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Montag, 27. Oktober 2008

3.2 Paradebeispiel: Adolf Hitler im Schatten seiner Kindheitserfahrungen

O-Ton Adolf Hitler:
Die Leute dürfen nicht wissen wer ich bin. Sie dürfen nicht wissen, woher ich komme und aus welcher Familie ich stamme." (Zdral, 2005, S. 156)

Öffentlich kaum thematisiert – schon gar nicht im Zusammenhang mit Hitlers späterem Wirken – sind die Kindheitserfahrungen von Adolf Hitler.[1] Und wenn diese dann vereinzelt thematisiert werden, scheinen entsprechende Zusammenhänge eher verleugnet zu werden. Der Hitlerbiograph Alan Bullock (1993) schreibt beispielsweise (zunächst) über Hitler, dass er seitens seiner Eltern „nie schlecht behandelt“ wurde. (vgl. Bullock, 1993, S. 18ff) Einen Absatz weiter weist er allerdings (widersprüchlich gegenüber seiner ersten Aussage) auf die autoritäre und selbstsüchtige Art von Alois Hitler (Hitlers Vater), dessen rücksichtlose Art gegenüber seiner Ehefrau und seinem verständnislosen Umgang mit seinen Kindern hin. Außerdem erwähnt er die überfürsorgliche, liebevolle Mutter von Hitler. Dazu sei angemerkt, dass auch „Überfürsorge“ und „Idealisierung“ destruktiv gegenüber dem Kind wirken kann, z.B. dadurch, dass das Kind nicht als eigene Person gesehen wird und Objekt von elterlichen Projektionen wird.
Arno Gruen beschreibt dagegen ausführlich die gestörte Mutter-Kind-Beziehung Hitlers (vgl. Gruen, 2002a, S. 65ff). Wurde Hitler also doch „schlecht behandelt“? Bullock hält von „psychologischen Erklärungen des Phänomens Hitler“ nicht all zu viel und dies 1. auf Grund mangelhafter Daten und Zeugnisse, wie er sagt und 2. würde man - so man denn eine starke Persönlichkeitsstörung/-beeinträchtigung bei Hitler „unterstellen würde“ - sich fragen müssen, wie denn trotz dieser gestörten Grundlage sein späterer „außerordentlicher Erfolg“ zu erklären sei. (vgl. Bullock, 1993, S. 24ff) Dem ist zu entgegnen, dass nach klinischen Erfahrungen auch schwer traumatisierte Menschen in bestimmten Bereichen absolut erfolgreich „funktionieren“ können (z.B. im Beruf). Der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz stellt sogar die These auf, dass die Anstrengungen für „hervorragende menschliche Leistungen“ - auf welchem Gebiet auch immer - oft aus einem Antrieb aus früher Not und Bedürftigkeit gespeist werden. Der Erfolg, der Ruhm und die Macht sollen helfen, schmerzvolle Erinnerungen und bittere Erkenntnisse zu vermeiden oder zu mildern. (vgl. Maaz, 2002)
Ist es nebenbei bemerkt nicht schon zynisch, in Bezug auf Hitler, seinem Wirken und Handeln von einer „unterstellten“ Persönlichkeitsstörung zu sprechen statt einer realen? Außerdem ist hier – wie ich finde - auch die Frage in die umgekehrte Richtung erhellend: Ist es überhaupt möglich, dass ein wirklich geliebtes Kind zu Taten fähig wäre, wie sie ein Hitler begangen hat?
Ich finde es auch interessant zu erwähnen, dass der Biograph Bullock die Herkunftsgeschichte von Hitler und Stalin zusammen in einem Kapitel mit ca. 20 Seiten behandelt, von denen sich wiederum nur wenige Absätze mit der Gewalt gegen die beiden Kinder und den möglichen Folgen beschäftigen. Demgegenüber steht sein Gesamtwerk von ca. 1.300 Seiten (!), in denen er die beiden „parallelen Leben“ (so der Buchtitel) ausführlich skizziert. Die Parallelität der beiden Kindheiten hebt er auch während dieser 20 Seiten nicht besonders hervor, sondern behandelt beide getrennt voneinander. Alan Bullock ist kein Psychologe, sein Interesse gilt der Historie. Ich finde diese Gewichtung und das Ausblenden der Folgen der erlittenen Gewalt für beide Diktatoren allerdings bezeichnend für das kollektive Verleugnen dieser Zusammenhänge.

Ein weiteres Beispiel dieser Art, zeigt die berühmte Arbeit des bekannten Psychologen Erich Fromm "Anatomie der menschlichen Destruktivität". Fromm schreibt:
„Der Charakter der Eltern und nicht dieses oder jenes einzelne Erlebnis übt den stärksten Einfluss auf ein Kind aus. Für jemand, der an die stark vereinfachende Formel glaubt, dass die schlechte Entwicklung eines Kindes etwas der „Schlechtigkeit“ seiner Eltern proportional ist, bietet die Untersuchung des Charakters von Hitlers Eltern eine Überraschung, denn – soweit aus den uns bekannten Daten zu ersehen ist – waren sowohl sein Vater als auch seine Mutter stabile, wohlmeinende und nicht destruktive Leute. Hitler Mutter Klara scheint eine gut angepasste, sympathische Frau gewesen zu sein. (…) Man hat Alois Hitler gelegentlich als einen brutalen Tyrannen beschrieben – vermutlich deshalb, weil dies eine einfache Erklärung für den Charakter seines Sohnes wäre. Er war aber kein Tyrann, sondern nur ein autoritärer Mensch, der an Pflicht und Verantwortungsgefühl glaubte und der Ansicht war, dass es seine Aufgabe war, das Leben seines Sohnes zu bestimmen, bis dieser mündig war. Soweit bekannt, hat er ihn nie geschlagen. (…) Wie ist es zu erklären, dass diese beiden wohlmeinenden, stabilen, normalen und nicht destruktiven Menschen das spätere „Ungeheuer“ Adolf Hitler zur Welt brachten?“ (Fromm, 1986, S. 417ff) Danach beschreibt Erich Fromm auf mehreren Seiten ausführlich Hitlers Lebensweg, den er in seiner Gesamtheit und auch in Anbetracht der Einflüsse durch seine Umwelt für besonders wichtig hält. Entgegen seinen anfänglichen Ausführungen, ließt sich aus seinen weiteren, einleitenden Beschreibungen über Hitlers Beziehung zu seiner Mutter eine tiefe Störungen heraus. Zusammenfassend schreibt Fromm: Man kann sagen, „dass Hitlers Mutter für ihn nie zu einer Person geworden ist, zu der er eine liebevolle oder zärtliche Zuneigung empfand. Sie war für ihn Symbol der beschützenden und zu bewundernden Göttin, aber auch die Göttin des Todes und des Chaos.“ (ebd., S. 425)
Ich finde viele Gedankengänge und (auch andere) Arbeiten von Erich Fromm wichtig. Seine Arbeit über die „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ führt allerding weitläufig in die Leere. Obwohl er selbst Hinweise auf den tyrannischen Charakter von Hitlers Vater wahrgenommen hat und eine gestörte Mutterbeziehung beschreibt, sind beide Eltern für ihn „stabile, wohlmeinende und nicht destruktive Leute“. Er schließt insofern einen bedeutenden Einfluss durch Gewalt und Destruktivität seitens dieser Eltern auf das Kind Adolf Hitler aus. Seine weitere Analyse muss insofern scheitern, vor allem wird dies auch deutlich, wenn wir uns die heutige Datenlage bzgl. der familiären Gewalt in der Familie Hitler ansehen.


Miller (1983) benennt – im Gegensatz zu Bullock und Fromm - mit deutlichen Worten die Struktur Hitlers Herkunftsfamilie als „Prototyp des totalitären Regimes“ und führt Belege bzgl. der häufigen Misshandlungen seitens Hitlers Vater gegenüber Adolf (einmal, im Alter von 11 Jahren, wurde er sogar fast todgeprügelt) und der gestörten Mutterbeziehung Adolfs an, obwohl sie anmerkt, dass es solcher Beweise eigentlich nicht bedürfe, denn „das ganze Leben Adolfs ist ein Beweis dafür“ und ein derartiger Hass habe „erfahrungsgemäß tiefe Wurzeln im Dunkel der eigenen Kindheitsgeschichte“.[2] (vgl. Miller, 1983, S. 169-228)
Auch eine aktuellere Veröffentlichung über "Die unbekannte Familie des Führers" belegt die gewaltvolle Familienatmosphäre bei den Hitlers. „Alois` vorherrschendes Erziehungsmittel sind Prügel.“ (Zdral, 2005, S. 39) „Mein Bruder Adolf (…) erhielt jeden Tag eine richtige Tracht Prügel.“, sagte später auch Adolfs Schwester Klara. (vgl. ebd.) Adolf Hitler prahlte einmal gegenüber seiner Sekretärin: „Als ich eines Tages im Karls May gelesen hatte, dass es ein Zeichen von Mut sei, seinen Schmerz nicht zu zeigen, nahm ich mir vor, bei der nächsten Tracht Prügel keinen Laut von mir zu geben. Und als dies soweit war … habe ich jeden Schlag mitgezählt. Die Mutter dachte, ich sei verrückt geworden, als ich ihr stolz strahlend berichtete: "Zweiunddreißig Schläge hat mir Vater gegeben!" “ (ebd.) An diesem Beispiel wird ersten die Heftigkeit der Prügel deutlich (32 Schläge!) und zweites sehr anschaulich, wie das täglich geprügelte Kind sein Schmerzempfinden abspaltet (und in der Folge auch das Fühlen und Mitfühlen verschüttet wird). Hitlers Mutter wagte nicht, ihren Sohn vor den Schlägen zu schützen, berichtet Wolfgang Zdral.

Adolf wurde als Kind außerdem sehr wahrscheinlich Zeuge der väterlichen Gewaltexzesse gegenüber seinem älteren Halbbruder Alois jr. (vgl. Toland, 1977, S. 26) Dieser hatte sich rückblickend bitter darüber beklagt, dass sein Vater ihn „unbarmherzig mit der Nilpferdpeitsche geschlagen“ habe. Einmal wurde Alois jr. so lange mit der Peitsche traktiert, dass er das Bewusstsein verlor. Auch Adolf wurde mit dieser Peitsche geprügelt, allerdings scheint er – nach Toland – um so mehr Ziel väterlicher Gewalt geworden zu sein, als der Halbbruder Alois jr. mit vierzehn Jahren das Haus verließ und nie wieder zurückkam.  Zu dieser Zeit müsste Adolf ca. 7 Jahre alt gewesen sein.
Auch über psychische Gewalt und Demütigungen wird berichtet. Alois Hitler nörgelte z.B. ständig an Adolf herum, überhäufte ihn mit Hausarbeiten, Alois Disziplinierungsversuche kamen häufig vor  und  „jeden Tag überschlug sich sein Stimme“, wie sich die Schwester Paula erinnert. (vgl. ebd., S. 27 + 30) Eines Tages wollte der junge Adolf davonlaufen, worauf hin ihn der Vater in einem der oberen Räume einsperrte. Um nachts durch eine Fensteröffnung entkommen zu können, legte Adolf seine Kleider ab. Doch Alois Senior betrat den Raum und Adolf konnte sich vorher noch mit einem Tischtuch bedecken. „Der alte Herr griff diesmal nicht zur Peitsche; stattdessen brach er in Gelächter aus und rief seine Frau; sie möge doch heraufkommen und sich den „Togajüngling“ ansehen. Dieser Spott traf den Sohn härter als jede körperliche Züchtigung. Helene Hanfstaengl bekannte er später, er habe lange gebraucht, um über dieses Episode hinwegzukommen.“ (ebd., S. 30)

Miller (1983) beschreibt Hitlers Kindheit im Angesicht täglicher Bedrohungen, Demütigungen und Bevormundung als „Hölle“ und „reales Trauma“. Zusätzlich wurde Adolf Hitler Opfer, in dem er unter der Gewalt zwischen Vater und Mutter und dem häufigen Alkoholkonsum seines Vater litt. Zudem waren einst schon die Grundbedingungen seiner Geburt sehr speziell: Er war als erstes Kind nach drei verstorbenen Kindern auf die Welt gekommen. Weitere Schilderungen über Hitlers Kindheit und Trauma würden hier den Rahmen sprengen. (Alice Millers Text über Adolf Hitlers Kindheit ist allerdings auch online komplett zu lesen und muss hier also nicht weiter besprochen werden.) Die Auswirkungen der erfahrenen Gewalt lassen sich nicht nur in seinem zerstörerischen politischen Handeln festmachen, sondern auch im Privatleben z.B. bzgl. seiner häufigen Schlaflosigkeit, nächtlichen Panikattacken, Magenkrämpfen, seinen Perversionen und gestörten Beziehungen zu Frauen.
Sicher ging es vielen Kindern ähnlich, viele Kinder wurden in der Vergangenheit misshandelt und wurden trotzdem nicht zu einem „Hitler“.[3] Miller hat bzgl. der Weitergabe von Gewalt entsprechende Thesen formuliert. Das Kind Hitler hatte offensichtlich niemandem, dem es sein Leid anvertrauen konnte bzw. der dem jungen Adolf widerspiegelte, dass diese erfahrene „Normalität“ nicht richtig ist. Es fehlte ein „Helfender Zeuge“, wie es laut Miller bezeichnend für Massenmörder wie Hitler (und auch Stalin oder auch Mao) ist. (vgl. Miller, 2001, S. 8)
Ein „Helfender Zeuge“ ist nach Miller ein Mensch (Z.B. Nachbar, Grossmutter, Lehrer usw.), der einem misshandelten Kind beisteht (und sei es auch noch so selten), der ihm eine Stütze bietet, einen Gegengewicht zur Grausamkeit, die sein Alltag bestimmt. Dank dieses Zeugen erfährt ein Kind, dass es in dieser Welt so etwas wie Liebe gibt. (vgl. ebd., S. 7ff)
Forschungsansätze aus den USA bestätigen diese These. Zu den Faktoren, die offenbar die Folgen beispielsweise von schwerer Vernachlässigung abschwächen können, zählt in erster Linie der Umstand, dass irgendwann eine einfühlsame Person im Leben des betroffenen Kindes auftaucht, die wirklich an ihm interessiert ist. (vgl. Cantwell, 2002, S. 554) Im Zusammenhang von Kindesmisshandlung weist Seagull (2002) ebenfalls darauf hin, dass der Teufelskreis der Gewalt eher durchbrochen werden kann, wenn misshandelte Kinder eine positive, emotional stützende Beziehung zu einer erwachsenen Person unterhielten, die sie nicht misshandelte. (Außerdem weist Seagull in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung einer umfassenden psychotherapeutischen Behandlung hin, worauf ich später noch zurückkommen werde) (vgl. Seagull, 2002,. S. 251)
Nach der Interpretation von Alice Miller gab es kaum Ambivalenzen in der Eltern-Kind-Beziehung: Adolf Hitler erlebte wohl keine „Lichtblicke“, keine vereinzelten, aufrichtigen Bekundungen von Zuneigung und Zärtlichkeit, die ihm zumindest eine kleine Alternative bot. Ein Kind, das nur Destruktivität erlebt, diese als „Normalität“ verinnerlicht (verinnerlichen muss) und sich an niemandem mit seinem Leid wenden kann, ist im höchsten Maße gefährdet, (später) die Gewalt an andere weiterzugeben und/oder sich selbst Gewalt anzutun. Hitler musste als Kind seine schmerzlichen Gefühle verdrängen und/oder abspalten und sich mit dem Aggressor identifizieren, um dieser Situation zu entgegnen (und um zu überleben). In all dem, was Hitler anderen Menschen antat, geht es, laut Miller, eigentlich um die Ausrottung der eigenen Ohnmacht und um die Vermeidung von Trauer. (vgl. Miller, 1983, S. 221). Machtgewinn und Grandiositätsdenken dienten als Abwehr gegenüber der eigenen Hilflosigkeit, denn vom Machtidentifizierten[4] wird Ohnmacht gefürchtet und bekämpft (bei sich und anderen), weil sie ehemals als Kind das Leben gefährdet hat. (vgl. Bassyouni, 1990, S. 20)
Etwas überspitzt könnte man abschließend schreiben: Menschen wie Hitler können nicht (über ihr Leid) weinen, deshalb bringen sie ihr Umfeld und manchmal auch die ganze Welt zum Weinen.

Adolf Hitler schrieb rückblickend auf seine Empfindungen zu Beginn des Ersten Weltkrieges: „Mir selber kamen die damaligen Stunden wie eine Erlösung aus den ärgerlichen Empfindungen der Jugend vor. Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen, dass ich, überwältigt von stürmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, dass er mir das Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen.“ (zit. n. Vinnai, 2006) Krieg, Mord und möglicher eigener Tod wurden von ihm als „Erlösung“ empfunden und lösten Glücksgefühle aus (und diese Empfindungen teilten mit ihm unzählige ganz „normaler“ Deutsche zu dieser Zeit). Was er wohl mit „ärgerlichen Empfindungen der Jugend“ meinte, von denen er erlöst werden wollte, habe ich oben ausgeführt.
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[1] DER SPIEGEL beispielsweise bringt in gewissen Abständen auflagenstarke Titelthemen zur NS-Zeit. In der Ausgabe 3/2008 mit dem Titel „Der Anfang vom Untergang. Hitlers Machtergreifung.“ und der Einleitung „Vor 75 Jahren wurde ein ehemaliger Obdachloser aus Österreich Reichskanzler: Adolf Hitler. In gut einem Jahr schwang sich der glühende Antisemit und Nationalist zum Diktator der deutschen Großmacht auf. Wie konnte es dazu kommen? Das ist die Königsfrage der deutschen Geschichte.“ wird die NS-Zeit und die Person Hitler rein von HistorikerInnen analysiert. Ich habe bisher seitens dergleichen Medien noch keinen Versuch wahrgenommen, auch einmal PsychoanalytikerInnen zu Wort kommen zu lassen und auch Hitlers Kindheitsgeschichte einzubringen. Dabei denke ich, dass die Zeit dafür reif ist.

[2] siehe auch Gruen, 2002a, S. 63ff

[3] Das Phänomen Hitler ist allerdings zusätzlich nur durch seine Gefolgschaft/Anhänger und gesellschaftliche Entwicklungen zu erklären, was weiter unten ausgeführt wird. Außerdem bieten menschliche Gesellschaften vielfältige Möglichkeiten, um mit destruktiven inneren Konflikten umzugehen. Der eine geht vielleicht in Therapie und löst die Konflikte, ein anderer nimmt Drogen, ein zweiter misshandelt wiederum seine eigenen Kinder, der dritte wird melancholischer Maler, und ein weiterer erkrankt an Schizophrenie und entflieht somit der bzw. seiner Realität usw.

[4] Machtidentifikation bedeutet, die Gefühle von Schwäche, von Klein-und-bedürftig-Sein, von seelischem Leid, von Unsicherheit und Angst zu verdrängen. (vgl. Bassyouni, 1990, S. 72) A. Hitler: “Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. (...) Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein.“ (zit. n. Miller, 1983, S. 169)


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Freitag, 18. September 2020

Wurde die Mutter von Adolf Hitler von ihrem Mann misshandelt?

 

Ich habe mir jetzt einmal die Zeit genommen, mir die kommentierte Fassung von „Mein Kampf“ (Hitler, Mein Kampf. Eine Kritische Edition. Band 1; herausgegeben 2016 im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München/Berlin von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel) anzusehen; dabei gezielt die Teile, die Hitlers Kindheit, Eltern und in diese Richtung zeigende Ausführungen Hitlers beinhalten.

Zwei Stelle sind für mich dabei zentral, in denen Hitler allerdings nicht in Ich-Form spricht, sondern sich allgemein hält bzw. sich auf die klassische Arbeiterschicht bezieht:

Übel aber endet es, wenn der Mann von Anfang an seine eigenen Wege geht und das Weib, gerade den Kindern zuliebe, dagegen auftritt. Dann gibt es Streit und Hader, und in dem Maße, in dem der Mann der Frau nun fremder wird, kommt er dem Alkohol näher. Jeden Samstag ist er nun betrunken, und im Selbsterhaltungstrieb für sich und ihre Kinder rauft sich das Weib und die wenigen Groschen, die sie ihm, noch dazu meistens auf dem Wege von der Fabrik zur Spelunke, abjagen muss. Kommt er endlich Sonntag oder Montag nachts selber nach Hause, betrunken und brutal, immer aber befreit vom letzten Heller und Pfennig, dann spielen sich oft Szenen ab, dass Gott erbarm.
In Hunderten von Beispielen habe ich dieses alles miterlebt, anfangs angewidert oder wohl auch empört, um später die ganze Tragik dieses Leides zu begreifen, die tieferen Ursachen zu verstehen. Unglückliche Opfer schlechter Verhältnisse
“ (S. 149f).

Und bezogen auf enge Räumlichkeiten und große Familien mit vielen Kindern und nachfolgenden Streitigkeiten schreibt Hitler:

Wenn dieser Kampf unter den Eltern selber ausgefochten wird, und zwar fast jeden Tag, in Formen, die an innerer Rohheit oft wirklich nichts zu wünschen übriglassen, dann müssen sich, wenn auch noch so langsam, endlich die Resultate eines solchen Anschauungsunterrichtes bei den Kleinen zeigen. Welcher Art sie sein müssen, wenn dieser gegenseitige Zwist die Form roher Ausschreitungen des Vaters gegen die Mutter annimmt, zu Misshandlungen in betrunkenem Zustande führt, kann sich der ein solches Milieu eben nicht Kennende nur schwer vorstellen. Mit sechs Jahren ahnt der kleine, zu bedauernde Junge Dinge, von denen auch ein Erwachsener nur Grauen empfinden kann“ (S.159).

Interessant sind sie jeweiligen Kommentierungen der Herausgeber an beiden Stellen.
Beim ersten langen Zitat oben kommentieren sie bezogen auf den Alkoholkonsum u.a.:
Auch Hitlers Kritik des Alkoholismus dürften eigene Erfahrungen zugrunde liegen: Hitlers Vater, der durch Alkohol aufbrausend und jähzornig wurde, starb in einem Gasthaus. Es ist denkbar, dass Hitler, der die Persönlichkeitsveränderung seines Vaters infolge des Alkoholmissbrauchs miterlebt hatte, dadurch zum Abstinenzler wurde (…)„ (S. 150). Hier wird also den verallgemeinerten Schilderungen Hitlers autobiografischer Hintergrund unterstellt (zu Recht, wie ich finde), wohl auch in dem Wissen über andere Quellen, die den Alkoholmissbrauch von Alois Hitler bezeugen (wobei von den Herausgebern kein Bezug auf entsprechende Quellen genommen wird).

Ganz anders jedoch wird von den Herausgebern die zweite zitierte Passage kommentiert:
„Von der Psychologin Alice Miller stammt die These, dass Hitlers folgende Schilderungen – trotz der allgemein gehaltenen Formulierungen – auf persönliche Erfahrungen basierten. Hitlers eigene Kindheit sei im hohen Maße geprägt gewesen von seinem zum Alkohol und zur Gewalttätigkeit neigenden Vater, vom Streit zwischen den Eltern, den fünf Kindern (aus zweiter und dritter Ehe), schließlich dem Zerwürfnis zwischen seinem Vater, Alois Hitler senior, und seinem Halbbruder Alois junior, der mit 14 Jahren im Streit das Elternhaus verließ. Definitiv beweisen lässt sich diese These nicht“ (S. 156).

Es ist ganz und gar erstaunlich, wie unterschiedlich hier die beiden Textstellen kommentiert wurden. Denn natürlich gibt es mittlerweile genügend Belege dafür, dass Hitler von seinem Vater misshandelt wurde (siehe u.a. in meinem Buch oder hier im Blog) und dass auch andere Familienmitglieder – vor allem der erwähnte Halbbruder – Schläge bekamen (Die Jähzornigkeit des Vaters wurde ja auch von den Herausgebern in der zuvor zitierten Kommentierung gesehen). Man könnte zwar formulieren, dass nicht bewiesen werden kann, ob Hitler hier auch seine eigene Kindheitsbiografie meinte, denn dies wüsste nur Hitler allein. Aber warum scheuen sich die Herausgeber hier, ähnlich zu kommentieren, wie sie es beim Alkoholmissbrauch zuvor getan haben? Diese Widersprüchlichkeiten oder diesen Hin-und-Her-Gerissen-Sein habe ich oft erlebt, wenn es um Kindheiten von Diktatoren und Massenmördern oder auch politische Gewalt und Kindheit an sich geht (ich habe dazu in meinem Buch entsprechend kommentiert).

Wenn man sich mit Hitlers Kindheit ausführlich befasst, dann fällt es nicht schwer, das „Aufflackern“ dieser Kindheit in den oben zitierten Auszügen aus „Mein Kampf“ zu erkennen. Ich sehe es wie Alice Miller: Hitler hat hier seine eigenen Erfahrungen eingebracht. Wohl aber hat er sie auch auf das Erleben vieler anderer Menschen übertragen (und er hat nicht seine Eltern direkt angeklagt). „In Hunderten von Beispielen habe ich dieses alles miterlebt“, schreibt Hitler. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass Hitler nicht hunderte Male in Arbeiterfamilie zugegen war, wenn der Vater des Hauses „betrunken und brutal“, wie er schreibt, nach Hause kam. Wahrscheinlich wusste er aus Erzählungen Anderer darum, dass solche häusliche Destruktivität nicht selten vorkam. Vielleicht hat er auch hin und wieder in einer Familie übernachtet. Aber diese seine Betonung auf „Hunderten von Beispielen“ spricht aus seiner Tiefe heraus. Und ich meine, dass da auch das Kind in ihm spricht.

Meine wesentliche Frage aber ist (und dies war der eigentliche Hauptgrund für diesen Beitrag), ob auch Hitlers Mutter Klara von ihrem Mann misshandelt wurde (verbale Demütigungen sind dagegen nahezu sicher, wenn man sich mit den häuslichen Verhältnissen im Hause Hitler und der Stellung von Klara befasst)? Ich finde auch hier, dass Hitlers Aussagen in „Mein Kampf“ eine überdeutliche Sprache sprechen. Ergänzt wird dies durch einen Bericht des Halbbruders, den der Historiker John Toland wiedergegeben hat. Toland schildert zunächst die väterlichen Misshandlungen, die der Halbruder und auch Adolf erlebt haben (ergänzend wurde auch der Hund des Hauses mit einer Peitsche traktiert und zwar so lange „bis er sich krümmte und den Fussboden nässte“). Dann hängt er an: „Gewalttätigkeiten dieser Art musste, Alois Hitler jr. zufolge, sogar die duldsame Ehefrau Klara Hitler ertragen; wenn diese Angaben stimmen, so müssen solche Auftritte bei Adolf Hitler einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen haben“ (Toland, J. (1977): Adolf Hitler. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach, S. 26)

Das Miterleben von (schwerer) Gewalt gegen die eigene Mutter ist eine folgenschwere Erfahrung für Kinder. Auch ohne diesen Belastungsfaktor war Adolf Hitlers Kindheit in der Gesamtsicht unfassbar traumatisch. Trotzdem, ich meine, dass in anderen Fällen schon bei weit weniger Belegen von häuslicher Gewalt zwischen Elternteilen ausgegangen wird. Wir haben Belge für schwere und häufige väterliche Gewalt und ein aufbrausendes Temperament + Alkoholmissbrauch des Vaters. Dazu der große Altersunterschied zwischen Klara und Alois, Klaras ursprüngliche Stellung als Dienstmädchen im Haus und ihre entsprechende Unterlegenheit und Ohnmacht (auch ergänzend auf Grund damaliger stark patriarchaler Strukturen und Verhältnisse). Dazu die deutlichen Aussagen des Halbruders (nach Toland) und Hitlers Schilderungen in „Mein Kampf“. Ich bin entsprechend davon überzeugt, dass Klara Hitler Misshandlungen seitens ihres Mannes erlitten hat und die Kinder im Haus dies auch mitbekommen haben.

Samstag, 12. Oktober 2013

Eine Kritik an Volker Ullrichs Biografie über Adolf Hitler

Der Publizist Volker Ullrich hat eine große Hitler Biografie (mit über 1000 Seiten) vorgelegt, die aktuell in vielen Medien besprochen wird: „Adolf Hitler: Die Jahre des Aufstiegs 1889 – 1939“ erschienen 2013 im Fischer Verlag, Frankfurt am Main.

Hinweis vorweg: Da ich das Buch als E-Book durchgesehen habe und bei meiner Ausgabe keine Möglichkeit der Seitenanzeige vorliegt, zitiere ich nachfolgend leider ohne genaue Seitenangabe...

Wesentliches Ziel dieser Biografie ist erklärter Maßen, die Leere um Hitlers Leben/Privatleben und seine privaten Eigenschaften zu füllen. Ullrich beschreibt zunächst, wie viele Autoren die Person Hitler als eine Art leere Hülle beschreiben, als einen Menschen, der privat nicht greifbar zu sein scheint. „In diesem Buch soll nun versucht werden, dieses Bild zu korrigieren. Es bemüht sich um den Nachweis, dass die behauptete Leere von Hitlers Existenz jenseits seiner politischen Aktivitäten ein Trugschluss ist.“, schreibt er.
Ich folge bekanntlich den Gedanken von Arno Gruen (in seinem Buch "Der Fremde in uns"), der Hitler als eine „Nicht-Identität“ sieht, als einen Menschen, der in der Tat innerlich absolut leer ist und der als Kind keinen empathischen Kern herausbilden konnte. Insofern sind die grundsätzlichen Beobachtungen und Einschätzungen anderer Biografen im Kern (sie erkennen die menschliche Leere aber nicht die Ursachen dafür) absolut richtig: Jemand, der im Grunde keine ganze und eigene Identität besitzt, der wird auch nicht greifbar. Menschen ohne Identität sind zudem oftmals gute Rollenspieler (was Hitler in Perfektion betrieb), weil sie ihr innere leeres Blatt je nach Belieben und Situation „bemalen“ können. Ullrich sieht dies offensichtlich anders. Und es verwundert insofern auch nicht, dass er sehr bemüht ist, Hitlers Kindheit als durchaus normal und als nicht sonderlich traumatisch zu beschreiben. Er braucht einen möglichst normalen, nicht persönlichkeitsgestörten Hitler, um ihm ein privates, menschliches Leben einzuhauchen (etwas, dass Hitler in meinen Augen nie besessen hat)

Ullrich befasst sich entsprechend nur kurz (in Kapitel 1 „Der junge Hitler“) mit der gewaltvollen Familienatmosphäre bei den Hitlers. Das ist das eine. Aber mehr noch, er interpretiert die Gewalterfahrungen klein. „Im Kreis seiner Familie wirkte Alois Hitler als strenger, leicht aufbrausender Hausvater. Von seinen Kindern forderte er unbedingten Respekt und Gehorsam und Griff, wenn sie ihm nicht entgegengebracht wurden, gern zum Rohrstock.“, schreibt Ullrich zunächst.
 Vor allem der älteste Sohn hatte unter dem Jähzorn zu leiden, so der Autor weiter, „aber auch der sieben Jahre jüngere Adolf scheint gelegentlich geschlagen worden zu sein. Dass er `jeden Tag eine richtige Tracht Prügel` bekommen habe, wie seine Schwester Paula bei einem Verhör im Mai 1946 berichtete, dürfte indes eine Übertreibung sein.“ Warum er dies als „Übertreibung“ interpretiert, erklärt er gleich im nächsten Satz; nämlich, weil Hitlers Vater sich „im Grunde wenig um die Erziehung der Kinder“ kümmerte und sich nach seiner Arbeit lieber mit anderen Dingen außerhalb der Familie befasste. Aha. Ein oft abwesender Vater ist also gleich auch ein Vater, der seine Kinder nicht täglich misshandeln kann? Dieser Gedankengang scheint mir wenig logisch. Faktisch wohnte und schlief Hitler Vater zu Hause. Wenn er seine Kinder misshandeln wollte, dann reichten dafür auch täglich 15 Minuten. Zudem schreibt Bavendamm (2009, S. 100) dass sich Alois sen. (Hitlers Vater) 1895 pensionieren ließ und dadurch „die innerfamilären Spannungen eskalierten“, da er sich jetzt auch tagsüber zeitweise zu Hause aufhielt. Adolf war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt!

Grundsätzlich finde ich aber auch die Zweifel an der Aussage von Hitlers Schwester unangebracht.
Erstens: Warum sollte sie bei so etwas lügen? Ich sehe da kein Motiv. Außerdem sei angemerkt, dass sie in einem späteren Zeitungsartikel ihrer Mutter und deren Erziehung die Schuld an Adolf Hitlers Werdegang zuschob. „Wenn ich ehrlich sein soll, dann ist mein Bruder vor allem durch unsere Mutter verdorben worden.“ (Zdral 2005, S. 201) Paula machte die Schuld der Mutter darin aus, dass in ihrer Erziehung eine „festere Hand“ und „ein paar kräftige Ohrfeigen“ gegenüber Adolf gefehlt hätten.  (ebd., 201+202) Stattdessen habe die Mutter in Adolf immer nur den Stärksten und Größten von allen gesehen. Paula war also selbst stark mit dem Aggressor identifiziert (wie so Viele ihrer Zeit) und sah in Schlägen gegen Kinder eine Möglichkeit, diese von bösem Verhalten abzubringen. Dazu passt auch, was Paula vor dem o.g. Auszug über tägliche Prügel sagte: „Mein Bruder Adolf forderte meinen Vater zu extremer Strenge heraus und erhielt dafür jeden Tag eine richtige Tracht Prügel.“ (ebd., S. 39) Die Schuld für die Prügel liegen dieser Aussage nach also im Verhalten des Kindes Adolf, dass dazu „herausforderte“. Paula hatte offensichtlich kein Problem mit der Erziehung durch Schläge. Nochmal: Warum sollte sie bei so etwas also lügen? Warum sollte sie eine schwere Misshandlungsgeschichte als „Übertreibung“, wie Ulrich schreibt,  den Interviewern auftischen?
Zweitens: Es gibt hinreichend andere Belege für die väterliche Gewalt. (siehe z.B. online ausführlich hier, wobei es schon erstaunlich oder auch bezeichnend ist, dass dieser quellenbasierte und in sich logische Text in einem nur halb-seriösen Verlag wie Kopp erscheinen musste und nicht woanders.) Ullrich selbst fügt den o.g. Zweifeln die Fußnote 79 an. Er zitiert darin Kubizek – einen Freund Hitlers-, der  berichtete, Hitler hätte gesagt, dass Auseinandersetzungen mit seinem Vater „oftmals“ mit Prügeln endeten. Ullrich zitiert in der selben Fußnote auch die Aussage einer Hitler Sekretärin (die ich ebenfalls hier ausführlich zitiert habe), die Hitlers Erzählung von 32 väterlichen Schlägen in einer Misshandlungssituation wiedergab. Dann fügt Ullrich noch den Autor Bavendamm als "relativierende" Quelle an und verweist auf Seite 114f.

Schaut man sich diese relativierende Quelle genau an, kommt man vom einen Erstaunen zum nächsten. Der Historiker Bavendamm beginnt seine Schilderungen damit, dass er von „angeblich reichlichen und harten Körperstrafen“ spricht. (Bavendamm 2009, S. 114) Wohlgemerkt, er schreibt „angeblich“. Die Zweifel des Autors rühren her von sich widersprechenden Aussagen – wie er schreibt - von Adolfs Stiefgeschwistern, seiner Schwester Paula und dem späteren Vormund Adolfs Josef Mayrhofer. Letzterer hat geäußert, dass er nicht daran glaube, dass die Kinder durch Alois sen. geschlagen worden seien. Der Zeitzeuge bestätigt aber im selben Satz, dass oft geschimpft, gepoltert und mit Schlägen gedroht wurde. „Aber Sie wissen ja selber, bellende Hunde beißen nicht.“, fügte er dann noch an. (ebd.).  Die Vermutung dieses Zeugen, dass nicht geschlagen wurde, obwohl er selber Hinweise für sehr bedrohliche Situationen gab, wird von Bavendamm als Indiz für weniger handfeste Misshandlungen genommen. Das finde ich mehr als fragwürdig. Zudem, selbst in der damaligen Zeit war es unangebracht, Schläge – dabei auch gerade schwere Misshandlungen - in der Gegenwart von Gästen zu verabreichen. Diese erfolgten, wenn die Familie wieder unter sich war. Was Familienmitglieder berichteten fügt der Zweifler Bavendamm gleich im Anschluss an:
Adolfs Halbschwester Angela Hammitzsch berichtete 1945, ihr Vater habe seinen Sohn Adolf „zwei- bis dreimal pro Woche verhauen“. (ebd.) Paula berichtete, wie schon oben erwähnt, von täglichen  Prügel, auch dies wird hier vom Autor zitiert. William Patrick Hitler sprach davon, dass Adolf „oft von seinem Vater verprügelt“ wurde, allerdings nicht so oft und heftig, wie der Bruder Alois Hitler jr. (ebd.) Danach zitiert Bravendamm noch Hitlers Sekretärin, die von den schon oben erwähnten 32 Schlägen und davon berichtete, dass Hitler zufolge sein Vater ihn bei „jeder sich bietenden Gelegenheit“ geschlagen habe. (ebd.) Abschließend schreibt der Autor. „Angesichts all dieser Aussagen fällt es schwer, Dauer und Gewicht der körperlichen Misshandlungen, die Adolf durch seinen Vater erlitten hat, richtig einzuschätzen und zuverlässige Aussagen darüber zu machen, welche psychischen Folgen diese Züchtigungen für den Bub möglicherweise gehabt haben.“ (ebd., S. 115)
Ich weiß nicht wie es anderen LeserInnen geht, aber mir kommen diese Schilderungen so vor, als ab ein Sehender sich blind stellt. Aus Aussagen wie „zwei- bis dreimal pro Woche“, „täglich“, „oft“ und „bei jeder Gelegenheit“ bis hin zu 32 Schlägen und einmal „ich glaube nicht“ von einem Nicht-Familienmitglied wird sich „widersprechende Aussagen“, die Grund zu Zweifeln lassen. Das verstehe wer will, ich verstehe es nicht. Alle o.g. Quellen bzw. Zeugenaussagen von Familienmitgliedern belegen den Tatbestand der nicht seltenen sondern häufigen Misshandlung. Ob dies nun täglich oder wöchentlich war, oder manchmal  einige Wochen täglich und einige nur einige Tage pro Woche, spielt dabei keine all zu wesentliche Rolle. Häufige Misshandlungen haben immer schwere Schäden für das Kind zur Folge. Bavendamm schreibt zwei Seiten weiter auch: „Ein oder zweimal kam es wohl auch zu echten Gewaltexzessen.“ (ebd., S. 116) und „Als Adolf von seinem Vater dabei erwischt wurde, wie er sich für seinen Fluchtversuch zusammen mit zwei Freunden ein Floß baute, wurde er so schlimm zusammengeschlagen, dass man wohl befürchten musste, er sei getötet worden.“ (ebd., S. 117) Letztere Aussage stammte wiederum von William Patrick Hitler, der an anderer und oben zitierter Stelle sagte, Adolf sei nicht so hart geschlagen worden, wie Alois jun. Immerhin relativiert sich Havenmann an einer Stelle selbst. "Narzisstische Kränkungen (...) und hin und wieder auch eine heftige Tracht Prügel musste Adolf gewiss einstecken, das raue Klima, das Alois zu Hause um sich verbreitete, soll nicht grundsätzlich in Abrede gestellt werden." (ebd., S. 117) Ja was denn nun? Also war Adolf  doch ein schwer misshandeltes Kind, wenn auch nur durch eine Quelle belegt täglich geprügelt? Streiten wir jetzt um tägliche oder wöchentliche Prügel?

Um hier abzuschließen und wieder auf den eigentlichen zu kritisiernden Autor Volker Ullrich zurückzukommen: Eine so merkwürdige Fußnote wie die Nr. 79 ist mir noch nie untergekommen. Sie unterstützt zunächst die These, dass Hitler ein schwer misshandeltes Kind ist, obwohl sie Zweifeln bzgl. der Schwere und Häufigkeit der Misshandlungen im Text angefügt ist. Diese Fußnote hätte Sinn gemacht, wenn nur der Autor Bavendamm genannt worden wäre, da dieser die Zweifel teilt. Eine genaue Durchsicht der Argumente Bavendamms wiederum bringt mich zu den gleichen Fragezeichen, die sich schon bei Ullrich auftaten. Insofern muss ich mich gleich wieder verbessern: Auch der Hinweis auf den Autor Bavendamm macht kaum Sinn, um Zweifel an der Misshandlungsgeschichte Hitlers zu stützen.  

Nach Volker Ullrichs Besprechung der Vater-Sohn-Beziehung folgt in seinem Buch dann die Darstellung, dass Hitlers Mutter liebevoll war und sie ihm einen Ausgleich zu der Strenge des Vaters bot. Ich verweise dabei erneut auf Arno Gruen ("Der Fremde in uns"), der diese Mutter-Kind-Beziehung als deutlich gestört analysiert hat. Schließlich wird Ullrich nochmal überdeutlich in seiner Ablehnung von zu viel Kindheitseinflüssen auf die Entwicklung von Menschen wie Hitler. Er schreibt:
Die ersten Lebensjahre  gelten nach den Annahmen der Psychoanalyse als entscheidend für die Entwicklung der Persönlichkeit. Nur wenige Historiker, Psychohistoriker zumal, haben daher der Versuchung widerstanden, im jungen Hitler bereits Züge des späteren Monsters entdecken zu wollen. So hat man etwa die Gewalterfahrung, der das Kind durch den Vater ausgesetzt gewesen sei (Persönliche Anmerkung: Er schreibt hier nicht „ist“, zweifelt also erneut), als eine der Ursachen für die mörderische Politik des Diktators interpretiert. „ (Persönliche Anmerkung: Diesem Satz schließt er die Fußnote 85 an und verweist u.a. auf Alice Millers „Am Anfang war Erziehung“ und Christa Mulacks „Klara Hitler“. ) Doch sollten sich Biographen hüten, zu weitreichende Schlüsse aus frühen Kindheitserlebnissen zu ziehen. Körperliche Züchtigung war damals als Erziehungsmittel durchaus noch an der Tagesordnung. Ein autoritär-repressiver Vater und eine liebevoll-ausgleichende Mutter – diese Konstellation war in Mittelstandsfamilien um die Jahrhundertwende keineswegs ungewöhnlich. Nach allem, was wir wissen, scheint Hitler eine ziemlich normale Kindheit verbracht zu haben. Jedenfalls gibt es keine gesicherten Hinweise auf eine abnorme Persönlichkeitsbildung, aus der sich die späteren Verbrechen ableiten ließen. Wenn es ein Problem gab, dann war es wohl nicht ein Zuwenig, sondern ein Zuviel an mütterlicher Zuwendung und Nachsicht. (…)“
Diesen Abschnitt muss man erst einmal sacken lassen. Irgendwie scheint Ullrich ja doch deutlich anzuerkennen, dass Adolf Hitler einen autoritären, gewaltvollen Vater hatte, die besondere Schwere der Gewalt zweifelt er allerdings wie oben beschrieben an. Und da Gewalt gegen Kinder und eine autoritäre Erziehung damals „normal“ waren, war also auch Hitler „normal“, ein ganz „normal“ misshandeltes Kind eben. Ja, so war das damals.
Ullrich hat Millers „Am Anfang war Erziehung“ gelesen. Insofern trifft doch die Feststellung über die Normalität der Gewalt gegen Kinder um 1900 genau eben die Thesen von Alice Miller.  Denn Hitler konnte nur Erfolg haben, weil auch die Massen keine liebevolle, sondern eher eine gewaltvolle und lieblose Kindheit erlitten hatten. Ullrich scheint dies hier auszublenden. Weil fast alle Menschen damals Gewalt erlebten, waren alle normal, sprich der Norm entsprechend. Also sprechen wir bitteschön nicht weiter über die Kindheitseinflüsse auf politisches Verhalten. Und außerdem waren da ja noch die ganz „normalen“ Mütter um 1900, die „liebevoll-ausgleichend“ agierten. Dem entgegen stehen psychohistorische Forschungen von deMause (2005, S.212-255), die belegen, dass Frauen die gesamte Geschichte hindurch brutal und grausam zu Kindern waren. In diesem Blog habe ich etliche Zahlen zusammengestellt, die deutlich zeigen, dass Mütter in vielen Ländern sogar häufiger Gewalt gegen Kinder anwenden, als Väter. Und dies ist nicht ein moderner Trend, sondern letztlich ein deutlicher Ausläufer der Geschichte, denn Kinder waren historisch diejenigen, über die Frauen routinemäßig viel Macht hatten.

Abschließend möchte ich meinen Eindruck wiederholen, dass Ullrich (genau wie der Historiker Bravendamm) sich obwohl er sehen kann, blind stellt. Ich habe bisher viele Bücher von Historikern gelesen, die sich mit Diktatoren und ähnlichen Akteuren befassen und die entweder Berichte über eine gewaltvolle Kindheit ganz auslassen oder sie kurz erwähnen ohne diesen besondere Bedeutung zukommen zu lassen oder die Gewalt erwähnen, aber sie im Sinne der Zeit als wohlgemeinte Erziehung umdeuten. Ich habe noch nie Bücher wie die vonn Ullrich und Bravendamm in den Händen gehabt, in denen die Autoren verhältnismäßig ausführlich auf kindliche Gewalterfahrungen eingehen und diese dann mit Zweifeln und Geringwertung überschütten. Beides sind zudem aktuelle Bücher. Beide Autoren hätten heute die Möglichkeiten gehabt, sich mit den gut erforschten Folgen der Kindesmisshandlung auseinanderzusetzen. Das solche Biografien auch heute noch in dieser Art Kindheitseinflüsse gering reden, ist niederschmetternd. Zu hoffen ist, dass die jüngere Historikergeneration dies zuzkünftig anders händelt (Bavendamm ist Jahrgang 1938 und Ullrich 1943).



Ergänzend verwendete Quelle: 

Bavendamm, Dirk (2009): Der junge Hitler. Korrekturen einer Biographie 1889-1914. Ares Verlag, Graz.

Restlichen siehe Links und Hinweise im Text

Montag, 23. März 2020

Hitlers Kindheit im Schatten des Todes und Gedanken zum "Traumagesamtpaket"

(aktualisiert am 07.12.2020)

Über die Kindheit von Adolf Hitler habe ich hier im Blog bereits in einem älteren Beitrag aus dem Jahr 2008 sowie in meinem Buch etwas geschrieben. Dabei habe ich mich auf häufige Gewalterfahrungen (ausgehend vor allem vom Vater) konzentriert. Ich bedaure mittlerweile, dass ich in meinem Buch nicht einen weiteren Punkt besonders hervorgehoben habe, aber dies hole ich hiermit nach: Hitlers Familie und Kindheit stand stets im Schatten des Todes!

Alois Hitler (Hitlers Vater) heiratete kurz nach dem Tod seiner ersten Frau Anna seine Geliebte Franziska Metzelsberger, mit der er bereits während seiner Ehe ein Verhältnis hatte. Die neue Ehefrau drängte Klara (die spätere Mutter Adolf Hitlers), die sich zuvor um die kränkelnde Anna gekümmert hatte, aus dem Haus. Franziska erkrankte allerdings bald an Tuberkulose. Die junge Klara kehrte daraufhin zurück in den Haushalt, als Pflegerin und Haushaltshilfe. Vor der dem Tod geweihten Franziska begannen Klara und Alois schließlich ein Verhältnis. Nach dem Tod von Franziska im Jahr 1884 wurde alsbald Hochzeit gefeiert. Bei der Eheschließung war Klara 24 und Alois 47 Jahre alt (Leidinger & Rapp 2020, Kapitel: „Komplizierte Familienverhältnisse“).

Der Tod sollte eine alles bestimmende Größe im Hause Hitler bleiben. Klara bekam zunächst zwei Kinder: Gustav wurde am 15.05.1885 und Ida am 23.09.1886 geboren. Wenig später erkrankten die beiden Kinder an Diphterie: Gustav starb am 08.02.1887 und Ida am 02.01.1888 (Toland 1977, S. 24, 29). Am 20.04.1889 wurde schließlich Adolf Hitler geboren, im Schatten von zwei toten Kindern. Toland berichtet, dass Klara Hitler stets in Furcht gelebt habe, auch dieses Kind zu verlieren (Toland 1977, S. 24). Vermutlich steht dies in einem Zusammenhang mit dem Verhätscheln und dem – bis zur Geburt von Bruder Edmund am 24.03.1894 - ständigen Beaufsichtigen des Kindes durch seine Mutter, wovon Toland weiter berichtet.
Eine weitere Tragödie kam hinzu. Am 17.6.1892 wurde Otto geboren, er hatte allerdings einen "Wasserkopf" und lebte nur wenige Tage. Als Otto starb, war Adolf Hitler 3 Jahre alt (Nordwest Zeitung, 01.06.2016). 

Aber der Tod blieb nicht lange fern im Hause Hitler: Am 02.02.1900 starb Adolfs sechsjähriger Bruder Edmund an Masern (Toland 1977, S. 31). Adolf war zu der Zeit 10 Jahre alt. Wie er mit dem Tod des Bruders umging, wird nicht berichtet.

Am 03.01.1903 starb Alois Hitler in dem Wirtshaus, in dem er häufig einzukehren und Wein zu trinken pflegte (Toland 1977, S. 34). Ob der Tod des sehr gewalttätigen und strengen Vaters den damals dreizehnjährigen Adolf besonders berührte, mag dahingestellt sein. Manchmal aber ist gerade der frühe Tod von einem Elternteil, mit dem man zu Lebzeiten nie Frieden fand, eine besondere Belastung. So oder so, spurlos wird der frühe Tod des Vaters nicht an dem Jungen vorbei gegangen sein.

Anfang des Jahres 1907 wurde bei Klara Hitler Brustkrebs diagnostiziert. Am 21.12.1907 starb Klara Hitler, Adolf war zu der Zeit gerade einmal 18 Jahre alt und stand nun ohne Eltern da (Toland 1977, S. 49).

Als junger Mann musste Adolf Hitler schließlich – wie so viele seiner Genration - haufenweise den Tod von Menschen im Kampf während des Ersten Weltkriegs miterleben. Sein gesamtes Leben vor seiner Machtergreifung stand im Zeichen des Todes! Und das Leben nach seiner Machtergreifung stand millionenfach im Zeichen des Todes.

Machen wir hier einen Schnitt. 

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Prof. Dr. Gertrud Hardtmann hat mein Buch für socialnet besprochen und am Ende folgende Kritik eingefügt: „Unterschiede zwischen unvermeidlichen Wunden beim Tod von Geschwistern, Eltern und Freunden, Krankheiten und unverschuldeten körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen sind zu unterscheiden von durchaus vermeidbaren und damit auch bewusst gewollten und gewünschten Verletzungen der Würde und Unantastbarkeit eines Kindes, was von Fuchs zu wenig differenziert wurde.
Sie hat Recht, ich habe in meinem Buch die Kindheits-Belastungen diverser Akteure zusammengefasst und weitgehend den Lesenden überlassen, wie Sie dies deuten und bewerten. Mir war es vor allem wichtig, die Bandbreite der Belastungen von Gewalttätern, Diktatoren und Massenmördern aufzuzeigen und auf grundsätzliche Zusammenhänge zur Kindheitsgeschichte hinzuweisen.

Ein Blogleser hat kürzlich meine Besprechung der Kindheit des NS-Täters Werner Best hier wie folgt kritisch und ironisch kommentiert: „Aus dem Artikel lässt sich nichts anderes schließen, als dass Kinder, die einen Elternteil verloren haben, potentielle Naziverbrecher sind.“

Ich möchte beiden Kommentaren hiermit am Beispiel von Adolf Hitler entgegnen: 

Ich kann dies nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, allerdings bin ich davon überzeugt, dass schwere Schicksalsschläge in der Kindheit – Hardtmann nannte dies „unvermeidliche Wunden“ – wie der frühe Tod von Elternteilen oder Geschwistern nicht ausreichen, um einen solchen Hass auf die Welt zu entwickeln, dass ein Mensch zum Massenmörder wird. Auf der anderen Seite bin ich davon überzeugt, dass diese „unvermeidlichen Wunden“ kumulative Effekte haben und auch in einem Zusammenhang zu Hass und Hasstaten stehen können.

Wie klärt sich dies nun auf? Adolf Hitler wurde von seinem Vater schwer und häufig misshandelt und auch emotional gedemütigt, was ich u.a. in meinem Buch quellenbasiert ausgeführt habe. Seine Mutter hatte zudem eine sehr ungesunde, angstbesetzte Beziehung zu ihm, ja sie bewunderte und erhöhte ihren Sohn sogar. Der Psychoanalytiker Arno Gruen hat diese gestörte Mutterbeziehung Hitlers in seinem Buch "Der Fremde in uns" beschrieben.
Diese Grundlage, dieser elterliche Missbrauch ist das Fundament für Selbsthass und Hass auf Andere oder auch Hass auf die ganze Welt. Wir sehen dies immer wieder auch in den Kindheitsbiografien von rechtsextremen Gewalttätern, die ich hier im Blog besprochen habe. Wenn zu dieser Grundlage noch weitere Schicksalsschläge und traumatische Erfahrungen hinzukommen, dann wird das „Gesamttraumapaket“ des Individuums hochexplosiv. Im Falle Hitlers wird dies überdeutlich!

Betrachten wir es auch einmal so: Wäre Adolf Hitler in einem emotional gesunden, liebevollen Elternhaus aufgewachsen, ohne elterliche Gewalt, Demütigen und Missbrauch und hätte er ähnliche unvermeidbare Schicksalsschläge wie den Tod von Vater, Mutter und Bruder erlebt, er wäre meiner Auffassung nach nicht zum massenmörderischen Diktator geworden. Wohl aber wäre er schwer angeschlagen, wahrscheinlich auch traumatisiert durch sein Leben gegangen, vielleicht wäre er in der Folge auch in Depressionen und Angst gefangen. Aber er wäre bei einer liebevollen Grundlage nicht zum Massenmörder geworden.

Zweitens: Unvermeidbare Schicksalsschläge in der Kindheit wie Tod der Eltern können in einem Zusammenhang zu späterem Hass und Gewalthandeln stehen, wenn nach diesen Schicksalsschlägen durch diese bedingt weitere traumatische Erfahrungen auf das entsprechende Kind einprasseln, wie z.B. systematische Vernachlässigung, weil niemand sich um diese Kind kümmert oder sogar Misshandlungen in Heimkontexten oder in Pflegefamilien. Auch hier wäre dann das „Gesamttraumapaket“ relevant, nicht alleine die Schicksalsschläge.

Und noch zum Schluss: Natürlich hat der o.g. Kritiker nur bezogen auf Werner Best Recht mit seinem Einwand, denn bei Best fand ich wie in dem entsprechendem Blogbeitrag beschrieben keine Belege für elterliche Gewalt oder autoritäre Erziehung, ich fand nur Indizien und interpretierte dies. Und ich sehe die Kindheit von Werner Best im Grundkontext der damaligen Zeit: es deutet nun einmal sehr viel darauf hin, dass die um 1900 Geborenen im Deutschen Reich mehrheitlich autoritär erzogen wurden. Der Tod des Vaters im Fall von Werner Best und die entsprechenden Folgen wäre auch hier nur ein wichtiges Teil des „Gesamttraumapaketes“.

In meinem Buch habe ich die Kindheiten mehrerer NS-Täter besprochen. Neben oftmals routinemäßiger strenger, autoritärer Erziehung fand ich sehr oft ergänzende schwere Belastungen, wie Tod von Familienmitgliedern, Tod der besten Kindheitsfreundin, lange Krankenhausaufenthalte, Mobbing usw. Diese ergänzenden belastenden Erfahrungen sind nicht unbedeutend bei der Ursachenanalyse der NS-Zeit. Aber: Am Anfang war Erziehung!


Verwendete Quellen:

Leidinger, H. & Rapp, C. (2020): Hitler - Prägende Jahre - Kindheit und Jugend 1889-1914. Residenz Verlag, Salzburg – Wien. Kindle E-Book Version.

Nordwest Zeitung (2016, 01 Juni): NEUE ERKENNTNISSE ÜBER SEINE KINDHEIT. Hat der Tod von Hitlers Bruder den späteren Diktator geprägt? 

Toland, J. (1977): Adolf Hitler. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach.

Samstag, 3. November 2012

Dany Levys: "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler"

Durch einen Kommentar bin ich auf den Film „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler von Dany Levy (mit Helge Schneider als Hitler) aufmerksam geworden, der mich vorher nicht wirklich interessiert hatte. Der Kommentator hat einige Passagen/Dialoge aus dem Film aufgeschrieben (was
ich hier übernehme) und diese im Kommentarbereich (29.10.12) der Homepage „Die geprügelte
Generation“ gepostet.


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Adolf Grünbaum zu Adolf Hitler: „Gehen Sie noch einmal in das Glückgefühl, das Sie gestern gefunden hatten. Sie denken erneut an ihren Vater, der Ihnen die Steinschleuder gab. Ihr geliebter Vater legt seine Hand auf ihre Schulter…“
Adolf Hitler: „Nein! Fassen sie mich nicht an, Herr Vater! Er darf mich nicht anfassen, sagen Sie ihm das! Er soll damit aufhören! Sagen Sie es ihm! Sagen Sie es ihm!“
A.G.: „Bitte fassen sie ihren Sohn nicht an!“
A.H.: „Wissen Sie, wie oft er mich geschlagen hat, mein Vater?“
A.G.: „Nein, das weiss ich nicht.“
A.H.: „Täglich!“
A.H. (mit der Stimme seines Vaters): „Adolf komm!“
A.H. (mit der Stimme des kleinen Adolf): „Ich habe nichts getan, Herr Vater!“
A.H. (mit der Stimme seines Vaters): „35!… und zählen, los!“
A.H. (mit der Stimme des kleinen Adolf): „Eins, zwei…
…(er beginnt zu schluchzen, zu weinen..), drei, vier, fünf, sechs…, dann fasst er sich wieder und meint: Was gibt’s?“
A.G.: „Das tut mir so leid, Herr Hitler.“
A.H.: „Ihr Mitleid können Sie sich am Arsch abwischen! Mein Vater Adolf hat mich versucht zu brechen, aber es ist ihm nicht gelungen! Seine Prügel, seine Ungerechtigkeit, seine Willkür, haben mich nur gestählt, haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin!
A.G.: „Dann hat Sie Ihr Vater geliebt!“
A.H.: „Mein Vater…, der war eine kümmerliche Natur, ein armseliger Wurm, der nichts Anderes konnte, als ein wehrloses Kind zu schlagen! Die Gene, mein lieber, ihre Gene…
A.G.: „Meine Gene?“
A.H.: „Das Jüdische! Der Vater meines Vaters soll Jude gewesen sein! Das Heimtückische, Jüdische, Verkommene sprang von meinem Großvater auf meinen Vater über! Aber, Grünbaum, nehmen Sie das nicht persönlich, ich habe nichts gegen die Juden, wenn sie mich in Ruhe lassen.“


Später im Film…
A.H.: „Mein Wut gegen das Kranke, Minderwertige, gegen diese lächerlichen Kreaturen… Mein Vater schlug mich nicht nur, wenn ich etwas Verbrochen hatte, – und ich war ein frecher Lausbub -, nein, er schlug mich völlig unberechenbar und willkürlich, jederzeit, auch mitten in der Nacht konnte das passieren! Einmal hörte ich Vater die Treppe herauf poltern, ich floh aus dem Fenster, wollte aus dem kleinen Fenster fliehen…, doch das Fenster war so eng sodass ich mich meiner Kleider entledigen musste, um nackt hindurch zu kriechen, doch ich blieb stecken, Als mein Vater kam, bedeckte ich meine Blöße mit einem kleinen Tuch…, und mein Vater lachte mich laut aus und rief meine Mutter! Das Gefühl dieser Lächerlichkeit war schlimmer als tausend Schläge.
A.G.: „Das Kind ist nie lächerlich, Herr Hitler. Der Vater ist es! Ein wehrloses Kind zu schlagen ist immer feige und lächerlich!
A.H.: „Sie haben recht! Mein Vater ist der Lächerliche! Wehrlose Menschen hinterrücks zu überfallen ist charakterlos!“
A.G.: „Mein Volk wurde hinterrücks überfallen und wehrlos in die Lager getrieben! Ist das die deutsche Charakterstärke? Oder spielen sie da nicht die Rolle ihres Vaters nach?“
A.H. steht regungslos da und schweigt nachdenklich…


In der Schlussrede sagt Adolf Hitler (die Rede hält, versteckt unter dem Rednerpult, Adolf Grünbaum!).:
„Ich danke Euch für Euer blindes Vertrauen in mich, treu und deutsch seid ihr mir gefolgt, um die Welt zu Sauerkraut zu machen! Heute liegt unser geliebtes Vaterland in Schutt und Asche! Ihr seid alle arisch blond und blauäugig, ausser mir, und trotzdem jubelt ihr mir zu?! … Heil mir selbst!
Warum tut ihr das? Ich bin Bettnässer, drogenabhängig, ich kriege keine Erektion, ich wurde vom Vater so oft geprügelt, bis meine Gefühle verstummt waren, und so quäle ich das Wehrlose, wie ich einst wehrlos gequält wurde! Ich räche mich an den Juden, den Schwulen und den Kranken in ganz Europa für die Qualen und Demütigungen in meinem Kinderzimmer! Jedes ungeliebte, hasserfüllte Würstchen kann die Welt erobern, wenn Millionen ihn…. Schüsse fallen, A.G., der für A.H. spricht, wird von einem treuen Nazi erschossen… doch er sagt zum Schluss noch… „Heilt Euch selbst!“
Das Volk ruft wiederholt: „Heil dich selbst! Heil dich selbst!“


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Ich habe den Film kürzlich gesehen. Wirklich angesprochen hat er mich nicht. Ich finde es aber interessant und auch mutig, dass der Regisseur Levy im Grunde eine Botschaft (die wirklich wahrste Wahrheit) unters Volk bringen wollte: Einer wie Hitler konnte nur ein misshandeltes, gedemütigtes Kind sein. Einer wie Hitler war eigentlich schwach, krank und hilflos, tarnte sich aber und setzte eine hoch wirksame Maske auf.

Im Kino soll der Film von 780.000 Zuschauern gesehen worden sein und kam zudem noch als DVD raus. Ich glaube nicht, dass die meisten Zuschauer den realen Hintergrund und die Botschaft wirklich verstanden haben. Der Film ist sehr satirisch. Die Geschichte über Hitlers Kindheit wirkt im Film entsprechend ebenfalls ausgedacht, obwohl sie ganz offensichtlich auf historische Quellen zurückgreift. (da hätte man vielleicht im Abspann Alice Miller zitieren können) In Interviews (z.B. SPIEGEL, FAZ, Stern) war Levy nachträglich bemüht, diesen realistischen Hintergrund deutlich zu machen. Das Buch „Am Anfang war Erziehung“ von Alice Miller hatte ihn u.a. sehr inspiriert, diesen Film in dieser Art und Weise zu drehen.

Levy hat auf Kritik u.a. in einen Brief reagiert. Ein Auszug, der für mich sehr bedeutsam ist:
Es war für mich sehr erhellend zu lesen, mit welcher Rigorosität und Vehemenz der Ansatz der Psychoanalytikerin Alice Miller vom Tisch gefegt wird. Wie eine Litanei wird in auffällig vielen Kritiken runtergebetet, man könne doch Hitler „nicht mit seiner schweren Kindheit entschuldigen“. Dieser Satz steckt ungebrochen in den deutschen Köpfen. Ich glaube, damit verweigern Sie sich einem ziemlich substanziellen Ursachenverständnis von Faschismus. Die „Schwarze Pädagogik“, mit der Millionen Deutsche zu gehorsamen, gewaltbereiten und unempathischen Befehlsempfängern zurechtgeprügelt wurden, hat den Nationalsozialismus entscheidend mitgeschaffen. Wollen wir nicht lieber darüber streiten, anstatt es einfach zuignorieren?"

Hitler wurde von Levy in der Tat vom Sockel des „Dämon“ und „absoluten Bösen“ heruntergeholt und zum Menschen gemacht. Ob dies nun besonders gut gelungen ist, darüber lässt sich streiten. Aber dass er es tat, dafür zolle ich ihm Respekt. Erst wenn man Hitler zum Menschen macht, sich auf seine psychische Situation einlässt, sich mit dem Kind befasst, das er einst war, dann kann man dadurch auch etwas erklären.  

Die deutsche Öffentlichkeit war dazu im Jahr 2007 wohl noch nicht bereit. Es wird irgendwann eine neue Gelegenheit kommen, ein neuer Film, eine Medientitelstory und ähnliches, wo das Thema erneut aufgreifen wird. Und irgendwann werden die Menschen verstehen, dass geliebte Kinder nicht zu NS-Mördern hätten werden können.

Donnerstag, 6. Februar 2020

Zufälle, komplexe Welt und Trauma: Adolf Schicklgruber wäre nicht zu einem "Adolf Hitler" geworden.


Hitlers Vater, Alois Hitler, hatte ursprünglich einen anderen Nachnamen. Er hieß eigentlich Schicklgruber. Aus Überlegungen heraus und der Gelegenheit dafür (sein vermeintlicher Vater hieß wohl „Hüttler“) ließ sich Alois Schicklgruber einst in „Hitler“ umbenennen. Der Biograf John Toland kommentiert dies so: „Seine Entscheidung, den Namen Hitler anzunehmen, war von großer Tragweite; es ist nur schwer vorstellbar, dass 70 Millionen Deutsche in vollem Ernst `Heil Schicklgruber!` gerufen hätten“ (Toland, J. (1977): Adolf Hitler. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach. S. 22)

Diese historische Wendung, diese mehr oder weniger zufällige Namensänderung werde ich wohl für immer im Hinterkopf behalten! Es ist ja bekanntlich so, dass die Fokussierung auf Kindheitserfahrungen und entsprechende Verknüpfungen mit späterem Verhalten - erst recht, wenn dies Verhalten massenmörderisch war - oft belächelt oder kritisch gesehen wird. Denn, so wird gebetsmühlenartig argumentiert, "nicht alle einst misshandelten Kinder werden später zu einem Hitler“. Es ist doch so, dass ein Lebensweg immer durch unzählige Zufälle, Begegnungen, Ereignisse, Erlebnisse und spezifische Rahmenbedingungen geprägt wird, inkl. der eigenen, einzigartigen genetischen Aufstellung. Auch ist beispielsweise klar, dass, wäre Adolf Hitler ein Mädchen geworden, er bzw. sie – bei gleicher Erziehung und Misshandlungsgeschichte, sowie den gleichen tragischen Todesfällen (der jünger Bruder starb, Vater und Mutter verstarben früh, vor Adolfs Geburt hatte seine Mutter dazu noch 3 tote Kinder zu betrauern) in seiner Familie – niemals „die Führerin“ geworden wäre, weil damals Frauen solche Wege patriarchal-strukturell grundsätzlich verbaut waren. So ist das im Leben der Menschen.

Und ich muss Toland beipflichten: Ein „Führer“ wie Adolf Hitler wäre der Welt wohl erspart geblieben, wenn er „Adolf Schicklgruber“ geheißen hätte. Dieser winzige Zufall der Namensänderung hatte große Folgen.

All dies ändert nichts an der Tatsache, dass destruktive Kindheitserfahrungen immer Folgen haben, die sich um so deutlicher abzeichnen, je schwerer und je häufiger die Belastungen in der Kindheit waren und auch je mehr verschiedene traumatische Erfahrungen sich zu einem „Traumapaket“ kumulieren. Daraus folgt NICHT automatisch ein Weg zum Massenmörder oder Terroristen. Dazu braucht es etliche weitere Einflüsse und auch Zufälle.

Ein „Adolf Schicklgruber“ hätte wohl niemals einen NS-Staat begründet und wäre diesem vorgestanden. Etliche andere Menschen laufen (und liefen) in dieser Welt herum, die unfassbare Traumageschichten im Gepäck haben. Und niemals wird sich ein Historiker mit ihnen befassen, weil sie nicht auf die historische Bühne treten, aus welchen Bedingungen, Begrenzungen und Lebensverläufen auch immer, die es so viele gibt, wie es Menschen gibt.

Aber fest steht auch: Ein als Kind liebevoll, empathisch und gewaltfrei behandeltes Kind Adolf  Hitler wäre nicht zum Massenmörder geworden! Und deswegen ist die Analyse der Kindheit von solcher Art Tätern so ungemein wichtig und bedeutsam.

Donnerstag, 15. April 2021

Kritik an der Sendung: "Der kleine Diktator - Wie der Vater den jungen Hitler prägte"

Der Titel der Sendung „FORUM“ ist recht eindrucksvoll: „Der kleine Diktator - Wie der Vater den jungen Hitler prägte“ (SWR2, 13.4.2021)

Gregor Papsch diskutiert in der Sendung mit Prof. Dr. Wolfram Pyta (Historiker), Prof. Dr. Roman Sandgruber (Historiker) und Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig (Philosophin). Alle 3 geladenen Gäste haben jeweils ein Buch über Adolf Hitler geschrieben. Anlass für die Runde ist die neue Hitlerbiografie von Sandgruber unter dem Titel „Hitlers Vater. Wie der Sohn zum Diktator wurde“, auf die ich hier im Blog auch schon hingewiesen habe.  

Die Sendung ist für mich ein ganz und gar klassischer Fall, allerdings mit Fortschrittstendenzen. Was meine ich damit? 

„Klassisch“ ist die Sendung dahingehend, dass die traumatischen Kindheitserfahrungen von Adolf Hitler keine zentrale Rolle einnehmen und das trotz des Titels der Sendung, die ja eigentlich einen Schwerpunkt auf das Vater-Sohn-Verhältnis legt. Der Titel der Sendung und der gezielte Blick auf den Vater ist im Prinzip schon ein Fortschritt, vor allem im Vergleich zu vielen anderen Beiträgen aus der Wissenschaft, die sich mit Hitlers Werdegang befassen. 

Ein deutlicher Fortschritt ist auch, dass Sandgruber auf den strengen und gewalttätigen Vater Hitlers und auch die vielen Todesfälle in der Familie hinweist. (Ich hatte in meinen Blogbeitrag über Sandgrubers Buch ja auch betont, dass endlich einmal ein Historiker ganz klar hervorhebt: Ja, dieser Mann ist als Kind schwer und oft geschlagen worden und es gibt derart viele Belege dafür, dass es da auch keine Zweifel gibt.) „Klassisch“ ist aber auch in dieser Sendung wiederum, dass diese Belastungen zwar erwähnt werden, sie aber nicht breiter aufgegriffen und diskutiert werden. Man wendet sich schnell wieder anderen Sach-Bereichen zu, die dann ausführlich besprochen werden. Es wird auch nicht ausgesprochen, dass Hitlers Kindheitserfahrungen traumatisch waren. Das Wort „Trauma“ fällt in der Runde nur einmal und zwar durch den Moderator. Er sagt: „Adolf Hitler hat alles getan, um seine Herkunft, die Geschichte seiner Eltern, seiner Großeltern und anderer Verwandtschaft zu verbergen oder umzuschreiben. Waren ihm sein Herkunft, die Provinzialität bis hin zu zur Sprache, peinlich, ist ihm ein Trauma geblieben?“ 

Warum wird diese Frage in Bezug auf die Verwandtschaft und deren Stellung in der Gesellschaft gestellt, aber nicht in Bezug auf das reale Grauen, dass Hitler als Kind erlitten hat? Am Ende der Sendung wird von Frau Zehnpfennig hervorgehoben, dass Einflüsse durch genetische Anlagen und Umwelt/Sozialisation immer spekulativ seien. Man solle sich daher mehr auf das Denken von Hitler konzentrieren, weil dies auch deutlich belegbar sei. Und Sandgruber betont in seinem Schlusswort:
Es sind noch viele viele offene Fragen, die für mich da sind, wo man also einerseits historisch, andererseits natürlich auch philosophisch erklären könnte.“ 

Das ist wahrscheinlich das ganze Grundproblem: In solchen Sendungen (wie auch in vielen anderen Medienbeiträgen oder Wissenschaftsveröffentlichungen) werden i.d.R. keine Traumaexperten, Kinderpsychologen oder Psychohistoriker eingeladen, sondern Historiker, Philosophen oder Politologen. Hitlers Kindheitserfahrungen kann man nur, wenn man sich mit der Materie auskennt, als traumatisch bezeichnen. Kein Kind könnte nicht-traumatisiert aus einer solchen Kindheitsgeschichte hervorgehen! Das hat nichts mit Spekulation zu tun, sondern mit den belegten Fakten über seine Kindheit und psychologischem Fachwissen + Forschungen zu den Folgen von belastenden Kindheitserfahrungen.  

Der fehlende Wille, das fehlende Bewusstsein und die fehlende Zentriertheit in Öffentlichkeit, Wissenschaft und Medien auf Kindheitseinflüsse bzgl. gesellschaftlicher Phänomene ist für mich wiederum zentrale Antriebskraft, immer wieder etwas über diesen Bereich zu schreiben. Wenn es irgendwann ganz selbstverständlich sein sollte, dass Personen wie Hitler und auch gesellschaftliche Entwicklungen stets auch unter die Lupe der Traumaforschung kommen, dann kann ich in den "Ruhestand" gehen ;-). 

Montag, 14. November 2011

Erich Fromms: Anatomie der menschlichen Destruktivität

Erich Fromm hat Anfang der 70er Jahre seine berühmte Schrift „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ veröffentlicht. Das Buch hatte ich schon lange im Keller und habe es kürzlich durchgesehen.

Treffend finde ich Fromms Einsicht, dass menschliche Destruktivität und Grausamkeit nicht angeboren ist, sondern durch die Umwelt hervorgerufen wird. Das Herz seiner Analyse sind erstens seine anthropologischen Studien, zweitens seine Kategorisierungen von destruktiven Verhaltensweisen und vor allem drittens seine Studien zu Adolf Hitler, Stalin und Himmler. Kritisch betrachten möchte ich vor allem den dritten Part.

Sadismus wird nach Fromm (bzgl. der Ursachen bezogen auf die soziale Umwelt) nur verschwinden, „wenn die ausbeuterische Herrschaft einer Klasse, des einen Geschlechts oder einer Minderheitengruppe beseitigt ist.“ (Fromm, 1986, S. 335) Dazu kommen: „Individuelle Faktoren, die dem Sadismus Vorschub leisten, sind all jene Bedingungen, die dem Kind oder dem Erwachsenen ein Gefühl der Leere und Ohnmacht geben (ein nicht sadistisches Kind kann zu einem sadistischen Jugendlichen oder Erwachsenen werden, wenn neue Umstände eintreten). Zu jenen Bedingungen gehören solche, die Angst hervorrufen, wie zum Beispiel „diktatorische“ Bestrafung. Hiermit meine ich eine Art der Bestrafung, deren Intensität nicht streng begrenzt ist, die nicht in einem angemessenen Verhältnis zu einem speziellen Verhalten steht, sondern willkürlich vom Sadismus des Bestrafenden genährt und von einem angsterregenden Intensität ist. Je nach Temperament des Kindes kann die Angst vor Strafe zu einem beherrschenden Motiv in seinem Leben werden, sein Integritätsgefühl kann langsam zusammenbrechen, seine Selbstachtung kann abnehmen, und es kann sich so oft verraten fühlen, dass es sein Identitätsgefühl verliert und nicht mehr „es selbst“ ist. Die andere Bedingung, die zu einem Gefühl vitaler Machtlosigkeit führt, ist eine Situation psychischer Verarmung. Wenn keine Stimulation vorhanden ist, nichts, was die Fähigkeit des Kindes weckt, wenn es in einer Atmosphäre der Stumpfheit und Freudlosigkeit lebt, dann erfriert ein Kind innerlich. Es gibt dann nichts, worin es einen Eindruck hinterlassen könnte, niemand, der ihm antwortet oder ihm auch nur zuhört, und es wird von einem Gefühl der Ohnmacht erfasst. Ein solches Gefühl der Machtlosigkeit muss nicht unbedingt zur Bildung eines sadistischen Charakters führen; ob es dazu kommt oder nicht, hängst von vielen anderen Faktoren ab. Es ist jedoch eine der Hauptursachen, die zur Entwicklung des Sadismus sowohl auf individueller als auch auf sozialer Ebene beitragen.“ (ebd., S. 336f)

Dies ist die zentralste und deutlichste Textstelle in seinem Werk bzgl. des Einflusses von Kindheit. Danach muss man schon mehr mit der Lupe nach annähernd ähnlichen Textstellen suchen, obwohl Gewalt gegen Kinder und deren Vernachlässigung – wie er oben selbst sagte – die Hauptursache für die Entstehung von Sadismus darstellt. Das verwundert doch sehr. Bzgl. Stalin geht er dann gar nicht auf dessen Kindheit ein, sondern beschreibt rein dessen Sadismus und das „Wesen des Sadismus“. Bei Heinrich Himmler geht er schon mehr in diese Richtung und beschreibt kurz dessen schwachen, autoritären Vater und mehr noch die ihren Sohn in emotionaler Abhängigkeit haltende Mutter, ihre „primitive Liebe“ zu ihm und ihr Handeln, das sein Wachstum blockierte. Am erstaunlichsten ist seine Studie über Adolf Hitler, die auch die ausführlichste von allen dreien ist. Fromm schreibt:

Der Charakter der Eltern und nicht dieses oder jenes einzelne Erlebnis übt den stärksten Einfluss auf ein Kind aus. Für jemand, der an die stark vereinfachende Formel glaubt, dass die schlechte Entwicklung eines Kindes etwas der „Schlechtigkeit“ seiner Eltern proportional ist, bietet die Untersuchung des Charakters von Hitlers Eltern eine Überraschung, denn – soweit aus den uns bekannten Daten zu ersehen ist – waren sowohl sein Vater als auch seine Mutter stabile, wohlmeinende und nicht destruktive Leute. Hitler Mutter Klara scheint eine gut angepasste, sympathische Frau gewesen zu sein. (…) Man hat Alois Hitler gelegentlich als einen brutalen Tyrannen beschrieben – vermutlich deshalb, weil dies eine einfache Erklärung für den Charakter seines Sohnes wäre. Er war aber kein Tyrann, sondern nur ein autoritärer Mensch, der an Pflicht und Verantwortungsgefühl glaubte und der Ansicht war, dass es seine Aufgabe war, das Leben seines Sohnes zu bestimmen, bis dieser mündig war. Soweit bekannt, hat er ihn nie geschlagen. (…) Wie ist es zu erklären, dass diese beiden wohlmeinenden, stabilen, normalen und nicht destruktiven Menschen das spätere „Ungeheuer“ Adolf Hitler zur Welt brachten?“ (ebd., S. 417ff)
Danach beschreibt Erich Fromm auf mehreren Seiten ausführlich Hitlers Lebensweg, den er in seiner Gesamtheit und auch in Anbetracht der Einflüsse durch seine Umwelt für besonders wichtig hält. Entgegen seinen anfänglichen Ausführungen, ließt sich aus seinen weiteren, einleitenden Beschreibungen über Hitlers Beziehung zu seiner Mutter eine tiefe Störungen heraus. Zusammenfassend schreibt Fromm: Man kann sagen, „dass Hitlers Mutter für ihn nie zu einer Person geworden ist, zu der er eine liebevolle oder zärtliche Zuneigung empfand. Sie war für ihn Symbol der beschützenden und zu bewundernden Göttin, aber auch die Göttin des Todes und des Chaos.“ (ebd., S. 425)
Ich finde viele Gedankengänge und (auch andere) Arbeiten von Erich Fromm wichtig. Seine Arbeit über die „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ führt allerding weitläufig in die Leere. Obwohl er selbst Hinweise auf den tyrannischen Charakter von Hitlers Vater wahrgenommen hat und eine gestörte Mutterbeziehung beschreibt, sind beide Eltern für ihn „stabile, wohlmeinende und nicht destruktive Leute“. Er schließt insofern einen großen Einfluss durch Gewalt und Destruktivität seitens dieser Eltern auf das Kind Adolf Hitler aus. Seine weitere Analyse muss insofern scheitern, vor allem wird dies auch deutlich, wenn wir uns die heutige Datenlage bzgl. der familiären Gewalt in der Familie Hitler ansehen. (diesen kritischen Textteil habe ich mit in den Grundlagentext über Hitler aufgenommen)

Entsprechend der Zwiespältigkeit seiner Analyse (Motto: „Destruktive Kindheit ist enorm wichtig, aber reden wir bloß nicht zu viel darüber“) lässt er auch in seinem Epilog mit dem Titel „Über die Zwiespältigkeit der Hoffnung“ die Kindheit komplett außen vor. Wachsende Produktivität, Arbeitsteilung, Bildung von Überschuss, Errichtung von Staaten, Eliten und Hierarchie, sprich die moderne Zivilisation wird von ihm scharf kritisiert und als die Wurzel menschlicher Destruktivität dargestellt (passend dazu auch sein Werk „Haben oder Sein"). Gegenwärtige sozioökonomische Bedingungen seinen zu hinterfragen und zu ersetzen. Neue Werte müssten her und unser persönliches Verhalten müsste sich ändern. Kein Wort davon, Kinder vor Gewalt und Vernachlässigung zu schützen, diese zusätzlich durch Kita und Schule anzuregen und zu fördern.

Man muss sicher auch sehen, dass Anfang der 70er Jahre Gewalt gegen Kinder noch nicht all zu sehr Thema war und viele Studien fehlten. Erich Fromm war aber ein weitsichtiger Mensch, trotzdem blendete er – entgegen seiner beiläufig erwähnten Erkenntnisse – das Thema Kindheit weitläufig aus. Das ist etwas, was mir immer wieder begegnet, auch durch Psychologen. Alles in allem wird die Lektüre von Fromms Werk keine großen Erkenntnisse bringen. Einfach auf Grund dieser gewissen Blindheit bzgl. dem Leid der Kinder und dem Focus auf die "böse" moderne Zivilisation und die gute und nicht destruktive Gesellschaftsform, die er bei manchen primitiven Stämmen meinte erkannt zu haben.

Quelle: Fromm, E. 1986: Anatomie der menschlichen Destruktivität. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek. (Erstveröffentlichung 1973)

Sonntag, 26. Oktober 2008

6. Das einst misshandelte Volk identifiziert sich mit dem Aggressor

Albert Speer – ehemaliger NS-Rüstungsminister, Lieblingsarchitekt und Vertrauter von Adolf Hitler – sagte in einem Interview in der ZEIT im Jahr 1979 mit dem Hitler Biografen Alan Bullock:
„Ich bin auch der Meinung, dass er (Anmerk.: gemeint ist Adolf Hitler) nicht einfach uns getrieben hat, sondern dass ihn etwas getrieben hat. Unerklärlich ist für mich immer noch der Einfluss, den Hitler auf die Menschen ausüben konnte. Ich rege immer wieder an, dass doch irgendwann einmal ein guter Psychoanalytiker dieses Problem durch die ganze Geschichte hindurch verfolgt, um einmal dem nahezukommen, was da eigentlich vor sich geht, (…) an all den vielen Erscheinungen in der Geschichte, einschließlich Hitler. Dieses Phänomen wird von der Geschichtsschreibung, soviel ich weiß, zwar berührt, aber es wird nicht als ein Kardinalspunkt betrachtet.“ (Michalka, 1980)
Was Hitler getrieben hat, habe ich versucht im Kapitel 3.2 an Hand der Beschreibung dessen traumatischer Kindheit darzustellen. Doch was hat das Volk getrieben, diesem Schlächter bedingungslos zu folgen?
Benz (1992b) geht von einer „Disposition zur Radikalität“ aus, die, wenn ungünstige individuelle und soziale Bedingungen zusammentreffen, von gesellschaftlichen Kräften instrumentalisiert werden kann. (vgl. Benz, 1992b, S. 28) Um gegen Kränkungen und Verletzungen[1] unempfindlich zu werden, machen sich Kinder immun gegen die eigenen Gefühle und vernachlässigen auf diese Weise ihr emotionales Empfinden auch gegenüber Dritten. Solche Kinder haben am eigenen Leibe gelernt, Schmerzen grundsätzlich zu ignorieren und überschreiten somit auch leichter die Schmerzgrenzen anderer. Die Fähigkeit zu Mitgefühl geht verloren.[2] Dazu kommt, dass für diese Kinder z.B. physische Stärke als Garant der ersehnten Überlegenheit und Unversehrtheit übermäßige Bedeutung bekommen kann bzw. sie sich auf die Seite des Starken und Mächtigen fantasieren und träumen können, hin zum Sieg über alle – Eltern, Erwachsene oder Kameraden -, die Anlass zu Enttäuschung, Verwirrung oder Kränkung boten.[3] Diese Kinder haben schlechte oder keine Voraussetzungen für die Überwindung ihrer radikalen Disposition. Kinder, die dagegen selbst Zugang zu eigenen Gefühlen haben (dürfen) und ggf. einzelnen Verletzungen ein positives Kräftereservoirs entgegenstellen können, statt entsprechende Gefühle verleugnen/verdrängen und abspalten zu müssen, sind grundsätzlich fähig, sich in die Lage anderer einzufühlen und bereit, gewisse Grenzen einzuhalten und ggf. radikales Freund-Feind-Denken zu modifizieren. Sie haben aus der erworbenen Fähigkeit, sich an eigenen Gefühlen zu orientieren, gute innere Voraussetzungen dafür, für radikale Ziele weniger oder nicht empfänglich zu sein. (vgl. ebd., S. 26ff)
Wie oben aufgezeigt wurden Kinder in der Vergangenheit – Ute Benz betont in ihrem Text vor allem die Wilhelminische und Weimarer Zeit, sowie den Nationalsozialismus - vor allem zur Härte gegen sich und andere erzogen (Jungen noch mehr, als Mädchen). Dabei geht es nicht nur um erfahrene rohe, körperliche Gewalt, sondern allgemein um die Erfahrung des Kindes, wie mit seiner Hilflosigkeit und Abhängigkeit, seiner Macht oder Ohnmacht und mit seiner Würde umgegangen wurde – gewalttätig, feindselig oder liebevoll und freundlich. In der NS-Zeit war das ideale Kind das ruhige, pflegeleichte Kind, das ggf. stundenlang sich selbst überlassen war, gleich ob es schrie oder still war und das vor allem sauber, ordentlich, tapfer, schmerzunempfindlich und absolut Gehorsam sein musste. So erlernten Kinder den spaltenden Umgang mit sich und der Welt als einzig dauerhafte Lösung, um sich zu retten bzw. zu überleben.
„Beim angepassten, pflegeleichten Kind vermutet später niemand die treibenden Kräfte aus abgespaltenen, vernichtenden Wutgefühlen und mörderischem Zorn, die gleichwohl ihren Niederschlag im sozialen und politischen Verhalten finden. Kinder, deren individuelle Impulse gehäuft übergangen werden, die nicht essen dürfen, wenn sie hungrig sind, und nicht weinen dürfen, wenn sie traurig sind, oder die nicht zornig werden dürfen, wenn sie sich geärgert haben, begreifen, längst ehe sie sich dessen bewusst werden, dass es aussichtslos ist, sich mit anderen als den erlaubten Bedürfnissen und Gefühlen zu zeigen. Sie sind beständig zur Vermeidung ihrer Empfindungen genötigt und vielfach zu rigoroser Abspaltung abweichender Bedürfnisse und unerwünschter Gefühle gezwungen. Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst wird jedoch unvermeidlich auch im Umgang mit anderen Menschen zur Grundhaltung. Wo Anpassungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft verfrüht durch Unterdrückung individueller Bedürfnisse entwickelt werden muss, gewinnt Zukunft eine besondere, politisch ausnutzbare Bedeutung: als Sammelbecken der Hoffnung auf Lohn für das Aushalten der gegenwärtigen Misere und der Hoffnung auf Gewinn von eigener Macht“ (ebd., S. 34)

DeMause (2005) meint: „(...) wenn man festhält, dass die deutsche Kindheit um 1900 ein Alptraum von Mord, Vernachlässigung, prügeln und Folter von unschuldigen, hilflosen menschlichen Wesen war, dann ist die Wiederaufführung dieses Alptraums vier Jahrzehnte später im Holocaust und im Zweiten Weltkrieg letztlich zu verstehen.“ (deMause, 2005, S. 140) Er weist an Hand einer Fülle von Datenmaterial auch nach, dass die Gewalt und Vernachlässigung von Kindern im Deutschland um die Jahrhundertwende im Vergleich zu anderen westeuropäischen Staaten um einiges erheblicher war. Das Motto deutscher Eltern gegen Ende des 19..Jahrhunderts wäre simpel gewesen: „Kinder können nie genug geschlagen werden.“ Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in Deutschland 89 % aller Kinder geschlagen, über die Hälfte mit Ruten, Peitschen oder Stöcken (vgl. ebd., S. 146ff) Die deutschen Kinder waren persönliche Sklaven ihrer Eltern. „Die strafende Atmosphäre deutscher Haushalte war so umfassend, dass man mit Überzeugung sagen kann, der Totalitarismus in den Familien führte zum Totalitarismus in der Politik.“ (ebd., S. 148) DeMause spricht in Folge dieser Gewalterfahrungen von abgespaltenen „Alter Egos“ (mehrere andere Ichs), diese sind letztlich wie (explosive) Koffer, in die die Menschen ihre traumatischen, abgespaltenen und urerträglichen Ängste und ihren Ärger packen. „Mit Ausnahme einiger Psychopathen und Psychotiker bewahren die meisten von uns ihre Koffer im Schrank hinter verschlossener Tür auf, scheinbar abseits unseres täglichen Lebens – aber dann verleihen wir die Schlüssel an emotional Delegierte, von denen wir abhängig sind, um die Inhalte ausagieren zu können und die es uns möglich machen, die Identifikation mit den Handlungen zu verleugnen.“ (ebd., S. 79) Hier sind einige interessante Aspekte benannt. Die sogenannten Verrückten sind demnach näher an ihrer echten psychischen Realität und Verzweiflung dran, sie haben - so man will - ihre Koffer ausgepackt. Dadurch können sie im Alltag nicht mehr so funktionieren, wie die ganz „normalen“ Menschen. (Arno Gruen beschreibt dies auch sehr anschaulich und ausführlich in seinem Buch „Der Wahnsinn der Normalität“ (1990), in dem – wie der Titel schon sagt – auch deutlich wird, dass diese „Koffer“ nicht wirklich verschlossen sind, sondern aus ihnen heraus beständige Destruktivität in den normalen Alltag wirkt.) Wenn allerdings die Umstände und vor allem emotional Delegierte (die Führer) das massenhafte Auspacken der Koffer legitimieren und ein Feind gefunden wird, kommt es zur Wiederaufführung des Traumas und letztlich zum Krieg. Dann werden plötzlich unzählige scheinbar ganz normalen Menschen zu offenen Wahnsinnigen.
Sozialpsychologische Experimente wie die Klassiker „Stanford-Prison-Experiment“ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Stanford-Prison-Experiment) und das „Milgram-Experiment“ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Milgram-Experiment) werden mit diesem Wissen verstehbar. Durchschnittlich ausgewählte VersuchsteilnehmerInnen, ohne besondere Auffälligkeiten, werden zu sadistischen Taten und bedingungslosem Gehorsam fähig, wenn durch den Versuchsaufbau ein Wechsel in ihr abgespaltenes Selbst ermöglicht wird. „Diejenigen, die damit fortfahren, Milgrams Experiment zu replizieren, und die immer noch darüber verblüfft sind, warum “banalste und oberflächlichste Erklärungen ausreichen, bei Menschen destruktives Verhalten auszulösen“, unterschätzen ganz einfach die Menge an Traumata, die die meisten Menschen erlebt haben, und die Effektivität von sozialer Trance, die es ihnen erlaubt, diese Schmerzen wiederaufzuführen.“ (deMause, 2005, S.84ff)[4]

Gruen ( 2002a) beschreibt die weiter oben bereits angedeuteten spaltenden Prozess als Folge destruktiver Erziehung sehr anschaulich und erweiternd. Kein Kind kann in dem Bewusstsein existieren, dass die Menschen, auf die es physisch und psychisch existentiell angewiesen ist (die Eltern), seinen Bedürfnissen kalt und gleichgültig oder gar grausam und unterdrückend gegenüberstehen. Diese Angst wäre, so Gruen, unerträglich, ja sogar tödlich. Ein Kind, das von seinen Eltern angegriffen wird und dessen Bedürfnisse frustriert werden, muss sich, um zu überleben, mit den Eltern arrangieren. Dazu wird das Eigene (vor allem eigene Empfindungen, Sicht und Empathie) als etwas Fremdes abgespalten, denn das Kind kann die Eltern nur unter der Voraussetzung als liebevoll erleben, wenn es ihre Grausamkeit als Reaktion auf sein eigenes Wesen interpretiert – die Eltern sind grundsätzlich gut; wenn sie einmal schlecht sind, dann ist dies die eigene Schuld des Kindes und der Angriff geschieht zu dessen „Wohle“.[5] Alles, was dem Kind eigen ist, wird somit abgelehnt und entwickelt sich zur potentiellen Quelle eines inneren Terrors (das Eigene wird gehasst). Die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und die eigene Wahrnehmung werden zu einer existentiellen Bedrohung, weil sie die Eltern veranlassen könnten, dem Kind die lebensnotwendige Fürsorge zu entziehen. Die Folge ist die Identifikation mit den Eltern (bzw. den Aggressoren), das Übernehmen deren Werte, die Unterwerfung unter deren Erwartungen und eine schwammige, ungefestigte und unsichere Identität, die durch das Fremde, nicht das Eigene bestimmt ist. Unsere Menschlichkeit wird so letztlich zum Feind, sagt Gruen, der unsere Existenz bedroht und der überall – in uns selbst wie auch in anderen – bekämpft und vernichtet werden muss. (vgl. Gruen, 2002a, S. 14ff)
Gruen vertritt die These, dass es die Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten sind, die Menschen dazu bringen, einander zu bekämpfen, nicht die Unterschiede. Das Eigene musste einst als fremd von sich gewiesen werden, dies wird zum Auslöser für die Notwendigkeit, Feinde zu finden und sie zu bekämpfen.[6] Alles, was beim Anderen/dem Feind an das verleugnete (abgespaltene) Eigene erinnert und die damit verbundene Scham, die Schmerzen, die Not oder kurz gesagt das eigene Opfersein, muss zerstört werden. Dagegen benötigt laut Gruen ein Selbst, das auf inneren Identitätsbezügen ruht und aus einer liebenden Beziehung zwischen Eltern und Kind entsteht, keine Feindbilder, um sich aufrechtzuerhalten. (ebd., S. 30+72)
Gleiches wie oben erwähnt gilt für erduldeten Schmerz, den man sich nicht zugestehen, den man nicht ausdrücken und fühlen durfte (der aber trotzdem nicht verloren geht). Dieser muss externalisiert und in Anderen gesucht werden (oder er wird nach Innen gerichtet; man tut sich selbst etwas an, verletzt sich selbst, wird krank, depressiv, verstrickt sich in Unfälle usw.). Hier liegt nach Gruen die wesentliche Ursache für den beeindruckenden Erfolg von Hitler. Das wahre Opfersein ihrer individuellen Geschichte konnten (oder wollten) Millionen Menschen nicht wahrhaben; sie waren aber bereit, sich als Opfer Anderer (als den Eltern) zu sehen und zu inszenieren. Diese Menschen konnten nur über den vermeintlichen Schmerz „schreien“, der ihnen angeblich von den „Fremden“, den Feinden angetan wurde. „Menschen bleiben solange für einen Hitler anfällig, wie sie nicht über ihren wahren Schmerz schreien konnten.“ (ebd., S. 30)
Der Mythos Hitler, ist – nach Gruen - nur durch das Bedürfnis der Vielen nach einem solchen Mythos und nach Erlösung von ihrem Opfersein zu erklären.
„Die Identifikation mit dem Aggressor führt dazu, dass Menschen (...) sich von dem Erlösung erhoffen, der sie zum Leiden brachte. Sie suchen jedoch nicht einen wirklich starken Führer, sondern eine Fiktion von Stärke. Diese war ja auch der Vater, auch der Mutter eigen, als sie das Kind unterdrückten, um sich selbst stark und bedeutsam zu fühlen. Deshalb hoffen solche Menschen, Erlösung bei dem zu finden, der Stärke verspricht, sie jedoch nicht besitzt. Was sie suchen, ist der grausame König oder die grausame Königin.“ (ebd., S. 106)

Miller (1983) spricht davon, dass man einen „unerlaubten Hass“ in sich trägt und begierig darauf ist, ihn zu legitimieren. Ein Hitler verstand es wie kein Zweiter, dem seit Kindheit aufgestauten Hass der Menschen ein Ventil zu bieten bzw. diesen zu legitimieren. Der „Fremde“ und Feind – in NS-Zeit vor allem der Jude - wurde dann schuld an allem, und die wirklichen ehemaligen Verfolger, die eigenen, oft wirklich tyrannischen Eltern, konnten in Ehren geschützt und idealisiert bleiben. (vgl. Miller, 1983, S. 196ff) In einem Artikel findet Miller weitere deutliche Wort zu diesem Themenkomplex: “Millionen einst gekränkter, gedemütigter Kinder, die sich nie bei ihren Eltern gegen die Zerstörung, gegen die Verletzungen ihrer Integrität wehren durften, werden durch den Krieg an die mehr oder weniger gut abgewehrte Geschichte ihrer eigenen Bedrohung erinnert. Sie fühlen sich aufgewühlt und verwirrt. Da ihnen aber die frühen Erinnerungen meistens und die dazugehörenden Gefühle immer fehlen, fehlt ihnen der Durchblick. Sie greifen, auf ihrer Flucht von der eigenen schmerzhaften Geschichte, zu den einzigen Mitteln, die sie als Kinder gelernt haben: zerstören oder sich quälen lassen, aber um jeden Preis blind bleiben. Blind fliehen sie vor etwas, das längst geschehen ist.“ (Miller, 1991)
Sehr deutlich wird die Identifikation mit dem Aggressor und die Suche nach äußeren Feinden (anstatt die eigenen Eltern anzuklagen) auch am Beispiel Balkankrieg. Wie im Kapitel 4. kurz dargestellt, waren und sind die Menschen im ehemaligen Jugoslawien als Kinder oftmals massiver Gewalt durch Eltern und Verwandte ausgesetzt. Slobodan Milosevic, selbst schwer traumatisiert wie schon beschrieben, wurde nun 1987 der große Führer der Serben, als er eine politische Rede hielt, in der er einen großen Aufschwung versprach: "Niemand hat das Recht, meine Leute zu schlagen! Ich verspreche Euch, mich darum zu kümmern: Niemand wird noch einmal geschlagen!" (Puhar, 2000b, S. 170) Es verwundert kaum, dass diese Botschaft bei den einst real geschlagen Menschen deutlich ankam und die Suche nach angeblichen äußeren Feinden gerade in dieser Region seine verheerende Wirkung fand. Puhar schreibt: „Diese markige Botschaft machte ihn im Nu zum Helden, zum charismatischen Führer, zum Kreuzfahrer, der versprach, zurückzuschlagen — und seine Leute liebten und bewunderten ihn dafür. Innerhalb weniger Monate war Serbien buchstäblich mit seinen Bildern bedeckt, Tausende von Leuten skandierten seinen Namen, begrüßten ihn als ihren Retter und versprachen ihm, ihm bis ans Ende der Welt zu folgen.“ (ebd.) Puhar beschreibt, wie dies ein perfektes Beispiel für wechselseitige Hypnose sei: der Führer verzauberte die Menschen, die Menschen verzauberten ihren Führer. In der weiteren Folge inszenierten sich die Serben insbesondere als Opfer; Opfer der Slowenen, der Kroaten, der Albaner, des Westens usw. usf. Der weitere Verlauf ist bekannt....

Richter (1996) beschreibt weitere psychischen Entlastungsmomente auf der kollektiven Ebene. Feindeshass entlastet nicht nur von persönlichen, sondern auch von nationalen Selbstwertkonflikten und Niederlagen. Kränkungen, die ein Kollektiv erlitten hat, addieren sich zu den spezifischen individuellen Niederlagen und Minderwertigkeitserlebnissen und überformen den Projektionsvorgang. Richter macht dies u.a. am Beispiel der Niederlage der USA in Vietnam fest. Der spätere sowjetische Afghanistan-Überfall bot die Gelegenheit, die kränkenden nationalen Selbstzweifel und Verletzungen zu tilgen und „das Böse“ erneut im Außen festzumachen und dort zu bekämpfen. (vgl. Richter, 1996, S. 116ff)
Der ursprüngliche „Feind“ im Inneren des Menschen und der Gesellschaft soll durch den äußeren Feind vergessen gemacht werden. Mentzos (1995) spricht in diesem Zusammenhang von Pseudostabilisierung des Ich und von Gruppen. Seit dem „11. September“ wiederholte sich dies erneut, indem der amerikanische Präsident George W. Bush ungezügelt den erwähnten, gefährlichen Abwehrmechanismus vornahm: Die Spaltung der Welt in „gut“ und „böse“.
(Diese Spaltung der Umwelt ist auf der individuellen Ebene übrigens u.a. eine typische Folge von Kindesvernachlässigung und natürlich allen anderen Misshandlungsformen. - vgl. Motzkau, 2002, S. 715 - )
Ich möchte an dieser Stelle noch einen weiteren Aspekt ansprechen, der auch auf gesamtgesellschaftliche Weise Bedeutung hat. Menschen wurden in der Vergangenheit (und werden auch heute noch) wie oben bereits dargelegt zum Still-Halten und Stil-Schweigen bzw. zum Gehorsam erzogen. Selbst offensichtlichem Unrecht (gegen Andere oder sich selbst) wird dann mit dem Erziehungsmotto: „Nur nichts beanstanden“, „kritiklos Bestehendes gutheißen“ oder „Immer ruhig sein und schweigen“ entgegnet. Die Realität wird somit letztlich verleugnet, was in einer potentiell bedrohlichen individuellen wie auch gesellschaftlichen Situation eine erhebliche Gefahr darstellt, da keine (rechtszeitige) Gegenwehr/-maßnahme erfolgt.( vgl. Bassyouni, 1990, S. 151) Eine typische Folge der Gewalt gegen Kinder ist der Verlust des Vertrauens in die eigene Wahrnehmung. Wird dieses Vertrauen (später) nicht wieder aufgebaut, werden diese Menschen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auch in ihrem weiteren Leben als Erwachsene Probleme damit haben, Realitäten richtig einzuschätzen bzw. einfach sich selbst und den eigenen Gefühlen zu vertrauen. Dies wurde von destruktiven Machtmenschen stets ausgenutzt (und wird es auch weiterhin, sowohl in individuellen Beziehungen[7] als auch auf gesellschaftlicher Ebene, wie ich meine). Deren destruktiven Ziele und Persönlichkeit wird von Menschen mit einer gestörten (Selbst-)Wahrnehmung) nicht (rechtzeitig) wahrgenommen.
Dazu kommt, dass Menschen, deren Grenzen oft überschritten wurden, laut Kraemer (2003) auch zu „chronischen Opfern“ werden können, indem sie sich mit der Opferrolle abfinden. Gesunde Aggressionen werden dann gänzlich nicht genutzt, dem Leben wird aus einer Haltung der Angst, Unsicherheit und Unzulänglichkeit heraus begegnet und eigene Grenzen werden nicht verteidigt bzw. der traumatisierte Mensch ist nicht in der Lage zu sehen, wer neue oder zusätzliche Grenzverletzungen begeht. Traumatisierte Menschen, die sich mit der Opferrolle arrangiert haben, werden sich in bedrohlichen Situationen tendenziell erneut als ohnmächtig erleben und Gegenwehrpotentiale nicht nutzen können. Sie erleben die Machtausübung und Grenzüberschreitung durch Andere (schlimmstenfalls) als „normal“, gerade wenn sie schon früh und häufig Machtmissbrauch erlitten haben. Menschen mit Ohnmachterfahrungen sind besonders anfällig, willkürlich operierenden Machtmenschen ausgeliefert zu sein. (vgl. Kraemer, 2003; S. 169ff) Insofern erklärt sich hieraus evtl. auch das massenhafte, stillschweigende Mitläufertum aus der NS-Zeit.
Somit ist hier im Kontext von Verletzungen im Kindesalter und Krieg neben den Täterpotentialen die zweite Seite angesprochen. Mit dem Aggressor identifiziert sein bedeutet entweder eine Entwicklung hin zum Täter oder ein resigniertes Verharren in der Opferrolle (die Grenzen zwischen beiden Polen können in der Realität natürlich auch fließend sein).
Diepold (1998) beschreibt diese zwei Grundmuster als Reaktion auf frühkindliche, schwere Traumatisierungen bzgl. Kindern wie folgt:
1. Aggressives-destruktives Verhalten: Das Aggressionspotential ist in ständiger Aktionsbereitschaft. Die Kinder sind auf Kampf eingestellt und greifen an, bevor sie selbst verletzt werden können.
2. Erstarrung, Depression und anklammerndes Verhalten: Vorherrschend ist z.B. eine eingefrorene Gestik und Mimik. Bei diesen Kindern ist das reiche Gefühlsleben mit den angeborenen Affekten erstarrt. Sie haben den emotionalen Dialog mit äußeren Objekten abgebrochen. (vgl. Diepold, 1998, S. 134ff)

Beide Seiten können letztlich unter gewissen Umständen gewalttätige bzw. kriegerische Entwicklungen und Machtmissbrauch bedingen. An dieser Stelle sei auch an das Kapitel 2. erinnert: Gewalt gegen Kinder ist keine Ausnahme, sie war und ist eher die Regel.
Diepold beschreibt bildlich und wahrlich erschreckend die innere Welt schwer traumatisierter Kinder. „Die innere Welt traumatisierter Kinder ist so, wie Hieronymus Bosch sie gemalt und Dante sie in seinem „Inferno“ beschrieben hat, oder der Mythos der Medusa sie erzählt: Gespenster und Geister, brennendes Feuer, Eiseskälte, Leichenstarre, von Kopf bis Fuss gespaltene Menschen, deren Fragmente sich zu ganzen Menschen zusammensetzen, Menschenleere und Einsamkeit, Spiele mit Leichenteilen, Unfälle und mörderische Aggressivität“ (ebd., S. 136)
Vielleicht liegt hier ein wesentlicher Teil der Antwort auf die im Zusammenhang von Krieg und Terror oft gestellte Frage, wie aus (scheinbar) ganz normalen Menschen aller sozialer Schichten, aus Nachbarn und Freunden in Kriegszeiten ganz plötzlich und über Nacht wahre menschliche Monster werden können. Und vielleicht sah auch die innere Welt des Kindes Adolf Hitler so aus. Hellhörig macht jedenfalls, dass über Hitler berichtete wird, er hätte das Bild der Medusa an seinen Wänden hängen gehabt und gesagt: „Diese Augen! Es sind die Augen meiner Mutter!“ (deMause, 2005, S. 154) Und wir wissen natürlich, dass Hitler als Erwachsener mit aller Gewalt die äußere Welt (mit Hilfe anderer Menschen) letztlich so formte, wie in Diepolds schrecklicher bildlicher Darstellung geschildert. Wenn man das „Phänomen Hitler“ (das ja nur ein Paradebeispiel für so viele andere ist) an Hand dessen traumatischer Kindheit erklärt, dann wird erfahrungsgemäß abwehrend geantwortet: „Das ist zu vereinfacht. Viele andere Menschen haben ja als Kind ähnliches erlebt, damit kann man Hitler also nicht erklären.“ Ich sage dann: „Eben, so viele haben ähnliches erlebt, genau das erklärt das „Phänomen Hitler“!

In Anbetracht dieser möglichen Folgen bzgl. schwer traumatisierter Kinder sollte dabei nicht vergessen werden, dass es in der Bevölkerung eine große Bandbreite von mehr oder weniger traumatischen Erfahrungen gibt (deren Auswirkung zusätzlich von vielen Faktoren wie z.B. Alter, Häufigkeit der Verletzungen, Nähe zum Täter/Täterin usw. abhängen). Es geht um „alltägliche Formen“ der Gewalt gegen Kinder bis hin zu Formen der Gewalt, die wir ohne weiteres als Folter und Terror bezeichnen können. Entsprechend unterschiedlich sind die Folgen. Arno Gruen spricht bzgl. der „Identifikation mit dem Aggressor“ stets davon, dass wir Menschen alle „mehr oder weniger“ von diesem psychischen Phänomen betroffen sind. Es geht mir in diesem Text hier nicht um die Stigmatisierung von schwer traumatisierten Menschen! Wir sitzen alle im gleichen Boot. Und wir Menschen sind durch diese Erkenntnisse aufgefordert, individuell entsprechende innere Prozesse und Blockaden zu bearbeiten und aufzudecken. (der „individuelle Gewinn“ kann dabei mit Verlaub ein Mehr an innerer Freiheit, Authentizität und Gefühlsleben sein) In unserer Gesellschaft geschieht dies i.d.R. mit Hilfe einer Psychotherapie. Die Politik wäre zusätzlich gefordert, diese „individuellen Prozesse“ in jeglicher Form zu fördern und zu unterstützen. Eine Streichung der Gelder für Beratungsstellen, soziale und psychologische Dienste usw. usf. ist nicht nur für den Einzelnen ein Fiasko, sondern kommt der Gesellschaft langfristig u.U. sehr teuer zu stehen.
„Was für ein Glück für die Regierenden, dass die Menschen nicht denken“, so Adolf Hitler wörtlich. Ich möchte diesen Diktator mit meinen Worten als Abschluss dieses Kapitels verbessern: „Was für ein Unglück für die Welt, dass viele Menschen nichts fühlen.“


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[1] Hier geht es weniger um einmalige Verletzungen, sondern vor allem um eine Fülle von verletzenden Erfahrungen in den alltäglichen Beziehungen zur Umwelt. Ob schmerzliche Erfahrungen als vorübergehend und erträglich erlebt werden, hängt zusätzlich vom Reifegrad des Kindes und vor allem davon ab, ob dem Kind hinreichend angenehme Erfahrungen (besonders seitens der Eltern) als positives Kräftereservoir zur Verfügung stehen.

[2] Dazu ergänzend: „Empathie, normalerweise eine Facette der emotionalen Entwicklung des Kindes, wird in der emotional kargen Landschaft der vernachlässigenden Familie nicht vermittelt. Kinder entwickeln Empathie, indem sie dem Beispiel ihrer Eltern folgen. Sie werden Mitgefühl und Verständnis ausbilden, wenn ihre eigenen Bedürfnisse nach Mitgefühl und Verständnis befriedigt worden sind. Ohne Empathie können Kinder keinerlei dauerhafte Bindungen eingehen, und als Eltern tragen sie ein hohes Risiko, die eigenen Kinder zu vernachlässigen oder zu misshandeln.“ (Cantwell, 2002, S. 542) Oder eben u.a. auch kriegerisch zu handeln.

[3] „Wenn ich selbst ganz mächtig und böse bin, kannst du mir nicht schaden! Dann musst du vor mir Angst haben!“ Dies ist u.a. die Reaktion in der Fantasie des Kindes auf die Erfahrung lebensbedrohlicher Gewalt durch die Eltern. (vgl. Bassyouni, 1990, S. 44)

[4] Groß ist allgemein die Überraschung darüber, dass z.B. die NS-Täter oftmals ganz normale Menschen waren, manches mal sogar hoch gebildet wie z.B. die Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamt (RSHA) – eine Behörde, die den Judenmord maßgeblich organisierte. "Keine Alterskohorte, kein soziales und ethnisches Herkunftsmilieu, keine Konfession, keine Bildungsschicht erwies sich gegenüber der terroristischen Versuchung als resistent", resümiert der Täterforscher Gerhard Paul im SPIEGEL 11/2008 zur NS-Zeit. Nur wenn verstanden wird, dass Kindesmisshandlung in allen Schichten der Gesellschaft in erheblichem Umfang vorkommt, wird auch verstanden werden, warum auch TäterInnen aus allen Schichten stammen. Der SPIEGEL hat sich in seinem Titelthema über „Die Täter“ übrigens mit keinem Wort mit der Psychologie und destruktiver Erziehung befasst und das Feld mal wieder den HistorikerInnen überlassen.

[5] Destruktive Eltern stützen diesen Prozess i.d.R., in dem sie dem Kind direkt vermitteln, dass es selbst schuld sei, wenn es gedemütigt, misshandelt oder missbraucht wird oder das dies aus Liebe zu ihm geschehe. Schon in der Bibel steht: „Wen der Herr liebt, den züchtigt er, wie ein Vater seinen Sohn, den er gern hat.“ (Spr 3,12) Die Forderung nach bedingungslosem Gehorsam ist zusätzlich eng mit diesem Prozess verknüpft. Der Gehorsam gegenüber der (elterlichen) Autorität macht es fast unmöglich, die Wahrheit des ganzen Vorgangs (auch im späteren) Leben zu erkennen.

[6] Sehr anschaulich wird dieser Prozess auch von Bassyouni (1990) beschrieben; sie spricht u.a. von einem „Ur-Hass gegen einen gnadenlosen Feind“, der in Kindern durch Strafe, Unterwerfungs- und Gehorsamsforderung schon früh (in den ersten drei Lebensjahren) verankert wird. (vgl. Bassyouni, 1990, 35ff)[7] Die von Mantell (1978) untersuchten Kriegsfreiwilligen machen dies anschaulich. Die überwiegende Mehrheit idealisierte ihre Eltern, hielten sie sogar für „immer gerecht“. Im Krieg konnten sie dagegen ihre Hass- und Rachegefühle frei und „legal“ ausleben.

[7] Im „Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik Deutschland“ wird z.B. berichtet, dass Frauen, die in ihrer Kindheit und Jugend körperliche Auseinandersetzungen zwischen den Eltern miterlebt haben, später mehr als doppelt so häufig selbst Gewalt durch (Ex-)Partner erlitten wie Frauen ohne solche Erlebnisse. Frauen, die in Kindheit und Jugend selbst häufig oder gelegentlich Opfer von körperlicher Gewalt durch Erziehungspersonen wurden, waren dreimal so häufig wie andere Frauen später von Gewalt durch Partner betroffen. Frauen, die Opfer von sexuellem Missbrauch vor dem 16. Lebensjahr geworden waren, wurden in ihrem Erwachsenenleben doppelt so häufig wie andere Frauen Opfer von häuslicher Gewalt durch Partner und viermal so häufig Opfer von sexueller Gewalt. (vgl. Deutsches Jugendinstitut e.V., 2005, S. 659)



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