Donnerstag, 17. März 2022

Doku „Diktatoren - Wurzeln des Terrors“ und einige Anmerkungen dazu

 „Hitler, Mussolini, Stalin, Mao, Pol Pot, Saddam Hussein, Kim Jong Un: Alle dieser Diktatoren waren einst Kinder und Teenager, bevor sie zu Tyrannen wurden. Die Dokumentation blickt in die Kindheit und die Jugendzeit der schrecklichsten Diktatoren im 20. und 21. Jahrhundert. Die Porträts dieser Jugendlichen begeben sich auf die Spur nach den Wurzeln des Wesens dieser Männer, die später absolute Macht anstrebten.

So wurde die französische TV-Doku „Diktatoren - Wurzeln des Terrors“ (2021 vom Regisseur François Chayé; original Titel „A la source de la tyrannie“) angekündigt, was mich natürlich extrem neugierig machte. Aktuell kann die Doku noch (mit Werbeblöcken) hier gestreamt werden. 

Die Doku ist in verschiedene Kapitel unterteilt. Ein Kapitel heißt: „Gewalttätige Kindheit“!

Ich wundere mich ehrlich gesagt schon länger, dass es bisher meines Wissens nach keine Doku gab, die die destruktiven Kindheiten von Diktatoren in den Blick nimmt. Jetzt also das! Das ist ein wirklich großer und wichtiger Schritt. 

Zwischendrin kamen mir allerdings erste Zweifel, ob die Doko in eine für mich zufriedenstellende Richtung geht. Z.B. als über die Mutter von Adolf Hitler gesagt wird, dass sie für ihn „emotionale Sicherheit“ bot, etwas, das ich deutlich anders sehe. 

Es tauchten aber auch erste vielversprechende Kommentare auf. Beispielsweise als dieser Satz fällt: „Für Hitler verschmolzen sein Vater und das Kaiserreich zu einem Hasssymbol“. Diese Stelle wurde nicht gesondert kommentiert, sie zeigt aber deutlich die Verschmelzung von Kindheit (Gewalt durch den Vater und Hass auf den Vater) und Gesellschaft bzw. Übertragung von Hass aus der Kindheit auf Vaterfiguren/“Vaterstaat“/“das Alte“. 

Unter dem o.g. Kapiteltitel geht es dann wirklich in die Tiefe der Kindheitsabgründe: Maos Vater sei alles andere als liebevoll gewesen und habe nicht gezögert, seinen Sohn zu schlagen. Mao habe seinen Vater gehasst.
Saddam Hussein sei in extremer Armut aufgewachsen. Es habe „wenig Liebe“ in seiner Kindheit gegeben und er galt „als Bastard“. Und: „Der Stiefvater war gewalttätig und schlug ihn fast täglich.“ Über den Alkoholismus des Vaters von Stalin und dessen Gewaltverhalten wird ebenso berichtet, wie über all die Demütigungen und Entbehrungen, die Stalin in einem Priesterseminar erlitten hat.
Über die häufige väterliche Gewalt, die auch Mussolini erlitten hat, wurde leider nichts berichtet, obwohl dieser Diktator Thema war. 

Zum Schluss hin kommt dann diese Aussage:

Bei einigen Diktatoren liegen die Wurzeln ihres Handelns in einer besonders traumatischen Kindheit. Die prägenderen Faktoren für ihre kriminelle Entwicklung liegen jedoch meist im historischen, sozialen und politischen Umfeld, in Kombination mit einer blutigen Ideologie schaffen die Despoten dann den Aufstieg an die Macht.“

Nach dieser Stelle war den vorherigen Ausführungen zur Kindheit schon einmal deutlich der Wind aus den Segeln genommen. Glaubt es mir oder nicht, ich ahnte schon, welcher Nachsatz noch kommen würde und er kam auch, von dem Historiker Johann Chapoutot:

 „Es besteht kein Zweifel daran, dass Hitler eine unglückliche Kindheit hatte. Die Beziehung zu seinem Vater war katastrophal und bereitete ihm große psychische und physische Schmerzen. (…) Doch im 19. Jahrhundert gab es viele Kinder, die Opfer von Misshandlungen wurden und sie wurden nicht alle zu Massenmördern. Den Gewaltherrschern ist auf ihrem Lebensweg noch etwas anderes passiert. Hitler verstand es, auf die Erwartungen der damaligen Gesellschaft zu reagieren. Diese wollte eine klare Identität und Hitler vermittelte durch den Nationalsozialismus und die deutsch-völkische Ideologie das Gefühl, dass man etwas darstellt.“ 

Da ist er wieder, dieser klassische Satz:Aber nicht alle traumatisierten Kinder werden zu…“.
Die Ursachenkette zwischen destruktiver Kindheit und politischer Gewalt wird durch diesen Satz sofort zerrrissen. Bereits in dem zuvor zitierten Part wurde der Blick von der Kindheit weg in Richtung anderer „prägenderen“ Faktoren („historischen, sozialen und politischen Umfeld, in Kombination mit einer blutigen Ideologie“) gelenkt. 

Es ist selbstverständlich, dass es keinen einfachen Link zwischen destruktiver Kindheit hier und Diktatoren dort gibt. Selbstverständlich bedarf es weiterer Einflussfaktoren, wovon der größte natürlich das Streben nach und das Erreichen von Macht ist. Diese Leute müssen zudem redegewandt und intelligent sein. Sie müssen männlich sein. Sie müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein usw. usf.  

Was mich so ungemein stört, wenn Kindheitseinflüsse gering geredet werden, ist, dass nie die umgedrehte Frage gestellt wird: Wären Hitler, Mussolini, Stalin, Mao und Saddam Hussein auch zu solchen Diktatoren und Massenmördern geworden, wenn sie eine liebevolle und weitgehend unbelastete Kindheit gehabt hätten? Diese Frage taucht einfach nicht auf!

Der zweite Punkt ist, dass der Satz „doch im 19. Jahrhundert gab es viele Kinder, die Opfer von Misshandlungen wurden und sie wurden nicht alle zu Massenmördern“ mit Blick auf das Werden eines Diktators im Grunde bereits die Lösung des Rätsels mit enthält. Nur ein einziger Mensch kann logischer Weise in einer Diktatur zum Diktator werden. Wenn doch aber eine destruktive Kindheit in einem deutlichen Zusammenhang zu menschlicher Destruktivität und Gewaltverhalten und auch „Ohnmachtsverhalten“ steht (was wir heute einfach auf Grund wissenschaftlicher Befunde wissen), dann erklärt sich doch gerade aus der Feststellung „doch im 19. Jahrhundert gab es viele Kinder, die Opfer von Misshandlungen wurden“ die Entwicklungen hin zu einer Diktatur! 

Johann Chapoutot hat es oben nach seiner kritischen Anmerkung bzgl. Kindheitseinflüssen im Grunde bereits gesagt: „Hitler verstand es, auf die Erwartungen der damaligen Gesellschaft zu reagieren. Diese wollte eine klare Identität“. Ein als Kind traumatisierter Führer stand in Resonanz mit der als Kind traumatisierten Bevölkerung, die sich eine Identität wünschte (Identitätsprobleme sind eine klassische Folge von Kindesmisshandlung!). Warum wurde hier nicht der Einfluss von Kindheit erkannt?

Vergessen werden darf außerdem auch nicht, dass die vielen Kinder des 19. Jahrhunderts, die Opfer von Misshandlungen wurden, zwar nicht alle zu Massenmördern und Diktatoren wurden, aber viele (vor allem männliche) Kinder wurden zu "Diktatoren im Kleinen", in der Familie. Das war ihr Einfluss- und Machtbereich! Historische Berichte über tyrannische Väter finden sich haufenweise. Sie „mordeten“ die Seelen ihrer untergeordneten Familienmitglieder. Und ja, beim genaueren Hinsehen finden wir im historischen Rückblick auch haufenweise Mütter (+ Großmütter, Dienerinnen, Ammen), die sich gegenüber Kindern wie Diktatoren und Menschenschinder verhielten, obwohl sie nach außen hin (der patriarchalen Sitte/Struktur nach) nicht die absolute Macht in der Familie inne hatten. 

Der andere Weg, Hass auszudrücken, ist der Weg nach innen: Selbsthass, Krankheit, Suizid, Depressionen, sich in Ohnmachtsbeziehungen ergeben usw. usf. Auch das wird gerne unterschlagen, wenn es heißt, dass nicht alle als Kind misshandelten Menschen zu "ihr wisst schon was" werden. 

Doch im 19. Jahrhundert gab es viele Kinder, die Opfer von Misshandlungen wurden und sie wurden nicht alle zu Massenmördern“. Dieser Satz ist schlicht unterkomplex, obwohl das erklärte Ziel des Satzes ja gerade war, die Komplexität von Menschen und Gesellschaften zu beachten. 

Im Grunde liegt hier stets auch das gleiche Problem zu Grunde: Historiker sind nun einmal keine Psychologen und Experten für Traumafolgen. Ihnen fehlt entsprechend das Wissen um die komplexen Folgen von Kindesmisshandlung, die sich in unzähligen Formen ausdrücken können.

Die Doku war ansonsten gut und auch wichtig! Es wird sicher der Tag kommen, an dem in einem ähnlichen Format selbstbewusst die These formuliert wird, dass destruktive Kindheiten das Fundament für Diktaturen bilden können. 

Die Doku "Diktatoren - Wurzeln des Terrors" lief am 15.03. in der Zeit zwischen 02:20 - 03:00 Uhr auf N-TV

Ist schon irgendwie symbolisch, dass das Thema gesendet wird, wenn alle schlafen...


siehe ergänzend auch meinen Blogbeitrag: "Eine lieblose Kindheit haben viele erlebt und werden trotzdem nicht zu Mördern"



Donnerstag, 3. März 2022

Kindheit von SoldatInnen (auch mit Blick auf den aktuellen Krieg in der Ukraine)

Bei der besonderen Gruppe der Soldaten und Soldatinnen findet die Forschung regelmäßig ein sehr hohes Ausmaß von belastenden Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, ACEs). In meinem Buch habe ich zu dem Thema ein eigenes Kapitel verfasst! 

Die aktuelle Kriegssituation in der Ukraine bringt das Thema „Soldatentum“ und „Befehl + Gehorsam“ mit einem bösen Paukenschlag auf die Tagesordnung. Ohne tausende SoldatenInnen, die auf Befehl Putins in den Krieg ziehen (trotz wohl auch nicht selten innerer Widerstände, laut Medienberichten), wäre Putin eine reine Lachnummer. 

Ich habe aktuell eine weitere Studie gefunden, die ein hohes Ausmaß von ACEs bei Militärs fand. 

Gottschall, S., Lee, J. E. C. & McCuaig Edge, H. J. (2022). Adverse childhood experiences and mental health in military recruits: Exploring gender as a moderator. Journal of Traumatic Stress

50.603 kanadische Rekruten / Offizieranwärter wurden befragt. 

Belastende Kindheitserfahrungen (ACEs) / Ergebnis für die Männer:

  • psychisch misshandelt: 58,1%
  • körperlich misshandelt: 37,2 %
  • sexuell misshandelt: 2,5%
  • Miterleben von häuslicher Gewalt: 21,9%
  • Haushaltsmitglied depressiv oder psychisch krank: 15,4%
  • Haushaltsmitglied Alkoholmissbrauch oder Alkoholiker: 14,6%
  • irgendeine dieser Belastungen: 70%

Belastende Kindheitserfahrungen (ACEs) / Ergebnis für die Frauen:

  • psychisch misshandelt: 56,5%
  • körperlich misshandelt: 36,1%
  • sexuell misshandelt: 10%
  • Miterleben von häuslicher Gewalt: 25,5%
  • Haushaltsmitglied depressiv oder psychisch krank: 21,7%
  • Haushaltsmitglied Alkoholmissbrauch oder Alkoholiker: 19,5%
  • irgendeine dieser Belastungen: 71%

Befragungen von US-Kriegsveteranen zeigten sogar noch höheren Misshandlungsraten, wie hier im Blog bereits besprochen. 

Auch andere Studien zeigten ein enorm hohes Ausmaß von Kindesmisshandlung bzw. ACEs bei Militärs:

Studien aus Russland liegen dazu nicht vor. Aber es ist naheliegend, ähnliche Zahlen in dieser Population zu finden. 

Zugespitzt lässt sich sagen, dass das Militär vor allem als Kind gedemütigte und verletzte Seelen in seinen Bann zieht. Das kann kein Zufall sein! In sich schlummernde Hass- und Rachegefühle, fehlendes Empathievermögen, geringeres Selbstbewusstsein, Neigung zu Schwarz-Weiß-Denken, Neigung zu Verdrängung oder Abspaltung von belastenden Erlebnissen usw. all dies sind mögliche Folgen von belastenden Kindheitserfahrungen. Auf eine Art „passen“ diese Folgen zu dem Soldatenberuf und dessen besondere Anforderungen. 

Wir sehen also mal wieder: Die Kindheit ist politisch!


Mittwoch, 2. März 2022

Studienergebnis: Vergleichsweise unbelastete Kindheit von Terroristen? VORSICHT!

Für diesen Text beziehe ich mich auf die Studie:
Clemmow, C., Schumann, S., Salman, N. L., & Gill, P. (2020). The Base Rate Study: Developing Base Rates for Risk Factors and Indicators for Engagement in Violent Extremism. Journal of Forensic Sciences. Vol. 65, No. 3, S. 865-881. 

Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine Studie finde, in der dargestellt wird, dass Terroristen eine verhältnismäßig unbelastete Kindheit hatten (siehe dazu meinen Beitrag „Neue Studie zeigt: IS-Terroristen sind extrem selten als Kind belastet. Warum dies nicht stimmen kann!“).
Clemmow et al. (2020, S. 877) schreiben in ihrer Zusammenfassung bzgl. dem Vergleich von 125 “lone-actor terrorists” und 2.108 Befragten aus der Allgemeinbevölkerung: „The general population were significantly more likely to experience a range of distal stressors such as growing up in an abusive home, being a victim of bullying, and experiencing chronic stress.” 

Solche Studien/Ergebnisse sind selten, aber es gibt sie. Also muss ich auch darauf antworten und eingehen. 

Wie schon bei meiner Kritik an der Studie von Speckhard & Ellenberg (2020) (siehe Link oben!) zeigt sich sehr schnell die Lösung des Rätsels, wenn man sich die Methodik genau anschaut. 

Vorher aber noch ein Auszug aus den Ergebnissen der Studie von Clemmow et al. (2020): 

(Blau steht für die Allgemeinbevölkerung, die andere Farbe für die Terroristen!)


Die Ergebnisse sind hoch signifikant: Terroristen haben demnach deutlich weniger Misshandlungen in der Kindheit erlitten, als die Allgemeinbevölkerung. Das gleiche gilt für Mobbingerfahrungen. 

Das Fatale an solchen Studien: In Zusammenfassungen von verschiedenen Ursacheanalyse-Ansätzen neigen WissenschaftlerInnen dazu, Studien kurz hintereinander aufzuführen und dann zentrale Ergebnisse zu nennen. Klassisch wäre z.B. der Verweis auf einzelne Studien, die ein hohes Ausmaß von belastenden Kindheitserfahrungen aufzeigen und dann in etwa so etwas anzuhängen: „Allerdings sind die Ergebnisse durchaus nicht einheitlich. Clemmow et al. (2020) fanden z.B., dass Terroristen deutlich weniger in der Kindheit belastet sind, als die Allgemeinbevölkerung.“ (Gedankenbeispiel) Und wenn sie dann ausreichend recherchiert haben, könnten sie dem noch anhängen: „Auch die Daten von Speckhard & Ellenberg (2020) zeigen kaum Auffälligkeiten in der Kindheit von Terroristen“ (Gedankenbeispiel). 

Die Message wäre klar: Wir wissen nicht wirklich, was die Ursachen von Terror sind, denn auch bzgl. Kindheitserfahrungen gibt es in der Wissenschaft ein uneinheitliches Bild! Platz für einen genaueren Blick auf solche Studien ist in solchen wissenschaftlichen Zusammenfassungen i.d.R. nicht. 

Des „Rätsels Lösung“ bzgl. der - für mich auf Grund unzähliger anderer Ergebnisse und Daten bzgl. Kindheitserfahrungen von Terroristen/Extremisten erstaunlichen – Ergebnisse von Clemmow et al. (2020) zeigt der Blick auf die Methodik! 

Die Befragten aus der Allgemeinbevölkerung entstammen aus einem online Panel, d.h., sie wurden mehrfach ausführlich direkt befragt. Die 125 Terroristen wurden nicht befragt (manche lebten auch gar nicht mehr, weil sie bei Anschlägen umkamen, das nur nebenbei): „The data were compiled from open sources, including sworn affidavits, court reports, first-hand accounts, and news reports obtained predominantly via LexisNexis searches. Additional sources such as biographies and scholarly articles were used where available and relevant” (Clemmow et al. 2020, S. 868). 

Die Herangehensweise der WissenschaftlerInnen ist grundsätzlich logisch und auch sinnvoll. Objektive Daten wie z.B. Familienstand, Ausbildung, Alter, Geschlecht, Beruf, Religionszugehörigkeit usw. lassen sich so einigermaßen gut vergleichen. Es macht allerdings gänzlich keinen Sinn, so etwas wie Misshandlungen in der Kindheit zu vergleichen. Hier geht es um ein höchst schambesetztes Themenfeld, über das i.d.R. geschwiegen wird (oder das sogar nicht mehr bewusst erinnert werden kann). Oft gilt dieses Schweigen sogar, wenn die Betroffenen direkt befragt werden (hier wäre es wichtig, dass die Studiendesigner traumainformiert sind!). Die Ergebnisse zu Traumaerfahrungen wären nur direkt vergleichbar gewesen, wenn beide Gruppen (also die Terroristen und die Allgemeinbevölkerung) den gleichen direkten Befragungen ausgesetzt gewesen wären, was nicht der Fall war. Insofern halte ich die Ergebnisse bzgl. der Terroristen für diesen Bereich für gänzlich nicht aussagekräftig! Punkt!

Andere Ergebnisse der Studie zeigen allerdings auch für mich aufschlussreiche und gewinnbringende Ergebnisse. So waren z.B. 48,6 % der Terroristen vorher kriminell eingestellt, dagegen nur 2,5 % der Allgemeinbevölkerung. 26,4 % der Terroristen wurden schon einmal inhaftiert, dagegen 0,4% der Allgemeinbevölkerung. Zu Suchtmittelmissbrauch neigten 26,4% der Terroristen, dagegen 9,5% der Allgemeinbevölkerung. Suchtmittelmissbrauch und kriminelles Verhalten sind in der Forschung deutlich mit dem Erleben von belastenden Kindheitserfahrungen „verlinkt“. Wir landen also abgleitet auch hier wieder beim Thema Kindheit...



Montag, 14. Februar 2022

Studie "Canadian Male Street Skinheads" und entsprechende Kindheitshintergründe

Für eine Studie aus Kanada wurden 14 männliche Skinheads (Alter zwischen 15 und 22 Jahre) befragt:

Baron, S. W. (1997). Canadian Male Street Skinheads: Street Gang or Street Terrorists? Canadian Review of Sociology and Anthropology. Volume 34, Issue 2, S. 125-154.

Alle Befragten waren ohne festen Wohnsitz und schlugen sich irgendwie durch. Acht Befragte waren innerhalb von 12 Monaten vor der Befragung eine Zeit lang inhaftiert. Alle Befragten waren häufig in Gewalthandlungen verstrickt. Darüber hinaus waren sie auch in anderer Hinsicht kriminell, vor allem bzgl. Drogendelikten. Neun Befragte waren in den Handel mit Drogen verstrickt. Alle Befragten nahmen verschiedene Rauschmittel zu sich. 

Politische Einstellungen / Rassismus

In dem Sample gab es ca. drei bis sechs Skinheads (je nach Fragestellung wird dies nicht eindeutig klar), die im Prinzip apolitisch waren. Sechs Skinheads waren extreme Rassisten (einer machte deutlich: „Kill everything that`s not white. Kill all the niggers“ (S. 145) ). Die anderen (wie wohl auch die Unpolitischen) waren offensichtlich hauptsächlich wegen der Gewaltevents in der Gruppe. Neun aller Befragten befürworteten allerdings auch einen gewaltsamen Systemsturz, um z.B. Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Insofern ist die Gruppe bzgl. ihrer Ansichten und politischen Einstellungen nicht homogen, die rechten Tendenzen und Neigung zu extremen Denken wird allerdings deutlich. Es ist nicht ganz einfach, alle 14 Befragte eindeutig zu kategorisieren. 

Der Autor betont (auch an Hand anderer Forschungsarbeiten), dass es Überschneidungen der Skinheadszene mit organisierten Rechtsextremnisten gibt. Das verbindende Element wäre der Rassismus und die Gewaltbereitschaft. Aus diesem Sample wurde nur bei einem Skinhead eine reger Austausch und eine Verbindung zu rechten, rassistischen Organisationen festgestellt. 

Familie und Kindheit (S. 134-136)

  • Nur drei Befragte kamen aus intakten Familien mit beiden biologischen Eltern. Ca. 78,5 % (n = 11) kamen entsprechend aus nicht-intakten Familien. 
  • 12 (85,7 %)  Befragte erlebten regelmäßig körperliche Gewalt in ihrer Familie. 
  • 10 (71,4 %) Befragte berichteten von erlittenen schweren körperlichen Misshandlungen durch Erziehungspersonen, die u.a. zu Brüchen und Blutungen führten. 
  • 4 (28,6 %) Befragte berichteten von „leichteren“ Formen von sexuellem Missbrauch 
  • 2 (14,3%) Befragte berichteten von schwerem sexuellen Missbrauch

Together the responses provide overwhelming evidence that these youths have been severely victimized by their parents” (S. 135). 

Einige Auszüge aus den Aussagen und weitere Belastungen in der Kindheit: 

My parent´s didn`t want me so I left. My parents beat the shit out of me so I thought, if they don`t want me, I´ll go with my friends” (S. 135)

There were lots of beating, always. I remember a lot of beatings, parties. Locked in my room at night so I couldn`t get out” (S. 135).

I just don´t get along with my Mom. I tried to kill her. My Mom hated me because I remind her of my father, who is in jail for a couple of murders he committed” (S. 136)

Auch manche andere Befragte äußerten Tötungsfantasien gegenüber Elternteilen. In den genannten Einzelaussagen wird auch deutlich, dass psychische Gewalt bzw. weitere Belastungen hinzukamen (Ablehnung des Kindes, Einschließen in den Raum, Inhaftierung von Elternteilen). Dies ist zahlenmäßig leider nicht in der Studie erfasst worden. 


Donnerstag, 10. Februar 2022

Kindheit des schwedischen Neo-Nazis, Söldners und Mörders X. Eine Fallstudie.

Jessica Eve Stern hat einen schwedischen Neo-Nazi ausführlich befragt: 

Stern, J. E. (2014). X: A Case Study of a Swedish Neo-Nazi and His Reintegration into Swedish SocietyBehavioral Sciences and the Law. 32(3), S. 440-453. 

X ist seit 1999 inhaftiert. Er hat zusammen mit zwei weiteren Nazis eine Reihe von Morden an Migranten verübt. Außerdem haben sie u.a. Banken ausgeraubt. Wir haben es hier also mit einem Schwerverbrecher zu tun. 

Bereits im Alter von 10 oder 11 schloss er sich der schwedischen Neo-Nazi Szene an, die ihn sehr faszinierte. Als er 18 Jahre alt war, ging er zum schwedischen Militär, war aber sehr frustriert, als er dies nach 10 Monaten wieder verlassen musste. Vor allem sah er in Schweden keine Perspektive dafür, real an einem Krieg teilnehmen zu können. Er wurde anschließend Söldner für Kroatien und machte diverse Kriegserfahrungen und tötete viele Menschen. Auch Folterhandlungen oder das Erschießen von verwundeten gegnerischen Soldaten gab er zu. Letzteres hätte er wegen dem Adrenalin und der Aufregung getan. 

Seine Kindheitsgeschichte wird nur kurz ausgeführt, allerdings deutlich. „Like many people who become violent in later life, X was beaten as a child. (…) His parents beat him, he said, from when he was five years old until he was 11” (Stern 2014, S. 447). Interessant ist hier, dass die Schläge offensichtlich in dem Alter aufhörten, als sich X den Neo-Nazis anschloss! War die Gruppe also auch eine Art Schutzschild gegen die gewalttätigen Eltern?
Es waren zudem nicht seine biologischen Eltern, sie hatten ihn adoptiert. Insofern lassen sich hier auch weitere schwere Belastungen in der frühen Kindheit im Rahmen seiner Herkunftsfamilie vermuten. Die Trennung von den biologischen Eltern wird an sich traumatisch gewesen sein. Genaueres dazu wird im Text leider nicht ausgeführt. 

Auf der einen Seite berichtete X, dass er seinen Adoptiveltern und auch seinem Bruder gegenüber Nahe stand. Auf der anderen Seite sagte er: „I don`t feel connected with anyone. I´ve always felt I don`t belong anywhere. I have always felt I have nowhere to live or to breathe” (Stern 2014, S. 447).

X wirkt auf mich, den Schilderungen folgend, wie ein Psychopath. Er suchte die Aufregung im Kampf. Krieg und Gewalt war für ihn wie eine Droge, wie er sagte. 

Wir sehen hier erneut eine ganz klassische Kindheitsbiografie eines Nazis und Mörders. Sie reiht sich ein in all die anderen Kindheitsbiografien, die ich bisher recherchiert habe. 


Mittwoch, 9. Februar 2022

Pink-Panther, Terror und Gewalt: das ängstliche Kind im Täter

Dr. James Garbarino beginnt gleich auf der ersten Seite seines eindrucksvollen Buches „Listening to Killers. Lessons Learned from My 20 Years as a Psychological Expert Witness in Murder Cases“ (2015) mit Schilderungen über den Fall „Danny Samson“ (einem Mehrfach-Mörder). „Danny“ ist ein derart bedrohlicher Mann, dass er vor Gericht von sechs Wachleuten begleitet wurde, weil man davon ausging, er könne jederzeit gewalttätig werden. Seit seinem 15. Lebensjahr verbrachte dieser Mann sein Leben abwechselnd in Freiheit und im Gefängnis. Garbarino fragte ihn, was er über sich erzählen könne, das andere Leute sehr überraschen würde. Dannys Antwort: „I cry myself to sleep at night“ (Garbarino 2015, S. 1). Garbarino kommentiert: „Afterwards, I check out his story: he does. Inside this big, scary, dangerous man is a frightened and hurt little child. You wouldn`t know by seeing him“ (ebd., S. 1).

Garbarino bringt ein weiteres Beispiel: 

Billy Bob, like many inmates, had arms that were covered with prison tattoos—skulls, crosses, women, lightning bolts. But when he opened his shirt, I saw for the first time what might be called his "private collection," tattoos. I had not seen six years earlier, tattoos that are not so often seen in public, sometimes to protect tender feelings in an otherwise brutal world.  Among them, in the middle of his chest, was the clue I had been looking for without knowing it. A tattoo of the Pink Panther, his stuffed animal from childhood. For me, this image represented the mostly invisible connection between Billy Bob the killer who sat on death row and Billy Bob the abused and neglected child who had suffered so much. lt all fit: there really was an untreated traumatized child living within this man who had brutally murdered Connie Kerry. It didn't excuse what he did, but it helped to validate why compassion for this killer was not a ridiculous bit of softhearted, wishful  thinking on my part, but rather a "scientific" perspective on him and his life, a recognition that within the scary adult was a child, a scared child whose trauma had never been addressed and had never healed” (ebd., S.48) Die extrem traumatische Kindheit von Billy Bob beschreibt Garbarino ebenfalls, diese Kindheitsbiografie macht sprachlos. 

Ich muss bei diesen Schilderungen zwangsläufig an das Bekennervideo des Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) denken: Im Mittelpunkt des Films steht die Cartoonfigur Paulchen Panther!

 „Es ist ein zynisches Dokument des Triumphes: In einem 15 Minuten langen Film feierten die rechtsextremistischen Terroristen aus Zwickau ihre Verbrechen, verhöhnten ihre Opfer, spotteten über machtlose Ermittler (…) Es gibt diese Szene, 10 Minuten und 38 Sekunden Wahnsinn sind schon vorbei, da zündet Paulchen Panther eine Rakete, die er auf dem Rücken trägt, die Musik im Hintergrund ist heiter und beschwingt, und auf dem Geschoss, das Paulchen mit einer Zündschnur in die Luft jagt, steht: "Bombenstimmung in der Keupstraße".“ schreibt der SPEIEGEL

Auch Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt hatten beide nachweisbar eine traumatische Kindheit!

Ein Teil in der Psyche dieser Leute blieb offenbar durch die Traumaerfahrungen quasi „eingefroren“ und in einem kindlichen Status. Dieser Teil konnte sich nicht entwickeln und zu einem reifen Erwachsenen-Ich formen. Das „traumatisierte Kind“ von damals drückt sich in solchen kindlichen Bildern wie oben geschildert aus. Die Öffentlichkeit schockiert es sehr, wenn eine Terrororganisation solche Kindercartoons für ein Bekennervideo nutzt. Mich verwundert dieser „kindliche“ Bezug überhaupt nicht. 

Patrick King ist einer der Organisatoren des „Tucker Freedom Convoy“ in Kanada, der sich gegen die Corona-Politik/Beschränkungen richtet. King ist ganz offensichtlich auch Rassist. Eine kurze Videozusammenfassung über seine Aussagen brachte mich überhaupt auf die Idee, diesen gesamten Beitrag hier zu verfassen. Träume von einer Revolution mit Waffengewalt sind darin u.a. zu hören. In einem Teil macht er sich offensichtlich um „Überfremdung“ sorgen und kommentiert rassistisch wie folgt: 



Das sind genau die Verhaltensweisen, um die es mir auch hier im Beitrag geht. Wir sehen einen offensichtlich gewaltbereiten, rassistischen Mann (den ich nicht mit den NSU-Terroristen gleichsetzen möchte! Mir geht es hier nur um die gezeigten Verhaltensweisen), der plötzlich in dem Videoauszug "wie ein Kind" spricht und sich darüber köstlich amüsiert, obwohl seine Aussagen widerwärtig sind. Das sind diese kindlichen Anteile, die hier im Fokus stehen und uns hellhörig machen sollten. 

Ich selbst habe 15 Monate lang meinen Zivildienst in einer Drogentherapieeinrichtung abgeleistet. Die meisten der „Klienten“ waren auch Kriminelle: Überfälle, Erpressung, Diebstahl, Urkundenfälschung, Zuhälterei/Menschenhandel usw.  Manche hatten lange Haftstrafen hinter sich. Was mir immer wieder auffiel war, dass so manche „Klienten“ teils und phasenweise kindlich wirkten (und manchmal geradezu Beschützerinstinkte bei mir auslösten). Manche erwachsene Männer hatten auch Phasen, wo sie wie pubertierende Jugendliche wirkten. Ich kann schwer beschreiben, woran ich das festmache. Ich traf damals einmal einen Zivi aus einer anderen Drogentherapieeinrichtung. Wir kamen im Gesprächsverlauf auf diese Ausfälligkeit der kindlichen Verhaltensweisen zu sprechen. Er bestätigte mir die gleiche Beobachtung! Mir tat es damals sehr gut, dies so zu hören. In einer solchen Einrichtung macht man viele Erfahrungen, die man schwer einordnen kann. Dass es nicht nur mir so ging, war eine Wohltat. 

Ich erinnere mich auch noch an eine Szene im Winter, wo einer der Psychotherapeuten mit einem Klienten um einige Autos herum fangen spielte. Der erwachsene Klient quietschte dabei wie ein Kind.  Später in der internen Therapeutenrunde berichtete der Therapeut, dass er dies bzgl. diesem Klienten bewusst hin und wieder so mache, weil er das Gefühl hatte, dieser bräuchte einige Erlebnisse, die er als Kind so nicht gehabt hätte. Ob dies nun der richtige therapeutische Weg war sei dahingestellt. 

Was bringen nun diese meine Ausführungen? Nun, sie ändern nichts an der Gefährlichkeit dieser Leute. Auch die von mir beobachteten Klienten konnten ganz normal sein oder ihre kindlichen, bedürftigen Anteile zeigen. Am nächsten Tag kam ich dann in die Einrichtung und es hieß „Klient X.“ sei heute von der Polizei mitgenommen worden, weil er die Büroeinrichtung der Therapeuten zerstört und Mitarbeiter bedroht hätte...

Ich sehe den Nutzen eher bzgl. der Analyse von Taten und Tatursachen. Wenn sich solche kindlichen Anteile von Gewalttätern offenbaren, dann – da bin ich ganz bei James Garbarino – zeigt sich das traumatisierte, bedürftige Kind im Erwachsenen. Mit solchen Menschen muss therapeutisch gearbeitet werden, so es die Möglichkeit dafür gibt. Besser noch ist, vorne anzufangen: beim Kinderschutz! 


Sonntag, 30. Januar 2022

Studie: Traumatische Erfahrungen von französischen Islamisten

Für eine Studie aus Frankreich wurden 70 Jugendliche und 80 junge Erwachsene, die sich islamistisch radikalisiert hatten und sich dem „Islamischen Staat“ anschließen wollten, befragt und analysiert:

Oppetit, A., Campelo, N., Bouzar, L., Pellerin, H., Hefez, S., Bronsard, G., Bouzar, D., & Cohen, D. (2019). Do Radicalized Minors Have Different Social and Psychological Profiles From Radicalized Adults?. Frontiers in psychiatry, 10, 644. 


U.a. wurden traumatische Erfahrungen erfasst:

  • Körperliche Misshandlungen oder sexuellen Missbrauch hatten 26,7 % erlitten.
  • Vernachlässigung oder emotionale Misshandlungen hatten 85,3 % erlebt.
  • Sucht und Drogenmissbrauch eines Familienmitglieds hatten 32 % miterlebt.
  • Vergewaltigung oder Missbrauch eines Familienmitglieds: 16 %.
  • Körperliche Misshandlung eines Familienmitglieds: 32 %.
  • Depressionen eines Familienmitglieds: 40,7 %.
  • Körperliche Gesundheitsprobleme eines Familienmitglieds: 27,3 %.

Dazu kamen diverse Auffälligkeiten bzgl. des Gesundheitszustands der befragten Islamisten. Z.B. hatten 44 % vor ihrer Radikalisierung Depressionen. 22 % hatten ein Suchtproblem und nahmen Drogen (ebenfalls vor der Radikalisierung). 29,3 % neigten vor der Radikalisierung zu Selbstverletzungen. 

Es liegt auf der Hand, sowohl den Gesundheitszustand der Befragten vor deren Radikalisierung als auch deren Weg in den Extremismus in einen Zusammenhang mit traumatischen Vorerfahrungen zu stellen. Merkwürdigerweise ist die Studie dahingehend komplett wortkarg. Im Fokus der Studie stand vielmehr - wie der Titel auch sagt - der Vergleich der beiden Befragtengruppen (Jugendliche – Erwachsene). Leider wurde auch die Methodik nur kurz ausgeführt. Es sind z.B. keine genauen Definitionen der o.g. Belastungsfaktoren zu finden. Aber dies nur nebenbei.

Bzgl. der Zusammenhänge zwischen Kindheit/Trauma und Extremismus ist dies eine wichtige Studie!


Freitag, 14. Januar 2022

Trauma-Täter und der Gehirntumor meines Nazi-Großvaters

In diesem Beitrag geht es mir um die Sicht von Menschen (dabei auch vor allem von Menschen, die zum Opfer wurden oder die Angehörige von Opfern sind) auf Täter und Täterinnen. Dem möchte ich einige Gedanken des Psychologieprofessors und Psychotherapeuten Franz Ruppert (*siehe unten eine ergänzende kritische Anmerkung bzgl. Rupperts Wirken in der Corona-Pandemie) voranstellen:

Trauma-Täter zu sein ist, wenn es einmal geschehen ist, ein bleibendes Faktum. Wenn jemand einen anderen Menschen Schaden zufügt, der nicht gutzumachen und sozial inakzeptabel ist, so ist das nicht nur für sein Opfer, sondern auch für ihn als Täter eine traumatisierende Lebenserfahrung. Sie führt zu einer bleibenden Beschädigung der Psyche. Denn aus dem Faktum des Trauma-Täterseins folgt: Solange seine Psyche gesund funktioniert, und einen Rest gesunder Psyche hat auch jeder Täter, hat ein Täter angesichts der Realität seiner Tat ein nagendes schlechtes Gewissen. Er macht sich selbst schwere Schuldgefühle, es steigen massive Schamgefühle in ihm hoch und er hat Angst vor sozialer Ächtung. Das sind auf Dauer nicht aushaltbare emotionale Spannungszustände. Daher müssen solche Gefühle aus dem Bewusstsein eines Trauma-Täters ausgegrenzt und abgespalten werden. D.h., auch Trauma-Täter sind – wie ihre Opfer – nach einer Tat gezwungen, sich psychisch zu spalten, um innerlich zu überleben. Dies umso mehr, wenn sie weiter mit ihrem Opfer oder deren Angehörigen in einer (Zwangs-)Gemeinschaft zusammen sind“ (Ruppert, Franz (2021): Die Täter-Opfer-Dynamik. In: Reiß, H. J., Janus, L., Dietzel-Wolf, D. & Kurth, W. (Hrsg.): Kindheit ist politisch – Die Bedeutung der frühen Kindheit für die Konflikt- und Handlungsfähigkeit in der Gesellschaft (Jahrbuch für psychohistorische Forschung Band 21), Mattes Verlag, Heidelberg, S. 376) 

Das Wortpaar „Trauma-Täter“ finde ich sehr passend! Es beschreibt nach meinem Verständnis zwei Seiten: 

1. Die Täter waren (meist) vorher selbst Opfer, die Grundlage für eigene Täterschaft. 

2. Durch ihre eigene Taten werden Täter und Täterinnen ebenfalls traumatisiert. 

Meine Anmerkungen dazu: 

Je mehr Taten ein Mensch begeht, desto mehr muss er innerlich abwehren. Logisch! In der Folge wird ein solcher Mensch emotional immer „kälter“ bzw. spürt nichts mehr. Nach außen können teils große Gefühlsausbrüche gespielt/inszeniert werden, was der innerlichen Realität allerdings nicht entspricht. 

Mir geht es hier wie anfangs gesagt aber gar nicht so sehr um die Täter, sondern darum, dass viele Opfer meiner Beobachtung nach oftmals an den Tätern emotional „hängen“ bleiben. Die Taten sind unfassbar und haben so viel Leid erzeugt, ob nun das eigene Leid oder das Beobachtete. Menschen neigen dazu, von den Tätern eine Regung zu fordern, eine Erklärung, bestenfalls eine ernst gemeinte Entschuldigung, eine empathische Reaktion, etwas Menschliches, irgendetwas! Die Erfahrung zeigt, dass solche Reaktionen kaum zu erwarten sind. Im Gegenteil: Täter wie z.B. Anders Breivik bedauern noch im Gerichtssaal, dass sie nicht noch mehr Menschen getötet haben. Oder sie steigern sich in diverse Abwehrhaltungen hinein („Es waren nur Befehle, ich selbst bin das Opfer“).  

Noch verstrickter wird es, wenn die Täter (Frauen sind mitgemeint!) aus der eigenen Familie kommen. Die Opfer sind emotional gebunden und fordern noch weit mehr eine Reaktion des Täters ein, sofern sie es irgendwann schaffen, diesen zu konfrontieren. Die Erfahrung zeigt, dass die Reaktionen oder besser Nicht-Reaktionen der Täter oft nur erneute Verletzungen verursachen. Opfer sollten ihre eigene Heilung und ihren eigenen weiteren Lebensweg nicht von der Reaktion der Täter abhängig machen! 

Was aber hilft, davon bin ich überzeugt, ist, die innere Dynamik von Tätern zu verstehen. Denn dies löst Menschen von ihren Fragen und ihrem Warten auf Reaktionen. Wenn also erstens Täter oftmals selbst Opfer waren (was an sich eine innere Spaltung begünstigt) und zweitens durch ihre Taten erneut traumatisiert werden und sich dadurch noch mehr innerlich von ihrem eigenen „Ich“ abspalten müssen, dann bräuchte es wohl etliche Jahre an Psychotherapie, starken Willen und schmerzhafter Arbeit an sich selbst, damit solche Menschen zu wirklich emotionalen Reaktionen gegenüber den Opfern fähig wären. Damit sie wirklich nachfühlen und sich ernsthaft für ihre Taten schämen und entschuldigen könnten. 

Ich bin davon überzeugt, dass ab einem gewissen Grad der eigenen Täterschaft Menschen auch bzgl. menschlicher Regungen „verloren“ sind. Sie werden es in ihrem Leben nicht mehr schaffen, aus der inneren Kälte herauszutreten (im Grunde die größte Strafe für einen Menschen, der nur dieses eine Leben hat!). Menschen wie Anders Breivik z.B. haben so viele Menschen getötet, wenn er selbst dies wirklich innerlich nachfühlen könnte, was er getan hat, er würde innerlich gesprengt werden und müsste sich wohl selbst töten (Breivik strahlt es an sich auch wie ein Paradebeispiel aus: dieser Mann ist emotional absolut tot!). Das Gleiche gilt aber natürlich auch für den Täter-Vater oder die Täterin-Mutter, die jahrelang die eigenen Kinder terrorisiert haben. 

Ich möchte nicht alle Aussöhnungsprozesse und auch Therapieangebote für Täter in Abrede stellen. Bitte versteht mich nicht falsch! Jeder kleine Erfolg bzgl. Trauma-Tätern ist ein Erfolg. Und ja, sie sind und bleiben auch immer Menschen. Mir geht es schlicht darum, dass wir nicht all zu viel von Trauma-Tätern erwarten dürfen. Diese Erwartungen und auch viele Fragen an die Täter sind Fakt und auch verständlich. Ich für meinen Teil konzentriere mich lieber auf die Prävention: Opfererfahrungen verhindern und frühzeitige Aufarbeitung von Opfererfahrungen IST Täterprävention. 

Franz Ruppert hat über Trauma-Täter auch folgendes geschrieben: 

Weil sie kein eigenes Ich haben und mit sich selbst nichts anfangen können, brauchen Trauma-Täter weiterhin die Beziehung zu ihren Opfern und können diese nicht in Ruhe lassen. (…) Ohne ihre (potentiellen) Opfer sind Trauma-Täter selbst nichts! Eine leere Hülle! Wenn man bedenkt, wie viele Trauma-Opfer sich ihr Leben lang unablässig Gedanken über die Trauma-Täter machen, so muss diese Erkenntnis für sie absolut erschütternd und ernüchternd sein: Der Trauma-Täter besteht in Wahrheit innerlich aus nichts! Alles an ihm ist nur Fassade.“ (ebd., S. 380). Besser kann man es kaum zusammenfassen. 

Mein Großvater väterlicherseits war ein Nazi und bei der SS. Außerdem war er als Vater kalt und teils auch grausam. Er hatte auch seine menschlichen Seiten (Franz Ruppert würde von dem „gesunden Teil der Psyche“ sprechen, der immer bleibt). Aber er hatte auch bis zum Ende diese „innerliche Kälte“, aus der er nicht heraustreten konnte. Vor seinem Tod traf ich ihn ein letztes Mal im Krankenhaus. In seinen Augen sah ich Angst. Trauma-Täter gehen nicht in Frieden aus dieser Welt. Das ist tragisch, aber so ist es. 

Mein Großvater starb an einem Gehirntumor. Auch wenn es sicher keine empirischen Belege dafür gibt, dass Nazis häufiger an einem Tumor sterben, als andere Menschen: Für mich steht fest, dass dieser Gehirntumor auch ein Ausdruck dessen war, wie er sein Leben gelebt, was für Entscheidungen er getroffen und welche Taten er begangen hat. Als mein Großvater starb, hat mich das kaum berührt. Er war kein Mensch, dem man sich emotional nahe fühlen konnte...


* Ich schätze die Expertise von Franz Ruppert bzgl. Traumafolgen sehr, deswegen zitiere ich ihn hier! Mir ist bewusst, dass Ruppert bzgl. der Corona-Pandemie eine Haltung gezeigt hat, die eine deutliche Tendenz für Verschwörungsglaube zeigt. Seine Haltung zeigte er sehr offen auf entsprechenden Portalen wie KenFM oder Rubikon. Ich distanziere mich von solchem Gedankengut! Solange Ruppert nicht in eine verfassungsfeindliche Richtung abdriftet, greife ich allerdings trotzdem auf seine Expertise bzgl. Traumatisierungen zurück. 

Dienstag, 11. Januar 2022

Kindheit des Ex-Nazis Matthew Collins

Hate: My Life in the British Far Right“ heißt die Autobiografie von Matthew Collins (2011, Biteback Publishing, London). 

Sein Buch beginnt Collins mit Schilderungen über den Vater seiner Mutter, den er als „tyrannical father“ beschreibt, vor dem seine Mutter verzweifelt floh (S. 1). Auch der Großvater väterlicherseits scheint schwierig gewesen zu sein. Er blieb der Hochzeit seines Sohnes fern, da dessen zukünftige Frau, die Mutter von Matthew, eine Protestantin war. Dieser Großvater habe in seinem Hinterhof auch Hunde fast totgeschlagen. Collins ergänzt: „He hated my mother“ (S. 1). 

Entsprechend ist zu vermuten, dass die Kindheiten der Eltern von Matthew Collins belastet waren, was wiederum die Wahrscheinlichkeit stark erhöht, dass diese Eltern auch die eigenen Kinder belasten. Bzgl. seines Vaters wird Collins ziemlich deutlich: Sein Vater war Alkoholiker. Außerdem scheint der Vater kaum Bindungen innerhalb der Familie eingegangen zu sein. Obwohl der Vater bis zu Beginn der Grundschulzeit von Matthew in der Familie lebte, schreibt Collins: „Sadly, I have no recollection of my father ever living with us“ (S. 1).
Danach trennten sich die Eltern und Matthew sah seinen Vater nur noch sporadisch. Sein Vater habe bei den Treffen oft nach Schnaps gerochen (S. 2). „When I remember him back then I think he did care strange, detached way. But I always wondered why he couldn`t love us and our mum as much as he loved alcohol and why he wouldn`t just stay with us …“ (S. 3). 

Matthew buhlte um die Aufmerksamkeit seines Vaters, bekam sie aber nicht. Er fragte sich, ob er seinen Vater vielleicht langweilte und geht gedanklich in seine Kindheit zurück: „`Look at me, I can read! I´m the best in my class, read a book with me, please`, I`d beg. But he never did. I´d dump a hundred toy soldiers onto the floor und say `Let´s play!` but he never did“ (S. 3)

Die Familie war außerdem relativ arm, eine weitere Belastung für die Kinder. Das Verhältnis zu seiner Mutter beschreibt Collins nur sehr knapp, was vielleicht wiederum für sich spricht. Er deutet an, dass es oft Streit am Tisch gab (S. 4). Außerdem beschreibt er die Strenge „Regierung“ seiner Mutter: „My mother`s reign at home was tight, but never tyrannical“ (S. 8). Nun, wie oben erwähnt war der Vater der Mutter tyrannisch. Collins war es hier offenbar ein Bedürfnis, seine Mutter dahingehend abzugrenzen, indem er betont, sie sei nicht tyrannisch, sondern nur streng gewesen. Wie der Erziehungsalltag genau aussah, berichtet er leider nicht. 

Auch mit einem seiner Brüder geriet Matthew schon als Jugendlicher in Konflikt. Sein Bruder ging zur UNI und Matthew störte diese intellektuelle Entwicklung des Bruders offensichtlich. Über 20 Jahre habe er mit dem Bruder nicht mehr geredet (S. 10). Auch dies spricht für wenig emotionale Bindungen in dieser Familie. 

Als Jugendlicher entwickelte sich Matthew schnell zum „Problemschüler“. Er hatte den Ruf „the worst kind of bully“ zu sein (S. 8). Im Alter von 13 Jahren galt er bereits als Rassist. Die Nähe zu rechtem Gedankengut suchte er geradezu und fand seinen Weg in die Szene. Matthew fühlte sich vor allem unverstanden. Und er war voller Fragen und Selbstzweifel. An einer Stelle fragt er rückblickend auf seine jungen Jahre: „What was eating at me, why was I so angry?“ (S. 10). Ich glaube, dass seine Familiengeschichte sehr gut deutlich macht, woher all die Wut und der Hass kamen. 


Donnerstag, 30. Dezember 2021

"Kindheit ist politisch": Zwei Jahrbücher für psychohistorische Forschung zu verschenken!

Das neue Jahrbuch für psychohistorische Forschung Band 21 ist draußen. Der Titel lautet: 

Kindheit ist politisch – Die Bedeutung der frühen Kindheit für die Konflikt- und Handlungsfähigkeit in der Gesellschaft.

In dem Jahrbuch sind viele Vorträge der diesjährigen Jahrestagung verschriftlicht. 

Ich habe zwei Exemplare zu verschenken! Bitte Email an mich, ich werfe dann Mitte Januar alle Namen in einen Topf und ziehe blind zwei.

Für das Jahrbuch habe ich zwei Beiträge verfasst: 

"Kindheitsursprünge von politischer Gewalt und Extremismus. Oder: Die Kindheit ist politisch!

und

"Kindheit in Afghanistan und der nie enden wollende Krieg und Terror"






Freitag, 17. Dezember 2021

Hitlers Heerführer - Lebenswege von 25 NS-Akteuren und Details über Kindheit und mögliche Traumaerfahrungen

 „Hitlers Heerführer - Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42“ (2007, R. Oldenbourg Verlag, München) von Johannes Hürter ist ein Buch, das auf den ersten Blick nicht viel über Kindheitshintergründe und potentiell traumatische Erfahrungen der hohen NS-Militärs bietet. Beim genaueren Hinsehen erschließen sich allerdings einige interessante Details! 

25 NS-Oberbefehlshaber wurden hier systematisch durchleuchtet:
Fedor von Bock, Ernst Busch, Eduard Dietl,  Nikolaus von Falkenhorst, Heinz Guderian, Gotthard Heinrici, Erich Hoepner, Hermann Hoth, Ewald von Leist,  Günther von Kluge, Georg von Küchler, Wilhelm Ritter von Leeb, Georg Lindemann, Erich von Lewinski gen. Manstein, Walter Model, Friedrich Paulus, Walter von Reichenau, Hans-Georg Reinhardt, Gerd von Rundstedt, Richard Ruoff, Rudolf Schmidt, Eugen Ritter von Schobert, Adolf Strauß, Carl-Heinrich von Stülpnagel und Maximilian Freiherr von Weichs. 

Die Geburtsdaten der Akteure schwanken zwischen ca. 1875 und 1891. 

92 % der Akteure stammten aus den damals „erwünschten Kreisen“, um einen hohen militärischen Rang einnehmen zu können: Die Väter der Akteure waren Offiziere, höhere Beamte, Gutsbesitzer oder Akademiker. Wobei mit 60 % die meisten Väter der Akteure Offiziere waren. Ich mutmaße alleine auf Grund dieser Zahl, dass ein entsprechender Anteil der Akteure auch in der Kindheit in ihrer Familie sehr militärisch geprägt wurde und entsprechende Erziehungsmethoden vorherrschten. 

Auch die Daten zur Schulbildung bringen einige Erkenntnisse zu Tage. 60 % (N= 15) der Akteure besuchten als Kind ein humanistisches Gymnasium, 40 % (N= 10) besuchten ein Kadettenkorps. 

Die 10 Kadettenschüler waren Fedor von Bock, Ernst Busch, Nikolaus von Falkenhorst, Heinz Guderian, Hermann Hoth, Günther von Kluge, Erich von Lewinski gen. Manstein, Gerd von Rundstedt, Rudolf Schobert und Eugen Ritter von Strauß. 

Wie es dort zuging, beschreibt Hürter wie folgt:
Die Kadettenhäuser (…) waren militärisch geführte, straff organisierte Internatsschulen, auf denen Kinder und Jugendliche nach strengen Regeln und weitgehend abgeschottet von der Außenwelt die für den Offiziersnachwuchs als ideal angesehene Erziehung und Schulbildung erhalten sollten. Die Kadettenanstalt wurde mit guten Gründen  als `totale Institution` beschrieben, deren Normen sich der Zögling vollständig unterwerfen musste, wenn er nicht ausgesondert werden wollte. (…) Die Erziehung war in der Regel hart, besonders in den Voranstalten. “ (S. 42). Die Erziehung war von Begriffen wie "Ehre", "Pflicht", "Gehorsam", aber auch "Verantwortung" geprägt.  

Johannes Hürter zitiert u.a. aus dem autobiografischen Roman „Die Katetten“:
Sie sind hier, um Sterben zu lernen. Alles, was Sie bisher erlebten, sahen und begriffen, haben Sie zu vergessen … Sie haben von nun an keinen freien Willen mehr; denn Sie haben gehorchen zu lernen, um später befehlen zu können“ (S. 42f.)
Der Autor zitiert auch den Heeresführer Herman Hoth: „Die Erziehung als Kadett wurde entscheidend für meine ganze innere Entwicklung. Ich habe hier in 8-jähriger Gemeinschafts-Erziehung eine glühende Liebe zum Soldatenberuf in mich aufgenommen, nicht durch Soldatenspielerei, sondern durch das Beispiel meiner militärischen Erzieher u. einen vorzüglichen Unterricht, der auf geschichtlichem Bewusstsein ruhte. Gewiss haben diese Jahre, die unter dem Zwang standen, mich sehr früh u. sehr eng in eine Gemeinschaft einordnen zu müssen, in mir das Gefühl für Disziplin, Gehorsam, Zurückstellung eigener Wünsche u. Ansichten besonders stark gefördert. Eine gewisse Überschätzung des Autoritätsglaubens, die in diesen Jahren ihren Ursprung hat, habe ich nicht mehr ganz verloren“ (S. 45f.) 

Jahrelange Erziehung in solchen Anstalten prägen und – davon gehe ich aus – traumatisieren die Kinder und Jugendlichen auch. Diese Erziehung gilt wie gesagt für 40 % der untersuchten Akteure!

Aber auch an den damaligen Gymnasien ging es rau und streng zu, wenn auch sicher nicht in dem Ausmaß, wie an den Kadetteneinrichtungen: „Die Stellung des Humanistischen Gymnasiums als Verteidigerin der Tradition gegen die Moderne besaß auch einen politischen Aspekt. Sie stützte die konservative bürokratische und akademische Klientel gegen fortschrittlich-liberale Kräfte des Bürgertums und erst recht gegen alle `Reichsfeinde`. Besonders im Wilhelmischen Deutschland verstärkten sich die autoritären und nationalistischen Züge. An der Loyalität gegenüber Kaiser und Reich gab es ohnehin keinen Zweifel. Die Schüler trugen uniforme Jacken und Mützen, die Disziplin war in der Regel streng, Sedantage und Kaisergeburtstage wurden mit Pathos gefeiert“ (S. 39).

Dazu kam mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine strenge, autoritäre Erziehung im Elternhaus, was der Autor allerdings weder im Allgemeinen, noch direkt auf die 25 untersuchten Akteure beschreibt. Die Geburtsdaten der Akteure und das bekannte Wissen um damalige Erziehungspraktiken und -einstellungen lassen allerdings viel erahnen.   

Dazu kommen vermutlich auch Traumatisierungen im Ersten Weltkrieg. Alle 25 Akteure waren „vom ersten bis zum letzten Kriegstag“ im Dienst und bestanden die „große Überlebens- und Bewährungsprobe des Ersten Weltkriegs“ (S. 70). 

Diese Akteure führten später Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion. 

Ich selbst habe in meinem Blog bereits die belastete Kindheit von Friedrich Paulus (einem der 25 hier untersuchten Führer) besprochen. Paulus besuchte keine Kadettenschule. Dies zur Ergänzung. 



Donnerstag, 16. Dezember 2021

Mein Interview mit Nick Greger

Ich habe heute ca. 1 ½ Stunden mit Nick Greger (online) gesprochen. Er hatte mich auf Grund meines Blogbeitrags ("Die angeblich harmonische Kindheit des Ex-Neonazis Nick W. Greger und meine Anmerkungen dazu") über ihn angeschrieben und sich bereit erklärt, sich meinen Fragen zu stellen, was ich dankend annahm. 

Wir haben über sehr vieles gesprochen. Wir sind fast gleichalt und ich fand schnell Draht zu Greger, der sehr offen und redegewandt ist. Wir haben auch etwas abgestimmt, über was ich dann öffentlich berichten kann. Ich bin kein Journalist oder ähnliches und fand es großartig, diese Gelegenheit zu bekommen. 

Nick Greger hat im Prinzip sehr viel von dem bestätigt, was er schon kurz in seiner Autobiografie ausgeführt hatte. Er erlebte seine Familie als harmonisch und zugewandt. Es gab keine Körperstrafen, keinen Suchtmittelmissbrauch, keine schweren Konflikte zwischen den Eltern oder ähnliche Belastungen. 

Eine für mich neue Info darf ich hier erwähnen: Seine Mutter war gerade einmal 16 Jahre alt, als Nick geboren wurde. Sie wurde im Alter von 15 Jahren schwanger. Dies sei so geplant gewesen. Nicks Vater war einige Jahre älter und konnte die junge Familie finanziell stemmen. Seine Mutter sei damals bereits sehr reif und verantwortungsvoll gewesen. 

Was auffällt ist, dass Nick ebenfalls im Alter von 15 Jahren „ausbrach“ und einfach seine Familie verließ, um in Dresden zu wohnen. Ich sehe da eine gewisse Parallele zu seiner Mutter und ihrem „Ausbruch“ aus der Norm durch die frühe Schwangerschaft.

Das Thema „Ausbruch“ aus dem kleinen Ort, der ihm nicht viel bot und ihn einengte, war auch Nicks Lebensthema als Jugendlicher. Der Anschluss an die kleine rechte Gruppe im Ort war zunächst quasi Mittel zum Zweck und nicht ideologisch bedingt (was viele Ehemalige so oder so ähnlich berichten). Die Ideologie kam natürlich später dazu. 

Ich habe Greger gegenüber sehr deutlich gemacht, dass ich trotzdem vorsichtig mit seinen Angaben über seine Kindheit bin und skeptisch bleibe. Es ist für jeden Menschen schwer, objektiv auf die eigene Kindheit zu schauen. Ich glaube ihm aber auch den Grundrahmen seiner Kindheit, den er sehr deutlich und klar gemacht hat. 

Ich kann den "Fall Greger“ einfach für sich so stehen lassen. Meine Datensammlungen zeigen, dass die allermeisten Extremisten als Kind destruktiven Bedingungen ausgesetzt waren. Bzgl. Prävention und Ursachenanalyse bleibt dies ein gewichtiger Faktor.