26 (12): 1588-1594. – fand, dass 50 % der Eltern meinen, das Verhalten ihrer Kinder durch psychische oder körperliche Gewalt kontrollieren zu müssen.  86% der Kinder sagten, dass ältere Familienmitglieder sie bestrafen würden, wobei die meisten Strafen eher psychisch sind. 20,6 % berichteten von leichter körperlichen Gewalt und 12,6 % von schwerer körperlichen Gewalt. Die Eltern berichteten sogar von noch weniger körperlichen Gewalt: Leichte Formen: 15,4 % und schwere Formen 1,7 %. (ebd., S. 1591) Dies sind auf den ersten Blick verhältnismäßig recht fortschrittliche Zahlen. Sie passen nicht ins Bild, wenn man sich vor Augen führt, dass die Autorin in der Einleitung ihres Artikels eine Quelle zitiert (ebd., S. 1588), nach der Gewalt in der Familie in Russland 45-70 mal höher verbreitete sei als in Frankreich und 7 mal höher als in Pakistan. (Diese Zahlen halte übrigens ebenfalls nicht für realistisch und deutlich zu hoch geschätzt)
Interessant ist noch, dass die Autorin das Hellfeld von Misshandlungen erwähnt und dies ist rückläufig.2006 gab es 3.881 Fälle, 2008 3.012 Fälle, 2009 3.211 und 2011 2.495 (ebd., S. 1589) Diese Zahlen legen nahe, dass auch im Dunkelfeld ein rückläufiger Trend zu vermuten ist.

Da es so wenig verlässliche Zahlen aus Russland gibt, muss ich auf andere Zahlen zurückgreifen:  14.301 westdeutsche Jugendliche (Durchschnittsalter 15 Jahre, insofern Geburtsjahrgang ca. 1990) wurden Anfang 2005 befragt, siehe Studie Baier, D. / Pfeiffer, C. 2007: Gewalttätigkeit bei deutschen und nichtdeutschen Jugendlichen – Befunde der Schülerbefragung 2005 und Folgerungen für die Prävention. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V., Hannover.   5,4 % (ca. 772 Schüler) der Befragten waren russischer Herkunft, was insofern eine aussagekräftige Stichprobe für die in Deutschland lebenden russisch-stämmigen Jugendlichen darstellt.
16,4 % der russisch-stämmigen jugendlichen haben leichte körperliche Züchtigungen (sehr eingeschränkt definiert als: selten eine Ohrfeige, hartes Anpacken oder Werfen mit einem Gegenstand) in der Familie erlebt (die deutschen Jugendlichen mit 23,8 % deutlich mehr) Schwerere Gewalt definiert als häufiges Erleben von einer Ohrfeige, hartem Anpacken oder Werfen mit einem Gegenstand bzw. Misshandlung (Verprügeln, mit der Faust schlagen) erlebten die russisch-stämmigen Jugendlichen dagegen deutlich mehr (25,4 %) als die Deutschen (17 %). 40,7 % der russisch-stämmigen jugendlichen berichteten von geringer elterlichen Kontrolle (definiert als elterliche Sorge wie Interesse mit wem sie draußen gespielt hätten oder wo sie sich aufgehalten haben) , bei den Deutschen berichteten dagegen 31,7 % davon. (ebd., S. 28) Ich persönlich vermute, dass Auswanderer aus Russland sogar bzgl. der Kindererziehung etwas fortschrittlicher und modernder orientiert sein könnten, als der Durschnitt in Russland. Egal, ob diese Mutmaßung stimmt, auch so zeigen die Zahlen bereits signifikante Unterschiede bzgl. der Gewalt und der elterlichen Sorge.

Repräsentative Zahlen bzgl. der Gewalt gegen Kinder  gibt es ansonsten nur für Länder, die an Russland grenzen und früher zur Sowjetunion gehörten: UNICEF (2010): Child Disciplinary Practices at Home: Evidence from a Range of Low-and Middle-Income Countries. New York, die u.g. Zahlen stammen aus einer Tabelle auf S. 86
Die verfügbaren Zahlen sind mit Sicherheit nicht eins zu eins auf Russland übertragbar, aber sie lassen zumindest die Vermutung  zu, ähnliche Zahlen auch in Russland zu finden. 
Wichtige Hinweise vorweg: Es wurde nur nach Gewalt innerhalb eines Monats vor der Befragung gefragt. Somit wurden nicht die Gewalterfahrungen in der gesamten Kindheit erfasst! Es ist vermutlich davon auszugehen, dass die Zahlen vor allem den Anteil der Kinder wiedergeben, die eher regelmäßig Gewalt erleben. In der Studie wurde auch gesondert schwere körperliche Gewalt erfasst. Hierunter wurde verstanden: Schläge oder Tritte ins Gesicht, gegen den Kopf oder Ohren und/oder Schläge mit einem Gegenstand, immer und immer wieder und so hart ausgeführt, wie es geht.  Schläge gegen andere Körperteile oder Schläge mit einem Gegenstand, die nicht den erwähnten Zusatzbedingungen entsprachen ("immer und immer wieder" und "so hart es geht"), wurden - um Kategorien zu bilden - nicht als schwere Formen gewertet. Insofern ist – meiner Meinung nach - davon auszugehen, dass weit aus mehr Kinder auch schwere und besonders folgenreiche Gewalt erlebt haben, als die unter „schwere Gewalt“ erfassten Zahlen preis geben.

In Weißrussland wurde repräsentativ nach körperlicher und/oder psychischer gegen Kinder (Alter 2 bis 14 Jahren) innerhalb eines  Monats vor der Befragung  gefragt. 84 % der Kinder erlebten irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 51 % erlebten körperliche Gewalt. 2  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 78 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen.

In Aserbaidschan erlebten 76 % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 48 % erlebten körperliche Gewalt. 17 %besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 73 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen. 

In Georgien erlebten 67  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 50 % erlebten körperliche Gewalt. 20  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 59 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen. 

In Kirgistan erlebten 54  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 37 % erlebten körperliche Gewalt. 3  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 43 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen. 

In Kasachstan erlebten 54  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 24 % erlebten körperliche Gewalt. 1  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 50 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen. 

In Tadschikistan erlebten 78  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 60 % erlebten körperliche Gewalt. 18  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 73 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen

In der Ukraine erlebten 70  % der Kinder irgendeine Form von Gewalt durch Erziehungspersonen. 37 % erlebten körperliche Gewalt. 2  % besonders schwere Formen körperlicher Gewalt, 66 % erlebten psychische Gewalt/Bestrafungen

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Schließlich habe ich noch einige aufschlussreiche Informationen gefunden, die ich nachfolgend zitiere: 

Eine Umfrage aus dem Jahr 2004 hat ergeben, dass sich Eltern in Russland auch heute im Großen und Ganzen bei der Kindererziehung an sogenannten traditionellen Werten orientieren. Dennoch ist ein kontinuierlicher Wandel zu erkennen und »moderne« Werte gewinnen an Bedeutung. Rang 1 bis 4
der Eigenschaften, die man Kindern vermitteln sollte nehmen die folgenden ein: 50 % der Befragten
nennen Arbeitsliebe, 46 % Ehrlichkeit und Anständigkeit, 37 % Ordnung und Reinlichkeit, 34 % Wohlerzogenheit und Höflichkeit. Zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion nahm die Achtung vor den Eltern noch den ersten Platz ein (68,5 % der Befragten). Moderne Werte wie Selbstständigkeit und Unabhängigkeit stehen heute weiter unten auf der Werteskala und werden nur von 24 % der Befragten genannt, Neugier und umfassendes Denken von 19 %, Gehorsam von 14 %, Achtung vor Autoritäten von 9 %, Individualität von 6 % und Phantasie von 4 %
.“
(Kuhr-Korolev, Corinna (2008). Aufwachsen in Moskau. Impressionen aus distanzierter Nähe. In: kultura. Russland-Kulturanalysen. 5/2008.  Generation 21. Jahrhundert: Neue Kindheit in Russland. S. 5)

Nach wie vor wird bei russischen Kindern die Ausbildung einer eigenen Meinung wenig gefördert. Ein gutes Kind ist ein posluschny rebjonok, ein braves Kind, das gehorcht.“ (ebd., S. 8)

Die Zahl der obdachlosen Kinder (besprizornye) wird auf 1 Million geschätzt. Diese Zahl steigt auf statistisch nicht gesicherte 2–4 Millionen, wenn die weitaus größere Gruppe der unbeaufsichtigten Kinder (beznadzornye) hinzugezählt wird. Dabei handelt es sich um Kinder, die wenigstens ein lebendes Elternteil haben, aber sich selbst überlassen sind.

In landesweit 2100 Kinderheimen und 150 Internaten werden 94.000 Kinder betreut. Ihre Zukunftsaussichten sind düster: Nach der Entlassung aus dem Heim werden der Statistik zufolge 40 % der ehemaligen Zöglinge alkohol- oder drogenabhängig, 40 % rutschen ins kriminelle Milieu ab, 10 % verüben Selbstmord und nur 10 % schaffen den Sprung in ein mehr oder weniger normales Leben.“

1,5 Millionen Kinder entziehen sich der Schulpflicht. Jedes Jahr werden 330.000 Straftaten von Jugendlichen verübt, 28.000 Heranwachsende befinden sich in Kolonien für jugendliche Straftäter. 2000  Jugendliche begehen jährlich Selbstmord. Allein in Moskauer Krankenhäusern werden jährlich 1800 Jugendliche wegen versuchten Selbstmords behandelt.“ 

Großen Anlass zur Sorge gibt der Alkohol- und Drogenkonsum unter Kindern und Jugendlichen. Von den 14–18-Jährigen trinken 88 % der Jungen und 93 % der Mädchen regelmäßig Alkohol. Andere Drogen werden von 56 % der Jungen und 20 % der Mädchen konsumiert.“
(Mélat,  Hélène (2008). »Am Strand des weit entfernten Koktebel...«. In: kultura. Russland-Kulturanalysen. 5/2008.  Generation 21. Jahrhundert: Neue Kindheit in Russland. S. 18)

In der selben Quelle findet sich auch ein Beitrag, der deutlich macht, dass sich Kindheit in Russland stetig verändert und modernisiert. Dies gilt vor allem für die neue Mittelschicht. (Gölz, Christine (2008). Kindheit – die Zukunft Russlands. In: kultura. Russland-Kulturanalysen. 5/2008.  Generation 21. Jahrhundert: Neue Kindheit in Russland. S. 2-3)

Zum Schluss möchte ich auf einen SPIEGEL Artikel (DER SPIEGEL, 12.05.1997, 20/1997, „Moskaus böse Buben“ ) hinweisen, den man online lesen kann. Es geht um ca. 1 Millionen obdachloser Kinder Ende der 90erjahre, deren Schicksal und oft auch kriminelle Laufbahn. Im Artikel findet sich auch folgende Info:
Jährlich werden zwei Millionen Kinder Opfer anhaltender Vernachlässigung im Elternhaus, 1995 starben 17 000 von ihnen an den Folgen häuslicher Gewalt.“

Mittwoch, 2. April 2014

Technischer Hinweis / Kommentare

Nachdem blogger.com vor längerer Zeit das "Gadget" "Neuste Kommentare anzeigen" eingestellt hat, habe ich - als Technikdussel - jetzt doch die Möglichkeit gefunden, die 10 neusten Kommentare anzeigen zu lassen. Und zwar rechts unten in der Blogleiste unter dem Bereich "Mitglieder", für alle, die an den neusten Kommentaren der LeserInnen interessiert sind.

Mittwoch, 26. März 2014

Zwischengedanken über die Auswirkungen von Traumatisierungen im Kindesalter

Auf den Seiten des Projektes "DISSOZIATION UND TRAUMA" wurden diverse Folgen von Traumatisierungen in Kindheit und Jugend zusammengefasst. Besonders interessant fand ich, wie folgendes beschrieben wurde:
"Narzißtische Störungen entstehen, wenn Überlebende von schlimmen Lebensbedingungen in der Kindheit gelernt haben, alle seelischen Kräfte in den Aufbau einer „Schutzmauer“ zu investieren, die fast um jeden Preis aufrecht erhalten wird. Dabei können verschiedenste Mechanismen Schutzfunktion bekommen, z.B. perfektionistisches Funktionieren im Arbeitsleben bzw. im Haushalt - oder Verbalattacken und Wutausbrüche oder eine besonders stilisierte Selbstdarstellung (Kleidung, Makeup, Sprache) oder soziale Grenzüberschreitungen und unsoziales/egoistisches Verhalten oder intellektuelle Besserwisserei oder besonders unterdrückerische Formen des sogenannten „Helfer Syndroms“ (auch elterliche Überbehütung) oder körperliche Gewalt oder eine herausragende öffentliche Funktion
."

Diese Art der Definition von Narzißtischer Störung ist schon etwas ungewöhnlich. Sie trifft aber exakt meine Wahrnehmung. Ich persönlich verzweifle manches Mal im Umgang mit schwierigen Menschen (obwohl ich ja im Grunde um die Ursachen weiß). Diese "Schutzmauern" bedingen vor allem auch Unechtheit und damit komme ich persönlich nur schwer klar und werde auch dadurch verunsichert. Um so mehr freue ich mich immer, wenn Gespräche mit Menschen einfach so fließen, weil das Gegenüber echt ist. Naja, dies mal als persönlicher Gedankengang.

Ich gebe zu, dass ich ein etwas unordentlicher Mensch bin. Ordnung hat daher für mich - wohl auf Grund dieser Charaktereigenschaft - immer etwas leicht Abschreckendes :-). "Perfektionistisches Funktionieren im Arbeitsleben bzw. im Haushalt" als Folge von Traumatisierungen zu begreifen, finde ich treffend. Ich werde nie vergessen, wie ich als damaliger Student der (etwas chaotisch strukturierten) Hamburger UNI einmal die Bibliothek der Hamburger Bundeswehr UNI aufsuchen musste. Die Ordnung aller Räume war ein krasser Gegensatz und selbst auf den Toiletten war alles akkurat und es gab nicht eine einzige Schmiererei an den Wänden (Man besuche dagegen mal die Toiletten der Hamburger UNI). Es ist, denke ich, kein Zufall, dass bei der Bundeswehr (wie in allen Armeen) besonderer Wert auf perfektionistische Ordnung gelegt wird. Wie hier im Blog beschrieben gibt es kleinere Studien und Gedanken, die nahelegen, dass vor allem als Kind verletzte Menschen Soldaten werden. (Gerade heute fand ich wieder einen Medienbeitrag über einen Ex-Elitesoldaten, der als Kind in einem Heim aufwuchs, was im Artikel nebenbei erwähnt wurde) Mich persönlich machen vor allem auch perfekte Gärten und Haushalte misstrauisch, wo alles seinen Platz hat und nichts „Unstrukturiertes“ zu finden ist. Um nicht falsch verstanden zu werden: ich finde Ordnung grundsätzlich gut und nützlich (und bemühe mich täglich darum). Es geht aber um diese übertriebene Ordnung, um diese Konzentration auf die schöne Fassade. Meine Lebenserfahrung mit Menschen bestätigt mir leider oft, dass hinter den schönsten Fassaden große Abgründe lauern. Entsprechende Menschen können meist nicht locker sein, verfügen über keinen spontanen Humor, können sich nicht über Glückserfahrungen Anderer freuen, geben nichts von sich preis und zeigen vor allem keine menschlichen Schwächen und Gefühle. Da dies derart verbreitete ist, fühle ich mich manchmal als der „Merkwürdige“. Der o.g. Textauszug tat mir heute einfach mal gut. Man weiß auch nicht ob man lachen oder weinen soll, wenn unter der Traumafolge „Narzißtische Störung“ steht „eine herausragende öffentliche Funktion“.

Montag, 24. März 2014

Kindheit von Wladimir Wladimirowitsch Putin

Der Politologe Dmitri Oreschkin  sagte für eine ARD Dokumentation vom 13.03.2014 mit dem Titel „Psychogramm Putin“ (Autor Udo Lielischkies):
 „Das Phänomen Putin liegt darin, dass seine Minderwertigkeits-Probleme gut zu denen seiner Bevölkerung passen. Auch die leidet noch unter dem Zusammenbruch der Sowjetunion.“
Es macht auf Grund dieses Satzes Sinn, die Kindheit von Putin und auch Kindheit in Russland allgemein (was ich noch gesondert darstellen werde) zusammen zu betrachten, denn Minderwertigkeitsgefühle entstehen vor allem durch destruktive Kindheitserfahrungen.

Über Putins Kindheit ist wenig bekannt. Es gibt Berichte, er sei gar nicht von seiner offiziell benannten Mutter geboren worden, die aktuell vor allem von dem Autor Stanislaw Belkowski (Buch „Wladimir - Die ganze Wahrheit über Putin“, Ende 2013 erschienen) aufgefrischt wurden.  „Schon die offizielle Version, dass Putin am 7. Oktober 1952 im heutigen Sankt Petersburg in die Familie eines Arbeiters geboren wurde, bezweifelt Belkowski. Putin sei vielmehr zwei Jahre früher in der Gegend von Perm auf die Welt gekommen, Vater Säufer und Mutter lieblos. Weil der neue Mann von Mutter Putin das Kind nicht gemocht habe, sei dieses schließlich bei einem Verwandten der Mutter im fernen Leningrad aufgewachsen.“ (Wiener Zeitung, 20.01.2014,  „Der ungeschminkte Putin“ ) Das Hamburger Abendblatt schrieb bereits am 17.08.2008 (unter dem Titel „Nazisymbole und Gerüchte um Putins Kindheitstrauma“) davon, dass sich eine Frau namens Vera Putina (über die sogar ein Wikipedia Artikel besteht) ) als Putins leibliche Mutter ausgibt. Der Stiefvater hätte Putin nicht anerkannt und viel geschlagen, weswegen sie ihn zu Verwandten gab.
Diese Version von Putins Kindheit scheint allerdings nicht eindeutig beweisbar zu sein. Allerdings zeigen auch die nachgewiesenen Details deutlich auf, dass Putin eine traurige Kindheit hatte. Seine offiziellen Leningrader Eltern waren psychisch schwer belastet. „Beide hatten die deutsche Belagerung Leningrads traumatisiert überlebt." (3Sat, 27.02.2012 „Putin ganz nah“)  Sein Vater hatte gegen die Deutschen gekämpft und  war Kriegsinvalide.
Putins Bruder überlebte die Leningrader Hungersnot nicht. (ZEIT-Online, 20.03.2014, „“Der Partisan“ (von Adam Soboczynski) ) Über seine Kindheit und Eltern sagte Putin wörtlich in der Doku „Ich, Putin“ von Hubert Seipel: „Ich kann nicht behaupten dass wir eine sehr emotionale Familie waren. Dass wir uns alle gegenseitig irgendetwas erzählten, uns austauschten. Nein. Jeder lebte irgendwie in sich selbst.“ (zitiert nach " 3Sat, 27.02.2012 „Putin ganz nah“) Das genannte Zitat wie auch weitere Aussagen von Putin für diese Doku sind auch online zu sehen. Putin verbrachte demnach seine Kindheit in armen Verhältnissen meist von Morgens bis Abends, manchmal auch bis in die Nacht im Hofgelände mit anderen Kindern seiner Umgebung, „dann kamen die Eltern nach Hause und riefen uns herein“. (Man fragt sich entsprechend, in wie weit die Eltern tagsüber überhaupt für ihn da waren?) Während dieser Zeit war Putin nach eigenen Worten ein „Schlägertyp“. (Handelsblatt, 02.03.2012, Wladimir Putin, der „starke Führer“, S. 2)
Ein Jugendfreund berichtet in der Doku, dass Putins Vater immer etwas an seinen Sohn auszusetzen hatte. Er sei eben ein echter Proletarier gewesen (dabei ballt der Jugendfreund die Faust). Putins Mutter sei dagegen „die Güte in Person“ gewesen deren Hauptziel war, bloß keine Konflikte zu haben. (der Jugendfreund hat die Hände dabei offen; Anmerkung: allerdings hat Putin in seinen oben zitierten Äußerungen seine Mutter nicht ausgeschlossen, als er von der sehr wenig emotionalen Familie berichtet). „Sein Vater war da schon ganz anders, Arbeiterklasse eben.“ (dabei ballt er wieder die Faust)
Was der Jugendfreund andeutet, beschreibt eine andere Quelle deutlicher. Putins Vater – der als streng und dominant beschrieben wird - schlug seinen Sohn mit einem Gürtel. (Ihanus, Juhani (2011). Putin and Medvedev: Double Leadership in Russia. In: The Journal of Psychohistory, Vol. 38, No. 3, S. 254) Ihanus berichtet zudem, dass Putin als Schüler auf Grund seiner körperlichen Statur gemobbt und verhöhnt wurde. (ebd., S. 255)

Montag, 3. März 2014

„Was, wenn es dein Kind gewesen wäre, Cate Blanchett?“

Was, wenn es dein Kind gewesen wäre, Cate Blanchett?“ schrieb Woody Allens Atoptivtochter Dylan Farrow u.a. in ihrem Offenen Brief in der New York Times, in dem sie den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater anklagt. (Ich hatte über ihre Missbrauchsvorwürfe gegen Allen bereits kurz berichtet.) Allen reagierte seinerseits mit einem Offenen Brief und stritt alle Vorwürfe ab.  Dylan sei von ihrer Mutter Mia Farrow dazu gebracht worden, ihn zu hassen.
Nun hat Cate Blanchett tatsächlich einen Oscar gewonnen, als beste Hauptdarstellerin in dem Woody Allen Film „Blue Jasmine“, der den sozialen und psychischen Abstieg einer gefallenen „High-Society-Dame“ nachzeichnet (Übrigens mal wieder ein Allen Film, der offenbar psychisch gestörte Menschen zum Inhalt hat, was Bände über Allen selbst spricht, wie ich finde.)
For so long, Woody Allen’s acceptance silenced me. It felt like a personal rebuke, like the awards and accolades were a way to tell me to shut up and go away.”, schrieb Dylan in ihrem Brief. Der Oscar für Cate Blanchett muss für sie ein weiterer großer Schlag gewesen sein. Ihr Brief vor der Oscarverleihung entstand wohl u.a. auch auf Grund der Hoffnung, dass Hollywood sich endlich positioniert und die Vorwürfe wegen Missbrauchs ernst nimmt. Es kam anders.
Cate Blanchett hätte bei der Verleihung zur echten Heldin werden können. Sie hätte den Brief von Dylan in ihrer Rede ansprechen und ihre Gefühle dazu ausführen können. Wenn ich mich in die Situation von Blanchett einfühle, dann bleibt als gesunde Reaktion auf einen Oscar eigentlich nur der Ausdruck des Unwohlseins damit, dem Misstrauen gegenüber Allen, Mitgefühl für Dylan und dem Gefühl, zukünftig nicht mehr mit Allen arbeiten zu wollen. Stattdessen kam eine sichtlich erfreute Blanchett, die Woody Allen dafür dankte, sie gecastet zu haben. Solche Abläufe machen mal wieder deutlich, wie ungemein tief die Identifikation mit Tätern geht.

Mittwoch, 26. Februar 2014

Gräueltaten unter Mao als Wiederaufführung von schwerer Kindesmisshandlung

Es ist erstaunlich. Wenn man um das weiß, was Kindern auch heute noch in vielen Teilen der Welt durch ihre Eltern angetan wird, so dass manchmal der Begriff „Kindesmisshandlung“ schon zu milde ist, dann bekommt man einen anderen Blick auf Berichte, die sich mit politischen und sozialen Entwicklungen befassen. Einen solchen Bericht las ich kürzlich auf Welt-Online unter dem Titel „Sagt endlich, dass Mao der größte Massenmörder war“.

In dem Artikel ließt man u.a. diese Passage:

„Eine Hauptwaffe der Kader war der Nahrungsentzug; da es außerhalb der Volksküchen nichts zu essen gab, war dieses Mittel leicht einzusetzen. Aber die schiere, brutale Gewalt war so allgegenwärtig wie der Hunger: Menschen wurden wegen geringster Vergehen mit Peitschen und Knüppeln traktiert, verstümmelt, lebendig begraben, mit gebundenen Händen und Füßen in Teiche geworfen, mit siedendem Wasser übergossen, in der Kälte nackt ausgezogen oder gezwungen, barhäuptig in der Gluthitze auszuharren. Man zwang Menschen, Urin zu trinken und Exkremente zu essen. Dikötter schätzt, dass von den 45 Millionen Toten des "Großen Sprungs" mindestens 2,5 Millionen durch brutale Misshandlung und Folter starben. Unter ihnen waren auch Kinder, Greise und schwangere Frauen.
All diese „politische“ Gewalt  - die ja übrigens schon auf Grund der Zahlen deutlich macht, dass unzählige „ganz normale“ Chinesen zu Massenmördern wurden – findet man genau in den beschrieben Ausformungen als Gewalt gegen Kinder; vor allem auch, je weiter man in der Geschichte zurückschaut, aber auch heute noch, auch bei einer Minderheit von Eltern in Deutschland (Ich arbeite gerade das Buch Deutschland misshandelt seine Kinder der Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Gudda durch, die in ihrem Buch erschreckende  Fallbeispiele vorstellen und dabei – was sie in Interviews erklärt haben – noch eher die weniger grausamen Fälle ausgesucht haben, weil diese den Lesenden nur schwer zuzumuten seien...).
Die zitierte Passage erinnerte mich zwangsläufig an psychohistorische Texte, die sich z.B. auf die mittelalterlichen Erziehungspraktiken in Europa beziehen.

Dass Menschen, die sich mit dieser politischen Gewalt wie im Welt-Artikel berichtet, befassen, i.d.R. keinen Zusammenhang zur Kindesmisshandlung erkennen, beruht darauf, dass sich 1. viele Menschen nicht annäherungsweise vorstellen können, welch folterähnliche Erziehungspraktiken durch Eltern angewandt werden und dass weltweit Eltern oftmals die größte Gefahr für Kinder darstellen und dass 2. oft die Zahlen über das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder gänzlich  unbekannt und nicht bewusst sind.

Ein aktueller  Lagebericht bzgl. der Gewalt gegen Kinder in China zeigt, dass in China immer noch hohe Raten an Gewalt festzustellen sind und elterliche Gewalt auch weiterhin legal ist. Die Zahlen in China sind allerdings schon fortschrittlicher, als die, welche man z.B. im Nahen Osten finden kann. Die Gewaltexzesse in China um 1960 wurden von Geburtsjahrgängen (ca. 1900-1940) angeordnet und ausgeführt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit weit aus destruktivere Kindheiten durchmachen mussten, als die Kinder im heutigen China.

Zuletzt noch der Hinweis auf die Kindheit von Mao selbst, die ich ausführlich besprochen habe und die voller Gewalt und Demütigungen war: http://kriegsursachen.blogspot.de/2008/10/31-ein-kurzer-abriss-ber-diktatoren-und.html



Montag, 24. Februar 2014

Gewalt gegen Kinder in Deutschland in Zahlen. 1910 bis heute

- zuletzt aktualisiert am 18.09.2015 -


In diesem Beitrag möchte ich  alle bis heute von mir gefundenen Studien zusammenfassen, die sich mit dem Ausmaß an (vor allem körperlicher) Gewalt gegen Kinder in Deutschland befassen. Einige Studien geben auch Aufschluss über psychische Gewalt und Vernachlässigung. Den Bereich Sexueller Missbrauch werde ich noch einen Extrabeitrag widmen, da es dazu etliche Einzelstudien gibt (nur bei zwei Studien habe ich unten die Zahlen dazu mit angegeben).

Vorab werde ich die für mich eindrucksvollsten Zahlen kurz hintereinander aufführen: Die Entwicklung der Gewaltfreiheit (nur körperliche Gewalt) in der Erziehung  (Die lange Besprechung diverser Studien  folgt dann im Anschluss. ) Ich habe für diese Vorabansicht nur Studien aufgeführt, bei denen die Geburtsjahrgänge aufgeführt sind. Einzelne andere Studien werden erst in der Langfassung besprochen. Die nachstehenden Zahlen zeigen eindrucksvoll eine Revolution der deutschen Kindererziehung. Aus einer Minderheit von Kindern, die ohne körperliche Elterngewalt aufwachsen durften, ist mittlerweile eine Mehrheit geworden. Eine bahnbrechende Entwicklung, ohne historisches Beispiel in Deutschland!

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Vorab habe ich versucht, diese Entwicklung in einem Diagramm anschaulich darzustellen. Für das Diagramm habe ich die Daten von Hävernick (1970), Pipping, Abshagen & Brauneck (1954), Wetzels (1997) und Hellmann (2014) genutzt; die beiden letzen Studien sind direkt miteinander vergleichbar, die beiden Ersteren nicht, allerdings zeigen die beiden Ersteren als einzige deutsche Studien Daten zwischen 1910 und 1932 auf, deswegen habe ich sie aufgenommen:

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Links jeweils die Geburtsjahrgänge und
rechts die Prozent, die nie körperliche Elterngewalt als Kind erlebt haben:


Hävernick (1970) (nur Hamburg)
1910-1939 = 11 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt
ca. 1940-1950 = 15-20 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt

Pipping, Abshagen &  Brauneck (1954)
ca.1928 und 1932: Hoch angesetzte 20 % (vermutlich aber deutlich weniger) erlebten keine körperliche Elterngewalt (Schätzung, da in der Studie Mehrfachnennung vom Erleben unterschiedlicher Schweregrade möglich waren und nicht erfasst wurde, wie viel Befragte nie Gewalt erlebt haben)

Wetzels (1997)
1933-1942 = 22,9 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt
1943-1952 = 22,8 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt
1953-1962 = 23,1 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt
1963-1971 = 29,1 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt
1972-1976 = 30,5 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt

BMI und KFN (2009)
ca. 1992-1993 = 42,1 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt

Ziegler (2013)
1997-2007 = 72 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt

Weller (2013) (nur Ostdeutschland)

1971-1974 = 53 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt
1993-1996 = 77 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt

Hellmann (2014)
ca. 1971 - 1980 = 44,9 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt
ca. 1981 - 1990 = 53,6 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt
ca. 1991 - 1995 = 61,7  % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt
ca. 2007*          = ca. 78 % erlebten  keinerlei körperliche Elterngewalt

* Besonderheit bei Hellmann (2014): Innerhalb der großen Studie wurde eine Gruppe von 1.586 Befragten, die mit Kindern (eigenes, Pflegekinder etc.) unter 18 Jahren in einem Haushalt lebten, gesondert zu eigenem Gewaltverhalten gegen das eigene Kind befragt. Ca. 78 % hatten bis zum Zeitpunkt der Befragung noch nie körperliche Gewalt angewandt. Die Befragten waren im Schnitt  ca. 33 Jahre alt (Geburtsdatum im Schnitt ca. 1978). Da aktuell Frauen in Deutschland ihr erstes Kind im Schnitt im Alter von 29 Jahren bekommen, betrifft die o.g. Zahl von 78 % entsprechend die Kinder, die um das Jahr 2007 geboren worden sind. Entsprechend nehme ich dieses Geburtsdatum in die o.g. Aufzählung auf. Die Zahl ist  abgegrenzt zu sehen, da sie im Gegensatz zu den anderen o.g. Zahlen weder exakt ist, noch sich auf eigene Opfererfahrungen bezieht, sondern auf Angaben der Eltern beruht. Die Studien von Ziegler (2013) und Weller (2013) zeigen ergänzend, dass diese von Hellmann (2014) erfassten ca. 78% keine Luftnummer ist, sondern höchst wahrscheinlich in die richtige Richtung zeigt.


Eine weitere  Studie - Bussmann, Erthal und Schroth (2009) - möchte ich hier gesondert vorstellen, da hier nur Eltern zu eigenem Gewaltverhalten (körperlich und psychisch) aber auch eigenen Gewalterfahrungen befragt wurden. 
Eigenes erlebter gewaltfreier Erziehungsstil (Hinweis: Keinerlei körperliche Gewalt und keine psychischen Bestrafungen) der befragten Eltern nach Jahrgängen (in Klammern gewaltfreie Erziehung der eigenen Kinder):

Vor 1962 = 9,2 % (22,4%)
1962-1967 = 9,5 % (26,9 %)
1968-1973 = 13,2 % (31,6%)
1973-1978 = 13,3% (28,4 %)
ab 1979 = 14,1 % (35,3 %)


Zwischenfazit:
Dieser Positivtrend ist erfreulich und steht allen Schreckensmeldungen - vor allem in den Medien -  bzgl. einem angeblichem Mehr an Fehlverhalten und (elterlicher) Gewalt gegen Kinder entgegen.  Die Kindheit in Deutschland wird Stück für Stück immer gewaltfreier. Dies kann mensch einfach mal so stehen lassen und sich auch einmal – mit dem Blick auch den historischen Verlauf von Kindheit – freuen. Nach diesem Optimismus folgen jetzt in diesem Text die Zahlen zum Ausmaß und auch zur Schwere der Gewalt gegen Kinder in Deutschland im historischen Verlauf. Diese Zahlen sind natürlich erschreckend, trotz des Positivtrends.

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Die erste mir bekannte Studie, die zahlenmäßig versucht hat zu erfassen, wie viel Prozent der Deutschen als Kind körperliche Gewalt erfahren haben und dabei auch Geburtsjahrgänge bis hin in das Jahr 1910 erfasst hat, stammt von dem Volkskundler Walter Hävernick (1970). Diese Studie habe ich ausführlich hier besprochen.
Für die Geburtsjahrgänge 1910-1939 wurden Daten von 97 Hamburger Familien gesammelt.
11 % erlebten nie Schläge in ihrer Familie
89 % erlebten Schläge (davon 16 % mit einer Peitsche)
49 % erlebten Schläge mit dem Rohrstock

Weitere Befragungen ergaben für die Geburtsjahrgänge ca. 1940-1950, dass ca. 80-85 % elterliche Schläge erlebten. Der Einsatz von Gegenständen wie dem Rohrstock (ca. 30 %) und vor allem auch der Peitsche (deutlich unter 5 %) war bereits rückläufig.

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Pipping, Abshagen & Brauneck (1954) haben 444 junge Menschen im Alter zwischen 18 und 22 Jahren  der Geburtsjahrgängen zwischen ca.1928 und 1932 befragt. (Ausführlich von mir hier besprochen.)
„Schwere körperliche Züchtigungen“ erlebten 73,4 % der Befragten (Jungen erlebten dies deutlich mehr, nämlich ca. 85 % während Mädchen zu ca.62 % betroffen waren.)
„Leichte körperliche Züchtigungen“ erlebten 41,9 % der Befragten. Da Mehrfachnennungen möglich war (bzw. die Studie nicht ausgewiesen hat, wie viel Prozent keine körperliche Gewalt erlebt haben), gehe ich davon aus, dass mindestens 80 % körperliche Gewalt erlebt haben. .

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Eine bundesdeutsche Repräsentativstudie, die 1992 durchgeführt wurde, kam  zu folgenden Ergebnissen: 74,9 % der Befragten gaben an, in ihrer Kindheit  körperliche Gewalterfahrungen seitens ihrer Eltern erlebt zu haben. 38,4 % wurden häufiger als selten körperlich gezüchtigt. elterliche Misshandlungen erlebten 10,6 %, 4,7 % häufiger als selten. (Wetzels 1997, S. 146+151).

Wetzels hat innerhalb der Studie auch nachgewiesen, dass körperliche Elterngewalt abnimmt. Von den befragten 16- bis 20-Jährigen (Geburtsjahrgang 1972-1976) hatten 30,5 % nie Gewalt erlebt, von den 21-29-Jährigen (Jahrgang 1963-1971) 29,1 %, von den 30-39-Jährigen (Jahrgang 1953-1962) 23,1 %, von den 40-49-Jährigen (Jahrgang 1943-1952) 22,8 % und  von den 50- bis 59-Jährigen (Jahrgang 1933-1942) 22,9 % (Wetzels 1997, S. 151). Die Misshandlungsrate ist allerdings nicht derart deutlich gesunken. Von dem jüngstem Jahrgang 1972-1976 erlebten 9,4 % Misshandlungen, der älteste Jahrgang 1933-1942 11,2 % .

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Ein Vergleich zwischen drei großen Jugendstudien (jeweils 1992, 2002 und  2005) zeigt, dass ca. 30 % (jeweils nach Jahreszahlen 31,8 %, 29,6 % und 32 %) der Jugendlichen gewaltfrei (keine körperliche Gewalt und keine psychischen Bestrafungen) erzogen wurden. Die große Mitte sind die konventionell erzogenen, die leichte körperliche Bestrafungen und andere Sanktionen erfahren haben und in deren Erziehung weitgehend auf schwere körperliche Gewalt verzichtet wurde (36,4 %, 51,2 % und 46,7 %). Eine gewaltbelastete Erziehung (diese Gruppe weist bei allen Sanktionsarten – inkl. psychischer Gewalt – eine überdurchschnittlich hohe Häufigkeit auf, insbesondere auch schwere Körperstrafen) erlebten jeweils nach Jahreszahlen 31,8 %, 19,3 % und 21,3 % (Bussmann 2007, S. 18).

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Eine aktuellere repräsentative Schülerbefragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) ergab, dass 42,1 % der Befragten (Jahrgang ca. 1992-1993) über keinerlei gewalttätige, körperliche Übergriffe der Eltern berichteten. 42,7 % erlebten leichte körperliche Gewalt. Insgesamt 15,3 % der Befragten geben an, vor ihrem zwölften Lebensjahr schwerer Gewalt durch Elternteile ausgesetzt gewesen zu sein; von diesen können – laut Definition der Studie –9 % als Opfer elterlicher Misshandlung in der Kindheit bezeichnet werden (BMI und KFN 2009, S. 52).

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Für die „Gewaltstudie 2013“ – unter der Leitung des Bielefelder Erziehungswissenschaftlers Holger
Ziegler (2013)
- wurden 900 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 16 Jahren (entsprechend Geburtsjahrgänge ca. 1997-2007) aus Köln, Berlin und Dresden befragt.

Insgesamt 22,3% wurden von Erwachsenen oft oder manchmal geschlagen, also erleben 77,7 % keine Gewalt. Allerdings zeigt die Aufschlüsselung in „Kinder ab sechs Jahre“ (28 % wurden geschlagen) und „Jugendliche ab12 Jahren“ (16,6 % wurden geschlagen), dass die Rate bzgl. Gewalterfahrungen in der Kindheit höher liegt, Insofern kann festgehalten werden, dass 72 % der Kinder keine elterliche Gewalt erlebten. 

Knapp 5% gaben an, zumindest manchmal von Erwachsenen so geschlagen zu werden, dass sie blaue Flecke hatten. (was insofern als Misshandlung anzusehen ist.) Von diesen Erfahrungen berichten jüngere Kinder (bis 11 Jahre) etwas häufiger als Jugendliche (6,7% vs. 3,5%).. Insofern gehe ich hier von einer Misshandlungsrate von 6,7 % in der Kindheit aus. 

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Im Jahr 2012 - Weller (2013) - wurden 862 junge Menschen im Alter von 16 bis 19 Jahren (Geburtsjahrgänge 1993-1996) in Ostdeutschland repräsentativ befragt. Ergebnis u.a.: 77 % gaben an, noch nie von ihren Eltern geschlagen worden zu sein (23 % wurden demnach geschlagen). Interessant ist auch, dass die Daten mit denen der Studie "Partner 3" aus dem Jahr 1990 verglichen wurden.  1990 gaben nur 53 % an, nie geschlagen worden zu sein.
Während 1990 30% ihren Vater als uneingeschränkt liebevoll  erlebten, sind es jetzt 42%, hinsichtlich der Mutter sagten das 1990 53%, 2013 65% 

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Die Studie von Hellmann (2014) habe ich gesondert ausführlich besprochen:

- Aktuelle KFN Studie über Gewalt gegen Kinder in Deutschland: Auf dem Weg zur gewaltfreien Gesellschaft

Ergänzend habe ich von Frau Hellmann Daten bzgl. der Häufigkeit der Gewalthandlungen genannt bekommen. Diese habe ich gesondert und ausführlich besprochen:

- Wie häufig und in welchen Schweregraden erleben Kinder in Deutschland körperliche Elterngewalt?

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Ende 2007 - Bussmann, Erthal & Schroth (2009) -wurden 1000 Eltern, die mit mind. einem Kind/Jugendlichen unter 18 Jahren  zusammenleben, befragt. (Ich gehe davon aus, dass das Kind der Befragten mindestens 2 Jahre alt ist, insofern gelten hier die Geburtsjahrgänge 1990-2005. Ich vermute allerdings auch, dass eher Eltern mit etwas älteren Kindern befragt wurden, so dass sich die Geburtenjahrgänge eher weniger auf den Bereich um 2005 finden.) 

68,4 % berichteten über Schläge auf den Hintern, 42,6 % von einem leichten Schlag ins Gesicht,  16,8 % versohlten den Hintern, 12,7 % verteilten schallende Ohrfeigen, 5,2 % schlugen mit Gegenständen und 9 % misshandelten ihre Kinder. Es ist interessant, dass die Eltern von mehr leichter Gewalt berichten (bei der schweren Gewalt stimmen die Zahlen wieder ungefähr überein), als befragte junge Menschen über eigens erlittene Gewalt. Ich vermute daher, dass die Zahl von 68,4 % Schlägen auf den Po durch so einige Eltern entstanden ist, die sehr seltenes, vielleicht sogar einmaliges (leichtes) Gewaltverhalten gegen das Kind berichtet haben, was diese Kinder im Rückblick gar nicht mehr erinnern, weil die Erziehung ansonsten gewaltfrei war.

An dieser Studie ist besonders interessant, dass die Eltern in Geburtenjahrgänge aufgeteilt wurden und sie auch zu eigenen Gewalterfahrungen befragt wurden. In der Studie wurden zusätzlich zu der körperlichen Gewalt auch psychische Bestrafungsformen abgefragt. Anschließen wurden drei Kategorien für die Kindererziehungspraxis gebildet. Die gewaltfreie Erziehung, die konventionell Erzogenen und die gewaltvolle Erziehung. Für den Vergleich der Geburtenjahrgänge wurde jeweils nur die gewaltfreie Erziehung (ohne jegliche körperliche Gewalt und psychische Bestrafungen) der besonders gewaltvollen Erziehung (Psychische Bestrafungen und mehr als einmal schwere körperliche Gewalt wie Misshandlung, Schläge mit Gegenständen und schallende Ohrfeigen) gegenübergestellt. Die älteste Elterngeneration (Geburtsjahrgänge vor 1962) erlebte die meiste schwere Gewalt und übte ihrerseits auch den selben Erziehungsstil häufiger bei eigenen Kindern an, als die jüngere Generation.

Eigenes erlebter gewaltvoller Erziehungsstil der befragten Eltern nach Jahrgängen (in Klammern die selbe gewaltvolle Erziehung der eigenen Kinder):
Vor 1962 = 55,5 % (18,8 %). 1962-1967 = 54,6 % (14,5%). 1968-1973 = 45,1 % (8,2%), 1973-1978 = 45,2% (14,1 %), ab 1979 = 38,1 % (12,8%)

Eigenes erlebter gewaltfreier Erziehungsstil (ohne jegliche körperliche Gewalt und psychische Bestrafungen) der befragten Eltern nach Jahrgängen (in Klammern gewaltfreie Erziehung der eigenen Kinder:
Vor 1962 = 9,2 % (22,4%). 1962-1967 = 9,5 % (26,9 %). 1968-1973 = 13,2 % (31,6%), 1973-1978 = 13,3% (28,4 %), ab 1979 = 14,1 % (35,3 %)

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Für eine große Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurden 10.264 Frauen im Alter von 16 bis 85 Jahren 2003 bzgl. diversem Gewalterleben und belastenden Erfahrungen befragt. Merkwürdig ist, dass über elterliche Gewalt in der Hauptuntersuchung nur sehr im Text versteckt berichtet wurde und dieses Gewalterleben im Inhaltsverzeichnis gänzlich gar nicht zu finden ist, obwohl diese Gewalt Menschen wesentlich prägt. Ausführlich fand ich die Ergebnisse nur in einem abgetrennten Teil der Studie  - Schröttle & Müller  (2004), S. 78-81 -, für den Prostituierte gesondert befragt wurden. Deren Berichte über elterliche Gewalt wurden mit den Berichten aus der Hauptuntersuchung verglichen. Somit konnte ich folgende Daten aufnehmen, die repräsentativ für die deutsche Frauenbevölkerung sind:

18 % hatten in ihrer Kindheit körperliche Übergriffe zwischen den Eltern/Pflegeeltern  miterlebt.

63 % erlebten körperliche Züchtigungen  durch Eltern/Pflegepersonen, 20 % sogar häufig oder gelegentlich.

8% gaben an, sie seien häufig oder gelegentlich von den Erziehungspersonen lächerlich gemacht oder gedemütigt worden

10% sagten sie seien häufig oder gelegentlich so behandelt worden, dass es seelisch verletzend war

11%, sie seien häufig oder gelegentlich niedergebrüllt worden

17%, sie seien häufig oder gelegentlich leicht geohrfeigt worden

6%, sie hätten häufig oder gelegentlich schallende Ohrfeigen mit sichtbaren Striemen bekommen

20%, sie hätten häufig/gelegentlich einen strafenden Klaps auf den Po bekommen

10%, sie hätten häufig/gelegentlich mit der Hand kräftig den Po versohlt bekommen

3%, sie seien häufig/gelegentlich mit einem Gegenstand auf den Finger geschlagen worden

6 %, sie seien häufig/gelegentlich mit einem Gegenstand kräftig auf den Po geschlagen worden

5%, sie hätten häufig/gelegentlich heftige Prügel bekommen

Insgesamt berichteten 10  % über mindestens eine Form von sexuellem Missbrauch vor dem 16. Lebensjahr.

8% berichteten in ihrer Kindheit und Jugend durch eine erwachsene Person sexuell berührt oder an intimen Körperstellen angefasst worden zu sein

3% sind gezwungen  worden, die erwachsene Person an intimen Körperstellen zu berühren

1% sind  gezwungen worden, sich selbst an intimen Körperstellen zu berühren

2% wurden zum Geschlechtsverkehr gezwungen und ebenfalls 2% wurden zu anderen sexuellen Handlungen gedrängt oder gezwungen

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In Anlehnung an die vorgenannte Studie bzgl. der Frauengesundheit wurden für eine Pilotstudie - Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2004) - 266 Männer  (die Studie ist somit nicht repräsentativ) im Jahr 2003 ausführlich befragt. Bzgl. dem Gewalterleben in Kindheit/Jugend ausgeübt durch Eltern/Elternfiguren wurden drei Altersgruppen gebildet: „18-35 Jahre“, „36 bis Ruhestand“ (also ca. bis zum 65. Lebensjahr) und „im Ruhestand“; insofern wurden die Geburtsjahrgänge „1968-1985“, „ca. 1938- 1967“ und „vor ca. 1937“ erfasst.

Es gibt dabei deutliche Unterschiede im (körperlichen) Gewalterleben der jüngsten Generation und den beiden älteren Gruppen. Wobei die älteste Gruppe wiederum über deutlich weniger Gewalt berichtet, als die mittlere. Dazu haben die Autoren der Studie u.a. geschrieben: „Es ist anzunehmen, dass die Nennungen jedoch um so mehr unter den realen Erlebnissen zurückbleiben, je mehr sie im historischen und milieuspezifischen Kontext als „übliches Erziehungsverhalten“ akzeptiert sind und damit in der „Normalität“ bzw. Alltäglichkeit verborgen sind.“ (S. 73) Sprich sie zweifeln die wahre Erfassung des Ausmaßes der Gewalt bzgl. den älteren Jahrgängen an. Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass die Teilnehmer per Interview befragt wurden und ältere Männer sich vielleicht besonders schwer damit tun, elterliche Gewalt gegenüber einem direkten Befrager auch als solche zu benennen.  

Hier nun die Ergebnisse (in Klammern jeweils die Geburtsjahrgänge „1968-1985“, „ca. 1938- 1967“ und „vor ca. 1937“

leicht geohrfeigt = 65,8 %, 77,8 %, 69,2 %

strafender Klaps auf den Po = 67,1 %, 77,8 %, 67,0 %

mit der Hand kräftig den Po versohlt = 25,0 %, 57,6  %, 41,8 %

mit Gegenstand  kräftig auf den Po geschlagen = 21,1 %, 43,4 %, 40,7 %

mit Gegenstand auf  die Finger geschlagen = 6,6 %, 24,2 %, 41,8 %

schallende Ohrfeigen mit sichtbaren  Striemen = 19,7 %, 36,4 %, 19,8 %

heftige Prügel = 10,5 %, 25,3 %, 19,8 %

lächerlich gemacht, gedemütigt = 52,6 %, 55,6 %, 33,0 %

niedergebrüllt = 52,6 %, 49,5 %, 29,7 %

so behandelt, dass es seelisch verletzend war = 40,8 %, 45,5 %, 25,3 %

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Eine weitere repräsentative Studie - Häuser, Schmutzer, Brähler & Glaesmer (2011) - befasst sich vornehmlich mit schwereren Gewalterfahrungen  (vor allem „körperliche Züchtigungen“ sind auf Grund der Fragestellungen nicht erfasst worden), die wiederum in die Kategorien „gering bis mäßig“, „mäßig bis schwer“ und „schwer bis extrem“ eingeteilt wurden. Die Studie wurde im April 2010 durchgeführt und es konnten die Daten 2.504 Personen (über 14 Jahre bis über 60 Jahre alt) ausgewertet werden.
Einige Ergebnisse: 

15,0 % der Personen der Gesamtstichprobe berichteten über emotionalen Missbrauch

12,0 % über körperlichen Missbrauch bzw. Misshandlungen

12,6 % über sexuellen Missbrauch

49,5 % über emotionale und 48,4 % über körperliche Vernachlässigung

1,6 % der Personen der Gesamtstichprobe berichteten über schweren emotionalen, 2,8 % über schweren körperlichen, 1,9 % über schweren sexuellen Missbrauch in Kindheit und Jugend. 6,6 % der Befragten gaben Auskunft über schwere emotionale und 10,8 % über schwere körperliche Vernachlässigung in Kindheit und Jugend.

31,8 % der Befragten berichteten über keine, 27,7 % über eine, 23,7 % über zwei, 8,3 % über drei, 4,6  % über vier und 3,7 % über fünf Formen des Missbrauchs.

85,5 % gaben keine, 8,9 % eine, 3,3 % zwei, 1,4 % drei, 0,8 % vier und 0,1 %  fünf schwere Formen des Missbrauchs an

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Schlussbemerkung

Im Grunde habe ich mein Anliegen bereits kurz in der Einleitung aufgezeigt. Mir geht es zum Einen darum, einmal alle erdenklichen Studien übersichtlich zusammenzufassen. Zum Anderen möchte ich deutlich machen, dass Gewalt gegen Kinder in Deutschland stetig rückläufig ist, dass sich dieser Trend seit den 1970er Jahren langsam zu beschleunigen scheint und dass wir ab den in den 1990er Jahren Geborenen sogar erstmalig in der deutschen Geschichte eine Kindergeneration aufwachsen sehen, die mehrheitlich keine körperliche Elterngewalt erlebt hat. (Die große Mehrheit der Kinder in Deutschland fühlt sich außerdem gut bis sehr gut, was eine Umfrage aus dem Jahr 2011 zeigte) Dieser stetigen und fast stillen Revolution wird viel zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht. (Dies bedeutet übrigens logischer Weise nicht nur ein Weniger von kindlichen Opfererfahrungen, sondern auch, dass wir immer weniger TäterInnen im Land haben.)

Es bleibt mir noch der Hinweis auf weitere aufschlussreiche Quellen. Der Psychohistoriker Lloyd deMause hat die deutsche Kindheit um 1900 an Hand etlicher historischer Quellen als einen "Alptraum von Mord, Vernachlässigung, prügeln und Folter von unschuldigen, hilflosen menschlichen Wesen" bezeichnet. (deMause 2005; S. 140) Der Autor reiht in seinem Buch auf elf Seiten (deMause 2005, S. 140–150) einen erschütternden Bericht über den damaligen destruktiven Umgang mit deutschen Kindern an den anderen. Auch online gibt es Artikel von ihm, die diese damalige deutsche Kindheit beschreiben (und diese in einem starken ursächlichen Zusammenhang zu den kriegerischen Entwicklungen Anfang des 20. Jahrhunderts sehen.): "The Childhood Origins of the Holocaust" (2005) und "The Childhood Origins of World War II and the Holocaust" (Kapitel 6 des Online-Buches "The Origins of War in Child Abuse" veröffentlicht auch in mehreren Ausgaben des Journal of Psychihistory)
Die Geschichte der Kindheit reicht natürlich - auch für Deutschland - Jahrtausende zurück. Vor allem die Psychohistorie hat sich damit befasst. Demnach ist der "Alptraum" Kindheit in Deutschland um 1900 schon Teil eines stetigen psychoevolutionären Prozesses. Es gilt der Satz:  "Je weiter man in der Geschichte zurück geht, desto mehr sinkt das Niveau der Kindererziehung.“ (deMause 2005, S. 269)



Quellen

BMI – Bundesministerium des Inneren & KFN – Kriminologisches For-schungsinstitut Niedersachsen (2009). Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt. Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN. Hannover.

Bussmann, K.-D. (2007). Report über die Auswirkungen des Gesetzes zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung. Bundesministerium der Justiz  (Hrsg.)

Bussmann, K.-D., Erthal, C., & Schroth, A. (2009). The Effect of Banning Corporal Punishment in Europe: A Five-Nation Comparison. Halle-Wittenberg: Martin-Luther-Universität.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2004). Gewalt gegen Männer in Deutschland. Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland. Pilotstudie.

deMause, Lloyd. (2005). Das emotionale Leben der Nationen. Klagenfurt, Celovec: Drava Verlag.

Häuser, Winfried; Schmutzer, Gabriele; Brähler, Elmar; Glaesmer, Heide (2011).  Misshandlungen in Kindheit und Jugend: Ergebnisse einer Umfrage in einer repräsentativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung. In: Deutsches Ärzteblatt, Jahrgang 108, Heft 17.

Hävernick, Walter (1970). „Schläge“ als Strafe. Ein Bestandteil der heutigen Familiensitte in volkskundlicher Sicht. Museum für Hamburgische Geschichte. Hamburg.

Hellmann, D. F. (2014): Repräsentativbefragung zu Viktimisierungserfahrungen in Deutschland. (Forschungsbericht Nr. 122). Hannover: KFN

Pipping, Knut, Abshagen, Rudolf , Brauneck, Anne-Eva (1954): Gespräche mit der Deutschen Jugend. Ein Beitrag zum Autoritätsproblem. Helsingfords.

Schröttle, M. , Müller, U. (2004). II. Teilpopulationen – Erhebung bei Prostituierten.  „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. (Hrsg.).

Weller, Konrad (Hrsg.) (2013). PARTNER 4 Sexualität & Partnerschaft ostdeutscher Jugendlicher im historischen Vergleich. Merseburg.

Wetzels, Peter (1997). Gewalterfahrungen in der Kindheit – Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung und deren langfristige Konsequenzen. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.

Ziegler, Holger (2013). Gewaltstudie 2013:  Gewalt- und Missachtungserfahrungen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Universität Bielefeld.

Montag, 10. Februar 2014

Traumafolgekostenstudie: Was kostet (schwere) Kindesmisshandlung im Jahr? Antwort: 11 Milliarden Euro, mindestens!

Erst jetzt habe ich die Studie Habetha, S., Bleich, S.,  Sievers, C. Marschall, U., Weidenhammer, J., Fegert, J. M. (2012). Deutsche Traumafolgekostenstudie. Kein Kind mehr – kein(e) Trauma(kosten) mehr? Kiel: Schmidt & Klaunig. entdeckt.

Die Studie fragt vereinfacht gesagt: Was für Kosten entstehen durch Traumatisierungen in Kindheit und Jugend in Deutschland?

So weit ich gesehen habe wurden folgende Kosten aufgenommen.
Gesundheitsleistungen (Logopädie, ambulante psychotherapeutische Behandlung), sozialen Dienstleistungen (Erziehungsberatung, Sozialpädagogische Familienhilfe, Soziales Training, Kontinuierliche spielpädagogische Einzelförderung), Bildungsleistungen (Berufsvorbereitung, Ausbildungsförderung) und Produktivitätsverlusten (geringe berufliche Qualifikation, Arbeitslosigkeit).

Ausgehend von den in der Literatur verfügbaren Anhaltspunkten (bzw. vor allem unter Bezug auf eine Studie, die ich hier besprochen  habe.) wird von 7,8 Millionen in Deutschland von Kindesmisshandlung/-missbrauch bzw. Vernachlässigung in der Ausprägung „schwer/extrem“ Betroffenen ausgegangen. Nur ein Anteil von 21% wurde – aus in der Studie erläuterten Gründen -  für die Herleitung der Kosten mit einbezogen. Das  sind dann ca. 1,6 Millionen Menschen, welche die Traumafolgekosten für Gesamtdeutschland ausmachen. Dies ist eine sehr vorsichtige und sehr konservativ angesetzte Zahl, was die AutorInnen auch betonen. Es ergibt sich entsprechend jedes Jahr ein Betrag von 11,0 Mrd. Euro, der durch die Folgen von (schwerer) Kindesmisshandlung/-missbrauch und Vernachlässigung für die deutsche Gesellschaft anfällt!

Diese Zahl muss Mensch erst einmal sacken lassen. Vor allem auch, wenn Mensch von dieser Summe ausgehend weiterrechnet. Denn jeder, der sich mit der Thematik befasst, weiß, dass diese 1,6 Mio schwer misshandelte Menschen eine absolute Untergrenze darstellen, da auch viele mittelschwere Fälle durchaus mit Traumafolgen zu kämpfen haben und die herausgerechneten 6,2 Mio schwer Misshandelten natürlich an anderer Stelle auch Kosten produzieren werden, die hier nicht erfasst wurden. Zudem wird sich jeder mit der Thematik befasster Mensch klar sein, dass die oben aufgeführten Kosten nur ein Teilpaket des Ganzen sind. Sofern z.B. nur rein an Kriminalität (als Folge von Misshandlungserfahrungen) gedacht wird, werden ganz andere Kostendimensionen aufgeschlagen. Kindesmisshandlung kommt der Gesellschaft teuer zu stehen. Es ist ein menschliches Gebot, aber auch ein ökonomisches und erst recht ein politisches, Kinder vor Gewalt zu schützen. Die oben besprochene Studie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Auftrag gegeben. Insofern ist – hoffentlich – zu erwarten, dass sich die Politik ihrer Aufgabe bewusst wird und dass das mit den „hohen Kosten für Kinderschutz“ gleich wieder vergessen werden kann. Denn Kinderschutz lohnt sich, auch finanziell.



Freitag, 7. Februar 2014

Schweizer Kampagne gegen Ausländer als destruktive Gruppenfantasie

Die Schweizerische Volkspartei (SVP) hat kürzlich eine Volksinitiative „gegen Masseneinwanderung“ gestartet. In zwei Tagen findet die Abstimmung statt.
Für mich besonders erschreckend ist das Plakat, mit dem die Partei ihre Kampagne in der Öffentlichkeit bewirbt. Zu sehen ist ein Baum, dessen Wurzelen krakenähnlich die Schweiz umschlingen und diese langsam zerstören. „Die Schweiz im Würgegriff der durch die heutige Form der Personenfreizügigkeit nicht mehr kontrollierbaren Zuwanderung.“, ist dann auch auf den Seiten der Partei in einer Pressemitteilung in Bezug zu diesem Plakat zu lesen. „Die Folgen der masslosen Zuwanderung sind täglich spür- und erlebbar: zunehmende Arbeitslosigkeit (Erwerbslosenquote von 8,5% unter den Ausländern), überfüllte Züge, verstopfte Strassen, steigende Mieten und Bodenpreise, Verlust von wertvollem Kulturland durch Verbauung der Landschaft, Lohndruck, Ausländerkriminalität, Asylmissbrauch, Kulturwandel in den Führungsetagen und belastend hohe Ausländeranteile in der Fürsorge und in anderen Sozialwerken.“, ließt man weiter etwas sprachlos über diese platten Parolen einer gewichtigen politischen Partei in der Schweiz.
SPIEGEL-Online
kommentierte das Plakat u.a. so: „Die Schweiz geht kaputt, weil sie vor Wachstum strotzt.“ Lloyd deMause nennt solche Prozesse „Wachstumspanik“, etwas, das viel mit der Kindheit zu tun hat, weil gesellschaftliches Wachstum traumatische Kindheitserinnerungen triggern kann.

Es geht zudem um die Angst vor Identitätsverlust, was die Kampagne deutlich zeigt. Menschen, die selbst eine unsichere Idenität haben, weil sie sich als Kind nicht entfalten (nicht wachsen) durften, sondern gedemütigt und mit Gewalt erzogen wurden, werden sich von einer solchen Angstkampagne vermutlich besonders angesprochen fühlen.  Ich habe in einem Beitrag deutlich gemacht, dass bildliche Darstellungen von Bedrohungen in Form von krakenähnlichen Wesen sehr viel mit destruktiven Kindheiten zu tun haben. Die aktuelle Schweizer Kampagne ist durchzogen von Ängsten vor Identitätsauflösung, Fremdenfeindlichkeit und Angst vor Wachstum und Veränderungen. Hier scheinen sehr gewichtige emotionale Prozesse am Werk zu sein. Destruktive Kindheiten scheinen auch mitten in Europa weiterhin stark zu wirken.

Dienstag, 4. Februar 2014

Neue Studie: Gewalt gegen Kinder in Tansania

Eine neue Studie bestätigt erneut das hohe Ausmaß an Gewalt gegen Kinder in Afrika:
Hecker, T., Hermenau, K., Isele, D., & Elbert, T. (2013). Corporal punishment and children’s externalizing problems: A cross-sectional study of Tanzanian primary school students. Child Abuse and Neglect. doi: 10.1016/j.chiabu.2013.11.007.

409 Schulkinder wurden befragt. 95 % wurden mindestens einmal in ihrem Leben von einer Lehrkraft geschlagen. Ebenfalls 95 % berichteten über körperliche Gewalt durch Eltern oder Pflegepersonen. Die Mehrheit der Kinder, 82 %, wurde mit Stöcken, Gürteln oder anderen Gegenständen geschlagen. Fast ein Viertel der Kinder (24 %) wurde derart schwer geschlagen, dass sie Verletzungen davontrugen.

Zudem stellte die Studie signifikante Zusammenhänge zwischen Gewalterfahrungen und eigenem aggressivem Verhalten, Verhaltensstörungen und Hyperaktivität fest.  Entsprechend korrelierte prosoziales Verhalten negativ mit Gewalterfahrungen.


Quelle für die Zahlen siehe online auch hier: "TANZANIA: Study Shows Corporal Punishment Doesn't Improve Child's Behaviour"

Siehe ergänzend auch: Gewalt gegen Kinder in Tansania

Donnerstag, 16. Januar 2014

Gewaltvolle Kindheiten von Helmut Schmidt, Sigmar Gabriel, den Klitschkos und Arnold Schwarzenegger.

In der ARD-Dokumentation „Helmut Schmidt. Lebensfragen“ (am 23.12.2013 gesendet) hat der Altkanzler im hohen Alter Rede und Antwort über sein Leben gestanden. Dabei sagte er auch ein wenig etwas über seine Kindheit. (onine derzeit noch auf youtube)

Meine Verbindung mit den Eltern war damals nicht sonderlich eng.“, so Schmidt im Laufe der Doku.  (Was somit auch die Mutter einschließt, über die Schmidt in der Doku wenig berichtet.) Die Sendung beginnt gleich zu Anfang mit einer Szene zwischen Vater und Sohn. Der Vater will Helmut Fahrradfahren beibringen. Dabei ist er sehr streng,  nimmt keine Rücksicht auf Verletzungen durch einen Sturz und sagt zu dem verletzten am Boden liegenden Helmut „Was sagen wir da, was sagen wir? Da lach ich drüber! Aufstehen und weiter!
Seinen Vater beschreibt Schmidt so (und über sich selbst spricht er dabei in der dritten Person): „Abweisend, kühl, Schmusereien hat es nicht gegeben zwischen ihm und seinen beiden Söhnen.“
Nach der Frage des Interviewers, ob Schmidt sich an klassische Kinderängste erinnern könne, antwortet er zunächst mit einem bestimmten „Nein“. Der Interviewer hakt nach und zählt einige mögliche Ängste auf, am Ende auch Zornesausbrüche des Vaters. Schmidt hält kurz inne. „Bisweilen hatte ich Angst vor meinem Vater, vor den Prügeln, die ich kriegte.“ Der 1918 geborene Helmut Schmidt hatte allem Anschein nach eine damals  klassische deutsche Kindheit, was einen autoritären Erziehungsstil bedeutete.

Für mich war zudem auch aufschlussreich, was über die Kriegsjahre berichtete wurde. Nach der Frage, warum er sich Freiwillig für Einsatz zur Ostfront gemeldet hatte, antwortetet Schmidt, dass er nicht „als Feigling durch die Gegend laufen“ wollte, „Alle jungen Soldaten hatten inzwischen das Eiserne Kreuz  (…) und ich hatte das nicht, das war das ganze Motiv.“ Er äußert er sich anschließend  auch kurz selbstkritisch über seine damalige Verrücktheit.
Auf Nachfrage gibt Schmidt sofort zu, dass er Menschen im Krieg getötet hat, diese habe er aber nicht gesehen. Er habe Flugzeuge abgeschossen und Dörfer in Brand geschossen.  „Man hat den Feind selber kaum gesehen, man hat ihn nur geahnt.“  „Wenn man Dörfer in Brand geschossen hat, wusste man dann auch, dass Frauen und Kinder sterben würden.?“ fragt der Interviewer. Schmidt: „Das war einem nicht bewusst. Im Kriege ist in vielen Situationen das eigene Denken ausgeschaltet.
Ich will mir hier kein Urteil über Schmidt und dessen Taten im Krieg erlauben. Mir geht es um etwas anderes. Schmidt ist ein vielschichtiger Mensch, ein hochintelligenter Mann und ein echter Demokrat. In diesem Blog bin ich schon mal durch einen Leser aufgefordert worden, mich auch mit den Lebenswegen von (politischen)  Menschen zu befassen, die keine glückliche Kindheit hatten und trotzdem politisch konstruktiv (oder zumindest nicht zerstörerisch/kriegerisch) handelten. Ich denke, dass für einen solchen Lebensweg Helmut Schmidt ein gutes Beispiel ist, zumindest nach 1945.
Ich weiß nicht, wie es anderen Menschen geht, wenn sie Helmut Schmidt sehen und hören. Ich persönlich schätze sein weitschichtiges Denken und seine klare Sprache. Außerdem fährt er eine klare Linie und steht zu dem, was er denkt. Und er hat auch eine gewisse und sehr feste Moral, so scheint es mir. Aber mir fällt auch immer wieder auf, wie er sich emotionale Regungen verbietet, wie er diese zurückhält. Irgendetwas fehlt, denke ich immer, wenn ich ihn reden hören. Man ahnt immer, dass er emotional dabei ist, aber man sieht es nicht. Diese fehlende Emotionalität ist sicher zu einem nicht unwesentlichen Teil das Resultat von elterlicher Gewalt und der Distanz zum Kind, die Schmidt beschrieb, wie auch ergänzend den Kriegserfahrungen.  Zudem ist auch sein Kettenrauchen eine mögliche klassische Folge von solch traumatischen Erfahrungen.

Helmut Schmidt ging im Nachkriegsdeutschland demokratische Wege und verdient sicherlich für vieles Respekt.  Aber trotzdem erfüllt sein Handeln und Denken während der Kriegsjahre Grundannahmen dieses Blogs. Als junger Mensch wollte er freiwillig ganz Vorne an der Front dabei sein. Ihm fehlte ganz offensichtlich die emotionale Vorstellungskraft dafür, was Krieg bedeutet.  Diese emotionale Lücke ist eine klassische Folge von destruktiver Erziehung.

Kein Mensch geht ohne Folgen aus einer lieblosen Kindheit heraus. Gerade auch direkte elterliche Gewalt, die Schmidt erfuhr, hat immer Auswirkungen auf das Leben des heranwachsenden Menschen. Diese Folgen können wir, denke ich, auch bei Helmut Schmidt sehen. Wir sehen aber auch, dass Menschen immer Individuen sind und dass sie ihren Lebensweg je nach Möglichkeiten mitgestalten. Gewalterfahrungen in der Kindheit führen nicht automatisch zu  einem politisch (oder sonstigen) verbrecherischen Verhalten, das die entsprechende Persönlichkeit lebenslang durchzieht. Helmut Schmidt hat viel für Deutschland und die demokratischen Entwicklungen im Lande getan. Politisch war er alles andere als eine Gefahr für den Frieden oder die Demokratie. 

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Ein weiterer Politiker und dessen Kindheit machte vor kurzem Schlagzeilen: Sigmar Gabriel (derzeit Vizekanzler).

Als Sigmar drei Jahre alt war, trennten sich seine Eltern und er musste gegen seinen Willen bei seinem Vater bleiben, einem überzeugten Nazi, der seinen Sohn oft verprügelte und ihn mit diversen Sanktionen und Strafen überzog. Beispielsweise verschenkte der Vater Sigmars gesamtes Spielzeug, nachdem der Sohn mit schlechten Noten nach Hause gekommen war. Erst als Sigmar 10 Jahre alt war, erstritt seine Mutter erfolgreich das Sorgerecht und Sigmar fühlte sich von ihr gerettet. (Allerdings entführte der Vater den Sohn zunächst und zwang diesen, seiner Mutter am Telefon zu sagen, er wolle beim Vater bleiben) Als Heranwachsender klaute Sigmar und zerstach Reifen, seine Mutter brachte ihn mit großer Mühe wieder in die richtige Bahn.  (verwendete Quellen Bild, 10.01.2013, "SPD-Chef Sigmar Gabriel. Die Geschichte seiner schweren Kindheit" und Tagesspiegel, 11.01.2013, "Mein Vater, der Nazi") Und auch an anderer Stelle werden die Folgen der Misshandlung sichtbar. Der Focus schreibt: „Der Sozialdemokrat hat seine Vergangenheit bewältigt, eines jedoch kann er nicht abschütteln – seinen Jähzorn, den ihm laut „Zeit“ auch enge Freunde nachsagen.“
Sigmar Gabriel war als Kleinkrimineller durchaus gefährdet, weiter abzurutschen und ganz andere Wege zu gehen. Er hatte das Glück, eine Mutter zu haben, die ihm half.

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Vitali Klitschko hat sich nach seinem Rückzug aus dem Boxsport stark politisch in der Ukraine engagiert und ist dort derzeit ein wichtiger Oppositionspolitiker.  Sein Bruder Wladimir Klitschko berichtete einst in einem Interview über seine Kindheit: „Als ich mal was ganz Schlimmes getan hatte, wusste ich, dass mir der Po versohlt wird. Also dachte ich: Wenn der Vater abends kommt, wird es hart. Aber ich dachte auch: Wenn die Mutter das schon geklärt hat, wird Vater gnädig sein. Dann habe ich den Gürtel aus einer Hose meines Vaters genommen und bin damit zur Mutter gegangen. Ich sagte ihr, dass ich etwas Schlimmes gemacht habe, und dass es nicht richtig war. Ich gab ihr den Gürtel in die Hand, guckte in ihre Augen und sagte: So, und jetzt schlag zu. Und dann habe ich ihr noch mit Tränen in den Augen gesagt: Komm, schlag! Mach es! Und dann ist unsere Mutter eingeknickt.“ (Tagesspiegel Online, 15.06.2011, "Politik ist ein Kampf ohne Regeln" ) Dieses Beispiel bracht er beiläufig, um zu erklären, wie er seine Mutter zum Mitwirken an den Dreharbeiten für den Film „Die Klitschkos“ überzeugen konnte. Die Interviewer gingen darauf nicht weiter ein. Mit dem Gürtel durch den Vater verprügelt zu werden, ist schwere körperliche Gewalt, ähnliches hat ganz sicher auch Vitali erlebt, der seinem Bruder auch nicht ins Wort fiel.
Die Klitschko Brüder haben beide einen Weg gewählt, um legal und in einem sportlichen Rahmen Gewalt auszuüben. Beide haben sich dabei eine sehr traditionelle Männlichkeit gebastelt, bei der Stärke und Dominanz zählt und Schwäche oder gar Ohnmacht nicht erwünscht ist. Wie Vitali sich politisch entwickelt, ist bisher nicht eindeutig vorhersehbar. Beide Brüder stehen eindeutig nicht für Gewalt (außerhalb des Ringes) und politischen Wahn.

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Arnold Schwarzenegger – berühmter Schauspieler, Bodybuilder und ehemaliger Gouverneur -  von Kalifornien berichtete über seine Kindheit in Österreich erschütterndes:  „„Ich wurde an den Haaren gezogen. Ich wurde mit einem Gürtel verprügelt. (…) Damals wurde der Willen von vielen Kindern gebrochen. Das war die österreichisch-deutsche Mentalität.“ Immer, wenn er geschlagen worden sei, so im Artikel weiter, habe er sich gesagt: „Hier bleibe ich nicht mehr lange. Ich will hier weg. Ich will reich sein. Ich will jemand werden.“ (schwaebische.de, 05.08.2004, "Arnold Schwarzenegger spricht über Prügel-Vater")
Auch bei Schwarzenegger kann man – so meine Wahrnehmung – deutlich die Folgen der Kindesmisshandlung sehen.  Er bastelte sich eine harte und männliche körperliche Hülle und trat auf der Leinwand als gewaltvoller Actionheld auf, eine legale Art, Gewalt zu inszenieren. Als Gouverneur war er sehr umstritten, u.a.  weil er für die Todesstrafe stand und Gnadengesuche ablehnte.

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Alle vier vorgestellten Politiker sind sehr unterschiedliche Menschen und gingen sehr individuelle Wege.  Alle vier stehen im ersten Moment, wo man sich mit ihnen befasst, nicht für Gewalttäter oder gar politischen Wahn. Trotzdem lassen sich bei allen deutliche Folgen der Kindheitserfahrungen erkennen, bei jedem auf seine Weise und auch in unterschiedlichen Lebensabschnitten. (Um über weitere mögliche Folgen etwas sagen zu können, müsste man diese Menschen näher kennen.)  

Kindesmisshandlung hat immer (destruktive) Folgen, die sich von Mensch zu Mensch unterschiedlich gestalten.  Die Folgen hängen dabei vor allem auch von dem Ausmaß und dem erlitten „Gewaltmix“ ab.  Die unterschiedlichen Ausformungen und Ausdrucksformen dieser Folgen sind ein wichtiger Grund dafür, warum stets argumentiert wird, dass die meisten Menschen, die als Kind misshandelt wurden, nicht zu Amokläufern, Massenmördern oder Gewalttätern werden. Auf Grund dieser  Feststellung wird dann routinemäßig angezweifelt, dass die Kindheit von Gewalttätern eine bedeutsame Rolle spielt.  Das Ausblenden der komplexen Folgen von Kindesmisshandlung und der Komplexität von menschlichen Lebenswegen ist etwas, dem ich demnächst einen eigenen Beitrag widmen werde.

Noch ein Nachgedanke: Eines ist bisher unbeantwortet. Entsprechen die Kindheiten von PolitikerInnen denen der Normalbevölkerung (was in vielen Teil der Welt auch heute noch bedeutet, dass die Mehrheit der politschen Klasse als Kind Gewalt erfuhr) oder gibt es Unterschiede, vielleicht sogar in der Hinsicht, dass einst ungeliebte Kinder besonders häufig nach politischer Macht streben? Aussagenkräftige Befragungen von Parlamentsangehörigen in diesem Sinne sind mir bisher nicht bekannt, aber vielleicht kommt ja mal ein Forschender darauf, dahingehend eine Befragung durchzuführen.  

Montag, 13. Januar 2014

Ehrenpreis für Woody Allen als Zeichen für Täteridentifikation

Woody Allen wurde der diesjährige Golden-Globe-Ehrenpreis für sein Lebenswerk verliehen. Diese Nachricht ließ mich heute Morgen - als ich sie im Radio hörte – kurz zusammenzucken.

Missbrauchsvorwürfe gegen Allen gibt es schon seit Jahren. Aber gerade Ende letzten Jahres machte seine Adoptivtochter Dylan Schlagzeilen, weil sie über ihre Kindheitserinnerungen und den erlittenen Missbrauch durch ihren Stiefvater berichtete. Ebenso wurde öffentlich, dass auch weitere Kinder von Allen den Kontakt zu ihrem Vater abgebrochen haben. „Der jetzt 39-jährige Sohn Fletcher Previn (…) nahm sich sogar die Zeit, um aus jedem Familienfoto Allen mit Photoshop zu entfernen. Auch die Videos seien bearbeitet worden: `Wir können sie uns anschauen und das Gute sehen, ohne an das Böse erinnert zu werden`, erklärte er.“, berichtet die WELT.
Einen sehr deutlichen und hintergründigen Artikel findet man auch bei EMMA.

Für Allens Kinder ist es sicher nichts Neues, dass ihr Vater gesellschaftlich hoch geschätzt und geehrt wird. Der Golden-Globe-Ehrenpreis kommt zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, kurz nach den Enthüllungen durch Dylan. Dieser Preis unterstreicht somit ganz besonders, dass sich viele Menschen lieber mit dem Aggressor identifizieren, als den Wahrheiten ins Gesicht zu schauen. Das ist etwas, was nicht nur im Fall Allen gesellschaftlich wie auch politisch relevant ist. Das „mit dem Täter identifiziert sein“ und „das Opfer nicht sehen wollen“ ist ein Grundproblem vieler Gesellschaften. Dieses Problem ist wiederum eine Folge der weit verbreiteten Gewalt gegen Kinder.

Montag, 6. Januar 2014

Aage Borchgrevink: "A Norwegian Tragedy". Ein Lehrstück über die tieferen Ursachen von Terror.

 
"Violence is the mother of change."

(Anders Behring Breivik in seinem "Manifest")


Das Buch des Autors Aage Borchgrevink über das Massaker von Utøya und Anders Breivik ist Ende letzten Jahres auch in englisch unter dem Titel „A Norwegian Tragedy. Anders Behring Breivik and the Massacre on Utøya“ im Polity Verlag, Cambridge (UK) / Malden (USA) erschienen. Die erste Veröffentlichung war in norwegischer Sprache im Jahr 2012 (Ich selbst konnte bisher das Buch nur indirekt an Hand eines Medienartikels besprechen, was sich jetzt dank der englischen Übersetzung ändert.)
Seit dem ist einige Zeit vergangen und man möchte meinen, dass die deutsche Presse zumindest nach der englischen Veröffentlichung das in Norwegen mit dem "Kritikerpreis" ausgezeichnete Buch ausführlich bespricht. Aber fehl gedacht. Online hat einzig die Bild unter dem gewohnt reißerischen Titel „Der Hass kommt von der Mutter“ einigermaßen ausführlich berichtet. Außerdem gibt es noch einen kurzen Bericht unter shortnews.  Das war es.

Ich bin insofern hoch motiviert, das deutschsprachige Internet um die wesentlichen Rechercheergebnisse des Autors zu bereichern. Der Fall Breivik ist einzigartig und ein Lehrstück für die Gewaltforschung, da dieser Massenmörder im Alter von knapp vier Jahren Anfang 1983 - nachdem seine Mutter, Wenche Behring, das „State Centre for Child an Youth Psychiatry“ (SSBU) erneut um Hilfe ersucht hatte – zusammen mit seiner Mutter drei Wochen lang stationär aufgenommen und von einen Fach-Team bestehend aus ganzen acht Personen beobachtetet und analysiert wurde.

Bereits Mitte 1981 hatte Breiviks Mutter das Sozialamt um Hilfe mit ihrem ca. 2 ½ Jahre alten Sohn gebeten, da sie überfordert war und ihren kleinen Sohn als ruhelos, gewalttätig und voller Eigenarten empfand. Anders wurde daraufhin für einige Zeit an den Wochenenden fremduntergebracht, bis die Mutter dies wieder auflöste. Mit ihrer Tochter dagegen war Wenche eng verbunden, attackierte aber ihren Sohn. (S. 28+29) Bereits während der Schwangerschaft wollte die Mutter Anders abtreiben, da sich bereits Probleme in ihrer Partnerschaft abzeichneten, sie verpasste aber den Stichtag. (S. 262) Während der Schwangerschaft empfand sie den Fötus bereits als schwieriges Kind, das rastlos war und sie trat. (Anmerkung: Sichwort "Fötales Drama" nach Lloyd deMause) Nach 10 Monaten Stillzeit stoppte sie diese, weil sie meinte, das starke und aggressive Saugen würde sie zerstören. (S. 262)

Der SSBU Bericht zeigte weiterhin folgendes:
Der vier Jahre alte Enders Breivik wusste in einem Spielzimmer nichts mit Spielsachen anzufangen, im Spiel mit anderen Kindern fehlte ihm Vorstellungskraft und Empathie und er konnte seine Gefühle nicht ausdrücken. (S. 29) 
Seine Mutter pflegte eine doppelte Kommunikation mit ihrem Sohn, stieß ihn von sich weg und zog ihn hinterher wieder eng an sich heran. Dies ging soweit, dass sie ihrem Sohn sagte, sie wünschte, er wäre tot und einem Mitarbeiter der Sozialbehörde ebenfalls sagte, dass sie ihren kleinen Sohn loswerden wolle, was auch immer sie damit meinte. Die Mutter dachte in schwarz und weiß, sah alles als Fehler Anderer, konnte nicht über sich selbst reflektieren, konnte ihrem Sohn keine deutlichen Grenzen setzen, ließ diesen oft alleine zu Hause, konnte nicht mit ihm umgehen, fühlte sich durch ihn provoziert  usw. (S. 28+31+32+259+263) Aage Borchgrevink kommentiert all dies mit dem Begriff „Emotionale Misshandlung“ (S. 31) und stellt dem Gutachten folgend die Vermutung in den Raum, dass Wenche Behring an einer Borderline Persönlichkeitsstörung leidet. (S. 33) Sie selbst war als Kind schwer belastet. Ihr Vater verstarb früh, sie selbst erlebte emotionale und körperliche Misshandlung und eine sehr gestörte Mutter-Tochter-Beziehung. (S. 264) Außerdem musste sie einige Jahre in einem Kinderheim verbringen. (S. 265)
Borchgrevink fasst noch mal die gestörte Mutter-Sohn-Beziehung zusammen: „Together, Anders and his mother wandered arround like aliens on Earth, visitors from another planet who could not understand what they should feel or what they should do in the playroom. They were united in a deeply ambivalent relationship, occasionally escaping restlessly to seek confirmation from the outside world, but always finding their way back to each other.” (S. 34)
Diese ambivalente oder auch symbiotische Beziehung beinhaltete auch, dass Anders durch seine Mutter sexualisiert wurde bzw. sie – dem Bericht des SSBU folgend – ihre "paranoiden aggressiven und sexualisierten Ängste vor Männern auf ihren Sohn projizierte." (S. 259+260; eigene Übersetzung) Sexueller Missbrauch konnte nicht nachgewiesen werden, steht aber im Raum. Borchgrevink zitiert dabei auch einen Medienbericht, der sich auf zwei unterschiedliche Quellen bezieht, die beide sexuellen Missbrauch nahelegen. (S. 256)
Wenche Behring berichtete den Mitarbeitern des SSBU auch, dass sie ihren Sohn schlug und er dann rief: „Es tut nicht weh, es tut nicht weh.“  (S. 262) Das Ausmaß der körperlichen Gewalt ist nicht belegt. Ich selbst vermute aber, dass das Kind sich schon früh emotional abschalten musste, um in dieser allgemeinen Atmosphäre der Gewalt und Vernachlässigung zu überleben. Ein solches Kind kann dann in der Tat keinen Schmerz mehr empfinden.

Das Team des SSBU war nach der Begutachtung der Familie extrem beunruhigt, machte sich Sorgen um mögliche ernsthafte psychische Folgen für Anders und forderte, dass der Junge von seiner Mutter getrennt werden müsse, etwas, das zur damaligen Zeit in Norwegen nur in extrem schwierigen Fällen gefordert wurde. (S. 26+27+32)
Nachdem Anders - von der Familie getrennt lebender - Vater sorgenvolle Warnmeldungen durch Nachbarn und auch den Bericht des SSBU erhalten hatte, wollte er gerichtlich das Sorgerecht erstreiten. Dies scheint ein Wendepunkt gewesen zu sein. Anders Mutter mobilisierte all ihre Kraft, um gegen ihren Ex-Mann zu kämpfen (S. 34), den sie schon vorher als Monster beschrieben hatte, weil er sie für verrückt hielt. (S. 27) Um es kurz zu fassen. Die Mutter gewann vor Gericht, behielt das Sorgerecht, eine staatliche Kinderschutzstelle besuchte die Familie noch einige male und fand nichts Ungewöhnliches vor, was Grund zur Sorge gab. Borchgrevink fragt sich zu Recht, ob die Mutter damals gezielt eine Fassade aufbaute. (S. 36)
Nach den Taten ihres Sohnes wurde sie befragt und gab falsche Angaben zu den damaligen Abläufen. Sie sagte u.a. aus, dass es keinerlei Befürchtungen bzgl. Anders Entwicklungen als Kind gab und dass die Begutachtung des SSBU ein Resultat des Sorgerechtsstreites mit ihrem EX-Mann war, obwohl es genau umgekehrt war. (S. 140) . Borchgrevink befasst sich am Ende des Buches u.a. mit den aktuellen Kinderschutzauffassungen in Norwegen und meint, dass Anders Breivik nach einem Gutachten wie des der SSBU Anfang der 80er Jahre heute von seiner destruktiven Mutter getrennt worden wäre. (S. 270) Doch damals waren die Zeiten und Einstellungen zu Kindern und Familie noch anders.

Anders Breivik selbst sagte nach seiner Inhaftierung, dass er sich nicht an seine frühe Kindheit und auch nicht an die Zeit der Begutachtung durch den SSBU erinnern könne. (S. 266) ("I haven´t really had any negative experiences in my childhood in any way.”, schrieb der norwegische Attentäter auch in einem mit sich selbst geführten Interview innerhalb seines kranken „Manifestes“ auf Seite ca. 1387. Was letztlich nur eine klassische Folge von Kindesmisshandlung ist, da diese schmerzlichen Erinnerungen abgespalten werden.) Soweit ich mich an Medienberichte erinnere, hat Breivik auch vor Gericht nichts über seine traumatische Kindheit gesagt und seine Mutter zog – nach erster Einwilligung – die Entbindung von der Schweigepflicht der SSBU zurück, so dass die oben genannten Details vor Gericht nicht ausgeführt werden konnten.

Soweit ich es medial verfolgen konnte, hat auch Breiviks Schwester weitgehend geschwiegen und nichts über Details aus der Kinderzeit erzählt. Es drängt sich die Frage auf, was gewesen wäre, wenn es in diesem Fall nicht diese besonderen Ereignisse und Begutachtungen Anfang der 80er Jahre gegeben hätte? Die Antwort ist einfach: Wir hätten das Bild eines relativ normal aufgewachsenen  Jungen, der in einer ganz normalen Trennungsfamilie aufwuchs, wie so viele. All die Gewalt, Vernachlässigung und pathologischen Familienstrukturen wären niemals öffentlich geworden. Und die Öffentlichkeit hätte genauso wie unzählige Fachleute, die nach der Tat zu Wort kamen, mit offenen Mund und einem breiten „Wie konnte das geschehen?“ dagestanden. Aber halt, erinnern wir uns wieder daran, dass in den deutschen Medien das besprochene Buch und Breiviks Kindheit weitgehend ausgeblendet wurden (Im Gegensatz zum englischsprachigen und norwegischen Raum). Dies ist für mich absolut unverständlich und ich hoffe, dass noch manche Medien nachträglich berichten.

Interessant ist abschließend noch, dass (die Anfang 2013 verstorbene) Wenche Behring zusammen mit einer Journalistin Ende 2013 eine Biografie mit dem norwegischen Titel „Moren“ („Die Mutter“) über sich als Mutter herausgebracht hat. Kurz vor ihrem Tod soll sie noch entschieden haben, das Buch doch nicht zu veröffentlichen. (was nicht verwundert, wenn man dem oben besprochenen Buch folgt. Sie traf andauernd wechselende Entscheidungen, was typisch für Borderliner ist.) „Viel Neues erfährt der Leser nicht. Wie Breivik zum Terroristen wurde, bleibt auch nach der Lektüre unklar.“ beschrieb die WELT das Buch.
Breiviks Mutter kommentierte das Buch auf dem Sterbebett u.a. wie folgt: „Ich hatte mir ein Buch gewünscht, dass schlicht und einfach die Geschichte von mir und meinem Leben erzählen sollte, so dass niemand herumgehen und erzählen könnte, was für grausame Menschen wir gewesen seien", schreibt die WELT. Es ging ihr offensichtlich um Entlastung, nicht um Wahrheit, wenn man diese Zeilen liest.
Sind es nicht genau diese Mütter und Väter von Mördern und Gewalttätern, die u.a. dazu beitragen, dass die Öffentlichkeit im Dunkeln darüber gehalten wird, welche Abgründe sich in der Kindererziehung auftun, die einst praktiziert wurden? Der Fall Breivik ist in vieler Hinsicht ein Lehrstück. Vor allem sollte er eine Mahnung für Medien und Fachleute sein, Eltern von Mördern nicht alles einfach unhinterfragt zu glauben, wenn sie öffentlich erklären, wie gut es ihre Kinder bei ihnen doch hatten.

Das Buch des Autors Aage Borchgrevink ist für mich auch von einer besonderer Bedeutung, weil er am Ende selbst sagt, dass er nach der Recherche einen veränderten Blick auf die Ursachen von Terror bekommen hat. (S. 267) Und er wird noch mal besonders konkret, wie sich solche Terrorakte präventiv verhindern lassen:
In my opinion, however, the most important lesson from this tragedy is not about integration policy, the Internet, ideology or the police`s operating methods and resources (…). It is about child and family welfare policy. (…) The banality of evil in the case Breivik is the significance of childhood trauma in the hatred of a grown man. Countering hatred, radicalization und terrorism is also a matter of preventing children from being abused by their parents – a banal insight, perhaps, possibly so banal that it has been overlooked.” (S. 269)”


Siehe ergänzend: 

Attentäter Breivik: Natural born Killer?

Breiviks Vater gibt ein langes, aufschlussreiches Interview

Neues Buch über Anders Breivik mit ausführlichen Infos über seine Kindheit

Gedankliche Anmerkung: Manchmal ist es schon merkwürdig im Leben.  Die vorsitzende Richterin -Wenche Elisabeth Arntzen -, die über Anders Breivik urteilte, hat den selben Vornamen wie dessen Mutter.