Sonntag, 5. November 2023

Kindheit in Gaza und der nie enden wollende Krieg und Terror

(aktualisiert: 12.01.2024)


Erinnert dieser Blogtitel jemanden an etwas? Ja richtig, ich habe den Titel an meinen Blogbeitrag "Kindheit in Afghanistan und der nie enden wollende Krieg und Terror" aus dem Jahr 2021 angelehnt. Ich halte es für keinen Zufall, dass die Krisenregionen dieser Welt stets auch ein alptraumhaftes Bild bzgl. der Situation von Kindern aufweisen. 

Kinder werden in Gaza und auch den anderen Gebieten der Palästinenser in der Region extrem häufig belastet und traumatisiert. Wer meine Arbeit kennt, der weiß, worauf ich hinaus will: Denn die Kindheit ist politisch! 

Das bedeutet, dass belastenden Kindheitserfahrungen politisch höchst destruktive Wirkungen haben können. Dazu gehört u.a. auch eine besondere Anfälligkeit für Extremismus, Radikalisierung und Terror (vor allem auch für Jungen/Männern), aber auch Folgen bzgl. der Organisation und politischen Führung eines ganzen Landes. 

Es ist nicht das erste Mal, dass ich über die palästinensischen Gebiete etwas schreibe (siehe hier: "Gewalt gegen Kinder in Israel und Palästina. Ein Zusammenhang zur irrationalen politischen Gewalt?"). Dies möchte ich heute mit einigen Daten auffrischen. 

In einer großen UNICEF-Studie wurden viele Länder bzgl. der Situation von Kindern miteinander verglichen. Die Studie zeigte, dass in den palästinensischen Gebieten die besonders sensible Gruppe der ein Jahr alten Kinder zu über 85% innerhalb von vier Wochen körperliche und/oder psychische Gewalt durch Erziehungspersonen erleben, der höchste Wert der Vergleichsauswertung (UNICEF - United Nations Children’s Fund 2017, S. 27).

Der aktuellste MICS-Report von UNICEF zeigt für die palästinensischen Gebiete (Auswertung bzgl. 16.387 Kindern zwischen einem und vierzehn Jahren), dass innerhalb von vier Wochen 87,5% aller Kinder psychische Gewalt, 69,15% körperliche Gewalt und 20,1% besonders schwere körperliche Gewalt durch Erziehungspersonen erleben. Rein gewaltfreie Methoden der Disziplinierung innerhalb der Familie erleben nur 7,4% aller Kinder (Palestinian Central Bureau of Statistics & UNICEF 2021, S. 230).

Der spezielle MICS-Report "Palestinian Camps and Gatherings in Lebanon" von UNICEF ist hier ebenfalls von Interesse. Die palästinensischen Flüchtlingskinder im Libanon erleben ähnlich hohe Raten von Gewalt wie im vorherigen MICS-Report gezeigt. 
Auszugsweise möchte ich den Blick auf die sensible Altersgruppe der zwei bis vier Jahre alten Kinder lenken. Innerhalb von vier Wochen erleben 85,6 % dieser Kinder psychische Gewalt, 76,6% körperliche Gewalt und 20,4% besonders schwere körperliche Gewalt durch Erziehungspersonen. Rein gewaltfreie Methoden der Disziplinierung innerhalb der Familie erleben nur 6,6% aller Kinder dieser sensiblen Altersgruppe (Palestinian Central Bureau of Statistics & UNICEF 2012, S. 126).

Interessant ist auch der Vergleich zwischen der Westbank und Gaza. In der Westbank erleben demnach 20,6% der Jungen und 13,7% der Mädchen (im Alter zwischen null und elf Jahren) innerhalb eines Jahres schwere körperliche Gewalt durch Erziehungspersonen. In Gaza sind die Gewaltraten deutlich höher: Dort erleben 33,4% der Jungen und 24,7% der Mädchen schwere körperliche Gewalt (Palestinian Central Bureau of Statistics 2019, S. 29).

Auch die Gesetzeslage in der Region ist sehr rückständig, in den meisten gesellschaftlichen Bereichen sind Körperstrafen gegen Kinder erlaubt. Prohibition of corporal punishment “is still to be achieved in the home, alternative care settings, day care, some schools and possibly some penal institutions and as a sentence for crime” (End Corporal Punishment 2021).

Im Jahr 2021 wurden Daten von 772 schwangeren palästinensischen Flüchtlingsfrauen, die in fünf Geburtskliniken in Jordanien behandelt wurden, ausgewertet. 88% der Befragten erlebten mindestens eine Form von belastenden Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences - ACEs). 26% erlebten vier oder mehr Formen von ACEs (Horino et al. 2023). Mehrere ACEs-Werte standen der Studie nach in einem Zusammenhang mit Fettleibigkeit, psychischen Erkrankungen und Rauchen.

Auch wenn zumindest in den meisten dortigen Schulen Körperstrafen gegen Schüler verboten sind, heißt dies nicht, dass die Lehrkräfte sich alle daran halten. Beispielsweise erlebten 10 % der Mädchen und 41% der Jungen (Alter zwischen zwölf und siebzehn Jahren) im Gaza-Streifen innerhalb eines Jahres körperliche Gewalt durch eine Lehrkraft. Ergänzend erlebten 10% der Mädchen und 24% der Jungen psychische Gewalt durch eine Lehrkraft (Palestinian Central Bureau of Statistics 2019, S. 18).
Hinzurechnen muss man die Kinder, die Zeugen dieser Gewalt durch Lehrkräfte werden. Auch Zeugenschaft kann schädigende Folgen haben und vermittelt auch ein Gefühl, in der Schule keinen sicheren Ort zu haben. 

Die Schule ist in Gaza zudem ein Ort, an dem eine ideologische Indoktrination stattfindet; organisiert von der Terrorgruppe Hamas, die dort alle Lehrerverbände und Gewerkschaften kontrolliert. "Terroranschläge werden im Unterricht als notwendiges Mittel im gewaltsamen Kampf für die Befreiung Palästinas thematisiert. (...) Das Bus-Attentat von 1978 unter der Leitung von Dalal al-Mughrabi (Kommandantin einer Gruppe von Fatah-Terroristen), bei dem 38 Zivilisten ums Leben kamen, wird in der fünften Klasse behandelt. Dabei dient Mughrabi als nachahmenswertes Vorbild. Dies sind nur einige Beispiele einer Reihe von ähnlichen Fundstellen in aktuellen Schulbuchausgaben" (Goldstein 2021). 
Gewalt und Hass kennen diese Schüler und Schülerinnen schon reichlich aus ihrem Leben und aus eigener Erfahrung. Der Hamas-Lehrplan gibt diesen so geprägten (oft traumatisierten) Kindern ein Ziel vor, auf das sie ihren Hass kanalisieren können (anstatt die eigenen Eltern, Lehrer und Nachbarn anzuklagen). 
Tausende Jugendliche werden zusätzlich militärisch in "Sommercamps" von der Hamas ausgebildet. Zum Training gehöre der Umgang mit Granaten, Sprengsätzen und Sturmgewehren (Rössler 2015). Der emotionalen "Aufrüstung" (durch belastende Erfahrungen) folgt also eine handfeste, militärische Aufrüstung, woraus nichts Gutes entstehen kann. Die ideologische Indoktrination stellt eindeutig eine besondere Form von Kindesmissbrauch dar. 
Teils gibt es auch Einzelberichte über massive Traumatisierungen von Kindern in Ausbildungslagern der Hamas. Yaron Abraham, "a former Hamas terrorist-in-training told an Israeli news station of his brutal upbringing — including watching other children being beheaded and being forced to lie in graves to practice being a martyr — as he was indoctrinated by Hamas in Gaza during his childhood" (Pearce 2023)Die Ausbildung dort würde die Kinder auf den Tod im Kampf vorbereiten. 

Einen sicheren Ort finden die Kinder (zwölf bis siebzehn Jahre alt) auch draußen auf den Straßen oftmals nicht. 10% der Mädchen und 52% der Jungen erleben innerhalb eines Jahres auf den Straßen von Gaza Gewalt durch Andere (Palestinian Central Bureau of Statistics 2019, S. 17).

Und wo wir gerade beim Thema Zeugenschaft waren: 26% der Frauen in Gaza, die verheiratet sind oder jemals verheiratet waren, erlebten innerhalb eines Jahres körperliche Gewalt durch ihren Ehemann, 11% erlebten im gleichen Zeitraum sexuelle Gewalt und 64% psychische Gewalt. Aber auch Ehemänner erleben – nach Angaben der Frauen - Gewalt durch ihre Ehefrauen: 37% der Männer in Gaza erlebten innerhalb eines Jahres psychische Gewalt und 14% körperliche Gewalt (Palestinian Central Bureau of Statistics 2019, S. 20, 33). Sofern Kinder im Haushalt diese Gewalt mitbekommen, stellt dies eine enorme Belastung auch für die Kinder dar.

Was in den vielen Statistiken (obigen Angaben sind nur einige Auszüge) des Palestinian Central Bureau of Statistics (2019) auffällt ist, dass die Menschen im Gaza-Streifen durchweg in allen Gewaltbereichen häufiger betroffen sind, als die Menschen in der Westbank. Wenn es um Gewalt gegen Kinder geht, fällt zudem auf, dass Jungen i.d.R. häufiger Gewalt erleben, als Mädchen (dies gilt auch für die Westbank). Beide Sachverhalte könnten eine Rolle bei der Analyse von Gewalt in der Region spielen, auch was Unterschiede zwischen z.B. politischer Gewalt in Gaza und der Westbank angeht. 

Dazu kommen die Erlebnisse von Gewalt, Krieg und Terror außerhalb der Familie.
So fand man nach einer Befragung von 607 Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Gaza-Streifen heraus, dass 97,2% der Befragten bis zum Jahr 2006 mindestens sechs traumatische Erlebnisse im Zusammenhang mit kriegerischen Ereignissen gemacht hatten and 100% der Befragten hatten mindesten 21 solch traumatische Erlebnisse bis zum Jahr 2021 erlebt (Mohamed et al. 2023). Entsprechend hoch waren auch die Anzeichen für eine Posttraumatische Belastungsstörung. 

Im Jahr 2013 wurden 1029 Schulkinder im Alter zwischen elf und siebzehn Jahren im Gazastreifen befragt. Jedes Kind hatte mindestens ein traumatisches Erlebnis in Zusammenhang mit kriegerischen Ereignissen gemacht. 88,3% hatten direkte traumatische Erfahrungen, 83,7% wurden Zeugen von traumatischen Erfahrungen anderer Menschen und 88.2% wurden Zeugen von Zerstörungen durch den Krieg. 54% der befragten Schüler trafen die Kriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung (El-Khodary 2020). 

Im Jahr 2010 wurden 449 Kinder im Gaza-Streifen befragt. Die Kinder hatten im Durchschnitt ca. 3,6 unterschiedliche traumatische Erfahrungen im Zusammenhang mit Krieg gemacht. 12.4% trafen deutlich die Kriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung, ca. ein Drittel trafen teilweise die Kriterien einer Posttraumatische Belastungsstörung, 20,5% hatten Angststörungen und 22,3% zeigten Depressionen (Azis et al. 2015).

Armut, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und weitere Problemlagen in dieser Region sind hinreichend bekannt und nicht minder folgenreich. 

Solche Gesellschaften sind tief traumatisierte Gesellschaften. Trotzdem wird nicht die Mehrheit der Menschen dort zu Terroristen (tatsächlich dürften die meisten negativen Folgen im körperlichen und psychischen Gesundheitsbereich auszumachen sein), aber die Wahrscheinlichkeiten dafür steigen. Diese "Trauma-Täter" sind es dann, die grauenvolle Taten begehen. 

Ihre Taten werden nur auf Basis eines abgespaltenen, entfremdeten Selbst möglich (Gruen 2002). Mitgefühl ist dann nicht mehr möglich. Ohne das Fühlen sind Menschen zu allen erdenklichen Taten fähig. Es sind keine „Barbaren“ oder „menschlichen Tiere“ (wie wir so oft in den Medien lesen konnten), die Israel mit Folter, Tod und Grauen überzogen haben. Es sind Menschen mit einer Trauma-Geschichte; Menschen, die ihre menschlichen Gefühle verloren haben und in absoluten Hass abgeglitten sind. Und ja, es sind Täter, die trotzdem voll für ihre Taten verantwortlich sind. Ihre Traumageschichte entschuldigt nichts!
Und ja, solche „Trauma-Täter“ müssen gestoppt werden, denn ihre Entwicklung ist abgeschlossen und unter den Umständen vor Ort wohl nicht mehr rückgängig zu machen bzw. bzgl. Hassgefühlen abzumildern.

Ich plädiere an dieser Stelle eindringlich dafür, die von Israel gefangen genommen Hamas-Terroristen später ausführlich bzgl. traumatischen Erfahrungen (vor allem auch in der Kindheit) zu befragen. Die Ergebnisse werden sicher aufschlussreich sein, auch bzgl. der langfristigen Prävention. 

Fataler Weise überzieht das israelische Militär in seiner aktuellen Reaktion und Terrorabwehr neben Hamas-Terroristen auch die Bevölkerung in Gaza, dabei vor allem auch die Kinder, mit neuen schweren Traumaerfahrungen. Gepaart mit den Gewalterfahrungen in den Familien, Schule und Nachbarschaft entsteht heute in Gaza die neue Trauma-Generation, die morgen eine traumatisierte Gesellschaft bilden und gestalten wird. Der Kreislauf schließt sich erneut... 

Die kriegerischen Ereignisse vor Ort füllen aktuell den Nährboden für Terrorismus und Hass enorm auf.

Von manchen Experten hörte ich sagen, dass die Mentalität vor Ort eine andere sei und die radikalisierten Kreise keine harte Reaktion mit Schwäche gleichsetzen würden. Das mag so sein oder auch nicht. Bzgl. der sachlichen Traumanalyse bleiben alle politischen Überlegungen an dieser Stelle irrelevant. Denn Menschen sind überall gleich, wenn es um mögliche Traumafolgen geht. Eine „harte Reaktion“ bedingt vielfache neue Traumatisierungen und schürt die Gefühlskälte und den Hass, denen es langfristig ja eigentlich zu entgegen gilt. Dies bleibt, wie auch immer man die politische Lage vor Ort einordnen mag, eine Tatsache. 

Die neuen Kriegstraumatisierungen werden zudem auch transgenerational weitergegeben. Kriegstraumatisierte Menschen haben keine guten Ausgangsbedingungen dafür, besonders gute, herzliche und fürsorgliche Eltern zu werden. "Blitzableiter" werden in vielen Fällen erneut die Kinder sein. 

Abschließend noch der Hinweis auf den Fall "Sa'ed“ (einem Palästinenser, der Teil der sogenannten Aqsa-Brigaden wurde und der schließlich einen Selbstmordanschlag in Jerusalem verübte). Sein Fall zeigt genau diese Kombination von Belastungen bzw. kumulierte Trauma-Erfahrungen (Familie, Umfeld + Kriegserlebnisse) auf, die schließlich in die Radikalisierung führten. Seinen Fall habe ich hier im Blog bereits ausführlich besprochen. 

Dieser Text steht außerdem in einer Linie mit dem Text "Kindheit und islamistischer Extremismus/Terrorismus - eine Übersicht", den ich zeitgleich veröffentliche. 


Quellen:

Azis, A., Thabet, M. & Vostanis, P. (2015). Impact of Trauma on Palestinian Children’s and the Role of Coping StrategiesBritish Journal of Medicine & Medical Research, 5(3), S. 330-340.

El-Khodary, B., Samara, M. & Askew, C. (2020). Traumatic Events and PTSD Among Palestinian Children and Adolescents: The Effect of Demographic and Socioeconomic Factors. Front Psychiatry. 11(4). doi: 10.3389/fpsyt.2020.00004 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7137754/

End Corporal Punishment (2021). Corporal punishment of children in the State of Palestine. http://www.endcorporalpunishment.org/wp-content/uploads/country-reports/StateOfPalestine.pdf

Goldstein, T. (2021, 02. Mai). Palästinensische Schüler lernen Hass und Gewalt – mit deutschen Geldern. Welt-Online. 

Gruen, A. (2002). Der Fremde in uns. Deutscher Taschenbuchverlag, München.

Horino, M., Abu-Rmeileh, N.M.E.,  Yang, W., Albaik, S., Al-Kathib & Seita, A. (2023). Exploring the link between adverse childhood experiences and mental and physical health conditions in pregnant Palestine refugee women in Jordan. Public Health, Volume 220, S. 179-186. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0033350623001531?via%3Dihub

Mohamed, A. S. A., El-Asam, A. & Khadaroo, A. (2023). Impact of chronic war trauma exposure on PTSD diagnosis from 2006 -2021: a longitudinal study in Palestine. Middle East Current Psychiatry, 30(14), S. 1-8. https://mecp.springeropen.com/articles/10.1186/s43045-023-00286-5

Palestinian Central Bureau of Statistics & UNICEF (2012). Final Report of the Multiple Indicator Cluster Survey in the Palestinian camps and gatherings in Lebanon in 2011. Ramallah – Palestine.

Palestinian Central Bureau of Statistics (2019). Preliminary Results of the Violence Survey in the Palestinian Society 2019. Ramallah – Palestine. https://palestine.unfpa.org/sites/default/files/pub-pdf/violence_survey_preliminary_results_2019.pdf

Palestinian Central Bureau of Statistics & UNICEF (2021). Palestinian Multiple Indicator Cluster Survey 2019-2020, Survey Findings Report. Ramallah, Palestine.

Pearce, T. (2023, 10. Nov.). Man Raised By Hamas Tells Horrifying Story Of Their Brutal Indoctrination. Daily Wire. https://www.dailywire.com/news/man-raised-by-hamas-tells-horrifying-story-of-their-brutal-indoctrination 

Rössler, H.C. (2015, 01. Feb). GAZA - Tausende Jugendliche trainieren für den Krieg. FAZ.net. https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/gaza-streifen-tausende-trainieren-fuer-den-krieg-13399720.html

UNICEF - United Nations Children’s Fund (2017). A familiar face: violence in the lives of children and adolescents. New York.



Freitag, 20. Oktober 2023

Kindheit von Joe Biden

Über die Kindheit von US-Präsident Joe Biden fand ich den verwendeten Quellen nicht all zu viele Informationen, die es hier hervorzuheben gilt. 

Ich bin ja bekanntlich jemand, der eher auf belastende Kindheitserfahrungen fokussiert ist, gerade auch bei politischen Führern. Joe Biden sticht allerdings als Person und Präsident nicht gerade durch eine derartige Destruktivität hervor, wie sie einige seiner Vorgänger gezeigt haben. Insofern hatte ich persönlich auch nicht damit gerechnet, eine hoch traumatische und gewaltbelastete Kindheit bei ihm zu finden, wie ich sie z.B. bei Donald Trump oder George W. Bush fand. 

Joe Biden wurde 1942 in den USA geboren. Beide Sachverhalte (Sitten der damaligen Zeit und hohe Gewaltbelastungen – auch heute noch - vieler amerikanischer Kinder) erhöhen i.d.R. allein statistisch die Wahrscheinlichkeit für Belastungen in der Kindheit. Darunter zähle ich u.a. die Wahrscheinlichkeit, von den eigenen Eltern Prügelstrafen verabreicht bekommen zu haben. Nun, wir werden sogleich sehen, was ich fand. 

Einige Belastungen fielen mir in der Tat ins Auge. Biden war sein Leben lang Abstinenzler. „Er erklärt das damit, dass es in seiner Familie zu viele Alkoholiker gegeben habe. Als Heranwachsender teilte er sich ein Zimmer mit dem Bruder seiner Mutter und erinnert sich daran, dass er und seine Geschwister `schon als Kind bemerkten, dass Onkel Boo-Boo ein bisschen zu viel trank`“ (Osnos 2020, S. 45).

Die bedeutsamste Kindheitserfahrung Joe Bidens war die, mit einem Stottern aufzuwachsen“ (Osnos 2020, S. 56). O-Ton „Ich kann mich derart lebhaft an die quälende Angst, die Scham, die ohnmächtige Wut erinnern, dass es sich anfühlt, als hätte ich es vor wenigen Augenblicken erlebt“ (Osnos 2020, S. 56.) Andere Kinder betrachteten ihn als zurückgeblieben und betitelten ihn mit Spitznamen. 

Einmal machte sich sogar eine Lehrerin (eine Nonne) vor der Klasse über sein Stottern lustig. Joe verließ wütend den Unterricht und ging einfach nach Hause. Dort empfing ihn bereits seine Mutter, die durch die Schule von seinem Weglaufen informiert worden war. Sie fuhr mit ihrem Sohn zur Schule und stellte die Lehrerin zur Rede. Als diese den Sachverhalt zugab, sagte die Mutter: „If you ever speak to my son like that again, I´ll come back and rip that bonnet off your head. Do you understand me?” (Witcover 2010, S. 20). Danach schickte sie ihren Sohn wieder zurück in seine Schulklasse. Eine eindrucksvolle Bestätigung von dem familiären Zusammenhalt und den moralischen Prinzipien in der Familie Biden. Joe lernte schließlich im Laufe der Zeit, sein Stottern unter Kontrolle zu bekommen. 

Die Geschwisterkinder der Familie Biden waren sehr eng miteinander verbunden, klärten Konflikte untereinander und passten aufeinander auf (Witcover 2010, S. 15f.). Auch insgesamt entstand bei mir beim Lesen der Quellen der Eindruck, dass diese Familie zusammenhielt und sich gerne mit anderen Menschen austauschte und in Verbindung stand. 

Valerie Biden Owens, die jüngere Schwester von Joe Biden, sagte über die gemeinsamen Eltern:
Each had a backbone of steel. They were principled people. My parents tried to teach about basic decency and basic justice, and sometimes we got it and sometimes we didn`t. My parents never hit us” (Witcover 2010, S. 16). 

Dies ist die für mich größte Überraschung bzgl. der Kindheit von Joe Biden: Seine Eltern wendeten überhaupt keine Körperstrafen gegen die Kinder an. Damit gehörten die Biden-Kinder zu einer wirklich sehr kleinen Minderheit ihrer Generation in den USA, die Zuhause gewaltfrei aufwachsen durfte! 

Quellen:

Osnos, E. (2020). Joe Biden. Ein Porträt. Suhrkamp, Berlin.

Witcover, J. (2010). Joe Biden. A Life of Trial and Redemption. Harper Collins, New York.


Freitag, 8. September 2023

Kindheiten von jungen Frauen aus jihadistischen bzw. salafistischen Gruppen

Nina Käsehage ist in einem aktuellen Beitrag erneut auf die destruktiven Kindheiten von Mädchen und jungen Frauen (Alter 15 bis 21 Jahre), die Mitglieder von jihadistsichen bzw. salafistischen Gruppen in Deutschland sind, eingegangen:

Käsehage, N. (2023). Jihadistische Sozialisationsprozesse junger Mädchen aus gewaltaffinen Milieus. In: Langer, J., Zschach, M., Schott, M. & Weigelt, I. (Hrsg.). Jugend und islamistischer Extremismus: Pädagogik im Spannungsfeld von Radikalisierung und Distanzierung
Verlag Barbara Budrich, Opladen - Berlin - Toronto. Kindle E-Book Version. S. 147- 164. 

Ich hatte bereits in einem Blogbeitrag eine andere Arbeit von Käsehage besprochen, innerhalb der es um 50 junge Frauen aus Europa ging. Ob diese 20 Fälle aus Deutschland auch in dem Sample aus Europa enthalten waren, erschließt sich nicht (ist aber zu vermuten, da sie 2024 das Buch "Frauen im Dschihad: Salafismus als transnationale Bewegung" herausbringen wird, in dem es um befragte Frauen aus Europa gehen wird).
In beiden Texten werden jedenfalls die gleichen Ergebnisse aufgezeigt: Die Kindheiten dieser Frauen waren vielfach belastet. „Sämtliche Gesprächspartnerinnen wiesen unterschiedliche Missbrauchsformen in ihrer Kindheit und Jugend auf. Vielfach erlebten die Respondentinnen eine Kombination von sexueller und psychischer Gewalt“ (Käsehage 2023, S. 155.). 

Käsehage unterlegt diese Ausführungen mit Fallbeispielen, die teils unfassbar heftige Gewalterfahrungen wie häufige Vergewaltigungen durch den eigenen Onkel oder den eigenen Vater enthalten. 

Eine Befragte, die seit ihrem 10. Lebensjahr von ihrem Vater vergewaltigt worden ist, rechtfertigt die Gewalt des IS und scheint mit der Macht identifiziert zu sein. Die Gewalt durch den Vater habe ihr außerdem gezeigt, was Allahas Plan sei und „ (…) es hat mir sehr früh gezeigt, dass die Menschen schlecht sind und rechtgeleitet werden müssen“ (ebd. S. 156).

Käsehage kommentiert den Fall weiter so:
Die Konstruktion eines religiösen Narratives, in dem der erlebte Schmerz Teil eines göttlichen Plans gewesen sei, um sie auf den ihr vorbestimmten  (religiösen) Weg vorzubereiten, helfen der Jihadistin, dem widerfahrenen  Leid einen ‚Sinn‘ zu geben. Andernfalls wäre sie vermutlich an diesen Erfahrungen zerbrochen. Die eigene Zugehörigkeit zur ‚auserwählten‘ Gruppe der  Kämpfer:innen, zu der sie ihre jihadistische Bezugsgruppe zählte, verlieh der Respondentin das Bewusstsein, „kein Opfer“ (…) mehr zu sein (…). Diesen Wunsch äußerten sämtliche Befragten“ (ebd. S. 156)

Das sind im Grunde ganz ähnliche Argumentations- und Verdrehungsmechanismen, wie ich sie so oder so ähnlich auch oft bzgl. Rechtsextremisten gelesen habe! 

Auch folgende Zusammenfassung von Käsehage kann man so ähnlich auch bzgl. Untersuchungen von Rechtsextremisten finden: „Die frühen Traumatisierungen, denen die Befragten durch den körperlichen und seelischen Missbrauch im familiären Umfeld  ausgesetzt waren, scheinen ihr Interesse an einer Kanalisierung der bislang  unterdrückten Wut und Ohnmacht, die sich im Zuge der Gewalterfahrungen in ihnen aufgestaut hatte, über die jihadistische Bezugsgruppe und deren Ideale zu erklären“ (ebd., S. 158). 

Auch die Probleme bzgl. der eigenen Person und Selbstwahrnehmung finden sich so ähnlich immer wieder auch bei Rechtsextremisten. Die Mehrheit der Befragten bei Käsehage hatten z.B. starke Selbstwertprobleme und eine große Sehnsucht nach Stärke und Führung durch Männer. 15 Befragte verwendeten die Begriffe „wertlos“ und „klein“ in Bezug auf die eigene Person (ebd., S. 152). Bei den Rechtsextremisten, die ja mehrheitlich Männer sind, findet sich die Sehnsucht nach Stärke, Führung und Halt dann eher im Ausdruck einer „überstarken“ traditionellen Männlichkeit und durch eigenes Gewaltverhalten in der Gruppe. 

Schlussendlich kann man der Autorin nur zu dieser Arbeit gratulieren! Sie schreibt und argumentiert trauma-informiert (was man leider nicht über viele Forschende aus dem Extremismusbereich sagen kann) und legt den Fokus letztendlich auf Prozesse, die weniger mit Ideologie zu tun haben, sondern mehr mit der besonderen Attraktivität (Halt, Sicherheit, Schwarz-Weiß-Denken, klare Feindbilder, Identitätsstiftung, Ausleben von Wutgefühlen, Ausstieg aus der Opferrolle usw.) von extremen Ideologien für einst als Kind schwer belastete Menschen. 


Mittwoch, 23. August 2023

Der Historiker David G. Marwell und die Kindheit von Josef Mengele

David G. Marwell ist amerikanischer Historiker und hat das Buch „Mengele. Biographie eines Massenmörders“ (2021, wbg Theiss, Kindle E-Book Version; original Titel aus 2020: „Mengele: Unmasking the "Angel of Death") geschrieben.

Für mich bot das Buch eine große Überraschung und lenkt mein Interesse auf den Autor an sich. 

Belastende Kindheitserfahrungen von Josef Mengele habe ich relativ ausführlich in meinem Buch besprochen. Meine beiden Quellen dafür waren: 

Knopp, G.  (1998): Hitlers Helfer. Täter und Vollstrecker. C. Bertelsmann Verlag, München.

Völklein, U. (1999): Josef Mengele – Der Arzt von Auschwitz. Steidl Verlag, Göttingen.

Die Kindheitsbelastungen von Josef Mengele lassen sich diesen Quellen zufolge wie folgt zusammenfassen: im Alter von drei Jahren fast ertrunken, weil niemand auf ihn aufgepasst hatte (Rettung in letzter Sekunde); der Vater war chronisch abwesend, seine sehr dominante Mutter (die bei ihren Angestellten gefürchtet war) war ebenfalls häufig abwesend, Personal kümmerte sich um das Kind, Gefühlskälte in der Familie und Erziehung, häufige Streitigkeiten zwischen den Eltern, hohe Erwartungen und Gehorsamsforderungen, Vater war sehr dem Alkohol zugeneigt, beide Elternteile wendeten Körperstrafen gegen das Kind an (Fuchs 2019, S. 290-292).

Und jetzt die Überraschung: Von den genannten Belastungen findet man fast nichts in dem viel neueren Buch von David G. Marwell! Wie kann das sein?

Das erste Kapitel, in dem er auch den Blick auf Kindheit und Familie von Mengele richtet, fängt Marwell so an:
Allen Berichten nach ließ wenig darauf schließen, dass Mengeles Zuhause einen Mann hervorbringen würde, der zum `Todesengel` werden sollte. Anzeichen für extreme politische Überzeugungen, Antisemitismus und Fähigkeit zum Mord sind schwer zu finden. Studien über den sozialen Hintergrund und die Kindheitserfahrungen von Männern, die später Verbrechen unter den Nazis verübten, beschreiben oft die Wirkung des Ersten Weltkriegs auf ihre psychische und emotionale Entwicklung“ (Marwell 2021, S. 18).

In diesen einleitenden Sätzen sind gleich zwei Ausblendungen enthalten, was Einfluss von Familie und Kindheit angeht. Insofern ahnte ich nach diesen Zeilen schon, wie es weitergehen würde…und zwar so:

Während Mengele seinen Vater später als `gutmütig und weichherzig` beschrieb, war seine Mutter `äußerst resolut und energisch`. Nach Aussage eines Bekannten war das Erscheinen von Mengeles Mutter in der Fabrik viel mehr gefürchtet als das seines Vaters“ (ebd., S. 19).

In seiner Autobiografie widmete Mengele über 100 Seiten seiner Kindheit und Jugend und zeichnete das Bild einer behüteten Kindheit inmitten von Eltern, Großeltern und Hausangestellten“ (ebd., S. 19).

Mit seinen jüngeren Brüdern Karl und Alois, die in den folgenden drei Jahren geboren wurden, verlebte er eine recht unbeschwerte und ereignislose Kindheit“ (ebd., S. 19). Dem hängt der Autor noch an, dass laut einem Kindheitsfreund von Mengele die Atomsphäre in der Familie „konservativ, katholisch, konventionell“ gewesen wäre. 

Bei diesen spärlichen Ausführungen bzgl. der Innenansicht der Familie bleibt es im Grunde. Das Bild, das der Autor zeichnet, ist ziemlich deutlich: Es war halt eine ganz normale Familie, die sogar im Wohlstand lebte. In der Kindheit von Mengele findet der Autor keine Auffälligkeiten. 

Laut dem Quellenverzeichnis hat Marwell auch das von mir als Quelle verwendete Buch „Hitlers Helfer. Täter und Vollstrecker“ von Ulrich Völklein verwendet. Dem Buch von Völklein konnte ich u.a. entnehmen, dass beide Elternteile Körperstrafen gegen ihren Sohn Josef anwendeten, was eine massive und folgenreiche Belastung für ein Kind bedeutet. Kein Wort davon bei Marwell. 

Nun müssen wir auf zwei Dinge blicken: Marwell ist Amerikaner und wurde 1951 geboren. 

In den USA sind Körperstrafen gegen Kinder bis heute in keinem einzigen US-Staat verboten. In vielen Staaten ist sogar weiterhin das Schlagen von Kindern in der Schule erlaubt und wird auch praktiziert. Eine Mehrheit der Amerikaner befürwortet weiterhin das elterliche Recht, Kinder körperlich zu bestraften. Von seinem Geburtsjahr her, dürfte David G. Marwell mit einer hohen Wahrscheinlichkeit noch weit aus mehr von dieser Art Einstellungen bzgl. Körperstrafen geprägt worden sein, als dies heute der Fall ist. Wer in einer Kultur aufgewachsen und geprägt wurde, die kein Problem mit dem Schlagen von Kindern hat (und in der Folgen auch keine negativen Folgen für die Kinder sehen möchte), der ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch blind gegenüber Kindheitsleid, wenn es um die Erforschung von historischen Akteuren geht. 

Insofern wird hier der Historiker David G. Marwell für mich quasi selbst zum Forschungsobjekt. Er ist darüber hinaus auch kein Einzelfall. In meinem Buch habe ich ein eigenes Kapitel unter dem Titel „Das große Schweigen“ verfasst, in dem ich u.a. das häufige Wegsehen von Fachleuten bzgl. Kindheitsleid von historischen und politischen Persönlichkeiten besprochen habe. 
Dieses Wegsehen gilt übrigens auch für die für mich ergiebige Quelle "Völklein" (siehe oben). Immerhin hat er diverse Daten und Infos bzgl. der Kindheit von Mengele aufgeführt, die für mich hilfreich waren. Ganz und gar erstaunlich ist dagegen das Schlusswort des Biografen Ulrich Völklein (Historiker und Journalist) am Ende des Kapitels über die Kindheit und Jugend: „Josef Mengele erlebte zwar keine behütete und beschirmte Kindheit in der Geborgenheit seiner Familie, aber es war eine von wirtschaftlicher Not freie Jugendzeit in dem überschaubaren Beziehungsgeflecht einer kleinen Stadt in Schwaben. Nichts in seinen äußeren Lebensbedingungen kann als notwendige Voraussetzung seiner späteren Entwicklung gedeutet werden" (Völklein 1999, S. 52). 

Abschließend sei noch erwähnt, dass das Buch von Marwell für mich immerhin zwei neue Infos bzgl. der Kindheit von Josef Mengele gebracht hat. 

Josef scheint ein sehr kränkliches Kind gewesen zu sein und das hatte Folgen: 
Mengeles Schulakte zeigt, dass er seit dem Schuljahr 1927–28 eine Reihe von Infektionen wie Knochenmarkentzündung, Nierenentzündung und Blutvergiftung hatte und wegen dieser Krankheiten längere Zeit die Schule versäumte. Sie führten auch zu einem bleibenden Nierenschaden. Dies hinderte ihn daran, das Familienunternehmen zu übernehmen, was ihm als ältestem Sohn zugestanden hätte“ (Marwell 2021., S. 22). 

Außerdem scheint um die Geburt von Josef eine gewisse Aufregung in der Familie geherrscht zu haben. Denn das erste Kind der Familie war wenige Tage nach der Geburt gestorben (ebd., S. 19). Wie diese Tragödie die Familie geprägt hat, lässt sich nur erahnen. 

Kommen wir nochmals zurück zur Einleitung von Marwell: „Allen Berichten nach ließ wenig darauf schließen, dass Mengeles Zuhause einen Mann hervorbringen würde, der zum `Todesengel` werden sollte“, schreibt er. 

Wie ich auf Grundlage anderer Quellen (wie oben beschrieben) nachweisen konnte, war die Kindheit von Josef Mengele schwer belastet. Dies führt nicht automatisch dazu, dass jemand zum Täter und Massenmörder wird. Diese Kindheitserfahrungen bilden allerdings das Fundament für destruktives Agieren bzw. die belastenden Kindheitserfahrungen erklären, warum ein Mensch zum „Todesengel“ werden konnte. Die NS-Forschung legt sich selbst Steine in den Weg, wenn sie nicht endlich trauma-informiert wird! Vermutlich wird dies zukünftig - aus oben besagten Gründen - eher die jüngere Forschergeneration erfüllen.  


Mittwoch, 16. August 2023

Zwischenbilanz: Entwicklung meiner Arbeit, aber auch meiner Person

Es wird Zeit für einen Zwischenbericht zur Entwicklung meiner Arbeit, aber auch über meine persönliche Entwicklung. 

Ich erinnere mich heute zunächst zurück an das Jahr 2003. Damals war ich noch Student der Soziologie an der UNI Hamburg. Im Nebenfach Politologie hielt ich innerhalb eines Seminars über Kriegsursachen ein Referat über die Zusammenhänge zwischen destruktiven Kindheitserfahrungen und Krieg. Geleitet wurde das Seminar von einer Dozentin, die auch aktives Mitglied der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) war. 

Geprägt war ich zu der Zeit ganz wesentlich von dem ca. Anfang 2002 veröffentlichen Buch „Der Fremde in uns“ von Arno Gruen, aber auch von „Am Anfang war Erziehung“ von Alice Miller. Ergänzend konnte ich zwei Semester lang einer großen Vorlesungsreihe am UKE von Peter Riedesser (früherer  Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Experten für Psychotraumatologie) über Kindheit folgen. Diese Vorlesungen, fast alle von Riedesser persönlich gehalten, haben mich damals schwer beeindruckt und auch bestätigt. Später fand ich einen eindrucksvollen Text (bzw. eine Rede) von Riedesser, aus dem ich auch heute noch oft zitiere. 

Schon damals erkannte ich für mich die absolut wertvollen Aussagen von Gruen und Miller, die gesellschaftliche destruktive Prozesse auf einer tieferen Ebene analysierten. Schon damals sah ich aber auch, wie beiden Arbeiten empirisches Material und handfeste Daten fehlten, weil sie sehr psychoanalytisch ausgerichtet waren. 

Meine damalige Hausarbeit (Titel: Der "Krieg" in den Kinderzimmern als Wurzel kriegerischer Gewalt) war ein erster Versuch, diese „Lücke“ zu schließen. Im Jahr 2003 war meine Herangehensweise provokant. Zudem musste ich auf die noch verhältnismäßig wenig Daten über das internationale Ausmaß von Gewalt gegen Kinder zurückgreifen (was heute ganz anders aussieht). 

Ich werde nie das Gefühl vergessen, als der Tag der Besprechung meiner Hausarbeit anstand. Die Rahmenbedingungen entsprachen auf eine Art dem Thema. Das Gebäude, in dem der Termin mit der Dozentin stattfand, war von innen her ein fast klassisches „Behördengebäude“: Optisch kalte und karge Räume und Gänge, große und lange Flure. Ich weiß nicht warum, aber als ich das Gebäude betrat, war kein einziger Mensch zu sehen, auch auf meinem Weg nach oben zum Raum der Dozentin nicht. Es war fast etwas unwirklich und ich rechnete damit, hinter der Tür mit der mir aufgezeigten Raumnummer niemanden anzutreffen. Nun, da saß sie nun, meine Dozentin und wir begannen damit, meine Hausarbeit zu besprechen. 

Mit Anfang 20 ist man noch nicht ganz reif und neigt auch zur Überschwänglichkeit. Ich betrat damals mit dem Gefühl diesen Raum, dass ich jetzt Meldung bei der „Feuerwehr“ abgeben werde. Die Dozentin repräsentierte für mich die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) und mir war bewusst, dass Kindheitserfahrungen in der sozialwissenschaftlich ausgerichteten Ausrichtung dieser Einrichtung kein Thema war. Ich kam mit dem Gefühl, den „Schlüssel“ zu übergeben, der dann weitergereicht werden sollte. 

Nun, meine Erwartungen wurden enttäuscht. Auf den Inhalt ging die Dozentin kaum ein. Meinen Ausführungen lauschte sie zwar, gab aber am Ende bzgl. der Benotung den Kommentar, dass ich die einigermaßen gute Note vor allem auf Grund meiner Vielzahl an Quellenarbeit erhalten würde. 

Diese Hausarbeit war mein Startpunkt bzgl. der Erforschung der politischen Folgen von Kindheit. Seit ca. 2001 hatte ich mich zuvor intensiv mit dem Gesamtthemenkomplex Kindesmisshandlung und den individuellen Folgen befasst. Damals betrieb ich auch eine Homepage über das Thema, die ich dann später einstellte. Nun betrat ich zunehmend den politischen Raum. 

An der Tür der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) wurde ich nach meinem Empfinden abgewiesen. Später schickte ich noch – in meinem jungen Überschwang... - die überarbeitete und ausgeweitete Hausarbeit an diverse Mitglieder der AKUF. Reaktion bekam ich nur von einer einzigen Person, die im Jahr 2003 noch studentische Hilfskraft des oben besprochenen Seminars gewesen war und die meine Hausarbeit mit kontrolliert hatte. Wir verfielen in einen tagelangen Emailverkehr zu dem Thema. Im wesentliche kam heraus, dass das Thema Kindheitseinflüsse abgewehrt wurde. 

Diese Abwehr des Themas blieb jahrelang mein beständiger Begleiter. Oder besser gesagt: Die Nicht-Reaktion auf Anschreiben, Aussagen, Gespräche und Blogbeiträge. Dies änderte sich erstmals im Jahr 2012, als mein Arbeitspapier „Als Kind geliebte Menschen fangen keine Kriege an: Plädoyer für einen offenen Blick auf die Kindheitsursprünge von Kriegen“ am Lehrstuhl Internationale Politik der Universität zu Köln veröffentlicht wurde. Prof. Dr. Thomas Jäger hatte nach einem kurzen Austausch mit mir Interesse für das Thema gezeigt und wollte dazu etwas von mir veröffentlichen. 

Irgendwann in den Jahren danach kam ein Vertreter der Gesellschaft für Psychohistorie und Politische Psychologie e. V. auf mich zu und regte eine Zusammenarbeit an. Daraus entstanden dann erste Beiträge von mir im „Jahrbuch für psychohistorische Forschung“. Im Jahr 2018 schrieb ich mein Buch und konnte es durch die Vermittlung von Dr. Ludwig Janus 2019 im Mattes-Verlag veröffentlichen. Das Buch hat mir in der Folge viele Türen geöffnet. Es entstanden weitere einzelne Fachbeiträge von mir und seit dem Jahr 2021 wurde ich ergänzend zu einigen Fachvorträgen u.a. auch von renommierten Akteuren wie „Deutsche Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin“, „Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin“ oder dem „Deutschen Präventionstag“ eingeladen. 

Beim Deutschen Präventionstag (dem größten europäischen Kongress zur Kriminalprävention) ist ergänzend auch ein großer Text von mir erschienen. Mehr fachlichen „Feueralarm“ kann ich im Grunde fast nicht mehr auslösen :-), was mich emotional enorm entlastet.  

Nebenbei verbreitete sich mein Buch immer weiter in Fachkreisen (mit so einigen Fachleuten hatte ich auch persönlich Kontakt und Austausch) und ist mittlerweile auch in so manchen Büchern zitiert worden. Auch renommierte Kriminologen wie Christian Pfeiffer und Dirk Baier haben mein Buch gelesen und darauf verwiesen (wobei Pfeiffer mein Buch als „wichtiges Buch“ bezeichnet hat, während Baier es halb würdigte und halb kritisierte). 

Warum schreibe ich dies alles?
Es ist zum einen ein großer Rückblick auf die vergangenen über 20 Jahre. Was aber viel wesentlicher ist, ist das ganz private und persönliche Gefühl von mir, das mit dieser Entwicklung einhergeht. Die beständige Bestätigung der Bedeutsamkeit meiner Erkenntnisse und auch die Anerkennung dieser Arbeit, dabei vor allem auch die Anerkennung, dass diese einen hohen Wahrheitsgehalt hat, haben mich nervlich wirklich extrem beruhigt. Ich fühle mich nicht länger als jemand, der einen Brand sieht, überall anruft und man lässt es halt brennen. Klar, auf gesellschaftlicher Ebene fehlt weiterhin viel an Bewusstsein. Dass die genannten Fachkreise meine Arbeit gesehen haben, gibt mir aber einfach ein gutes und auch beruhigendes Gefühl. 

Die Kehrseite des Ganzen: Meine Motivation ist etwas abgeflaut. Oder anders gesagt: Es „brennt“ auch weniger in mir, das „Feuer“ wurde quasi auch innerlich etwas gelöscht, was ich persönlich sehr gute finde. Nach den Coranajahren und dem für mich, als unternehmerisch tätigen Menschen, schwierigem Wirtschaftskrisen-Jahr 2022 (ausgelöst durch den Ukraine-Krieg, der wiederum viel mit Kindheit in Russland zu tun hat; ich als Unternehmer also quasi – meinen psychohistorischen Erkenntnissen nach - auch ein Stück weit an den Folgen von Kindheit in anderen Ländern zu leiden hatte...) steht zudem auch die Frage im Raum: Wie viel Zeit möchte ich dem Thema noch zugestehen? Die Zeit, die ich dem Thema widme, ist - außer bzgl. dem Buch - unbezahlt und ehrenamtlich. Meine Antwort ist, dass ich deutlich weniger Zeit in das Thema stecken werde. 

Das hat auch etwas damit zu tun, dass ich im Grunde kaum noch Entdeckerarbeit sehe. Alle für mich wesentliche Bereiche habe ich ergründet und bearbeitet. Wesentliche neue Infos und Erkenntnisse verbreite ich meist über Twitter, weil dies einfach viel schneller zu machen ist, als über einen Blogbeitrag und die Reichweite auch größer ist. Blogbeiträge kommen sicher noch, aber nicht mehr so häufig. 

Für meinen Blog sehe ich drei wesentliche Aufgaben vor mir:

1. Es muss dringend ein ausführlicher neuer und großer Beitrag über die Adverse Childhood Experiences Studien her. In Fachtexten, in meinen Vorträgen und innerhalb meines Twitter-Accounts ist die ACEs Forschung zentral. Im Blog habe ich das Thema dagegen bisher vernachlässigt. 

2. Nachdem die geplante Übersetzung meines Buchs ins Englische vorerst gescheitert ist, plane ich die Übersetzung zumindest eines großen Textes ins Englische. Das Thema ist viel zu wichtig, als dass ich meine Erkenntnisse nur im deutschsprachigen Raum verbreite. 

3. Immer noch plane ich den Umzug des Blogs. Eine entsprechende Domain habe ich bereits reserviert. Der Blog soll optisch ansprechender und frischer werden. Viele Texte müssen zudem überarbeitet werden. Das wird sehr viel Zeit kosten und ist für mich nur Stück für Stück machbar (vermutlich innerhalb der nächsten drei Jahre). Am Ende soll dann quasi ein verschlankter Blog mit den zentralsten Beiträgen stehen, die dann für die „Ewigkeit“ im Netz allen zur Verfügung gestellt werden. Vermutlich werde ich auch einiges aus meinem Buch online stellen bzw. zusammenfassen. 

Und dann ist auch irgendwann auch mal gut. Immer wieder werde ich natürlich interessiert neue Infos sichten. Aber ich bin jetzt 46 Jahre alt und plane nicht, dass Thema derart intensiv bis ins Rentenalter zu bearbeiten. Letztendlich hängt es ja auch nicht mehr am Informationsstatus, sondern an dem Vermögen und Willen, die Dinge wahrzunehmen. Dafür braucht die Gesellschaft – die gesellschaftliche „Psyche“ - einfach ihre Zeit. Meine Texte werden diesen Prozess nicht beschleunigen, sondern nur ankitzeln. Es steht und fällt mit der Evolution von Kindheit (Verbesserung von Kindheitsbedingungen) und von persönlicher, wie auch kollektiver Aufarbeitung von erlebten Traumatisierungen. Dieser Prozess ist im Gang und er ist auch nicht zu stoppen. Evolution muss immer sehr langfristig gedacht werden. So ist es nun einmal in der Welt. 

Das lustige ist, dass sich, trotz der vielen gezeigten Entwicklungen, meine Grundaussagen seit dem Jahr 2003 im Grunde nie geändert haben. Damals zweifelte ich etwas an mir selbst, weil die Feedbacks so still, ausweichend oder kritisch waren. Durch meine vielen Datensammlungen habe ich diese Selbstzweifel längst überwunden. Im Kern bleibt die Grundaussage, dass eine friedlichere Kindheit eine friedlichere Gesellschaft/Welt zur Folge hat. Und natürlich gelten weiterhin die Sätze: "Als Kind geliebte Menschen fangen keine Kriege an!" und "Die Kindheit ist politisch!"

Für mich persönlich hat sich durch mein angearbeitetes "trauma-informiert-sein" allerdings der Blick auf meine Familiengeschichte, meine Verwandten, mein Umfeld, meine Alltagsbegegnungen und bzgl. dem täglichen Wahnsinn der Berichterstattungen über Geschehnisse in der Welt verändert. Viele Dinge sind für mich erklärbarer geworden. Privat sowie beruflich ist dies manches Mal auch nützlich für mich, weil man Warnzeichen bzgl. anderer Menschen und ggf. sich anbahnenden "dunklen Wolken" früher erkennt. 

Insgesamt bedauere ich etwas, dass ich schon mit Anfang 20 ein Stück weit Leichtigkeit im Leben verloren habe. Zu wissen, wie die Welt heute mit Kindern umgeht und wie unsere Vorfahren sogar noch weit schlimmer mit Kindern umgegangen sind, das hinterlässt auch Spuren. Realitäten auszublenden, kommt aber nicht für mich in Frage. Denn dies würde in der Folge auch bedeuten, Präventionsmöglichkeiten auszublenden.


Montag, 7. August 2023

Kindheit von Till Lindemann (Rammstein)

Jüngst haben diverse Frauen Vorwürfe gegen Till Lindemann von der Band Rammstein erhoben. Ich nahm dies zum Anlass, etwas über die Kindheit des Sängers zu recherchieren. Im Internet fand ich zunächst nicht viele Infos dazu. 

Ich fand nur zwei wichtige Details: Till, der damals Leistungsschwimmer war, hat seine Kindheit weitgehend im Sportinternat in der DDR verbracht (Könnau, S. (2023, 30. Mai): Rammstein-Frontsänger: Was Vater Werner über seinen Sohn Till Lindemann schrieb. Mitteldeutsche Zeitung.).
Damit einher ging eine räumliche Trennung von der Familie, aber vermutlich auch der auf Leistung bezogene Erziehungsrahmen, den die damalige DDR Leistungs-Sportlern aufdrückte. 

Seine Mutter Brigitte „Gitta“ Lindemann hat innerhalb eines Interview gesagt:  „Wir waren ja nicht immer sehr glücklich als Familie, weil es waren ja alles Individualisten und jeder meinte sein Anspruch realisierten zu müssen“ (SWR2 Tandem (2013, 21. August): Irgendein Mike Oldfield neuerdings, ca. Minute 3:18).

Ich habe mir dann das Buch „Mike Oldfield im Schaukelstuhl. Notizen eines Vatersvon Werner Lindemann (1988, Buchverlag Der Morgen, Berlin) besorgt. Der Vater von Till Lindemann berichtet darin über das Zusammenleben mit seinem Sohn, der als Neunzehnjähriger für eine kurze Zeit zu ihm aufs Land zog. Im Buch heißt sein Sohn „Timm“. 

Dass mit „Timm“ Till gemeint ist, hat der Sänger in einem späteren Nachwort zum Buch selbst ausgesagt: „Ich fand überhaupt nicht gut, dass mein Vater das einfach veröffentlicht hat, ohne mich zu fragen. Alle wussten, dass ich der Timm im Buch bin. Das waren mir zu viele Einblicke in mein Leben“ (Süddeutsche Zeitung (2020, 13. März): Vater und Sohn). 

In dem Buch fand ich ganz wesentliche Infos über die Kindheit von Till Lindemann. Sein Vater schreibt ganz zu Anfang statt einer Widmung: „Junge Bäume haben Mühe, hochzukommen im Schatten der alten“. Dieser Satz durchzieht auch das Buch, denn der Vater ringt stets mit sich, seinem Sohn und dem Vater-Sohn-Verhältnis. „Eine jähe Erkenntnis: Die Kluft zwischen Timm und mir ist breit und tief. Was weiß er über mich? – Was weiß ich über ihn? Der Junge hat in den vergangenen Jahren seltener an meinem Tisch gesessen, als der Vollmond am Himmel erschienen ist. In der Kinder- und Jugendsportschule war er beinahe jedes Wochenende gefordert: Schwimmtraining, Reisen, Wettkämpfe. Die gemeinsamen Tage in der Stadtwohnung könnte ich zählen; ich habe seit eh und je lieber hier draußen in unserem alten Bauernhaus zwischen den Weidenhügeln gesessen“ (Lindemann 1988, S. 10). 

Manchmal gibt es intensivere Begegnungen zwischen Vater und Sohn. Manchmal verläuft es auch so: „Timm hat wohl wieder seine Dunkelkammerzeit. Schweigend verlässt er das Haus, ohne Worte betritt er es. Keine Fragen, keine Antworten. Ein gefühlloser Schatten“ (S. 62). 

Der Vater scheint seinerseits auch sehr in sich zurückgezogen gewesen zu sein und wirkt melancholisch bis teils depressiv. An einer Stelle im Buch unterbricht er z.B. den Textfluss und schreibt einfach das Wort „Selbstmordeinsam“ dazwischen (S. 19). 

Tills Vater wurde im Zweiten Weltkrieg schwer belastet und musste als Jugendlicher kämpfen. Aufschlussreich ist, dass er seine Erinnerungen an seinen Sohn ständig mit Erinnerungen aus seinem frühen Leben unterbricht, die er auch oft mit „Erinnerung“ betitelt, um sie vom Rest des Textes abzugrenzen. Oft sind diese Erinnerungen geprägt von Berichten über belastende Erfahrungen. 

An einer Stelle erinnert er sich an das Jahr 1941, als er bei einem Großbauern in die Lehre ging. Der Bauer strafte ihn einmal mit einer Peitsche, weil er eingeschlafen war (S. 13). Auch erinnert er sich an konkrete Kriegserlebnisse, u.a. an verletzte Kameraden und der Gefahr, selbst getötet zu werden (S. 37f.). Auf der Flucht wird er von einem Panzer beschossen. „Mit jeder Granate fliegen zwei, drei Flüchtende in die Luft“ (S. 115). Oder er erinnert sich, wie ihn sowjetische Soldaten mit gezogener Pistole beklauen (S. 57f.). Dann ist er wieder im Hier und Jetzt mit Timm, um dann anzuschließen: „Aus dem Morgen, vom Dambecker See her, tief gestaffelt, ziehen Graugänse heran. Erinnerung überfällt mich: Flugzeuge – Sirenengeheul – pfeifende Bomben. Die grauen Keile – Wildgänse. Welch heiteres Geschwätz am Himmel“ (S. 58f.). Ich vermute allein auf Grund dieser Schilderungen bzgl. Flashbacks, dass Werner Lindemann an einer posttraumatischen Belastungsstörung gelitten hat. Dies kann auch Folgen für Angehörige und insbesondere Kinder haben (Stichwort: transgenerationales Trauma). 

Manchmal besucht die Mutter aus der Stadt kommend Vater und Sohn. Einmal gibt es Streit und sie sagt zu ihrem Mann: „Der Junge ist so verrückt, weil wir uns zu wenig um ihn gekümmert haben“. Der Vater: „Wie kümmern, wenn er jahrelang von früh bis spät, sieben Tage in der Woche im Schwimmbecken liegt?“. Die Mutter: „Wir hätten öfter mitfahren sollen“ (S. 65). 

Eine glückliche Familie scheint dies nicht gewesen zu sein, was ja auch die Mutter so ähnlich in dem Zitat oben ausgesagt hat. 

Werner Lindemann berichtet auch kurz über das eigene Erziehungsverhalten seinem Sohn gegenüber: es war offenbar auch geprägt von Gewalt. Der Vater hatte seinem Sohn alte Gedicht gezeigt. In einem Gedicht geht es um Fehlverhalten (meterlang die Tapete bemalt) von „Timm“ (der rechtfertigt sich damit, dass dies Arbeit gewesen wäre) und am Ende fragt der Vater sich „Bin ich berechtigt, Arbeit zu bestrafen? Timm liest die Gedichte und sagt lächelnd: `Du hast mir oft den Arsch versohlt`“ (S. 22). 

Dass der Vater zu Gewalt neigte, zeigt sich auch in einer weiteren Szene. Nach einem Streit mit seinem Sohn über Unordnung schreibt Werner: „Wo es an Argumenten fehlt, gebraucht man die Fäuste – ich hole aus, schlag zu. Timm wehrt sich. Ich stolpere, falle auf die Stufen des Hauseingangs. “ (S. 103). 

Vater und Sohn sprechen danach eine Zeit nicht miteinander. Seine Frau macht ihm später Vorwürfe wegen des körperlichen Übergriffs. Und er hält ein weiteres Streitgespräch mit ihr fest: „Kein Wunder bei unseren Scheißfamilienverhältnissen.“ Der Vater reagiert. „Ihr hättet ja alle mit nach hier ziehen können“. Die Mutter: „Du hättest dich ja öfter in der Stadt sehen lassen können“ (S. 105). 

Werner Lindemann und seine Frau sind noch ein Paar, leben aber wohl seit Jahren getrennt. 

Bereits bei der Geburt von „Timm“ war das Paar offensichtlich räumlich getrennt. Er habe in dem Haus der Familie als Untermieter zwei eigene Zimmer gehabt, schreibt Werner. „Als Timm geboren wurde, lebte jeder für sich“ (S. 143). 

Der Auszug seines Sohnes erfolgte heimlich und schweigend. Er ging einfach, ohne zu sagen wohin. Werner erfährt schließlich, wo sein Sohn jetzt wohnt und schließt sogleich damit, dass er in der Folge über eine Koppel läuft und die Umgebung auf sich wirken lässt. Er fügt direkt an: „Ein Augenblick, wo das Leben so vollendet scheint, dass ich sterben möchte“ (S. 186). Was für ein Ende für ein Buch über das eigene Vater-Sohn-Verhältnis... 

Montag, 19. Juni 2023

Kindheiten von 27 Neo-Nazis/Skinheads aus Schweden und den USA

Erneut habe ich eine Studie gefunden, innerhalb der deutlich auf Kindheitserfahrungen von Extremisten eingegangen wird: 

Mattsson, C. & Johansson, T. (2022). Radicalization and Disengagement in Neo-Nazi Movements: Social Psychology Perspective (Routledge Studies in Countering Violent Extremism). Routledge, New York. (Kindle E-Book Edition)

27 (davon fünf weiblich) ehemalige oder aktive Neo-Nazis/Skinheads aus Schweden und den USA wurden über lange Zeiträume (bis zu fünf Jahre lang) hinweg wiederholt befragt. Die Autoren fassen an manchen Stellen im Buch die Ergebnisse bzgl. der Kindheitsbedingungen der Befragten wie folgt zusammen: 

Most of the interviewees in the skinhead group describe their upbringing as characterized by a lack of care, often sheer neglect and physical and psychological violence. Growing up in conditions such as poverty, abuse, violence or other social ills risks undermining the individual`s life chances, but there are also large variations in how people relate to their upbringing” (S. 55). 

When we asked them about their experiences childhood, they sometimes found it difficult to convey a clear memory. It is often painful to be confronted with and process memories of parents who failed, and an adult world that has not been able to provide much-needed support in a chaotic life” (61). 

Several of our informants were bullied at school” (S. 63). 

There are recuring mentions about the betrayal of the adult world and a lack of trust. The betrayal has taken different forms. In some cases, it is about violence and extreme insecurity in the home. In others, it is more about emotional vulnerability and the fact that the adults have been absent. All informants express a desire to escape from their families and from the shame of being different, and to seek comfort and confirmation elsewhere” (S. 68). 

In einigen Fällen wird von einer Kindheit ohne Probleme berichtet, so z.B. bei “Andreas” und “Julius”. Zwischen den Zeilen der Selbstberichte fanden die Forschenden allerdings Auffälligkeiten: Andreas wurde von der Schule verwiesen und musste später zwei Jahre wiederholen; Julius verließ früh sein Zuhause, um den starken Kontrollbedürfnissen seines Vaters zu entkommen. Die Forschenden kommentieren: „These informants seem to be compelled to avoid the stereotype of the skinhead raised in a deprived home. Thus, there are reasons to believe that vital parts of their childhood memories are left out of the narrative” (S. 67). 
Während meiner Recherchen fand ich nicht oft solche Kommentierungen. Dabei sind dies ganz wichtige Anmerkungen! Es gibt viele Gründe dafür, warum solcher Art von extremistischen Akteuren nicht ausführlich und genau über ihre Kindheit berichten können oder wollen. Außerdem muss man auch "zwischen den Zeilen lesen", so wie hier durch Mattsson & Johansson geschehen. (Siehe dazu auch meinen Blogbeitrag Verklärt, beschönigt, verdrängt: Kindheiten von Gewalttätern und Extremisten. Eine Mahnung an die Forschung).

Wenn man sich die Fallbeispiele im Buch anschaut, fallen auch Mehrfachbelastungen in der Kindheit auf, so z.B. bei „Chris“:
My upbringing was marked by drugs and difficult home conditions. It was really bad. My upbringing was … traumatic, negative. I actually do not know how to describe it. It was very destructive and quite violent“ (S. 37). Sein Vater verbrachte zudem Jahre im Gefängnis und seine Mutter starb, als Chris ein Teenager war. 

Mehrfachbelastungen beschreibt auch “Carl”: “He grew up in a socially vulnerable environment, with an abusive father but a caring mother. Carl had difficulties being accepted at school, by both peers and teachers. (…) During his first 6 years of school, Carl reported being severely bullied and was on psychotropic medication due to his attention-deficit disorder” (S. 56). 

Auch "John" beschreibt vielfältige Problemlagen: “He describes his upbringing as quite chaotic. His parents got divorced, and he moved in with his father. He lost contact with his mother, but still has a good relationship with his father. Although he was never beaten as a kid, he often felt threatened by his father. (…) John tells us about a lack of adult support and a feeling of being on his own. During high school, he felt increasingly like an outsider” (S. 39). 

“Sofie” beschreibt keine Gewalterfahrungen, aber auch in ihrer Kindheit zeichnen sich deutliche Schatten ab: „Sofie’s parents were divorced before she was born. She describes growing up in a poor suburb, with a single mother. There was no violence or hatred, but a lack of parental guidance. Sofie’s relation with her mother was troublesome and complicated. She revolted and became a rowdy and unruly teenager” (S. 41). Sie beschreibt den Ort, an dem sie aufwuchs zudem als „Ghetto“.
Sofie “sees her half-siblings get the father’s full attention while she herself strives for it without feeling that she gets his support” (S. 180). 

Im Fall “Sven” finden sich keine deutlichen Hinweise auf Gewalt oder Vernachlässigung. Er wuchs in einer Mittelklasse-Familie in Schweden auf und beschreibt die Familie als harmonisch, außer einem Problem: „And it was like that when I was five or six. My parents joined a Christian congregation that you know by many is understood as a bit extreme. It was Jehovah’s Witnesses, and I think that they did this [in the early’70s]. In revival moments like this, in those days, it was very much ‘The end is near!’ This Armageddon preaching attracted my parents, who decided that the end is probably quite near, and they’d better join in” (S. 45). Die Familie musste außerdem auf Grund der Karriere des Vaters häufig umziehen, so dass Sven immer wieder neu anfangen musste. Auch in diesem Fall deuten sich also Belastungen an. 

Dies sind nur einige Auszüge aus dem Buch, in dem noch deutlich mehr Fallbeispiele besprochen werden. Die Kindheiten der Befragten unterscheiden sich bzgl. der Problemlagen. Wichtig ist hier festzuhalten, dass nach den o.g. Zusammenfassungen der Autoren die Mehrheit der Befragten Problemlagen während ihrer Kindheit ausgesetzt war. Dies konnte auch in etlichen anderen Extremismusstudien belegt werden. 

Was darüber hinaus auffällt ist, dass die ehemaligen Extremisten häufiger über Probleme in der Kindheit berichten als die noch aktiven Extremisten. Diese Feststellung unterstreicht nochmals die o.g. Anmerkungen bzw. Mahnungen der Autoren bzgl. der Fälle "Andreas" und "Julius" (auch diese sind beide weiterhin aktive Extremisten). 



Sonntag, 30. April 2023

Traumahintergründe und Kindheit von ehemaligen IS-Terroristen

Erneut habe ich eine Studie gefunden, die Kindheitshintergründe von Terroristen offen legt:

Mohammed, R. & Neuner, F. (2022). Putative juvenile terrorists: the relationship between multiple traumatization, mental health, and expectations for reintegration among Islamic State recruited adolescent and young adult fighters. Conflict & Health, 16:58 (2022). 

Für diese Studie wurden 59 männliche Jugendliche und junge Erwachsene (14 bis 24-Jährige; Durchschnittsalter: 18 Jahre) befragt, die für terroristische Taten im Rahmen von ISIS inhaftiert sind (Jugendgefängnis in Erbil/Irak). 

Diverse Belastungen wurden abgefragt (Kriegserlebnisse, Folter usw.), darunter auch die Kategorie "Gewalt in der Familie". Obwohl u.a. auch Vernachlässigung und frühe Erfahrungen von sexueller Gewalt abgefragt wurden, haben die AutorInnen nur die Ergebnisse für drei Belastungen in der Familie zahlenmäßig aufgeführt:

Körperliche Gewalt in der Familie: 81,4%.

Zeuge körperlicher Gewalt in der Familie: 50,8%.

Gesagt bekommen, man wäre ein schlechter Sohn: 50,8%.

Im Durchschnitt machten die Befragten ca. drei Gewalterfahrungen in der Familie. 

Ergänzend interessant und aufschlussreich sind einige Oberflächendaten über die Familie:
Von 81,4% der Befragten war die Mutter und von 78% der Befragten war der Vater gestorben. Dazu kommt eine hohe Anzahl von Geschwistern: 45,8% hatten drei bis fünf Geschwister; 28,8% hatten sechs bis acht Geschwister und 17% hatten sogar neun oder mehr Geschwister. Eine sehr hohe Anzahl von Geschwistern (zudem in einer armen Region) erhöht die Wahrscheinlichkeit von Vernachlässigungserfahrungen meiner Auffassung nach sehr. 

Bzgl. der mentalen Gesundheit fassen die AutorInnen zusammen: “A high percentage of the sample, 89.8%, met the criteria for depression, and 69.5% met the criteria for PTSD” (S. 3).

Die Studie bestätigt erneut die hier im Blog vielfach vorgetragene Erkenntnis, dass Extremisten sehr belastete Kindheitshintergründe aufweisen! 


Sonntag, 12. März 2023

"Hitlers Mann im Vatikan": Kindheit von Bischof Alois Hudal

Auf Alois Hudal bin ich zufällig gestoßen. Meine verwendete Quelle für seine Kindheitserfahrungen ist:

Sachslehner, J. (2019). Hitlers Mann im Vatikan. Bischof Alois Hudal. Ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Kirche. Molden Verlag, Wien – Graz.

Der Titel erklärt bereits etwas, wer dieser Mann war. In der Buchbeschreibung wird es nochmals deutlicher: „Adolf Hitler wurde von Bischof Alois Hudal als Siegfried deutscher Größe verehrt, das Ideal des aus Graz stammenden Theologen war ein christlicher Nationalsozialismus, verbunden mit der Vernichtung der kommunistischen und bolschewistischen Weltgefahr. Als Rektor des deutschen Priesterkollegs Santa Maria dell Anima und Leiter des vatikanischen Pass- und Flüchtlingsbüros avanciert der umtriebige Bischof nach 1945 zum Fluchthelfer für zahlreiche NS-Kriegsverbrecher, unter ihnen Alois Brunner und Franz Stangl.“

Alois Hudal scheint ein schlechtes Verhältnis zu seinem Vater gehabt zu haben: „Alois Hudal, der sich den Namen der Mutter gewünscht hätte, verschloss sich Zeit seines Lebens der Erinnerung an seinen Vater. Konsequent betrieb er eine damnatio memoriae, einige abfällige Bemerkungen sind alles, wozu er sich hinreißen ließ“ (S. 16). 

Über seine Mutter und ihre Beziehung zu seinem Vater schreibt Hudal: „Sie lebte mit 73 Jahren ganz allein, schwer geprüft durch eine unglückliche Ehe mit einem Mann, der religiös und politisch im kirchenfeindlichen Lager der Sozialisten stand“ (S. 19).
An anderer Stelle berichtet er über die Mutter: „Sie war eine bescheidene, schlichte Frau, aber durch ihren tiefen Glauben von menschlicher Haltung. … So oft ich ihr Zimmer betrat, fand ich sie im Gebet versunken, eine milde fast unendlich primitive Religiosität, reine Engherzigkeit zeichnete sie aus“ (S. 20). Dem hängt er an, dass infolge „ihres unglücklichen Familienlebens“ ihr Leben „ein täglicher Opfergang“ gewesen sei. 

Was bedeutet es für ein Kind, die Mutter stets "versunken" vorzufinden? Wie war der psychische Zustand dieser Mutter? Was hat sich alles in dieser Familie zugetragen, dass der Sohn seinen Vater derart ablehnte? Und wie sah der genaue Erziehungsstil der Eltern aus? Weitere Details dazu finden sich leider nicht in der verwendeten Quelle. Belastungen für den Jungen deuten sich allerdings an. 

Ein Ereignis, das den Jungen deutlich geprägt haben wird, ist allerdings belegt. 1896 trat der damals elfjährige Alois in das Seckauer Diözesan-Knaben-Seminar ein, um ihn auf den Priesterberuf vorzubereiten. „Acht Jahre lebten die heranwachsenden jungen Burschen in einer eigenen Welt, rund um die Uhr behütet und bewacht. Das religiöse Ritual bestimmte ihren Tag (…)“ (S. 21). 

Ein ehemaliger Zögling des Instituts berichtet von einer religiös „sein Denken durchdringende Disziplin“, die die Erziehung im Seminar ausmachte (S.21). Manche Zögling wären am „harten Ringen“  dieser Ausbildung gescheitert. „Nicht wenige haben die ganze Höhe nie erreicht und versanken in soziale Isolation, zuweilen zu Sonderlingen geworden, einzelne gingen daran zugrunde, von der Welt, die sie umringte, überwältigt“ (S. 22).
Den Berichten ist nicht zu entnehmen, wie mit den Zöglingen umgegangen wurde. Fest steht, dass sie sich einem strikten, organisierten Tagesablauf zu unterwerfen und wenig Freiheiten hatten. Für ein Kind, das ab dem elften Lebensjahr Jahre aus seiner Familie gerissen wird, werden diese Umstände deutliche Belastungen bedeutet haben. Es ist zudem keine aus der Luft gegriffene Spekulation, wenn man annimmt, dass um das Jahr 1900 herum ein autoritäres Denken in solchen Internaten vorgeherrscht haben wird, mit entsprechenden Folgen für die Kinder. 

Wie so oft kann man auch bei diesem Nazi deutliche Belastungen in der Kindheit ausmachen. Das Gesamtbild, das sich aus den zitierten Passagen ergibt, ist deutlich. 


Kindheit des NS-Täters Franz Murer

Meine Quelle für die Kindheit des NS-Täters Franz Murer ist:

Sachslehner, J. (2017). "Rosen für den Mörder": Die zwei Leben des SS-Mannes Franz Murer. Molden Verlag, Wien – Graz – Klagenfurt. 

Aus der Inhaltsbeschreibung: „Der steirische Bauernsohn Franz Murer, ausgebildet auf der NS-Ordensburg Krössinsee, errichtet im Ghetto von Wilna eine wahre Herrschaft des Schreckens. Seine Brutalität und sein Sadismus sind gefürchtet, Frauen und Kinder bevorzugte Opfer.“

Murer war sehr aktiv. Er brauchte Blut. Er musste Menschen morden. Das war ihm eine Art Bedürfnis. Ein Unmensch“ (Augenzeugin Mascha Rolnikaite) (S. 7). 

Franz Murer wurde im Januar 1912 als siebtes Kind seiner Eltern geboren. Eine solche große Geschwisterzahl war damals keine Seltenheit. Trotzdem kommentiere ich diesen Sachverhalt stets gerne damit, dass diese Anzahl von Kindern auch wenig Zeit der Eltern für das einzelne Kind bedeutet haben wird und – damalige Lebensverhältnisse zu Grunde legend – auch Kindesvernachlässigung deutlich wahrscheinlicher macht. Die Familie hatte zudem einen Hof zu bewirtschaften und ständig mussten die Eltern arbeiten. Der Biograf schreibt mit Blick auf die Geburt von Franz: „Maria Murer bleibt nur eine kurze Zeit der Erholung – die Arbeit am Hof ruft, auch jetzt im Winter“ (S. 14). Bereits 1913 kommt noch ein weiteres Kind hinzu: Georg. Insgesamt wird Maria Murer ihrem Mann dreizehn Kinder gebären und dies war in der Tat eine außergewöhnlich hohe Zahl, selbst zur damaligen Zeit! Ein Mädchen namens Katharina starb allerdings wenige Wochen nach der Geburt. Ob die anderen Kinder alle überlebten, erschließt sich in der Quelle nicht. 

Über den Erziehungsstil der Eltern erfährt man nichts in der verwendeten Quelle. Allerdings gab es einen großen Wendepunkt und Einschnitt im Leben des Jungen. Seine Eltern schickten den damals elfjährigen Franz für einige Jahre in einen über 50 Kilometer entfernten Ort in die Schule. Ein Postunterbeamter sorgte nun als „verantwortlicher Aufseher“ für den Jungen (S. 17).

Als Vierzehnjähriger wechselt Franz zunächst auf eine Schule in Neumarkt. Zwei Jahre später geht es weiter nach Grottenhof bei Graz. Auf Grund der Entfernung zu dem elterlichen Hof gehe ich davon aus, dass er weiterhin nicht bei seiner Familie lebte (der Biograf führt dies leider nicht im Detail aus), sonst wäre der Weg zur Schule nicht schaffbar gewesen. Somit verlor dieser Junge ab dem elften Lebensjahr gänzlich sein Familienleben und war abhängig vom Wohlwollen fremder Menschen. Wie er dies erlebte und empfand und welche Art von Belastungen er in dieser Zeit erlebte, scheint nicht überliefert zu sein. Man braucht allerdings nicht viel Fantasie dafür, um sich vorzustellen, dass dieser Junge im Grunde tief vereinsamt aufgewachsen ist und sich durchschlagen musste. 




Sonntag, 26. Februar 2023

„Warum ich Nazi wurde“: Biogramme früher Nationalsozialisten

Ich habe ein sehr interessantes Buch entdeckt:

Giebel, W. (Hrsg.) (2018). „Warum ich Nazi wurde“: Biogramme früher Nationalsozialisten. Die einzigartige Sammlung von Theodore Abel. Berlin Story Verlag, Berlin. 

Das Buch und sein Inhalt werden in einem Artikel vom Deutschlandfunk ausführlich vorgestellt, insofern erspare ich mir eine große Einleitung durch den Link.

Nur kurz: Theodor Abel hat 1934 per Preisausschreiben die Kurzbiografien von etlichen überzeugten Nazis erhalten und gesammelt, die alle vor 1933 Mitglieder der NSDAP waren. 

Das Interessante für mich sind dabei natürlich mögliche Schilderungen über Kindheitshintergründe. Allerdings zeigte sich schnell, dass die meisten biografischen Schilderungen sich bezogen auf die Kindheit rein auf Oberflächendaten beziehen: Geburtsdatum, Geburtsort, Berufe der Eltern, Schullaufbahn, Ausbildung. Für die Akteure, die nur diese Oberflächendaten beschrieben, bleibt die Kindheit im Dunkeln (was auch bedeutet, dass negative Erfahrungen nicht auszuschließen sind). Allerdings haben auch mehrere Akteure Hinweise auf ihre Kindheit geliefert. 

Was mir zunächst immer wieder auffiel, ist der Tod von Vätern (was bei mehr Akteuren der Fall war, als ich unten in meinen Auszügen darstelle). Dies ist bei dieser „Nazi-Generation“ auch kaum verwunderlich, weil viele Väter im Ersten Weltkrieg umkamen. Für die Kinder allerdings ist der Verlust des Vaters eine enorme Belastung. Was mir ergänzend ins Auge fiel (sofern die Akteure Angaben dazu machten), ist die hohe Anzahl an Geschwistern. Viele Geschwister (gepaart mit sehr viel zu erledigenden Arbeiten der Eltern in der damaligen Zeit, was auch einzelne Akteure so berichten) können zumindest auch ein Indiz für Vernachlässigung sein. 

Anbei stelle ich die Akteure vor, für die sich belastende Kindheitserfahrungen andeuten oder sogar belegen lassen. Diese Generation ist nicht gerade bekannt dafür, allzu kritisch über die eigenen Eltern zu berichten oder diesbezüglich deutliche, offene Worte zu finden. Wenn man zwischen den Zeilen liest, wird man aber auch hier manches Mal fündig. 

Dies gilt so z.B. für F. Lüttgens (nach 1900 als Sohn eines Fabrikarbeiters geboren). Über seinen Vater berichtet er: „Ich entsinne mich noch sehr gut, dass wir Kinder ihn nicht allzuhäufig zu Hause gesehen haben, wenn er zu Hause war, so war dieses zu Hause sein auch nichts anderes als Arbeit und Mühe“ (S. 254). Die Mutter scheint ebenso viel beschäftig gewesen zu sein: „Die Mutter war eine brave, ehrliche deutsche Hausfrau. (…) In heisser Liebe arbeitete sie morgens von ½ 5 Uhr bis abends spät für ihren Mann und ihre Kinder“ (S. 254). Lüttgers betont im Nachsatz, wie wichtig Deutschland für die Eltern war. „Naturgemäß“ sei auch bei den Kindern der Same der Vaterlandsliebe gesät worden, ebenso Ehrgeiz und Wissensdurst. Dem fügt er an: „In der Schule machte sich die Art dieser Erziehung sehr bald bemerkbar. Absoluter Glaube an die Autorität des Lehrers gepaart mit gläubigem Vertrauen zu ihm als denjenigen, der die Arbeit von Vater und Mutter zu ergänzen hatte, trat selbstverständlich ein“ (S. 255). Die Art und Weise der Wortwahl kommt geradezu einer untergebenen Lobpreisung der eigenen Erziehung gleich, die der Akteur als sehr gelungen empfindet und nicht in Zweifel zieht. Der absolute „Glaube an die Autorität“ macht mich besonders hellhörig. Wie die Eltern ihre Autorität gegenüber den Kindern durchgesetzt haben, bleibt unserer Fantasie überlassen. 
Ein weiteres Ereignis sticht hervor: Als er zehn Jahre alt war, litt er nach einer Verletzung an einer Blutvergiftung. "Durch diese Blutvergiftung wurde ich fast 2 Jahre lang an das Krankenbett gebunden. Abgeschlossen von allen Spielkameraden war ich die meiste Zeit mir ganz allein überlassen" (S. 256). Ein Großteil dieser Zeit scheint er sogar im Krankenhaus verbracht zu haben, aus dem er 1914 entlassen wurde, wie er berichtet. Für ein Kind eine schwere Belastung, zu der die Trennung von den Eltern noch hinzu kam. 

Der 1893 geborene Fritz Schroner berichtet nur wenig über seine Kindheit. Er sei das siebte von insgesamt acht Kindern gewesen. Dass diese hohe Geschwisterzahl auch Not und wenig Zeit der Eltern für die Kinder bedeutete, führt er selbst aus: "(...) die hungrigen Mäuler zu stopfen, war für die Eltern nicht immer leicht. Und sie mussten wahrlich von früh bis spät tätig sein, um die Familie zu versorgen. Dass auch wir Kinder dabei auch noch im schulpflichtigen Alter je nach unserer Kraft und unserem Vermögen mit Hand anlegen mussten in Haus, Hof, Garten und Feld, war uns nicht immer leicht, aber unbedingt notwendig" (S. 210). Nach dem Ersten Weltkrieg musste er fünf Jahre in Gefangenschaft in Sibirien verbringen. An diesen Jahren wäre er fast zerbrochen. 

Der 1907 geborene Gustav Kohlenberg schreibt: "Von Jugend auf war ich in streng nationalem Geiste im Elternhaus erzogen worden. Das Schicksal hat meine Familie mit schwersten Schlägen bedacht. Nur während der ersten Kinderjahre lebten wir zu Hause in Wohlstand (...) Mein ganzes Leben hat bis heute stets Kampf bedeutet" (S. 236). Sieben Kinder hatte die Familie zu versorgen. Während der Kriegsjahre mussten sie eine schwere Hungerzeit und auch Krankheitswellen überstehen. 

Die Kindheit von dem 1890 geborenen Gustav Heinsch zeigt deutliche Schatten. Er wurde als fünfter Sohn seiner Eltern geboren worden. Allerdings waren alle seine Geschwister vor seiner Geburt verstorben. Wir dürfen annehmen, dass der Tod von vier Kindern diese Eltern extrem belastet und ggf. auch den Umgang mit dem überlebenden Kind geprägt haben wird. Viel Zeit für ihren Sohn hatten die Eltern nicht. Seine Großmutter war hauptsächlich für seine Erziehung verantwortlich, denn: „Meine Mutter musste genau so wie mein Vater vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf dem Gut arbeiten. Trotzdem beide schwer arbeiteten, reichte es gerade zum Notwendigsten“ (S. 344).  Ab dem achten Lebensjahr musste auch Gustav nachmittags arbeiten, zusätzlich zu seinen Arbeiten für die Schule. Die Eltern mussten außerdem arbeitsbedingt häufig umziehen. Gustav besuchte in der Folge fünf verschiedene Volksschulen, was befriedigende Bindungen an Gleichaltrige sicherlich schwierig gestaltete. 

Der Vater des 1868 geborenen Waldemar von Schöler war einst Divisionskommandeur und hatte Kriegserfahrungen. Über seine Erziehung schreibt von Schöler: „In welchen weltanschaulichen Gedankengängen ich erzogen wurde, geht am klarsten aus den Grundsätzen hervor, die mir in meiner Kindheit eingeimpft wurden. Sie gründen sich alle auf die altpreußische, auf Friedrich Wilhelm I. zurückgehende Ideenwelt. Du musst vor allen Dingen stets Deine Pflicht erfüllen, ob es Dir angenehm ist oder nicht, und zwar nicht nur obenhin, sondern mit vollem Einsatz Deiner Person und Deiner Fähigkeiten“ (S. 376). Das Wort „eingeimpft“ möchte ich hier hervorheben. Nach weiteren Ausführungen u.a. über Tüchtigkeit, Gewissenhaftigkeit und Sparsamkeit mit Blick auf seine jungen Jahre kommt dann noch folgender Satz: „Autorität in Staat und Familie galten als die Grundpfeiler menschlicher Ordnung“ (S. 377). Man kann sich entsprechend vorstellen, dass dieser Junge autoritär erzogen worden sein wird, auch wenn er keine konkreten Beispiel dafür gibt. 

Der 1904 geborene Alfred Raeschke zog im Altern von sechs Jahren vom Lande in die Stadt, nach Berlin. Ca. ab dem dritten Kriegsjahr des Ersten Weltkriegs musste die Familie hungern. „Und das Schlimmste: ein Familienleben kannten wir nicht mehr. Alle kannten wir nicht – waren uns immer selbst überlassen. Denn die Frauen mussten ja die Arbeiten der Männer machen, die im Felde standen. (…). So sahen wir den Vater gar nicht, die Mutter aber nur des Abends. Doch dann konnte sie sich uns nicht widmen, weil sie ja das Haus noch zu besorgen hatte und auch müde war von der schweren Arbeit. So wuchsen wir heran, ohne rechtes Familienleben, voller Hunger, tiefe Not erlebend“ (S. 538). Nach der Schulzeit (im Jahr 1917) kam er zunächst in die Lehre. Der Hunger und die Not wurden schließlich so groß, dass die Mutter ihren Sohn aufs Land zu einem Bauern schickte. „15 Jahre war ich nun alt, aber arbeiten musste ich wie ein Erwachsener“ (538). Aber immerhin, er hatte genug zu essen und hatte überlebt. 

Der 1897 geborene G. Goretzki hat keine großen Einblicke in seine Kindheit gegeben. Er schreibt allerdings: „Die Erziehung im Elternhaus war streng, die Jugend trotzdem aber schön und sorgenlos. Vom Vater lernte ich die Tugenden altpreußischen Beamten- und Soldatentums kennen“ (S. 348).
Wie oft schon habe ich Sätze gelesen, in denen die Akteure dieser Zeit rückblickend auf ihre Kindheit blicken, von „Strenge“ in der Erziehung berichten und im gleichen Satz Wörter wie „schön“, „sorgenlose“ oder gar „Liebe“ verwenden? Meiner Auffassung nach ist diese Vermischung beider Ebenen bereits ein Anzeichen für die Folgen der „strengen Erziehung“. Die Strenge wird i.d.R. von dieser Generation nicht kritisiert und sogleich beschönigt. Was bedeutete elterliche Strenge um 1900? Wir können mit hoher Wahrscheinlichkeit auch von Körperstrafen ausgehen! Dass Goretzk durch seinen Vater preußisch-soldatisch erzogen wurde, ist ein weiteres Anzeichen für eine belastete Kindheit. 

Ähnlich wie Goretzk berichtet auch der 1906 geborene Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe von seiner Erziehung, ohne dabei – wie so oft bei biografischen Darstellungen aus dieser Zeit - ins Detail zu gehen. Der Prinz wuchs in reichen Verhältnissen auf. „Trotz dieser völligen Unabhängigkeit von irgendwelchen materiellen Schwierigkeiten war die Erziehung, die mir zuteil wurde, eine einfache, ja in mancher Weise soldatisch zu nennende, - immer, in allen Fragen des Lebens auf den Staat und das Volk gerichtet, der grossen Tradition einer tausendjährigen Familiengeschichte entsprechend“ (S. 616). Eine „soldatische Erziehung“ wird eine strenge Erziehung mit manchen Belastungen für das Kind gewesen sein. 

Der 1910 geborene Edmnd Dienhart hatte eine mehrfach belastete Kindheit. Als er fünf oder sechs Jahre alt war brach der Erste Weltkrieg aus. Er war das Jüngste von insgesamt sieben Kindern. An einer Stelle schreibt er etwas von einem bzw. seinem „gestrengen Vater“ (S. 592), ohne weitere Details zum väterlichen Umgang mit den Kindern zu schildern.  Als er acht Jahre alt war, starb der jüngste seiner Brüder. Dienhart gibt dem jüdischen Chefarzt, der seinen Bruder operiert hatte, die Schuld am Tod des Bruders. „Da ich meinen verstorbenen Bruder besonders liebte, stieg in mir Achtjährigen mit der Zeit ein Groll auf gegen den Chefarzt und dieser noch nicht recht begreifbare Hass steigerte sich mit meinem Alter zu einem Wiederwillen gegen alles, was jüdisch war“ (S. 592). Infolge einer Kinderkrankheit nahm seine Sehkraft ab dem neunten Lebensjahr stetig ab. Seine jüngste Schwester kümmerte sich in der Folge verstärkt um ihren Bruder. Allerdings musste sie das Zuhause verlassen und er sei ab dann „meist alleine“ gewesen (S. 592). Ab dem zehnten Lebensjahr kam Edmund zu einem Onkel und verlor somit sein gewohntes Familienleben. Innerhalb der folgenden zwei Jahre hatte er wohl mehrere Klinikaufenthalte von jeweils mehreren Wochen zu überstehen. Durch die Behandlungen wurde seine Sehkraft verbessert und kam wieder zurück. 

Der 1910 geborene Paul Matter war vier Jahre alt, als sein Vater im Ersten Weltkrieg fiel. In der Folge wurde er auch von seiner Mutter getrennt und zur Erziehung zu den Großeltern geschickt. Als er acht Jahre alt war, heiratete seine Mutter erneut. Mit seinem Stiefvater scheint er sich nicht gut verstanden zu haben, denn er berichtet: „Als ich meinem 14. Lebensjahr aus der Schule kam, verließ ich sofort das Elternhaus, denn mein Pflegevater, war doch nicht der Vater, der im Weltkriege für´s Vaterland starb“ (S. 680). Er begann dann eine Bäckerlehre in einem anderen Ort. 

Der 1912 geborene Karl Friedrich Nau hat fast nichts aufschlussreiches über seine Kindheit geschrieben und beschreibt nur kurz Eckdaten. Ab dem 14. Lebensjahr ging er in die Lehre und war mit 17 Jahren ausgelernt. Er habe lange ersehnt, danach endlich seinen Heimatort verlassen zu können und weitere Teile Deutschlands kennen zu lernen. Er zog dann auch fort und schreibt: „Bad-Nauheim war für mich etwas anderes als zu Hause, denn wir waren vier Geschwister und es musste in jeder Hinsicht dem väterlichen Willen gefolgt werden. Nun war ich für mich und konnte mich in meinen freien Stunden dem widmen, wonach ich mich sehnte (…)“ (S. 718).
Auch hier erfahren wir wieder keine Details über das väterliche Erziehungsverhalten. Allerdings zeigen seine Ausführung überdeutlich in Richtung autoritäre Erziehung. 

Der 1901 geborene Fritz Keppner berichtet im Grunde nichts über seine Familie und Kindheit. Was mir ins Auge stach war aber, dass er als Dreizehnjähriger (im Jahr 1914) eine Gelegenheit nutzte, um sich heimlich einer Maschinengewehrkompanie an der Front anzuschließen. Erst nach einer Woche fiel dies auf und man brachte ihn zurück. Er versuchte daraufhin erneut an die Front zu kommen, wurde aber aufgegriffen und musste zurück nach Hause. Er berichtet noch, dass er Mitglied der SS war und im Jahr 1930 seine Mutter Waffen versteckte, als die Polizei kam (S. 725f.). All diese Erzählungen deuten auf eine entsprechende Prägung im Elternhaus hin. Als Dreizehnjähriger unbedingt an die Front kommen zu wollen, ist schon bemerkenswert. 

Der 1903 geborene Paul Moschel war das sechste von zwölf Kindern. Das entsprechend wenig Zeit der Eltern für ihn da gewesen sein wird, erschließt sich von selbst. Er selbst formuliert es so: „Da unsere Familie so groß war und meine Eltern keinen Besitz hatten, musste ich mit meinen Geschwistern eine harte Kinderzeit durchmachen, aber die härteste während der Kriegsjahre. Wir waren durch meine guten Eltern echt deutsch erzogen, meine zwei älteren Brüder stellten sich bei Ausbruch des Krieges freiwillig in den Dienst unseres Vaterlandes mit 17 und 18 Jahren“ (S. 730). Beide Brüder starben. Über die Kriegsjahre und die Not der Familie schreibt er noch, dass sie eine Zeit durchmachen mussten “in der wir an Hunger, Entbehrung und Elend so viel erlebten, das in Worten nicht zu fassen ist“ (S. 730).  Als Vierzehnjähriger war er damals der älteste Sohn und versuchte mitzuhelfen, die Familie durchzubringen. Unter der Besetzung der Franzosen wurde Paul im Alter von sechszehn Jahren inhaftiert und saß eine Zeit lang im Gefängnis. Auch dies ist eine schwere Belastung für einen Minderjährigen. 

Der 1882 geborene Robert Friedrich berichtet im Grunde fast gar nichts über sein Elternhaus (S. 741f.). Er sei als vierter Sohn seiner Eltern geboren und nach evangelischer Kirschensitte erzogen worden. Im Alter von nur zwölf Jahren ging er auf eine Militärschule und blieb dort bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr. Auf diese Zeit geht er nicht weiter ein. Auf Grund der räumlichen Distanz zwischen seinem alten Heimatort und dem Sitz der Militärschule, gehen ich davon aus, dass er auch in der Schule lebte und wohnte (was eine andauernde Trennung von der Familie bedeuten würde). Danach wechselte er auf eine Unteroffiziersschule. Sein Weg blieb militärisch dominiert und er kämpfte im Ersten Weltkrieg. Schon seit seiner Kindheit war dieser Junge militärisch geprägt und erzogen worden. 

Die 1898 geborene Hedwig Eggert war das achte Kind ihrer Eltern, die insgesamt elf Kinder bekamen. „(…) davon sind 5 am Leben geblieben, die übrigen 6 sind teils klein, teils größer gestorben“ (S. 753). Ein Bruder sei im Alter von dreizehn Jahren gestorben und dies sei ein „herber Schlag für meine Eltern“ gewesen (S. 753). Entsprechend werden die Todesfälle auch Hedwig geprägt und belastet haben. Ihr Mutter „musste von früh bis spät in der Fabrik mitarbeiten, um all die hungrigen Mäuler stopfen zu können“ (S. 753). Der ebenfalls berufstätige Vater hatte nur einen geringen Lohn, der kaum reichte. Die Kinder werden irgendwie gelernt haben müssen, unter diesen Mangelbedingungen klar zu kommen und zu überleben. 

Der Vater des 1900 geborene Fritz Junghanss fiel 1917 im Krieg. Fritz muss zu der Zeit sechszehn oder siebzehn Jahre alt gewesen sein.  Vermutlich war schon früh seine Mutter gestorben (oder hatte die Familie verlassen), denn er schreibt „Meine natürliche Mutter hatte ich nicht gekannt, erhielt aber mit 10 Jahren eine Stiefmutter, zu der ich in einem schlechten Verhältnis stand, da sie kleinlich und gehässig war und ich mir ihr bald in jeder Beziehung überlegen fühlte. Mein Vater war nicht glücklich mit ihr und diese Stimmung im Elternhause war nicht dazu angebracht, Kinder (ich hatte noch einen drei Jahre jüngeren Bruder) mit Liebe und Vertrauen zu erziehen. Ich war daher darauf angewiesen, mich ohne die Stütze der elterlichen Hände charakterlich selbst zu bilden (…)“ (S. 780).
Der Herausgeber des Bandes (zu dem ich im Schlussteil noch etwas anmerken werde), stellt den meisten Biografien (die oft im Original abgebildet sind) eine Zusammenfassung vor. Auffällig ist hier, wie auch an anderen Stellen, dass er diese besondere und herausstechende Belastung in Kindheit und Jugend des Akteurs nicht in die Zusammenfassung mit aufnimmt, was sich absolut angeboten hätte. Belastungen, die er in dem Band in den Zusammenfassungen mit aufnimmt, sind i.d.R. der Tod von Familienmitgliedern oder der Wechsel des Wohnorts/der Familie. Auf den Herausgeber und seine Herangehensweise komme ich noch zurück. 

Der 1902 geborene Alfred Buchholz kam als viertes von insgesamt sechs Kindern seiner Eltern zur Welt. Er sei in „bescheidenen Verhältnissen, unter liebereicher Pflege meiner mustergütigen Eltern“ herangewachsen (S. 806). Diese anfängliche idealisierende Beschreibung seiner Eltern sollte uns sogleich im Gedächtnis bleiben, wenn wir uns seine weiteren Schilderungen anschauen!
Sein Vater war preußischer Unteroffizier bei einem Eisenbahnregiment. Entsprechend wird dieser militärische Einfluss auch das Familienleben geprägt haben.
Seine Mutter beschreibt er u.a. wie folgt: „Ihr Augenspiel, das besonders auffallend bei öfter notwendig werdenden Ordnungsrufen in Erscheinung trat, ist mir und auch meinen Geschwistern tief in`s Herz geschrieben und glich doch allzusehr dem strengen Augenzuge unseres `Alten Fritz`. Wir meinten später manches Mal: `Der Alte Fritz geht um, der Knüppel wird gleich tanzen`“ (S. 807).
Ganz offensichtlich hat diese strenge Mutter ihre Kinder mit einem Gegenstand misshandelt. Alfred Buchholz schmückt diese Erfahrungen geradezu schriftstellerisch aus und beschönigt sie dadurch deutlich. Kritik an dem Erziehungsverhalten gibt es seinerseits nicht. Im Gegenteil, er holt sogleich zu weiteren Höhenflügen aus, wenn es um die Eltern geht: „Beide, Vater und Mutter, sind strenge, sittliche reine, züchtige und mit feinstem Liebesempfinden ausgestattete Menschen, deren Liebe sehr wohl ihre guten Grenzen kannte (…). Ihnen gilt schon seit meiner frühsten Jugend meine ganze Verehrung und stets bin ich bemüht, mich meinen Eltern gegenüber dankenswert zu erweisen“ (S. 807). 

Lobpreisungen und das Wort „Liebe“ gleich im Anschluss nach Schilderungen über mütterliche Gewalt und Strenge, erneut taucht dies hier auf. Es ist dies klassisch für das mit dem Aggressor identifizierte Kind, das nur so seine Misere ertragen kann.
Gleich nach seinen Lobpreisung berichtet er wieder über Gewalterfahrungen: „Hässliche Worte, zänkisches Handeln, aufkommende schlechte Manieren wurden unter strengster Wacht der Eltern nicht geduldet sondern stets zu gutem Handeln und zum Verständnis ermahnt, was ich auch sehr beherzigte. Half jedoch die Milde und Güte nichts mehr, dann tanzte es eben reichlich fühlbar auf den Po“ (S. 807). „Tanzte“ auf den Po, auch in dieser Formulierung steckt bereits die Verdrehung der Wirklichkeit, nämlich das es eigentlich Gewalt ist, was dieses Kind erfährt, die offensichtlich „reichlich“ ausgeteilt wurde. Als Kind erlebte er zudem den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und schwere Hungerzeiten. 

Nach vielen Schilderungen u.a. über seinen Kampf für die Nazis schreibt er im Schlussteil:
Viele ereignisreiche Dinge meines Lebens, besonders auch im Kampf als Hitlerdeutscher, könnte ich noch aufweisen, doch müsste ich mich dann zu sehr verbreitern. Ich aber fühle, dass wir Deutsche heute echte und bester Ringer des Friedens sind in einem neuen Geiste  (…). Schlägt und würgt man aber ein Volk, so schlägt und würgt man auch Gott und seine Himmel werden sich vernichtend rächen. Eines darf ich von mir noch sagen, denn es ist meine Kraftquelle: Ich blieb aufrecht und rein; und würde aber meinen Körper zu Füßen des Todes legen, ehe ich davon abwich“ (S. 821).
Es bietet sich geradezu an, die Fantasien von einem geschlagenen und gewürgten Volk, das sich rächt, und für Reinheit kämpft mit seiner Misshandlungsgeschichte im strengen Elternhaus zu verbinden. Dieses sich „dreckig“ und sich „unrein“ fühlen, sind klassische Gefühle, die misshandelte Kinder haben, die aber später verdrängt werden. Die Umkehrung (bzw. Projektion) davon, also sich „rein“, „sauber“, „anständig“ fühlen zu wollen und gegen den „Dreck“ bei Anderen zu kämpfen (Die „dreckigen Juden“ oder DIE „dreckigen Ausländer), um „Reinheit“ herzustellen, ist etwas, das man oft bei Extremisten aller Arten beobachten kann. Und das halte ich nicht für einen Zufall!
Auch die Todessehnsucht, die Alfred Buchholz nebenbei zum Ausdruck bringt, sehe ich verbunden mit seinen Kindheitserfahrungen. Etwas, das ganz sicher viele damalige Nazis so oder so ähnlich empfunden haben werden. Hitler und sein Weltbild umgab schließlich ein Todeskult. Heute können wir diese Todessehnsucht u.a bei Islamisten beobachten. 

Aufschlussreich sind die Anmerkungen des Herausgebers mit Blick auf die Erkenntnisse aus den vielen Biogrammen. Unter der Zwischenüberschrift „Warum wurden sie Nazis – Thesen“ schreibt er u.a.: „Soziologen und Historiker versuchen heute mit unterschiedlichen Theorien und Erklärungsmodellen eine Antwort auf die Frage zu ergründen, warum jemand Nazi geworden ist: Traumatisierung durch den Ersten Weltkrieg, Demütigung des Nationalgefühls, Abrutschen der Mittelschicht, Isolation und Verunsicherung des Einzelnen, Existenzangst nach Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise. Kein Wissenschaftler kann aber erklären, warum eine junge Frau, die ein Biogramm schreibt, überzeugte, aktive, gnadenlose Nationalsozialistin geworden ist, sie sich selbst radikalisiert hat, ihre zehn Geschwister aber nicht“ (S. 23).
Und: „Meine These als Ergebnis der Auswertung dieser vielen hundert Biogramme ist: Wer Nazi werden wollte, wer sein Heil in dieser Ideologie mit überlegender Rasse und Untermenschen suchte und auf Hitler als Erlöser setzte, wurde Nazi – und war dafür allein verantwortlich. Es war eine ganz individuelle Entscheidung, Nazi sein zu wollen (…). Sie wollten das so (S. 24).“

Ca. 82 Biogramme hat der Herausgeber für das Buch ausgewählt und vorgestellt, von ursprünglich fast 581 erhaltenen Biogrammen von damaligen Nazis. Davon wiederum habe ich 17 herausgesucht, die zumindest Andeutungen über Kindheitsbelastungen enthalten. Die restlichen Biogramme enthalten bzgl. der Kindheit im Prinzip keine Infos, die hier relevant wären. Was sich aber auch zeigte: kein einziger von den 82 beschreibt eine gänzlich unbelastete, gar liberale oder gewaltfreie Kindheit, auch dies muss man hier feststellen.
Man könnte jetzt meinen, dass es sehr spekulativ wäre, von den 17 Akteuren auf die Gesamtheit zu schließen. Ich halte dem entgegen, dass wir heute sehr wohl darum wissen, dass eine strenge, autoritäre Erziehung, die Kindern kaum eigene Freiheiten gestattete und sowohl im Elternhaus als auch in der Schule Körperstrafen üblich waren, die damaligen Normen waren. Die oben zitierten 17 Akteure deuten dies oftmals klar an oder bestätigen es manchmal sogar überdeutlich (vor allem im zuletzt genannten Fallbeispiel). Dass die anderen Akteure keine Details in dieser Hinsicht berichten, sagt nicht aus, dass sie es nicht ähnlich erlebt haben. Gerade Erziehungsnormen wurden von der damaligen Generation kaum hinterfragt, sondern als „normal“ und nicht erwähnenswert hingenommen. Ich sehe diese 17 Akteure eher als Sprachrohr für die Anderen, als die Minderheit, die ausnahmsweise Details aus der eigenen Erziehung Preis gibt.
Das Gleiche gilt übrigens auch bezogen auf die Hungererfahrungen im Ersten Weltkrieg und die Abwesenheit der überarbeiteten oder am Krieg beteiligten Elternteile. Es würde kaum Sinn machen, diese grundlegenden Erfahrungen der damaligen Generation für diejenigen Akteure auszuschließen, die hier nicht darüber berichtet haben. Nicht jeder möchte solch schlimmen Erfahrungen erinnern und in seinem Biogramm öffentlich festhalten, was nur all zu nachvollziehbar ist. 

Ich selbst kannte - nebenbei bemerkt - mal einen Mann, der Anfang der 1930er Jahre geboren wurde. Durch Dritte (Verwandte von ihm) wusste ich, dass er als Kind von seinen Eltern schwer misshandelt worden war. Er selbst pflegte einmal zu sagen, dass er immer viel von seinen Eltern „kritisiert“ worden war. Das war genau die Art und Weise, wie diese Generation das Schweigegebot und den Gehorsam gegenüber den Eltern eingehalten hat. Es gehörte sich schlicht nicht, die Eltern zu kritisieren oder öffentlich Einblicke in elterliches Erziehungsverhalten zu geben. Insofern ist es schon fast ein Glücksfall, dass wir hier 17 Berichte haben, die manche Hinweise enthalten!

Kommen wir zu den Anmerkungen des Herausgebers. Ja, es gab viele Familien, in denen die einen Kinder der Familie Nazis wurden und die anderen nicht. Für mich ist das kein Widerspruch, weil die Einflüsse auf Wege von Menschen vielfältig sind. Für mich zählt viel mehr der Punkt, dass die, die Nazis wurden, keine nachweisbar unbelastet, geliebt und gewaltfrei aufgewachsenen Kinder waren (was uns ja auch heutige Studien über entsprechende Akteure eindrucksvoll aufzeigen). Das ist das Fundament, das Nazi-Deutschland überhaupt möglich machte. Und ja, ich gebe dem Herausgeber ein Stück weit Recht, dass die damaligen Akteure auch wollten, was sie taten, dass sie Entscheidungen trafen, für die sie verantwortlich waren. Hätten Sie diese Entscheidungen aber auch so getroffen, wenn sie eine unbelastete und liberale Kindheit erlebt hätten? Aus meiner Sicht: Nein!

Und genau deswegen halte ich diesen Band für besonders wertvoll. Auch wenn der Herausgeber selbst gar nicht bemerkt zu haben scheint, was hier auch nachgewiesen wird: Das diese Nazis belastete Kindheiten hatten.