Erich Fromm hat Anfang der 70er Jahre seine berühmte Schrift „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ veröffentlicht. Das Buch hatte ich schon lange im Keller und habe es kürzlich durchgesehen.
Treffend finde ich Fromms Einsicht, dass menschliche Destruktivität und Grausamkeit nicht angeboren ist, sondern durch die Umwelt hervorgerufen wird. Das Herz seiner Analyse sind erstens seine anthropologischen Studien, zweitens seine Kategorisierungen von destruktiven Verhaltensweisen und vor allem drittens seine Studien zu Adolf Hitler, Stalin und Himmler. Kritisch betrachten möchte ich vor allem den dritten Part.
Sadismus wird nach Fromm (bzgl. der Ursachen bezogen auf die soziale Umwelt) nur verschwinden, „wenn die ausbeuterische Herrschaft einer Klasse, des einen Geschlechts oder einer Minderheitengruppe beseitigt ist.“ (Fromm, 1986, S. 335) Dazu kommen: „Individuelle Faktoren, die dem Sadismus Vorschub leisten, sind all jene Bedingungen, die dem Kind oder dem Erwachsenen ein Gefühl der Leere und Ohnmacht geben (ein nicht sadistisches Kind kann zu einem sadistischen Jugendlichen oder Erwachsenen werden, wenn neue Umstände eintreten). Zu jenen Bedingungen gehören solche, die Angst hervorrufen, wie zum Beispiel „diktatorische“ Bestrafung. Hiermit meine ich eine Art der Bestrafung, deren Intensität nicht streng begrenzt ist, die nicht in einem angemessenen Verhältnis zu einem speziellen Verhalten steht, sondern willkürlich vom Sadismus des Bestrafenden genährt und von einem angsterregenden Intensität ist. Je nach Temperament des Kindes kann die Angst vor Strafe zu einem beherrschenden Motiv in seinem Leben werden, sein Integritätsgefühl kann langsam zusammenbrechen, seine Selbstachtung kann abnehmen, und es kann sich so oft verraten fühlen, dass es sein Identitätsgefühl verliert und nicht mehr „es selbst“ ist. Die andere Bedingung, die zu einem Gefühl vitaler Machtlosigkeit führt, ist eine Situation psychischer Verarmung. Wenn keine Stimulation vorhanden ist, nichts, was die Fähigkeit des Kindes weckt, wenn es in einer Atmosphäre der Stumpfheit und Freudlosigkeit lebt, dann erfriert ein Kind innerlich. Es gibt dann nichts, worin es einen Eindruck hinterlassen könnte, niemand, der ihm antwortet oder ihm auch nur zuhört, und es wird von einem Gefühl der Ohnmacht erfasst. Ein solches Gefühl der Machtlosigkeit muss nicht unbedingt zur Bildung eines sadistischen Charakters führen; ob es dazu kommt oder nicht, hängst von vielen anderen Faktoren ab. Es ist jedoch eine der Hauptursachen, die zur Entwicklung des Sadismus sowohl auf individueller als auch auf sozialer Ebene beitragen.“ (ebd., S. 336f)
Dies ist die zentralste und deutlichste Textstelle in seinem Werk bzgl. des Einflusses von Kindheit. Danach muss man schon mehr mit der Lupe nach annähernd ähnlichen Textstellen suchen, obwohl Gewalt gegen Kinder und deren Vernachlässigung – wie er oben selbst sagte – die Hauptursache für die Entstehung von Sadismus darstellt. Das verwundert doch sehr. Bzgl. Stalin geht er dann gar nicht auf dessen Kindheit ein, sondern beschreibt rein dessen Sadismus und das „Wesen des Sadismus“. Bei Heinrich Himmler geht er schon mehr in diese Richtung und beschreibt kurz dessen schwachen, autoritären Vater und mehr noch die ihren Sohn in emotionaler Abhängigkeit haltende Mutter, ihre „primitive Liebe“ zu ihm und ihr Handeln, das sein Wachstum blockierte. Am erstaunlichsten ist seine Studie über Adolf Hitler, die auch die ausführlichste von allen dreien ist. Fromm schreibt:
„Der Charakter der Eltern und nicht dieses oder jenes einzelne Erlebnis übt den stärksten Einfluss auf ein Kind aus. Für jemand, der an die stark vereinfachende Formel glaubt, dass die schlechte Entwicklung eines Kindes etwas der „Schlechtigkeit“ seiner Eltern proportional ist, bietet die Untersuchung des Charakters von Hitlers Eltern eine Überraschung, denn – soweit aus den uns bekannten Daten zu ersehen ist – waren sowohl sein Vater als auch seine Mutter stabile, wohlmeinende und nicht destruktive Leute. Hitler Mutter Klara scheint eine gut angepasste, sympathische Frau gewesen zu sein. (…) Man hat Alois Hitler gelegentlich als einen brutalen Tyrannen beschrieben – vermutlich deshalb, weil dies eine einfache Erklärung für den Charakter seines Sohnes wäre. Er war aber kein Tyrann, sondern nur ein autoritärer Mensch, der an Pflicht und Verantwortungsgefühl glaubte und der Ansicht war, dass es seine Aufgabe war, das Leben seines Sohnes zu bestimmen, bis dieser mündig war. Soweit bekannt, hat er ihn nie geschlagen. (…) Wie ist es zu erklären, dass diese beiden wohlmeinenden, stabilen, normalen und nicht destruktiven Menschen das spätere „Ungeheuer“ Adolf Hitler zur Welt brachten?“ (ebd., S. 417ff)
Danach beschreibt Erich Fromm auf mehreren Seiten ausführlich Hitlers Lebensweg, den er in seiner Gesamtheit und auch in Anbetracht der Einflüsse durch seine Umwelt für besonders wichtig hält. Entgegen seinen anfänglichen Ausführungen, ließt sich aus seinen weiteren, einleitenden Beschreibungen über Hitlers Beziehung zu seiner Mutter eine tiefe Störungen heraus. Zusammenfassend schreibt Fromm: Man kann sagen, „dass Hitlers Mutter für ihn nie zu einer Person geworden ist, zu der er eine liebevolle oder zärtliche Zuneigung empfand. Sie war für ihn Symbol der beschützenden und zu bewundernden Göttin, aber auch die Göttin des Todes und des Chaos.“ (ebd., S. 425)
Ich finde viele Gedankengänge und (auch andere) Arbeiten von Erich Fromm wichtig. Seine Arbeit über die „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ führt allerding weitläufig in die Leere. Obwohl er selbst Hinweise auf den tyrannischen Charakter von Hitlers Vater wahrgenommen hat und eine gestörte Mutterbeziehung beschreibt, sind beide Eltern für ihn „stabile, wohlmeinende und nicht destruktive Leute“. Er schließt insofern einen großen Einfluss durch Gewalt und Destruktivität seitens dieser Eltern auf das Kind Adolf Hitler aus. Seine weitere Analyse muss insofern scheitern, vor allem wird dies auch deutlich, wenn wir uns die heutige Datenlage bzgl. der familiären Gewalt in der Familie Hitler ansehen. (diesen kritischen Textteil habe ich mit in den Grundlagentext über Hitler aufgenommen)
Entsprechend der Zwiespältigkeit seiner Analyse (Motto: „Destruktive Kindheit ist enorm wichtig, aber reden wir bloß nicht zu viel darüber“) lässt er auch in seinem Epilog mit dem Titel „Über die Zwiespältigkeit der Hoffnung“ die Kindheit komplett außen vor. Wachsende Produktivität, Arbeitsteilung, Bildung von Überschuss, Errichtung von Staaten, Eliten und Hierarchie, sprich die moderne Zivilisation wird von ihm scharf kritisiert und als die Wurzel menschlicher Destruktivität dargestellt (passend dazu auch sein Werk „Haben oder Sein"). Gegenwärtige sozioökonomische Bedingungen seinen zu hinterfragen und zu ersetzen. Neue Werte müssten her und unser persönliches Verhalten müsste sich ändern. Kein Wort davon, Kinder vor Gewalt und Vernachlässigung zu schützen, diese zusätzlich durch Kita und Schule anzuregen und zu fördern.
Man muss sicher auch sehen, dass Anfang der 70er Jahre Gewalt gegen Kinder noch nicht all zu sehr Thema war und viele Studien fehlten. Erich Fromm war aber ein weitsichtiger Mensch, trotzdem blendete er – entgegen seiner beiläufig erwähnten Erkenntnisse – das Thema Kindheit weitläufig aus. Das ist etwas, was mir immer wieder begegnet, auch durch Psychologen. Alles in allem wird die Lektüre von Fromms Werk keine großen Erkenntnisse bringen. Einfach auf Grund dieser gewissen Blindheit bzgl. dem Leid der Kinder und dem Focus auf die "böse" moderne Zivilisation und die gute und nicht destruktive Gesellschaftsform, die er bei manchen primitiven Stämmen meinte erkannt zu haben.
Quelle: Fromm, E. 1986: Anatomie der menschlichen Destruktivität. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek. (Erstveröffentlichung 1973)
Montag, 14. November 2011
Donnerstag, 10. November 2011
Kindheit und Terror in Ruanda
Über Ruanda Informationen zur dortigen Kindererziehungspraxis und der Verbreitung von Kindesmisshandlung zu bekommen, ist schwer. Jetzt habe ich ein interessantes Interview mit Simon Gasibirege gefunden. Simon Gasibirege ist laut taz der bekannteste Psychologe Ruandas. Bis 1995 lebte er mehrere Jahrzehnte im Exil. Heute ist er Psychologieprofessor an der Nationaluniversität von Ruanda in Butare, wo er das "Centre for Mental Health" leitet. Zudem arbeitet er mit Opfern und Tätern des Völkermordes vor allem im Hinblick auf Gacaca-Prozesse.
Er sagt: „Was mir immer stärker auffällt sind Formen häuslicher Gewalt, sexualisierter Gewalt, generell der Gewalt untereinander. Die Menschen sind erfüllt von einer großen Wut, einer großen Frustration, und sie bringen diese Gewalt unkoordiniert, impulsiv nach außen. Ich forsche seit 2006 zu häuslicher Gewalt, und wir beobachten häufig, sowohl bei den Überlebenden des Genozids als auch bei den Tätern, überall im Land, dass es in den Familien zu Gewalt kommt, die sich auf unterschiedliche Weisen ausdrückt. Es gibt den Fakt, dass Menschen geschlagen, zusammengeschlagen, sogar getötet werden. Aber es gibt auch andere Formen häuslicher Gewalt, die weniger sichtbar sind, und zwar die Flucht vor der Verantwortungsübernahme durch die Männer. Eine Form besteht darin, dass die Männer sich die wenigen zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel aneignen und sie für Alkohol ausgeben. Das hat dramatische Konsequenzen und führt zur Verarmung der Familie. Die Kinder können nicht studieren, die Frau arbeitet alleine.“
Gefragt nach einem Zusammenhang zwischen dieser Entwicklung von häuslicher Gewalt und dem früheren Genozid bejaht er dies. Ich selbst habe im Grundlagentext dargestellt, dass Kriege sich auch auf das Private, auf den Umgang mit Kindern auswirken können. Insofern stimme ich dieser Sichtweise von Gasibirege grundsätzlich zu. ABER: Er sagt auch, dass er selbst erst seit 2006 zum Thema häusliche Gewalt in Ruanda forscht. Doch was war vorher? Wie sah es in den Familien VOR dem Völkermord aus? Ich bin mir sicher, dass das hohe, von ihm wahrgenommene Ausmaß an Gewalt in den Familien nicht erst nach dem Völkermord aufgetreten ist. Schon vorher muss die familiäre Atmosphäre in den meisten Familien in Ruanda von alltäglicher Gewalt und Terror geprägt gewesen sein. Der Völkermord war derart bestialisch, umfassend und brutal, dass dies einfach sehr wahrscheinlich ist. Denn letztlich „erzählen“ Gewalttaten immer auch etwas von dem Ausmaß an inneren Terror, an Leere und eigenem emotionalen Tod.
Vielfach gingen den Tötungsakten während des Völkermordes andere Formen der Gewalt voraus, wie Plünderungen, sexuelle Demütigungen, Vergewaltigungen, Verstümmelungen oder Folterpraktiken (siehe wikipedia) „Teilweise wurden Opfer aufgefordert, ihre eigenen Ehepartner oder Kinder umzubringen. Kinder wurden vor den Augen ihrer Eltern erschlagen. Blutsverwandte wurden von Tätern zum Inzest untereinander gezwungen.“ Die Täter wollten ihre Opfer leiden sehen und insbesondere die letztgenannten Taten sprechen eine eindeutige Sprache bzgl. möglicher Zusammenhänge zu eigenen schweren (auch sexuellen) Gewalterfahrungen in der Kindheit.
Alice Miller hat in ihrem Buch „Evas Erwachsen. Über die Auflösung von emotionaler Blindheit.“ (2001) ab Seite 68 etwas über Ruanda geschrieben:
„Ich habe mich öfters gefragt, wie es eigentlich in Ruanda zu einem so schrecklichen Massaker kommen konnte. Dort werden nämlich Kinder sehr lange von ihren Müttern auf dem Rücken getragen und gestillt, was uns eher den Eindruck einer paradiesischen Geborgenheit vermittelt und keine Misshandlungen vermuten lässt. Erst vor kurzem erfuhr ich, dass auch Kinder für ihre Liebe ihrer Mütter einen hohen, bisher offenbar bagatellisierten Preis zahlen müssen, indem sie sehr früh zum Gehorsam gedrillt werden. Sie erhalten von Anfang an „Klapse“, wenn sie den Rücken ihrer Mütter mit ihren Ausscheidungen beschmutzen. So weinen sie schon aus Angst vor den „Klapsen“, wenn sie nur das Bedürfnis nach Entleerung verspüren, was der Mutter ermöglicht, rasch zu reagieren und das Kind vom Rücken abzunehmen, um ihm Reinlichkeit beizubringen. Dank dieser Konditionierung durch „Klapse“ werden Säuglinge sehr früh sauber und später auch „zur Ruhe“ erzogen. Mir scheint, dass die Massaker in Ruanda auf diese Misshandlungen der Säuglinge zurückgeführt werden können.“ Danach hängt Miller noch einen Bericht aus Kamerun an, der davon zeugt, dass fast alle Kinder in diesem Land in Schule und Elternhaus geschlagen werden.
Ich denke, Alice Miller hat hier einen wichtigen Hinweis gebracht. Miller hat sich hier trotzdem unglücklich ausgedrückt. Züchtigungen gegen Säuglinge haben schwere Auswirkungen, das ist unbestritten. Trotzdem glaube ich nicht, dass alleine diese „Reinlichkeitserziehung“ und Züchtigungen den Ausschlag für diesen Völkermord gab. Es bedarf langfristiger, häufiger (vor allem auch schwerer) Gewalt gegen Kinder, um einen solchen Massenmord in der Tiefe möglich zu machen, um umfassende Rachegefühle, tiefen Menschenhass und das „handwerkliche“, freudige Zerstückeln von Menschen zu ermöglichen. Der angehängte kurze Bericht in Millers Buch über die weite Verbreitung von Gewalt in Kamerun sollte wohl einen weiteren Hinweis darauf geben. Letztlich wäre es wünschenswert, zukünftig eine umfassende Studie zur Kindererziehungspraxis vor dem Völkermord in Ruanda durchzuführen. Vielleicht wird diese irgendwann kommen und mehr Klarheit bringen.
Er sagt: „Was mir immer stärker auffällt sind Formen häuslicher Gewalt, sexualisierter Gewalt, generell der Gewalt untereinander. Die Menschen sind erfüllt von einer großen Wut, einer großen Frustration, und sie bringen diese Gewalt unkoordiniert, impulsiv nach außen. Ich forsche seit 2006 zu häuslicher Gewalt, und wir beobachten häufig, sowohl bei den Überlebenden des Genozids als auch bei den Tätern, überall im Land, dass es in den Familien zu Gewalt kommt, die sich auf unterschiedliche Weisen ausdrückt. Es gibt den Fakt, dass Menschen geschlagen, zusammengeschlagen, sogar getötet werden. Aber es gibt auch andere Formen häuslicher Gewalt, die weniger sichtbar sind, und zwar die Flucht vor der Verantwortungsübernahme durch die Männer. Eine Form besteht darin, dass die Männer sich die wenigen zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel aneignen und sie für Alkohol ausgeben. Das hat dramatische Konsequenzen und führt zur Verarmung der Familie. Die Kinder können nicht studieren, die Frau arbeitet alleine.“
Gefragt nach einem Zusammenhang zwischen dieser Entwicklung von häuslicher Gewalt und dem früheren Genozid bejaht er dies. Ich selbst habe im Grundlagentext dargestellt, dass Kriege sich auch auf das Private, auf den Umgang mit Kindern auswirken können. Insofern stimme ich dieser Sichtweise von Gasibirege grundsätzlich zu. ABER: Er sagt auch, dass er selbst erst seit 2006 zum Thema häusliche Gewalt in Ruanda forscht. Doch was war vorher? Wie sah es in den Familien VOR dem Völkermord aus? Ich bin mir sicher, dass das hohe, von ihm wahrgenommene Ausmaß an Gewalt in den Familien nicht erst nach dem Völkermord aufgetreten ist. Schon vorher muss die familiäre Atmosphäre in den meisten Familien in Ruanda von alltäglicher Gewalt und Terror geprägt gewesen sein. Der Völkermord war derart bestialisch, umfassend und brutal, dass dies einfach sehr wahrscheinlich ist. Denn letztlich „erzählen“ Gewalttaten immer auch etwas von dem Ausmaß an inneren Terror, an Leere und eigenem emotionalen Tod.
Vielfach gingen den Tötungsakten während des Völkermordes andere Formen der Gewalt voraus, wie Plünderungen, sexuelle Demütigungen, Vergewaltigungen, Verstümmelungen oder Folterpraktiken (siehe wikipedia) „Teilweise wurden Opfer aufgefordert, ihre eigenen Ehepartner oder Kinder umzubringen. Kinder wurden vor den Augen ihrer Eltern erschlagen. Blutsverwandte wurden von Tätern zum Inzest untereinander gezwungen.“ Die Täter wollten ihre Opfer leiden sehen und insbesondere die letztgenannten Taten sprechen eine eindeutige Sprache bzgl. möglicher Zusammenhänge zu eigenen schweren (auch sexuellen) Gewalterfahrungen in der Kindheit.
Alice Miller hat in ihrem Buch „Evas Erwachsen. Über die Auflösung von emotionaler Blindheit.“ (2001) ab Seite 68 etwas über Ruanda geschrieben:
„Ich habe mich öfters gefragt, wie es eigentlich in Ruanda zu einem so schrecklichen Massaker kommen konnte. Dort werden nämlich Kinder sehr lange von ihren Müttern auf dem Rücken getragen und gestillt, was uns eher den Eindruck einer paradiesischen Geborgenheit vermittelt und keine Misshandlungen vermuten lässt. Erst vor kurzem erfuhr ich, dass auch Kinder für ihre Liebe ihrer Mütter einen hohen, bisher offenbar bagatellisierten Preis zahlen müssen, indem sie sehr früh zum Gehorsam gedrillt werden. Sie erhalten von Anfang an „Klapse“, wenn sie den Rücken ihrer Mütter mit ihren Ausscheidungen beschmutzen. So weinen sie schon aus Angst vor den „Klapsen“, wenn sie nur das Bedürfnis nach Entleerung verspüren, was der Mutter ermöglicht, rasch zu reagieren und das Kind vom Rücken abzunehmen, um ihm Reinlichkeit beizubringen. Dank dieser Konditionierung durch „Klapse“ werden Säuglinge sehr früh sauber und später auch „zur Ruhe“ erzogen. Mir scheint, dass die Massaker in Ruanda auf diese Misshandlungen der Säuglinge zurückgeführt werden können.“ Danach hängt Miller noch einen Bericht aus Kamerun an, der davon zeugt, dass fast alle Kinder in diesem Land in Schule und Elternhaus geschlagen werden.
Ich denke, Alice Miller hat hier einen wichtigen Hinweis gebracht. Miller hat sich hier trotzdem unglücklich ausgedrückt. Züchtigungen gegen Säuglinge haben schwere Auswirkungen, das ist unbestritten. Trotzdem glaube ich nicht, dass alleine diese „Reinlichkeitserziehung“ und Züchtigungen den Ausschlag für diesen Völkermord gab. Es bedarf langfristiger, häufiger (vor allem auch schwerer) Gewalt gegen Kinder, um einen solchen Massenmord in der Tiefe möglich zu machen, um umfassende Rachegefühle, tiefen Menschenhass und das „handwerkliche“, freudige Zerstückeln von Menschen zu ermöglichen. Der angehängte kurze Bericht in Millers Buch über die weite Verbreitung von Gewalt in Kamerun sollte wohl einen weiteren Hinweis darauf geben. Letztlich wäre es wünschenswert, zukünftig eine umfassende Studie zur Kindererziehungspraxis vor dem Völkermord in Ruanda durchzuführen. Vielleicht wird diese irgendwann kommen und mehr Klarheit bringen.
Montag, 7. November 2011
RAF-Terror und Kindheit
Am 29.10.11 kam auf NDR Info der Beitrag „Zwischen "Wir hier" und "Ihr dort" - wie sahen sich die RAF-Aktivisten und Mitglieder der Revolutionären Zellen selbst? Studie des Instituts für Kulturanthropologie der Universität Göttingen“ Autor: Michael Kurth.
Inge Viett (ehemaliges RAF Mitglied) wurde in dem Beitrag aus ihrer Autobiographie „Nie war ich furchtloser“ wie folgt zitiert: „Nie in meinem Leben war ich sicherer und furchtloser als in dieser Zeit im Untergrund. Dem Ort, der ein neues anderes Sein außerhalb der hässlichen Welt gestattete. Nie war ich freier, nie war ich gebundener an meine eigene Verantwortung als in dem Zustand völliger Abnabelung von der staatlichen Autorität und von gesellschaftlichen Vorgabe. Kein Gesetz, keine äußere Gewalt bestimmte mehr mein Verhältnis zur Welt, zu meinen Mitmenschen, zum Leben, zum Tod.„
So empfand sie die erste Zeit in der Gruppe. Im NDR Info Bericht wird nachfolgend über die Realität innerhalb der Gruppe berichtet. Dort herrschte massiver Gruppendruck, jede Kritik wurde als Verrat empfunden und sanktioniert, niemandem konnte man sich anvertrauen und starke Spannungen bauten sich immer mehr auf. Inge Viett wird dann erneut zitiert, wie sie sich an diesen Abschnitt in der RAF erinnert: „Es waren die miesesten und unfähigsten Jahre in meinem Guerilladasein. Zurückgefallen in totale Unfreiheit, Entscheidungslosigkeit, unwürdigen Anpassungsdrang, Will- und Orientierungslosigkeit, in Krankheit, Vereinsamung und Lebensunlust. Zurückgefallen in die Kindheit. Wie hatte das geschehen können?“
Diese beiden Zitate bringen das gequälte Kind und die emotionalen Beweggründe der Terroristin zum Vorschein. Inge Viett spricht emotional sehr berührt und glücklich von „einem Zustand völliger Abnabelung von der staatlichen Autorität“ durch ihren Gang in den Untergrund. „Nie war ich furchtloser“ heißt auch ihre Autobiographie, was zeigt, wie wichtig ihr dieser Zustand, dieses Gefühl von Freiheit und Furchtlosigkeit war. Das Wort „Abnabelung“ macht überdeutlich die Verbindung zu ihrer Kindheit klar. Doch was sie später in der Gruppe fand, war erneut ein Zurückgefallensein in die Kindheit, in Abhängigkeit, Willenlosigkeit und Unterdrückung. Das, was sie nie wieder wollte, vor dem sie floh, es hatte sie wieder eingeholt.
Gewalttäter sprechen oftmals verdeckt über das, was ihnen als Kind angetan wurde. Man muss nur hinsehen, sich ihre Worte genau anschauen. Dann erfährt man, worum es eigentlich geht.
Ich ändere auch einfach mal einige Wörter in ihrem Zitat wie folgt: „Nie war ich freier, nie war ich gebundener an meine eigene Verantwortung als in dem Zustand völliger Abnabelung von der elterlichen und vormundschaftlichen Autorität und von erzieherischen Vorgaben. Kein Gesetz, keine familiäre Gewalt bestimmte mehr mein Verhältnis zur Welt.“
Wie ihre Kindheit aussah, beschreibt sie letztlich selbst: Totale Unfreiheit, Entscheidungslosigkeit, unwürdigen Anpassungsdrang, Will- und Orientierungslosigkeit, in Krankheit, Vereinsamung und Lebensunlust.
Über Inge Viett habe ich bisher nicht viel gelesen. Auf wikipedia erfährt man über ihre Kindheit, dass das Jugendamt ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen hatte und sie dann in einem Kinderheim, später in einer Pflegefamilie unterkam, aus der sie allerdings nach neun Jahren floh. Das sagt doch schon alles, oder?
Nachtrag vom 17.09.2019: Ich habe die Kindheit von Inge Viett ausführlich in meinem Buch besprochen. Wenn ich heute meinen Beitrag hier aus dem Jahr 2011 lese, dann war ich damals genau auf der richtigen Spur. Vietts Kindheit war unfassbar traumatisch! Ich habe selten über Kindheitserfahrungen gelesen, die so massiv und komplex traumatisch waren.
Inge Viett (ehemaliges RAF Mitglied) wurde in dem Beitrag aus ihrer Autobiographie „Nie war ich furchtloser“ wie folgt zitiert: „Nie in meinem Leben war ich sicherer und furchtloser als in dieser Zeit im Untergrund. Dem Ort, der ein neues anderes Sein außerhalb der hässlichen Welt gestattete. Nie war ich freier, nie war ich gebundener an meine eigene Verantwortung als in dem Zustand völliger Abnabelung von der staatlichen Autorität und von gesellschaftlichen Vorgabe. Kein Gesetz, keine äußere Gewalt bestimmte mehr mein Verhältnis zur Welt, zu meinen Mitmenschen, zum Leben, zum Tod.„
So empfand sie die erste Zeit in der Gruppe. Im NDR Info Bericht wird nachfolgend über die Realität innerhalb der Gruppe berichtet. Dort herrschte massiver Gruppendruck, jede Kritik wurde als Verrat empfunden und sanktioniert, niemandem konnte man sich anvertrauen und starke Spannungen bauten sich immer mehr auf. Inge Viett wird dann erneut zitiert, wie sie sich an diesen Abschnitt in der RAF erinnert: „Es waren die miesesten und unfähigsten Jahre in meinem Guerilladasein. Zurückgefallen in totale Unfreiheit, Entscheidungslosigkeit, unwürdigen Anpassungsdrang, Will- und Orientierungslosigkeit, in Krankheit, Vereinsamung und Lebensunlust. Zurückgefallen in die Kindheit. Wie hatte das geschehen können?“
Diese beiden Zitate bringen das gequälte Kind und die emotionalen Beweggründe der Terroristin zum Vorschein. Inge Viett spricht emotional sehr berührt und glücklich von „einem Zustand völliger Abnabelung von der staatlichen Autorität“ durch ihren Gang in den Untergrund. „Nie war ich furchtloser“ heißt auch ihre Autobiographie, was zeigt, wie wichtig ihr dieser Zustand, dieses Gefühl von Freiheit und Furchtlosigkeit war. Das Wort „Abnabelung“ macht überdeutlich die Verbindung zu ihrer Kindheit klar. Doch was sie später in der Gruppe fand, war erneut ein Zurückgefallensein in die Kindheit, in Abhängigkeit, Willenlosigkeit und Unterdrückung. Das, was sie nie wieder wollte, vor dem sie floh, es hatte sie wieder eingeholt.
Gewalttäter sprechen oftmals verdeckt über das, was ihnen als Kind angetan wurde. Man muss nur hinsehen, sich ihre Worte genau anschauen. Dann erfährt man, worum es eigentlich geht.
Ich ändere auch einfach mal einige Wörter in ihrem Zitat wie folgt: „Nie war ich freier, nie war ich gebundener an meine eigene Verantwortung als in dem Zustand völliger Abnabelung von der elterlichen und vormundschaftlichen Autorität und von erzieherischen Vorgaben. Kein Gesetz, keine familiäre Gewalt bestimmte mehr mein Verhältnis zur Welt.“
Wie ihre Kindheit aussah, beschreibt sie letztlich selbst: Totale Unfreiheit, Entscheidungslosigkeit, unwürdigen Anpassungsdrang, Will- und Orientierungslosigkeit, in Krankheit, Vereinsamung und Lebensunlust.
Über Inge Viett habe ich bisher nicht viel gelesen. Auf wikipedia erfährt man über ihre Kindheit, dass das Jugendamt ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen hatte und sie dann in einem Kinderheim, später in einer Pflegefamilie unterkam, aus der sie allerdings nach neun Jahren floh. Das sagt doch schon alles, oder?
Nachtrag vom 17.09.2019: Ich habe die Kindheit von Inge Viett ausführlich in meinem Buch besprochen. Wenn ich heute meinen Beitrag hier aus dem Jahr 2011 lese, dann war ich damals genau auf der richtigen Spur. Vietts Kindheit war unfassbar traumatisch! Ich habe selten über Kindheitserfahrungen gelesen, die so massiv und komplex traumatisch waren.
Samstag, 5. November 2011
Gewalt gegen Kinder in Kenia, Uganda und Äthiopien
Ich bin auf eine weitere umfassende und erschreckende Studie über das Ausmaß an Gewalt in afrikanischen Ländern gestoßen: The African Child Policy Forum, 2006: Violence Against Girls in Africa: A Retrospective Survey in Ethiopia, Kenya and Uganda. Ethiopia. (Hauptautorin: Joanna Stavropoulos)
In dieser Studie wurden jeweils 500 junge Frauen im Alter von 18 bis 24, die aus unterschiedlichen sozialen Milieus stammen, in den Hauptstädten von Äthiopien, Kenia und Uganda zu Gewalterfahrungen vor dem 18. Lebensjahr befragt.
Die wesentlichen Ergebnisse:
-------------------------------------------------------------------------------
Körperliche Gewalt
Mindestens eine Form von körperliche Gewalt (definiert als Schläge mit einem Gegenstand, Prügel, Tritte, Würgen/Verbrennungen, sehr harte Arbeit, Heißes oder bitteres Essen in den Mund der Mädchen einflößen, Einsperren, Essensgabe verweigern) erlebten in
Kenia: 99 %
Uganda: 94,2 % (Zusatzinfo: 59 % der Frauen, die Schläge erlebten, hielten diese für gerechtfertigt)
Äthiopien : 84 % (wobei dieses Land von den drei untersuchten die höchste Rate an Gewalt gegen Mädchen unter fünf Jahren aufweist!)
Unterteilung einiger Formen von Gewalt:
Schläge mit einem Gegenstand erlebten in
Kenia: 81 %
Uganda: 86 %
Äthiopien: 71 %
Davon zwischen 35 bis 42 % der Befragten öfter als 10 mal (der höchste mögliche Wert)
Prügel erlebten in
Kenia: 60 %
Uganda: 55 %
Äthiopien : 60 %
Davon in Äthiopien und Kenia über 30 % und in Uganda um die 15 % öfter als 10 mal (der höchste mögliche Wert)
Tritte erlebten in
Kenia: 40 %
Uganda: 27 %
Äthiopien : 43 %
Davon in Äthiopien und Uganda um die 10 % und in Kenia um die 18 % öfter als 10 mal (der höchste mögliche Wert)
Würgen/Verbrennungen erlebten in
Kenia: 21 %
Uganda: 20 %
Äthiopien : 12 %
Einsperren erlebten in
Kenia: 14 %
Uganda: 18 %
Äthiopien: 10 %
Die Gewalt fand in allen drei Ländern am häufigsten im Alter zwischen 10 und 13 statt. Unter 5 Jahren wurde am wenigsten Gewalt berichtet, dazu muss angemerkt werden, dass gerade in dieser Altersspanne sehr viel vergessen wird. Die TäterInnen waren meist Familienangehörige und Lehrer. In Äthiopien und Kenia führen fast durchgängig die Mütter die Rangliste an, während in Uganda vor allem Stiefmütter als Täterinnen am häufigsten genannte wurden. Die schwersten Formen der Gewalt bezogen auf die Folgen erlebten die Mädchen in Uganda. Je nach den ersten beiden o.g. Gewaltformen mussten 60 bis 70 % auf Grund von Prügel/Schlägen einen Arzt aufsuchen. In Äthiopien und Kenia dagegen ca. 15 bis 20 %. Über die Hälfte der äthiopischen Mädchen, die Schläge oder Tritte erlebten, berichten zudem in Folge dieser Gewalt von Prellungen/Blutergüsse, Schrammen, Blutungen, gebrochenen Knochen oder ausgeschlagenen Zähnen. Über 32% berichten von denselben Folgen auf Grund von Schlägen durch einen Gegenstand. Insofern muss man hier fragen, ob den Mädchen vielleicht kein Arzt zur Verfügung stand, weil nur 15 % wie oben angegeben einen aufsuchten.
-------------------------------------------------------------------------------
Sexuelle Gewalt
Mindestens eine Form sexueller Gewalt erlebten in
Kenia: 85,2 %
Uganda: 95 %
Äthiopien: 68,5 %
(Ca, 40 – 50 % der Befragten erlebten sexuelle Gewalt durch Berührungen)
Vergewaltigung erlebten in
Kenia: 26,3 %
Uganda: 42 %
Äthiopien: 29,7 %
(Ja nach Land erlebten 40 bis über 70 % Vergewaltigungen unter 5 mal (die geringste mögliche Form). Alle anderen erlebten dies über fünf mal!)
Zudem wurde gefragt, ob die Befragten als Mädchen/Jugendliche für sexuelle Dienste verkauft wurden. Dies erlebten in
Kenia: 5,2 %
Uganda: 10,2 %
Äthiopien: 9,3 %
-------------------------------------------------------------------------------
Psychische Gewalt
Mindestens eine Form von psychischer Gewalt (Bloßstellen, Beschimpfungen, Anschreien, Drohung verlassen zu werden, Ignoriert werden, Wegnahme von Geld und Besitz, Diskriminierung auf Grund der Rasse, Ethnie oder Religion, Familienmitglied sagte, das Mädchen wäre am besten nicht geboren worden, Miterleben von Gewalt und Tötung eines Menschen, Gezwungen werden, einem anderen körperliche Gewalt zuzufügen oder eine Waffe zu benutzen, Androhung von Verletzungen und Tod) erlebten in
Kenia: 96,4 %
Uganda: 99,6 %
Äthiopien: 100 %
Unterteillung von vier ausgesuchten Formen von psychischer Gewalt
Ein bis zwei mal (niedrigste Stufe, wobei die höchste Stufe über 10 mal ist) Mitansehen müssen, wie eine bekannte Person umgebracht wird:
Kenia: 59,6 %
Uganda: 89,3%
Äthiopien: 77,3 %
Ein bis zweimal (niedrigste Stufe, wobei die höchste Stufe über 10 mal ist) Androhung von körperlichen Verletzungen oder Tod
Kenia: 60,9 %
Uganda: 61,5 %
Äthiopien: 67,2 %
Familienmitglied sagte ein bis zwei mal (niedrigste Stufe, wobei die höchste Stufe über 10 mal ist) das Mädchen wäre am besten nicht geboren worden (als Täterin am meisten genannt Mütter und Stiefmütter)
Kenia: 33,3 %
Uganda: 49,7 %
Äthiopien: 26,4 %
Ein bis zweimal (niedrigste Stufe, wobei die höchste Stufe über 10 mal ist) Androhung, verlassen zu werden (als Täterin am meisten genannt Mütter und Stiefmütter, gefolgt von Vätern und Stiefvätern)
Kenia: 44,8 %
Uganda: 29 %
Äthiopien: 28,4 %
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Insgesamt ist dies ein unglaublich erschütterndes Bild. Bzgl. der Folgen lässt sich in Anbetracht dieser Gewalterfahrungen stark vermuten, dass ein großer Teil der dortigen Frauen auf Grund ihrer Erfahrungen schwer traumatisiert sind.
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass die befragten Frauen in den jeweiligen Hauptstädten leben. Studien (z.B. auch aus Äthiopien, siehe Link unten) und Erfahrungswerte zeigen allerdings, dass Kinder auf dem Land meist häufiger und schwerer von Gewalt betroffen sind, als Kinder in der Stadt. Man fragt sich in Anbetracht obiger Zahlen, ob es denn überhaupt noch schlimmer geht? Leider muss ich bzgl. der Gewalt gegen Kinder sagen: Es geht immer schlimmer, man kann sich kaum vorstellen, was Kindern alles angetan wird.
Die Grundsätzliche Besprechung der Zahlen siehe unter “Gewalt gegen Kinder in Afrika”
Die Schlussworte der Studie enden mit dem Zitat einer jungen kenianischen Frau. Auch ich möchte dieses als Schlusswort nutzen:
“Thank you for conducting this research. I like to be treated like a human being not an animal.”
In dieser Studie wurden jeweils 500 junge Frauen im Alter von 18 bis 24, die aus unterschiedlichen sozialen Milieus stammen, in den Hauptstädten von Äthiopien, Kenia und Uganda zu Gewalterfahrungen vor dem 18. Lebensjahr befragt.
Die wesentlichen Ergebnisse:
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Körperliche Gewalt
Mindestens eine Form von körperliche Gewalt (definiert als Schläge mit einem Gegenstand, Prügel, Tritte, Würgen/Verbrennungen, sehr harte Arbeit, Heißes oder bitteres Essen in den Mund der Mädchen einflößen, Einsperren, Essensgabe verweigern) erlebten in
Kenia: 99 %
Uganda: 94,2 % (Zusatzinfo: 59 % der Frauen, die Schläge erlebten, hielten diese für gerechtfertigt)
Äthiopien : 84 % (wobei dieses Land von den drei untersuchten die höchste Rate an Gewalt gegen Mädchen unter fünf Jahren aufweist!)
Unterteilung einiger Formen von Gewalt:
Schläge mit einem Gegenstand erlebten in
Kenia: 81 %
Uganda: 86 %
Äthiopien: 71 %
Davon zwischen 35 bis 42 % der Befragten öfter als 10 mal (der höchste mögliche Wert)
Prügel erlebten in
Kenia: 60 %
Uganda: 55 %
Äthiopien : 60 %
Davon in Äthiopien und Kenia über 30 % und in Uganda um die 15 % öfter als 10 mal (der höchste mögliche Wert)
Tritte erlebten in
Kenia: 40 %
Uganda: 27 %
Äthiopien : 43 %
Davon in Äthiopien und Uganda um die 10 % und in Kenia um die 18 % öfter als 10 mal (der höchste mögliche Wert)
Würgen/Verbrennungen erlebten in
Kenia: 21 %
Uganda: 20 %
Äthiopien : 12 %
Einsperren erlebten in
Kenia: 14 %
Uganda: 18 %
Äthiopien: 10 %
Die Gewalt fand in allen drei Ländern am häufigsten im Alter zwischen 10 und 13 statt. Unter 5 Jahren wurde am wenigsten Gewalt berichtet, dazu muss angemerkt werden, dass gerade in dieser Altersspanne sehr viel vergessen wird. Die TäterInnen waren meist Familienangehörige und Lehrer. In Äthiopien und Kenia führen fast durchgängig die Mütter die Rangliste an, während in Uganda vor allem Stiefmütter als Täterinnen am häufigsten genannte wurden. Die schwersten Formen der Gewalt bezogen auf die Folgen erlebten die Mädchen in Uganda. Je nach den ersten beiden o.g. Gewaltformen mussten 60 bis 70 % auf Grund von Prügel/Schlägen einen Arzt aufsuchen. In Äthiopien und Kenia dagegen ca. 15 bis 20 %. Über die Hälfte der äthiopischen Mädchen, die Schläge oder Tritte erlebten, berichten zudem in Folge dieser Gewalt von Prellungen/Blutergüsse, Schrammen, Blutungen, gebrochenen Knochen oder ausgeschlagenen Zähnen. Über 32% berichten von denselben Folgen auf Grund von Schlägen durch einen Gegenstand. Insofern muss man hier fragen, ob den Mädchen vielleicht kein Arzt zur Verfügung stand, weil nur 15 % wie oben angegeben einen aufsuchten.
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Sexuelle Gewalt
Mindestens eine Form sexueller Gewalt erlebten in
Kenia: 85,2 %
Uganda: 95 %
Äthiopien: 68,5 %
(Ca, 40 – 50 % der Befragten erlebten sexuelle Gewalt durch Berührungen)
Vergewaltigung erlebten in
Kenia: 26,3 %
Uganda: 42 %
Äthiopien: 29,7 %
(Ja nach Land erlebten 40 bis über 70 % Vergewaltigungen unter 5 mal (die geringste mögliche Form). Alle anderen erlebten dies über fünf mal!)
Zudem wurde gefragt, ob die Befragten als Mädchen/Jugendliche für sexuelle Dienste verkauft wurden. Dies erlebten in
Kenia: 5,2 %
Uganda: 10,2 %
Äthiopien: 9,3 %
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Psychische Gewalt
Mindestens eine Form von psychischer Gewalt (Bloßstellen, Beschimpfungen, Anschreien, Drohung verlassen zu werden, Ignoriert werden, Wegnahme von Geld und Besitz, Diskriminierung auf Grund der Rasse, Ethnie oder Religion, Familienmitglied sagte, das Mädchen wäre am besten nicht geboren worden, Miterleben von Gewalt und Tötung eines Menschen, Gezwungen werden, einem anderen körperliche Gewalt zuzufügen oder eine Waffe zu benutzen, Androhung von Verletzungen und Tod) erlebten in
Kenia: 96,4 %
Uganda: 99,6 %
Äthiopien: 100 %
Unterteillung von vier ausgesuchten Formen von psychischer Gewalt
Ein bis zwei mal (niedrigste Stufe, wobei die höchste Stufe über 10 mal ist) Mitansehen müssen, wie eine bekannte Person umgebracht wird:
Kenia: 59,6 %
Uganda: 89,3%
Äthiopien: 77,3 %
Ein bis zweimal (niedrigste Stufe, wobei die höchste Stufe über 10 mal ist) Androhung von körperlichen Verletzungen oder Tod
Kenia: 60,9 %
Uganda: 61,5 %
Äthiopien: 67,2 %
Familienmitglied sagte ein bis zwei mal (niedrigste Stufe, wobei die höchste Stufe über 10 mal ist) das Mädchen wäre am besten nicht geboren worden (als Täterin am meisten genannt Mütter und Stiefmütter)
Kenia: 33,3 %
Uganda: 49,7 %
Äthiopien: 26,4 %
Ein bis zweimal (niedrigste Stufe, wobei die höchste Stufe über 10 mal ist) Androhung, verlassen zu werden (als Täterin am meisten genannt Mütter und Stiefmütter, gefolgt von Vätern und Stiefvätern)
Kenia: 44,8 %
Uganda: 29 %
Äthiopien: 28,4 %
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Insgesamt ist dies ein unglaublich erschütterndes Bild. Bzgl. der Folgen lässt sich in Anbetracht dieser Gewalterfahrungen stark vermuten, dass ein großer Teil der dortigen Frauen auf Grund ihrer Erfahrungen schwer traumatisiert sind.
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass die befragten Frauen in den jeweiligen Hauptstädten leben. Studien (z.B. auch aus Äthiopien, siehe Link unten) und Erfahrungswerte zeigen allerdings, dass Kinder auf dem Land meist häufiger und schwerer von Gewalt betroffen sind, als Kinder in der Stadt. Man fragt sich in Anbetracht obiger Zahlen, ob es denn überhaupt noch schlimmer geht? Leider muss ich bzgl. der Gewalt gegen Kinder sagen: Es geht immer schlimmer, man kann sich kaum vorstellen, was Kindern alles angetan wird.
Die Grundsätzliche Besprechung der Zahlen siehe unter “Gewalt gegen Kinder in Afrika”
Die Schlussworte der Studie enden mit dem Zitat einer jungen kenianischen Frau. Auch ich möchte dieses als Schlusswort nutzen:
“Thank you for conducting this research. I like to be treated like a human being not an animal.”
Mittwoch, 2. November 2011
Gewalt gegen Kinder in Tansania
Kurz nachdem ich etwas zur Gewalt gegen Kinder in Afrika geschrieben habe, bin ich auf eine aktuelle repräsentative Studie aus Tansania gestoßen. Diese ergänzt das Bild, dass ich in meinem Beitrag aufgezeigt habe.
3.739 Jungen/Männer und Mädchen/Frauen im Alter von 13 bis 24 Jahren wurden befragt. Hier die wesentlichen Ergebnisse:
- 27,9 % der Mädchen/Frauen und 13,4 % der Jungen/Männer berichteten von mindestens einer Form von sexueller Gewalt vor dem achtzehnten Lebensjahr.
- Fast 6 % der weiblichen Befragten berichteten, zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden zu sein.
- Ca. drei Viertel (um die 75 %) aller Befragten erlebte mindestens eine Form körperlicher Gewalt. Unter körperlicher Gewalt wurden Schläge, Stoßen, mit der Faust schlagen, Tritte, zusammengeschlagen werden und Angriffe oder Drohungen mit einer Waffe wie einem Messer oder einer Pistole vor dem 18. Lebensjahr durch Verwandte, einer Autorität (wie Lehrer) oder Lebenspartner verstanden.
- Die Bedrohung mit einer Waffe wurde in der Studie zusätzlich gesondert dargestellt. 3,3 % der Mädchen/Frauen und 3,1 % der Jungen/Männer berichtet von einem solchen extremen Erlebnis.
- Die meiste Gewalt ging von Verwandten (dabei am häufigsten durch die eigenen Eltern) und Lehrern aus. Die weiblichen Befragten erfuhren häufiger Gewalt durch ihre Mütter, die männlichen durch ihre Väter.
- Der größte Teil der Befragten (78 % der weiblichen und 67,4 % der männlichen von Gewalt Betroffenen) erlebte mehr als fünf mal (der höchste mögliche Wert in der Studie) körperliche Gewalt.
- Ca. ein Viertel der Befragten hat emotionale Gewalt erfahren. Dazu gehörten Beschimpfungen, sich ungewollt fühlen oder die Drohung, verlassen zu werden.
- Die meisten der Befragten haben zudem verschiedenen Formen von Gewalt erfahren. Beispielsweise haben 84% der weiblichen Befragten, die als Kind sexuelle Gewalt erlebten, zusätzlich auch körperliche Gewalt erfahren.
- Die Studie zeigte auch, dass 60 % der weiblichen und 50 % der männlichen Befragten es für gerechtfertigt halten, wenn ein Ehemann seine Frau aus bestimmten Gründen schlägt. Dies zeigt eine hohe Akzeptanz von Gewalt und eine erschreckend hohe Identifikation mit den Tätern.
Alles in allem ist die Gewaltbetroffenheit der Kinder in Tansania sehr erschreckend, sowohl was das Ausmaß der Gewalt, als auch die Häufigkeit und Intensität angeht.
Quelle: United Republic of Tanzania, 2011: Violence Against Children in Tanzania. Findings from a National Survey 2009. Durchgeführt unter der Mithilfe von United Nations Children’s Fund, U.S. Centers for Disease Control and Prevention, Muhimbili University of Health and Allied Sciences
3.739 Jungen/Männer und Mädchen/Frauen im Alter von 13 bis 24 Jahren wurden befragt. Hier die wesentlichen Ergebnisse:
- 27,9 % der Mädchen/Frauen und 13,4 % der Jungen/Männer berichteten von mindestens einer Form von sexueller Gewalt vor dem achtzehnten Lebensjahr.
- Fast 6 % der weiblichen Befragten berichteten, zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden zu sein.
- Ca. drei Viertel (um die 75 %) aller Befragten erlebte mindestens eine Form körperlicher Gewalt. Unter körperlicher Gewalt wurden Schläge, Stoßen, mit der Faust schlagen, Tritte, zusammengeschlagen werden und Angriffe oder Drohungen mit einer Waffe wie einem Messer oder einer Pistole vor dem 18. Lebensjahr durch Verwandte, einer Autorität (wie Lehrer) oder Lebenspartner verstanden.
- Die Bedrohung mit einer Waffe wurde in der Studie zusätzlich gesondert dargestellt. 3,3 % der Mädchen/Frauen und 3,1 % der Jungen/Männer berichtet von einem solchen extremen Erlebnis.
- Die meiste Gewalt ging von Verwandten (dabei am häufigsten durch die eigenen Eltern) und Lehrern aus. Die weiblichen Befragten erfuhren häufiger Gewalt durch ihre Mütter, die männlichen durch ihre Väter.
- Der größte Teil der Befragten (78 % der weiblichen und 67,4 % der männlichen von Gewalt Betroffenen) erlebte mehr als fünf mal (der höchste mögliche Wert in der Studie) körperliche Gewalt.
- Ca. ein Viertel der Befragten hat emotionale Gewalt erfahren. Dazu gehörten Beschimpfungen, sich ungewollt fühlen oder die Drohung, verlassen zu werden.
- Die meisten der Befragten haben zudem verschiedenen Formen von Gewalt erfahren. Beispielsweise haben 84% der weiblichen Befragten, die als Kind sexuelle Gewalt erlebten, zusätzlich auch körperliche Gewalt erfahren.
- Die Studie zeigte auch, dass 60 % der weiblichen und 50 % der männlichen Befragten es für gerechtfertigt halten, wenn ein Ehemann seine Frau aus bestimmten Gründen schlägt. Dies zeigt eine hohe Akzeptanz von Gewalt und eine erschreckend hohe Identifikation mit den Tätern.
Alles in allem ist die Gewaltbetroffenheit der Kinder in Tansania sehr erschreckend, sowohl was das Ausmaß der Gewalt, als auch die Häufigkeit und Intensität angeht.
Quelle: United Republic of Tanzania, 2011: Violence Against Children in Tanzania. Findings from a National Survey 2009. Durchgeführt unter der Mithilfe von United Nations Children’s Fund, U.S. Centers for Disease Control and Prevention, Muhimbili University of Health and Allied Sciences
Dienstag, 1. November 2011
Gewalt gegen Kinder in Afrika
Anmerkung: Dieser Beitrag ist leicht veraltet. In einem anderen Beitrag habe ich aktuellere Zahlen aus einer großen UNICEF-Studie besprochen, die zeigte, dass Afrika zusammen mit dem Nahen Osten zu den gewaltvollsten Regionen auf der Welt für Kinder gehört.
In der Vergangenheit habe ich in Bezug auf Afrika oft von einer „black box“ was die Kindererziehungspraxis betrifft gesprochen. Mehr Licht ins Dunkle bringt der aktuelle UNICEF Report 2011 „Kinder vor Gewalt schützen“ (erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag; siehe auch einige Datengrundlagen 2 Jahre vorher online "Progress for Children. A Report Card on Child Protection") bzgl. der Verbreitung von Gewalt und der Akzeptanz von häuslicher Gewalt (Nachtrag: Mittlerweile habe ich weitere wichtige Studien besprochen, die ich im Textverlauf unten extra verlinkt habe!).
Gewalt gegen Kinder in Prozent wurde wie folgt definiert. „Kinder (2-14. J.), die 2005-2008 psychisch oder physisch bestraft wurden“ (Auf Grund des o.g. Links zu den UNICEF Grundlagendaten 2009 kann ich noch ergänzen, dass die nachfolgenden Zahlen mehrheitlich angeben, dass die Kinder beides erleben, körperliche und psychische Gewalt)
Akzeptanz von häuslicher Gewalt 2002-2009 in % wurde wie folgt definiert: Anteil der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre), die die Anwendung von Gewalt durch ihren Ehemann für gerechtfertigt ansehen. Als Gründe, die Gewalt rechtfertigen, wurden genannt: das anbrennen von Essen, Streit mit dem Partner, Verlassen des Hauses ohne sein Wissen, Vernachlässigung der Kinder oder Verweigerung von Sexualverkehr.
Hier die Ergebnisse bzgl. einiger afrikanischer Länder:
Ägypten: Gewalt gegen Kinder = 92 % / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 39 %
Äthiopien: Gewalt gegen Kinder = keine Angaben / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 81 %
(siehe unbedingt Extraseite (unabhängig vom o.g. UNICEF Report): "Gewalt gegen Kinder in Kenia, Uganda und Äthiopien")
Burkina Faso: Gewalt gegen Kinder = 83 % / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 71 %
(siehe unbedingt Extraseite (unabhängig vom o.g. UNICEF Report): Gewalt gegen Kinder in Burkina Faso, Nigeria, Kamerun, Kongo und Senegal)
Elfenbeinküste: Gewalt gegen Kinder = 91 % / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 65 %
Gambia: Gewalt gegen Kinder = 87 % / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 74 %
Guinea-Bissau: Gewalt gegen Kinder = 82 % / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 52 %
Kamerun: Gewalt gegen Kinder = 93 % / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 56 %
(siehe unbedingt Extraseite (unabhängig vom o.g. UNICEF Report): Gewalt gegen Kinder in Burkina Faso, Nigeria, Kamerun, Kongo und Senegal)
Kenia: Extraseiten (unabhängig vom o.g. UNICEF Report) "Gewalt gegen Kinder in Kenia" und unbedingt wichtig:
"Gewalt gegen Kinder in Kenia, Uganda und Äthiopien")
Kongo, Dem. Rep.: Gewalt gegen Kinder = keine Angaben / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 76 %
(siehe unbedingt Extraseite (unabhängig vom o.g. UNICEF Report): Gewalt gegen Kinder in Burkina Faso, Nigeria, Kamerun, Kongo und Senegal)
Kongo, Dem. Volksrep.: Gewalt gegen Kinder = keine Angaben / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 76 %
Liberia: Gewalt gegen Kinder = keine Angaben / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 59 %
Mosambik: Gewalt gegen Kinder = keine Angaben / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 36 %
Namibia: Gewalt gegen Kinder = keine Angaben / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 35 %
(ergänzend: Kindererziehung in Namibia - Ein Erfahrungsbericht)
Niger: Gewalt gegen Kinder = keine Angaben / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 70 %
Nigeria: Gewalt gegen Kinder = keine Angaben / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 43 %
(siehe unbedingt Extraseite (unabhängig vom o.g. UNICEF Report): Gewalt gegen Kinder in Burkina Faso, Nigeria, Kamerun, Kongo und Senegal)
Ruanda: Gewalt gegen Kinder = keine Angaben / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 48 %
siehe ergänzend Extraseiten (unabhängig vom o.g. UNICEF Report): "Kindheit und Terror in Ruanda"
Sambia: Gewalt gegen Kinder = keine Angaben / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 62 %
Senegal: Keine UNICEF Angaben.
(siehe unbedingt Extraseite (unabhängig vom o.g. UNICEF Report): Gewalt gegen Kinder in Burkina Faso, Nigeria, Kamerun, Kongo und Senegal)
Sierra Leone: Gewalt gegen Kinder = 92 % / Akzeptanz von häuslicher Gewalt: 65 %
Simbabwe: Gewalt gegen Kinder = keine Angaben / Akzeptanz von häuslicher Gewalt 48 %
Somalia: Gewalt gegen Kinder = keine Angaben / Akzeptanz von häuslicher Gewalt 76 %
Tansania: Extraseite (unabhängig vom o.g. UNICEF Report) "Gewalt gegen Kinder in Tansania"
Togo: Gewalt gegen Kinder = 91 % / Akzeptanz von häuslicher Gewalt 53 %
Uganda: (siehe unbedingt Extraseite (unabhängig vom o.g. UNICEF Report): "Gewalt gegen Kinder in Kenia, Uganda und Äthiopien")
Zentralafrikanische Republik: Gewalt gegen Kinder = 89 % / Akzeptanz von häuslicher Gewalt keine Angaben (siehe auch "Ursachen der Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik und wie man daran vorbeisehen kann")
Besprechung der Zahlen:
Leider ist die Definition von der Gewalt gegen Kinder auf Grund der Metaebene der Studie etwas schwammig. Trotzdem geben die Zahlen ein Bild über das sehr hohe Ausmaß der Gewalt, nicht jedoch über die Häufigkeit und Intensität. Wenn man einzelne schockierende Berichte aus dieser Region in der Tagespresse verfolgt und sich zusätzlich z.B. Studien wie nachfolgende anschaut, die mehr in die Tiefe gehen, dann gehe ich sehr stark davon aus, dass Gewalt gegen Kinder in dieser Region nicht nur in Form von seltenen Züchtigungen und gelegentlichen verbalen Demütigungen vorkommt, sondern Gewalt weit aus häufiger und intensiver ausgeübt wird:
In Ägypten sagten beispielsweise bei einer Umfrage 37 % der Kinder, dass sie von ihren Eltern geschlagen oder gefesselt würden. 26 % berichteten über Knochenbrüche, Bewusstlosigkeit oder eine bleibende Behinderung aufgrund der Misshandlungen. (vgl. Youssef, Attia & Kamel, 1998 zit. nach WHO, 2002, S. 62) In Äthiopien berichteten 21 % der befragten städtischen Schüler und 64 % der ländlichen Schüler von Blutergüsse oder Prellungen auf Grund körperlicher Bestrafungen durch ihre Eltern. (vgl. Ketsela & Kedebe, 1997 zit. nach WHO, 2002, S. 62); siehe ergänzend auch unbedingt "Gewalt gegen Kinder in Tansania", "Gewalt gegen Kinder in Kenia, Uganda und Äthiopien"und "Gewalt gegen Kinder in Burkina Faso, Nigeria, Kamerun, Kongo und Senegal".
Dazu kommt routinemäßige, institutionelle Gewalt an Schulen. 1998 wurde z.B. Gewalt an Schulen in Kamerun verboten. Doch zwei Jahre später zeigte eine Studie durch EMDIA, dass die Lehrkräfte weiterhin SchülerInnen körperlich bestraften. 97 % der befragten SchülerInnen berichteten, dass sie körperliche Gewalt durch Lehrkräfte erfahren hatten. (vgl. World Report on Violence against Children, 2006, S. 117)
Studien aus dem Jahr 2005 in Ägypten zeigten, dass 80 % der Schüler und 67 % der Schülerinnen Körperstrafen durch Lehrkräfte erlitten haben. (ebd., S. 118) Ähnliches zeigte eine große Studie in Südafrika. 12.793 SchülerInnen wurden befragt. 70,1 % der GrundschülerInnen und 47,5 % der SchülerInnen von weiterführenden Schulen wurden von Lehrkräfte geschlagen, obwohl dies gesetzlich verboten ist. Die Studie zeigte zudem, dass 47.3 % der befragten GrundschülerInnen und 20 % der SchülerInnen aus weiterführenden Schulen von ihren Eltern geschlagen werden, wenn sie etwas falsch gemacht haben. (vgl. Burton, P., 2008: Merchants, Skollies and Stones: Experiences of School Violence in South Africa, Cape Town: Centre for Justice and Crime Prevention) Auch in Kenia gibt es erschütternde Berichte über besonders schwere Gewalt gegen SchülerInnen - siehe hier.
Ich möchte an dieser Stelle auch hervorheben, dass die UNICEF-Zahlen sehr aktuelle Zahlen sind und die hier im Absatz genannten ebenfalls relativ aktuelle. Was die ältere Erwachsenengeneration alles an Gewalt und Gewaltintensität erfahren hat, wird erfahrungsgemäß noch schlimmer sein, als das, was wir heute sehen.
Auch in (West-)Europa finden wir eine hohe Gewaltbetroffenheit der Kinder von bis zu 2/3 könnte man jetzt kritisch in Anbetracht der UNICEF Zahlen sagen. Dabei überwiegen allerdings leichte körperliche, nicht häufige Züchtigungen. Ich denke, das macht u.a. den Unterschied. Eine aktuelle KFN Studie aus dem Jahr 2009 zeigte, dass 42,1 % der befragten Jugendlichen über keinerlei gewalttätige, körperliche Übergriffe seitens der Eltern berichteten. 42,7 % erlebten leichte körperliche Gewalt (eine runtergehauen, hart angepackt oder gestoßen und/oder mit einem Gegenstand geworfen). Insgesamt 15,3 % der Befragten geben an, vor ihrem zwölften Lebensjahr schwerer Gewalt (mit einem Gegenstand geschlagen, mit der Faust geschlagen/ getreten und/oder geprügelt, zusammengeschlagen) durch Elternteile ausgesetzt gewesen zu sein; von diesen können – laut Definition der Studie - 9 % als Opfer elterlicher Misshandlung in der Kindheit bezeichnet werden. Insgesamt sind also 57,9 % der Jugendlichen in Deutschland von körperlicher Gewalt durch Eltern betroffen, allerdings sind die schweren Formen von Gewalt erheblich niedriger. Je häufiger und je schwerer die Formen der Gewalt, desto schlimmer sind die Folgen für die Kinder und auch die später Erwachsenen. Bzgl. Afrika nehme ich wie gesagt an, dass schwerer Formen der Gewalt weitaus häufiger vorkommen als z.B. in Deutschland. Dazu kommen Bedrohungen durch Angstmachen vor Geistern, Hexen und Dämonen, wie oft bzgl. Afrika berichtet wird. (In dem genannten UNICEF Report wird z.B. auf Seite 111 berichtet, dass sich in der Stadt Mkaiki in der Zentralafrikanischen Republik zehn von zwölf Prozessen um Hexerei drehen. Die täglichen Anhörungen sind ein öffentliches Spektakel. Die Beschuldigungen sind haarsträuben – Menschen sollen sich in Tiere verwandelt haben, Stürme oder gestohlene Seelen. Der Bericht zeigt auf, dass auch Kinder willkürlich der Zauberei verdächtigt wurden und daraufhin körperliche Misshandlungen erfuhren. Ich finde zudem alleine das Aufwachsen unter solchen mystischen Angstszenarien bereits psychisch gewaltvoll und sehr belastend.) Systematisch traumatisch sind auch Initiationsrituale, sowohl für Jungen als auch für Mädchen. Das alles ist noch mal ein Thema für sich. Wir werden letztlich in vielen afrikanischen Regionen entsprechend dem stärkeren Gewaltverhalten gegen Kinder eine komplett andere Psychoklassen-Verteilung vorfinden, als im heutigen Europa. Der Kulturschock, der uns dort begegnet, ist eigentlich mehr ein "Psychoklassenschock".
Die Akzeptanz von häuslicher Gewalt ist im UNICEF Bericht schon genauer definiert und erschreckend hoch in den genannten Ländern. Die Akzeptanz ist mit 35 % am niedrigsten in Namibia und mit 81 % am höchsten in Äthiopien, die anderen Länder liegen dazwischen. Bei den Ländern, wo zugleich auch Zahlen bzgl. der Gewalt gegen Kinder vorliegen, zeigt sich durchgängig, dass die Gewaltraten im Vergleich zu den Raten bzgl. der Gewaltakzeptanz deutlich höher liegen. Insofern gehe ich davon aus, dass wir bei den Ländern, wo keine Zahlen zur Gewalt gegen Kinder aber Gewaltakzeptanzzahlen vorliegen, durch letztere Zahl auch Rückschlüsse zu ersterer ziehen können. Beispielsweise wird für Ruanda eine Akzeptanzrate bzgl. häuslicher Gewalt von 48 % berichtet, entsprechend würde ich schätzen, dass die Gewaltrate gegen Kinder dort zwischen 70 und 90 % liegen könnte.
Dieser Part des Berichtes ist zudem ganz besonders aufschlussreich, weil er letztlich etwas über das Phänomen „Identifikation mit dem Aggressor“ aussagt und sich auf Mädchen und Frauen bezieht, denjenigen also, die hauptsächlich für die Kindererziehung zuständig sind. Letztlich sagen die Prozentzahlen, dass ein Großteil der Mädchen/Frauen erlebte Gewalt für legitim halten. Gleichzeitig wird der Täter entlastet, da seine Tat ja durch das „unkorrekte“ Verhalten der Frauen ausgelöst wurde. Die Schuld für die Gewalt trägt demnach also die Frau selbst. Es ist nur logisch, dass eine solche Identifikation mit dem Täter bzw. eine Akzeptanz von Gewalt auch viel darüber aussagt, wie diese Frauen mit ihren eigenen Kindern umgehen, wenn diese sich einmal „unkorrekt“ verhalten. Frauen sind, was den Umgang mit Kindern angeht, alles andere als das friedlichere Geschlecht, was vielen Menschen gar nicht bewusst ist. Studien in westlichen Ländern zeigen, dass Frauen mindestens zur Hälfte an der Misshandlung von Kindern beteiligt sind. Sehr viel anders dürfte es auch nicht in Afrika aussehen. (das belegen übrigens auch die oben im Text extra verlinkten Studien)
Afrika ist der Kontinent, der einfach nicht zu Ruhe kommt, in dem Gewalt, Terror, Krieg und Elend oftmals Alltag ist. Die meisten Forschenden und Berichterstatter übersehen routinemäßig die sehr hohe Gewaltbetroffenheit von afrikanischen Kindern. Wenn auf die Gewaltbetroffenheit der Kinder (bezogen auf den sozialen Nahbereich) eingegangen wird, dann meist isoliert oder sie wird als Folge von Armut, Kriegen und Kolonialismus gedeutet. Dass eine gesellschaftlich gewaltvolle Gesamtlage und eine destruktive Struktur in der Tiefe durch die weit verbreitete Gewalt gegen Kinder entstehen kann (und die Gewalt gegen Kinder an sich wiederum aus eigenen Gewalterfahrungen heraus entsteht), wird selten gesehen oder besprochen.
Eine nachhaltige Entwicklungshilfe muss immer auch das vordergründige Ziel haben, Kinder vor (vor allem elterlicher) Gewalt zu schützen. Wer dies übersieht, wird langfristig kaum Erfolge vor Ort erzielen. Zudem sollten zukünftig die möglichen Unterschiede in der Kindererziehungspraxis von Land zu Land herausgearbeitet werden. Insofern ließen sich vielleicht auch einige Unterschiede in den Konfliktsituationen besser erklären. So weit ich weiß, ist die Republik Botsuana das einzige afrikanische Land, das seit 1945 keinen Krieg oder einen bewaffneten Konflikt erlebt hat. Insofern wäre es interessant, hier ggf. Unterschiede bzgl. des Umgangs mit Kindern herauszuarbeiten. Umgekehrt könnte man schauen, ob in den Ländern, die ganz besonders blutige Kriege erlebten - wie z.B. Ruanda, Kongo oder Sudan – ggf. eine weit verbreitete besondere Brutalität gegen Kinder nachweisbar ist.
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