Mittwoch, 18. September 2019

Terror von Links - Kindheit von Hans-Joachim Klein


Der ehemalige Terrorist Hans-Joachim Klein hat deutliche Einblicke in seine Kindheit innerhalb seiner Autobiografie „Rückkehr in die Menschlichkeit - Appell eines ausgestiegenen Terroristen“ (1979, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek) gegeben.

Kurz nach seiner Geburt im Jahr 1947 starb seine Mutter. Sein Vater gab das Kind danach in ein Heim. Im Alter von drei oder vier Jahren sei er dann zu „sogenannten Pflegeeltern“ gegeben worden (S. 31). Genauer: er lebte von da an bei einer alleinstehenden Frau und ihren Großeltern. Auch wenn er zusammenfasst, dass es dort „im großen und ganzen recht manierlich“ zugegangen sei (S. 31), hängt Klein im nächsten Satz gleich an, dass es Ohrfeigen gab, wenn er nicht spurte. In einem katholischen Kindergarten habe er als kleines Kind einen „fürchterlichen Knacks“ (S. 31) wegbekommen, nachdem eine Nonne ein Huhn geköpft hatte und das Tier ohne Kopf durch die Gegend flatterte. Er konnte in der Folge nicht mehr alleine sein, schlecht schlafen und machte ins Bett. Er berichtet auch von Strafen, nachdem er sich im Kindergarten in die Hose gemacht hatte. Er wurde daraufhin in einen Holzverschlag gesperrt.

Die Schule mochte er nicht. Nachmittags war er Teil einer Kinderbande. Dabei hatte er stets „die Rolle des Prügelknaben (…). Egal, was passierte (…) ich bekam die Prügel für jeden Misserfolg. Ich war halt der schwächste (…) (S. 32).
Als Hans-Joachim ca. 9 oder 10 Jahre alt war, tauchte sein echter Vater, der auch eine neue Frau an seiner Seite hatte, wieder auf und holte ihn zurück.
Die erste Zeit ging es ganz manierlich zu. Das änderte sich aber schlagartig, als mein Bruder auf die Welt kam. (…) Es setzte Prügel noch und nöcher“ (S. 33). Prügel gab es fürs ins Bett machen, mit dreckigen Händen vom Spielen kommen, fürs zu spät nach Hause kommen usw. Ergänzend bekam er dann auch nichts mehr zu Essen fürs zu spät kommen.  „Und die Prügel: erst mit den Händen oder der Faust. Dann erkannte man, dass dies wohl nicht das richtige sei und griff zu allem, was in Reichweite lag. Beliebt waren vor allen Dingen Elektrokabel (…), ein Nudelholz und Kochlöffel. Bei letzteren gab`s noch mal Nachschlag, wenn sie zerbrachen, und das war sehr oft. Einmal brach ich im Winter im Ostpark ins Eis ein, und irgendjemand holte mich da unter Lebensgefahr heraus und brachte mich nach Hause. Anstatt froh zu sein, dass ich noch am Leben war, wurde ich dafür fürchterlich durchgeprügelt. Stubenarrest war auch ein sehr beliebtes Mittel oder 1000 mal denselben Satz aufschreiben. Ich war in der Zeit ungeheuer isoliert (…)“ (S. 33).

Nachdem Hans-Joachim den Wellensittich Bubi zum Fester rausgelassen hatte, damit dieser frei sein könne, wurde er von seinem Vater fast totgeprügelt. Danach lief er von zu Hause weg und ging zum Jugendamt. „Ich also zum Jugendamt – meine erste Rebellion, hatte mächtig schiss – und erzählte der Frau, dass ich nicht mehr nach Hause wolle und zeigte ihr meinen zugerichteten Körper. Kommentar: man lässt ja auch keine `Bubis` fliegen. Ich wurde wieder nach Hause gebracht (….)“ (S. 34). Im Alter von 16 Jahren kam er dann allerdings doch - nachdem er im Jugendclub deutlich gemacht hatte, dass er sich ansonsten umbringen würde - auf eigenen Wunsch für ca. ein Jahr in ein Jugendheim. Auch dort war er nicht vor Gewalt sicher. Gleich am ersten Tag setzte er sich vor ein Schlagzeug und spielte darauf. „Da kam mein `Erzieher`; die allererste Begegnung (…) und haute mir links und rechts in die Fresse, dass ich wirklich vom Hocker kippte. Auf meinen Einwand, er soll das Prügeln lassen – damit, dass dies ein Ende haben soll, deswegen wäre ich freiwillig hierhergekommen -, als Antwort dasselbe noch mal, damit du weißt, wie es hier langgeht. Den Rest kann ich mir sparen zu schildern, wie es Mitte der sechziger Jahre in den `Erziehungsheimen` zuging, wisst ihr ja nur zu genau“ (S. 35).  Danach kam er wieder bei seinem Vater unter. Die Prügeleien hörten zwar auf, aber sein Vater ging zu Psychoterror über.

Hans-Joachim Klein wurde als Kind ganz eindeutig schwer traumatisiert! Er fand nirgends Hilfe. Im Gegenteil, von Seiten der Betreuer in Hilfseinrichtungen ging ebenfalls Gewalt und Gleichgültigkeit aus.

Dienstag, 17. September 2019

Terror von Links - Kindheit von Wolfgang Grams


Wolfang Grams (geb. 1953) war Mitglied der RAF und kam nach einem Schusswechseln mit der GSG9 im Jahr 1993 um. Über seine Geschichte (sowie parallel auch die von Alfred Herrhausen, der zum Opfer der RAF wurde) hat Andreas Veiel (2005) ein ganzes Buch geschrieben:
Black Box BRD: Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main. 

Veiel hat Informationen aus Gesprächen mit Wolfgangs Bruder Rainer und auch früheren Klassenkameraden wiedergegeben. Daraus werde ich gleich zitieren.

Wolfangs Vater trat 1942 als 17-Jähriger freiwillig in die Waffen-SS ein und kämpfte u.a. an der russischen Front, wobei er auch verwundet wurde. Wie so viele damalige Männer wird dieser Mann wohl auch traumatisiert nach Hause zurückgekehrt sein. Wolfgangs Mutter musste bei Kriegsende mit ihrer Familie aus Ostpreußen vor den russischen Truppen fliehen. Sie träumte davon, irgendwann in die Heimat zurückkehren zu können. Wenig Rücksicht nahm sie bei diesem Thema auf ihren Sohn Wolfgang. „Immer wieder hat Wolfgang Grams seinen Freunden eine Geschichte erzählt, wie ihn die Mutter zum Brötchenholen schickt, acht Jahre mag er alt gewesen sein. Als er vom Bäcker zurückkommt, gibt die Mutter die Brötchen in eine Schale. Dann bläst sie die Tüte auf, ruft Wolfgang herbei und zerschlägt sie mit einem lauten Knall direkt neben seinem Ohr. Dann habe die Mutter über sein Erschrecken gelacht. Sie soll gesagt haben: `Du musst dich an den Gefechtslärm gewöhnen. Es wird Krieg geben. Irgendwann wird die Heimat wieder deutsch werden`“ (S. 27f). So überträgt man Kriegstraumata an die nächste Generation!

Für den Vater stand die Arbeit im Mittelpunkt. „Der beruflich stark eingespannte Werner Grams ist wenig zu Hause, er sieht seine Söhne kaum“ (S. 27). „Erst die Arbeit, dann kommt das Essen. Und dann vielleicht noch wir. Da konnte keine Nähe aufkommen“, berichtet Rainer Grams (S. 29).
Beide Eltern wendeten körperliche Gewalt gegen Wolfgang an. Wolfgang sollte ein Musikinstrument lernen und gut darin werden. Der Druck sei extrem gewesen. „Da wurde vom Vater abends abgefragt, ob richtig geübt worden ist, notfalls wurde Wolfgang mit einer Ohrfeige dazu angehalten“ (S. 30).
Die Mutter von Wolfgang wollte, dass auch Rainer mit Wolfangs Freunden spielen durfte. „Wenn Wolfgang sich nicht daran hält, indem er etwa den jüngeren Bruder rausschickt, setzt es in Anwesenheit der Freunde auch mal eine Ohrfeige. Albert Eisenach erinnert sich noch heute gut an die stumme Wut, die das in Wolfgang Grams hervorruft“ (S. 30).
Es kommt oft zu Streitigkeiten zwischen Wolfgang und Rainer. Die schlichtet die Mutter, indem sie mit dem Vater droht“ (S. 29). Hat Wolfgang also auch diesen klassischen Satz zu hören bekommen: `Warte nur, bis Papa nach Hause kommt`?  In der Erwartung von Prügel? Vieles spricht dafür, dabei vor allem die Berichte über die Routine von Körperstrafen im Hause Grams.

Der Schulfreund Eisenach berichtet, dass Wolfgang sich früh gegen die bürgerliche Existenz auflehnte: „Er hat das gemacht, was er sich in den Kopf gesetzt hat. Da haben ihn auch die Schläge von zu Hause nicht abgehalten, ganz im Gegenteil“ (S. 33).

In der Pubertät haute Wolfgang nach heftigem Streit zu Hause ab, kommt bei seinem Freund Eisenach unter oder, bei anderen Gelegenheiten, in einer Kleingartenkolonie. Wolfgang probiert Haschisch und auch LSD. Er politisiert und radikalisiert sich Stück für Stück immer mehr und findet schließlich den Weg zur RAF und in den Untergrund.


Mittwoch, 11. September 2019

Terror von Links - Kindheit von Till Meyer


Ich habe im Nachgang zu meinem Buch und dem Kapitel über Terroristen weitere Einzelfälle recherchiert, die ich hier demnächst vorstellen werde. Beginnen wir heute mit Till Meyer, ehemaliges Mitglied der terroristischen „Bewegung 2. Juni“ und Teil des bewaffneten Kampfes.
Die nachfolgenden Informationen habe ich aus dem Buch:
Meyer, Till (2008): Staatsfeind. Erinnerungen. Rotbuch Verlag, Berlin. 


Der Vater starb im Krieg ca. Anfang 1945 als Tíll noch ein Baby war. Die Mutter musste in der Folge für sechs Kinder alleine aufkommen und war damit von morgens bis abends beschäftigt, wie Till Meyer ausführt. Alle Kinder waren in der Kriegs- und Nachkriegszeit stark unterernährt. „In meiner Erinnerung spielten sich die ersten sechs Jahre meines Lebens zwischen Entbehrung und Hunger ab, mit Lebertran, Leibchen und langen, kratzigen Strümpfen, zwischen Langeweile zu Hause und aufregenden Entdeckungstouren auf den Straßen und in den Ruinen. (…) An Beachtung und Liebe fehlte es mir nicht. Trotz ihrer großen Belastung hatte ich immer die besondere Zuwendung und Aufmerksamkeit meiner Mutter. Vielleicht, weil ich der Jüngste war“ (S. 230).

Ich setze hinter diesem gezeichneten positiven Bild seiner Mutter gewisse Fragezeichen. Denn Meyer selbst hat zuvor in seinem Buch beschrieben, dass seine Mutter extrem gefordert war und kaum Zeit hatte. Er selbst berichtet aber auch an zwei Stellen über strenge Erziehungsmaßnahmen seiner Mutter. Dies lässt das idealisierte Bild deutlich bröckeln. „Den Spitznamen Brüller hatte ich mir eingehandelt, weil ich abends nie freiwillig nach oben in die Wohnung wollte und aus freien Stücken nicht aus den Ruinen herauskam. Wann immer man mir beim Spielen etwas verweigerte oder gar verbot, fing ich tränenlos, doch lauthals an zu brüllen. Und zwar so lange, bis man meinem Willen nachgab oder aber meine Mutter mit einer schallenden Ohrfeige dem Gebrüll ein Ende setzte. Die Nachbarn kannten das Ritual“ (S. 231). Und: „Ich lernte nicht und machte keine Schularbeiten, sondern träumte mich durch einsame Abenteuer in weiter Wildnis. (…) Ich verweigerte mich hartnäckig. Alles büffeln unter den Fittichen meiner Mutter und die vielen Ohrfeigen, die ich wegen meiner Lernunwilligkeit verpasst bekam, halfen nicht“ (S. 235). In beiden Berichten zeigt sich, dass die Gewalt der Mutter häufig vorkam!

Till Meyer hasste die Schule, wohl auch wegen der strengen Methoden. „In den Schulen herrschte zu jener Zeit strikte Disziplin und penible Ordnung. Vorlautes Dazwischensprechen, Kaugummi kauen, Tuscheln oder Abschreiben vom Nachbarn bestraften die Lehrer nicht selten durch einen heftigen Schlag mit dem Lineal auf die Handflächen des Schülers. Auch Ohrfeigen setzte es zuweilen. Mildere Strafen waren Nachsitzen, ellenlange Strafarbeiten oder mit dem Gesicht zur Wand In-der-Ecke-Stehen“ (S. 233). Auch in der Schule gab es also keinen Schutz vor Übergriffen durch Erwachsene.

Und so sollte es auch in der Lehre weitergehen. Till wollte Seemann werden und landete mit 15 Jahren auf einem Frachter. Sein Traum wurde schnell zerstört. Man beutete ihn aus und verstieß gegen alle möglichen Jugendarbeitsschutzgesetze. Der Kapitän war nicht nur sein Lehrherr, sondern auch Erziehungsberechtigter. Einmal in der tiefen Nacht, als Till am Ruder war, nickte er ein und das Schiff machte eine starke Linkskurve. Die Mannschaft war in der Folge aus den Betten gefallen. „Im Schlafanzug, ein Stück Tau, den sogenannten Tampen in der Hand, jachtete der Kapitän den Niedergang rauf: `Du Scheiß Berliner bist eingepennt!`, und noch bevor er das Schiff wieder auf Kurs brachte, schlug er wie von Sinnen mit dem Tauende auf mich ein. Noch ein Tritt, `verschwinde von der Brücke`, und ich war weg“ (S. 84). Till brach dann die Lehre ab.

In Hamburg wurde Till dann Teil einer „Halbstarkenclique“: „Wo immer sich unsere Clique an den verschiedenen Straßenecken des Viertels versammelte, gab es Ärger mit den Bürgern und bald auch mit der Polizei. (…) Wir waren laut, aggressiv und fühlten uns wie `King Elvis` persönlich. Unter den Jungarbeitern herrschte eine harte Sprache und ein aggressives Klima. Streitigkeiten, auch innerhalb der Clique, meistens wegen Nichtigkeiten, wurden vielfach mit den Fäusten ausgetragen“ (S. 88).
Da er die Berufsschule als Jugendlicher dauerhaft schwänzte, wurde er eines Tages von der Polizei zur Schule gebracht. In der Pause floh er erneut aus der Schule. Dies brachte ihn damals vor den Richter. Er wurde zu drei Wochen Jugendarresthaft verurteilt. Über seine Zeit im Arrest schreibt er: „Ich fühlte mich einsam und hoffnungslos. Du bist dem hier schutzlos ausgeliefert. Das hältst du nicht durch. Es hatte etwas von Endgültigkeit. Hier kommst du nie mehr raus. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Stundenlang weinte ich lautlos vor mich hin“ (S. 108).
Später politisierte und radikalisierte sich Till Meyer im Zuge der 68er Bewegung und fand schließlich zum Terrorismus.

Die Kindheits- und Jugendgeschichte von Till Meyer ist auch ein Zeitzeugenbericht für eine allgemeine „Kultur der Gewalt“, die in der Nachkriegszeit in Deutschland herrschte. Eltern schlugen und demütigen ihre Kinder, Lehrer schlugen und demütigten die Kinder, Lehrherren schlugen und demütigten die Kinder. Und selbst das Justizsystem war gnadenlos (siehe die Inhaftierung des jugendlichen Till). Es wundert mich überhaupt nicht, dass aus dieser Gewaltkultur eine teils erheblich gewaltbereite und im Extrem eben auch terroristische Generation heranwuchs. Was nichts entschuldigt, aber einiges erklärt.

Für sich alleine genommen zeigt der Lebensbericht von Meyer eine sehr traumatische Kindheit und Jugend auf. Sicher ging es vielen Kindern damals ähnlich. Das ist aber nicht der Punkt! Es geht nicht darum, dass aus solchen Verhältnissen automatisch Terroristen hervorgehen. Es geht darum, dass diese Verhältnisse das Fundament für Terrorismus und Extremismus sein können. Und es geht darum, dass dieser Fall – mal wieder – zeigt, dass als Kind gewaltfrei und liebevoll behandelte Menschen nicht zu Terroristen werden.

Der Kindheitsbericht von Till Meyer zeigt mir persönlich aber auch, wie viel sich mittlerweile verändert hat. Elterliche Gewalt gegen Kinder ist heute hierzulande verboten und Nachbarn, die dies mitbekommen, halten nicht mehr so oft still wie damals. Lehrer dürfen schon lange keine Kinder mehr schlagen. Lehrherren würde man heute vor Gericht bringen, wenn sie ein Kind so misshandeln, wie dies Till geschah. Und einem jungen Dauerschulverweigerer würde man nicht drei Wochen wegsperren und demütigen, sondern ihm Sozialarbeiter an die Seite stellen. Ich will damit nicht sagen, dass heute alles gut ist! Aber mir ist nach der Lektüre des o.g. Buches noch einmal überdeutlich bewusst geworden, dass all diese genannten Veränderungen und Verbesserungen eben auch Extremismusprävention sind (ohne dass dies wohl das eigentliche Ziel war).

Montag, 9. September 2019

Nazi-Familien: "Wir waren keine glückliche Familie"


Heidi Benneckenstein wuchs in einer Nazi-Familie auf und hat über ihr Leben und auch ihren Ausstieg aus der rechten Szene ein Buch geschrieben: „Ein deutsches Mädchen: Mein Leben in einer Neonazi-Familie“ (2019).

Sie schreibt: „Ich habe meine ersten 18 Jahre mit Nazis verbracht. Nicht aus sicherer Distanz und nicht für ein, zwei Jahre in der Pubertät, sondern mittendrin, ausschließlich und von Anfang an. Ich wurde von ihnen erzogen und aufs Leben vorbereitet. Ich wurde von ihnen geschlagen und drangsaliert, gelobt und belohnt. Eigentlich kannte ich überhaupt keine anderen Menschen: meine Großeltern, mein Vater, die Freunde meiner Eltern, die Kinder, mit denen ich meine Ferien verbrachte, meine erste Clique, mein erster Freund, ja sogar der Mann, mit dem ich heute verheiratet bin – alles Nazis (…). Ich wurde von klein auf ideologisch geschult und militärisch gedrillt. (…) Ich prügelte und wurde verprügelt, griff Polizisten an und rannte vor ihnen weg“ (S. 13f)

Disziplin, Gehorsam, Fleiß, Ehre und Heimatliebe waren die Werte, die ihr Vater ihr versuchte einzutrichtern. Dazu kam ständiger Leistungsdruck. Lieblosigkeit und Psychoterror waren dabei sein wesentliches Erziehungsprogramm. Dies fing schon nach der Geburt von Heidi an: Ihr Vater bestand darauf, dass der Säugling die Nächte in den Wochen nach der Geburt alleine im Kinderzimmer zu verbringen hatte und nicht im Schlafzimmer der Eltern. „Ich tat mir wahnsinnig leid, als ich das hörte, stellte mir vor, wie ich einsam in meinem dunklen Zimmer lag und weinte, ohne dass mich jemand hörte“ (S. 29). „Wir waren keine glückliche Familie“, schreibt Heidi Benneckenstein an einer Stelle im Buch (S. 50).

Und ist es nicht genau das, was immer wieder bzgl. Rechtsextremen auszumachen ist? Diese Leute, diese Hasser und Menschenverachter, sind zutiefst unglückliche Menschen. Man schaue sich die Gesichter und Mimik auf entsprechenden Demos und Versammlungen einmal an! Das sind keine Leute, die strahlen, die zufrieden und gesund wirken, die sich dem Leben zuwenden. Ich sehe dort das genaue Gegenteil.

Es ist kein Zufall, dass rechtsextreme Familien – wie in dem oben genannten Bericht gesehen – von Chaos, Unglück und Gewalt bestimmt sind. Die Forschungslage bzgl. Kindheitshintergründen von Rechtsextremisten ist da ja ziemlich deutlich: Bei der überwältigenden Mehrheit findet man sehr destruktive Kindheiten. Das Fundament dafür, in Extremismus und Gewalt abzurutschen.

Auch die Autorin hat diese Zusammenhänge offensichtlich ausgemacht. Sie bezieht sich im Buch auf das Lied der Gruppe Die ÄrzteSchrei nach Liebe“ und merkt an: „Es stimmt leider nur zur Hälfte: Bei vielen Kameraden ist die Gewalt kein stummer Schrei nach Liebe, sondern Konsequenz einer verkorksten Kindheit“ (S. 81). Wenn jemand, der über 18 Jahre lang ein Nazi und tief in die Szene integriert war, so etwas schreibt, dann sollte man das sehr ernst nehmen. Und sie beschreibt auch, wie diese Leute im Prinzip zutiefst unsichere Menschen sind, die keine tieferen Beziehungen mit Menschen (inkl. den eigenen Kindern) hinbekommen. Und: Sie sehnen sich nach Anerkennung. „Es klingt wie ein Klischee, aber meiner Meinung nach ist es die Wahrheit: Der Nährboden für rechte Gesinnung ist fast immer persönliche Unzufriedenheit“ (S. 98).
Bzgl. Heidi kommt noch die Besonderheit dazu, dass ihre Familie und Umfeld bereits rechtsextrem war. Andere Akteure werden durch ihre destruktiven Kindheitshintergründe und Zufälle/Begegnungen erst im Laufe ihrer Jugend zu Extremisten.

Ergänzend möchte ich auf den Beitrag Die Kinder der NS-Täter und die Kindheit der NS-Täter hinweisen. Auch in diesem Beitrag konnte ich an Hand der Familiengeschichte von Kindern der NS-Täter deutlich herausstellen, dass diese Familien keine glücklichen Familien waren, um es milde auszudrücken...

Mittwoch, 4. September 2019

Psychotraumatologie: Widerstandsinszenierungen, Rückschrittsfantasien und Opfer-Wahrnehmungen von rechten, politischen Bewegungen


Bzgl. der Zustände in der Welt und vor allem auch politischer Verrücktheiten (inkl. der hohen, aktuellen Wahlergebnisse der AFD in Sachsen und Brandenburg) lohnt immer auch ein Blick auf die Psychotraumatologie. 

Dazu habe ich aktuell zwei Bücher durchgesehen:

Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft? Wie Täter-Opfer-Dynamiken unser Leben bestimmen und wie wir uns daraus befreien“ (2019), von dem Professor für Psychologie und Psychotherapeuten Franz Ruppert.

und

 „Verkörperte Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann“ (2018), des Psychiaters und weltweit anerkannten Psychotraumaexperten Bessel van der Kolk.

Einzelne Passagen aus diesen Büchern möchte ich zunächst hervorheben:

Viele Traumatisierte stellen fest, dass sie mit den Menschen in ihrer Umgebung kaum noch zurechtkommen. Einige finden Trost in Gruppen von Menschen, die ähnliches wie sie erlebt haben (…). Die Isolation in einer streng definierten Opfergruppe fördert eine Sicht, die andere Menschen als bestenfalls irrelevant und schlimmstenfalls gefährlich erscheinen lässt – was wiederum zu einer noch stärkeren Entfremdung führt. Gangs, extremistische politische Parteien und religiöse Kulte können Trost bieten, aber sie fördern kaum die mentale Flexibilität, die Menschen brauchen, um sich dem, was das Leben bietet, völlig zu öffnen, und deshalb können sie ihre Mitglieder nicht von ihren Traumata befreien. Menschen mit guter allgemeiner Funktionsfähigkeit können individuelle Unterschiede akzeptieren und das Menschsein anderer anerkennen“ (van der Kolk 2018, S. 98).

 „Doch für viele Menschen sind Panik und Wut erstrebenswerter als deren Gegenteil: sich zu verschließen und damit für die Welt wie tot zu sein. Die Kampf-/Fluchtreaktion mobilisiert ihre Energie. Deshalb fühlen sich so viele missbrauchte, misshandelte und anderweitig traumatisierte Menschen erst angesichts von Gefahr völlig lebendig, wohingegen sie in komplexeren, aber objektiv ungefährlichen Situationen - wie Geburtstagsparty und Festessen der Familie - in einen Zustand der Gefühlstaubheit verfallen“ (van der Kolk 2018, S. 102).

Ob wir Menschen kooperativ oder aggressiv sind, liegt in erster Linie an der Verfassung unserer Psyche. So wie es in unserer Psyche aussieht, so gestalten wir auch unsere Umwelt, die soziale wie die natürliche. Herrscht in unserer Psyche Chaos, so veranstalten wir auch im Außen Chaos. Sind wir mit unserer Psyche im Reinen, können wir auch in unserer Umwelt für klare und geordnete Verhältnisse sorgen“ (Ruppert 2019, S. 19).

Die ausschlaggebende Ursache für die Destruktivität von uns Menschen ist die Traumatisierung unserer Psyche. Sie führt in nicht endende Täter-Opfer-Beziehungsdynamiken hinein. Wird diese Tatsache erkannt und von den betroffenen Menschen auch anerkannt, dann ist der Ausstieg aus dieser Destruktivität wieder möglich, selbst wenn wir uns schon lange darin aufgehalten und bereits daran gewöhnt haben“ (Ruppert 2019, S. 20).

Da Familien und die Eltern-Kind-Beziehungen der Kernbereich jeder Gesellschaft sind, hat das Auswirkungen über die Familie hinaus. Wenn nämlich aus psychisch traumatisierten Kindern Erwachsene werden, dann tragen sie ihre psychischen Störungen in sämtliche Bereiche einer Gesellschaft hinein: in das Bildungs-, das Arbeits- und das Politiksystem. Sie verbleiben mit einem wesentlichen Teil ihrer Psyche in einer unguten Form von Kindlichkeit verhaftet. Aufgrund ihrer aus der Kindheit stammenden Traumatisierungen können sie die aktuellen Realitäten entweder gar nicht oder verzerrt wahrnehmen, fühlen und denken. Sie konstruieren sich ihre eigene Welt und folgen ihren Illusionen und ausgedachten Prinzipien entgegen der Realität. Sie bleiben in der Scheinwelt ihrer kindlichen Trauma-Überlebensstrategien stecken“ (Ruppert 2019, S. 51f).

Durch Trauma-Erfahrungen geraten wir (…) in den Zustand einer in sich gespaltenen Psyche, in der Wahrnehmung, Fühlen, Denken, Wollen, Erinnern und Handeln nicht mehr als Einheit zusammenwirken, sondern sje für sich existieren und unabhängig voneinander Informationen über die reale Welt verarbeiten; oder sich immer weiter von dieser entfernen. Die Selbstorganisation des psychischen Systems funktioniert nicht mehr (Ruppert 2019, S. 81).

Einer traumatisierten Psyche fällt es schwer, Innen und Außen, Damals und Heute, Ich und Du, Realität und Fiktion klar und zuverlässig zu unterscheiden. Traumatisierte Menschen können schon beim geringsten Anlass in Stress und helle Aufregung geraten. Andererseits kann es sein, dass sie in brandgefährlichen Situationen den Ernst der Lage überhaupt nicht begreifen. Trauma bedeutet, dass wir mit den Überlebensmustern von früher die Probleme von heute zu bewältigen versuchen“ (Ruppert 2019, S. 83).

Traumatisierte Menschen leben in einem permanenten Zustand des inneren Bedrohtseins. Wenn daher der äußere Stress nachlässt, wird das innere Bedrohungsgefühl umso deutlicher wahrgenommen. So erleben sich Menschen instinktiv selbst als andauernde Quelle der Bedrohung und versuchen von sich selbst abzulenken und vor sich selbst wegzulaufen. Sie schauen dann lieber auf die gesellschaftlichen Vorkommnisse statt auf sich selbst“ (Ruppert 2019, S. 164).


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All diese Beobachtungen müssen nur verknüpft werden mit dem Ausmaß an psychischen Traumatisierungen. Der größte Bereich ist dabei das „Entwicklungstrauma“ in der Kindheit (durch immer wieder vorkommende Destruktivität gegen das Kind durch seine nahen Bezugspersonen, dabei vor allem die eigenen Eltern), also eine komplexe Traumatisierung, die man nicht mit einem traumatischen „Einzelereignis“ (Unfälle, Gewaltakt usw.) vergleichen kann, weil die Folgen viel komplexer sind.
Noch etwas kommt hinzu: Menschen, die zu Tätern werden, traumatisieren sich ebenfalls durch ihre Taten. Franz Ruppert nennt solche Akteure „Trauma-Täter“. Sie wurden durch erlebte Traumatisierungen zum Täter und traumatisieren sich durch ihre Taten erneut.

In diesem Blog habe ich vielfach aufgezeigt, in welchen Regionen auf der Welt welche Art und wie viele Belastungen von Kindern zu finden sind. Es verwundert mit Blick auf die oben zitierten Auszüge kaum, dass in Regionen mit hohen Belastungsraten für Kinder häufig auch politisches, soziales und ökonomisches Chaos zu finden ist. Darüberhinaus erinnern viele Verhaltensweisen und Äußerungen von rechten und sonstigen extremistischen Politakteuren an klassische Verhaltensweisen von traumatisierten Menschen.

Was lernen wir aus all dem mit Blick auf die AFD & Co.?

Was seit Monaten oder auch einigen Jahren die mediale Diskussion hierzulande immer wieder bestimmt, sind die großen Fragezeichen in Angesicht von Wahlen von Rechten und Hetzern, Brexit-Chaos, Erfolge der AFD, Wahl von Donald Trump usw. oder auch schlechter Stimmung in Teilen der Bevölkerung trotz objektiv guter Lage und Lebenssituation. Klassisch ist auch das Mehr von Kriminalitätsfurcht obwohl Jahr für Jahr die Sicherheitslage (vor allem in Deutschland) immer besser wird. Wenn man zudem die Reden von rechten Politikern hört, dann glaubt man, dass diese in einer anderen Welt leben: Überall sind Bedrohungen, man selbst würde dauernd zum Opfer, die Ganzheit des Volkes wäre bedroht und die Welt stünde kurz vor dem Abgrund... Rational kann man dies alles nicht umfassend erklären. Mit den oben zitierten Textstellen wird dagegen vieles klarer.

Ein Mehr an Fortschritt, Sicherheit, politischer Stabilität und auch ein Mehr von gesellschaftlicher, pluralistischer Entwicklung bei gleichzeitiger immer mehr Ausdifferenzierung der Individuen bedeutet einen unermesslichen Druck auf all jene Menschen oder besser gesagt Anteile in der Bevölkerung, die überdurchschnittlich traumatisiert sind. Die Ruhe im Land, Veränderungen und der Fortschritt macht sie bildlich gesprochen (aber teils wohl auch real) wahnsinnig. Positive Entwicklungen gilt es deswegen rückgängig zu machen. Oder anders gesagt: Die äußere Welt muss chaotischer, real bedrohlicher und auch gewalttätiger werden, damit Innen und Außen wieder gut zusammenpassen und man von seiner eigenen, inneren Misere wieder mehr abgelenkt ist. Das ist der eigentliche Antrieb destruktiver, politisch gefärbter Bewegungen (inkl. AFD, Brexiteers, Trumpanhänger, Bolsonaro in Brasilien usw.), die im Grunde eigentlich emotionale Bewegungen sind. Es geht niemals um ein Besser, das Ziel ist, die gegenwärtige Realität zu zerstören, damit die Gesellschaft schlechter dasteht (aus besagten Gründen).

Der Politologe Matthias Quent sagte nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg mit Blick auf die Ergebnisse der AFD:  "Wir haben es hier nicht mit wütendem Protest, sondern mit einer Art Kulturkampf zu tun." Ich würde dem ergänzend anhängen, dass es auch um einen inneren, emotionalen Kampf geht! Wenn dem so ist, so sind kurzfristige Lösungen nicht in Sicht. Langfristig gesehen geht es um die Reduzierung von traumatischen Erfahrungen und der Aufarbeitung von Traumatisierungen.

Warum wird nun im Osten deutlich mehr rechts gewählt? Warum finden auch überproportional viele rechte Attacken im Osten statt?

Dazu müssen wir in die „Traumageschichte“ des Ostens schauen. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster hat dies eindrucksvoll z.B. mit Blick auf das autoritäre Kita- und Erziehungssystem der DDR getan, das Folgen bis heute hat. Er hat den fehlenden „Link“ zur Erklärung der Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Ost und West geliefert.

Dazu kommen ganz sicher die (Trauma)Erfahrungen in einer Diktatur, sowohl als Opfer als auch als Täter (letztere leben immer noch im Land, was gerne vergessen wird).

Ganz zentral sind für mich auch die drei großen Abwanderungswellen aus der DDR (einmal von 1949 bis 1961; sodann von 1989 bis 1994 und schließlich ab dem Jahr 2000). „Bevorzugt jüngere, gut ausgebildete Menschen, darunter viele Spezialisten wie Ärzte und Ingenieure, kehrten dem Land den Rücken.“ (bpb, 20.03.2010, "Zug nach Westen – Anhaltende Abwanderung") Und: Überproportional viele junge und gut ausgebildete Frauen verließen den Osten, vor allem ab der Wende. Es ist bisher nicht erforscht, wie die psychosoziale Struktur dieser Menschen aussieht. Ich vermute, dass diese Abwanderer auf Grund ihrer jüngeren Altersstruktur und ihrer flexibleren Einstellung (sonst wären sie nicht abgewandert) psychisch verhältnismäßig weniger belastet sind, als der Durchschnitt. Dadurch würde sich die psychosoziale Situation in den verlassen Gebieten verschärfen, nicht nur durch den Wegzug der flexiblen (vermutlich weniger traumatisierten) Leute, sondern auch weil vor Ort die Menschen fehlen, die etwas bewegen, die in Diskussionen auch mal dagegenhalten oder die auch Situationen durch ihre Art entschärfen.

Leider wird es Zeit brauchen, bis sich die Welt wieder deutlich beruhigt. Die psychisch unbelastetere Generation (die auch mit deutlich weniger elterlicher Gewalt und Destruktivität aufgewachsen ist), steht erst in den Startlöchern. In Zeiten des Klimawandels verlieren wir leider durch die aktuellen "Rückschrittsprozesse" in der Welt wertvolle Zeit. Zeit, die wir dringend bräuchten. 

Montag, 12. August 2019

Massenmord in El Paso und Dayton. Die Kindheit der Täter und Kindheitshintergründe in über 150 weiteren Fällen


Nach den Massenmorden in El Paso und Dayton in den USA haben die beiden Forscher Jillian Peterson and James Densley einen Artikel in der Los Angels Times (04.08.2019, "Op-Ed: We have studied every mass shooting since 1966. Here’s what we’ve learned about the shooters") veröffentlicht, in dem Sie wesentliche Ergebnisse ihrer Studie von Massenmorden in den USA vorweg erläutern. Das Forschungsprojekt – „The Violence Project Mass Shooter“ (siehe dazu auch hier) – wird vom National Institute of Justice finanziert. Die Gesamtergebnisse werden erst Anfang 2020 veröffentlicht.

Untersucht wurden mehr als 150 öffentliche Massenmorde in den USA zwischen 1966 und 2018. Dies ist somit das bisher größte mir bekannte wissenschaftliche Projekt zur Erforschung von öffentlichem Massenmord!

Vier Gemeinsamkeiten verbindet die Massenmörder: 

Der Erste Punkt ist der für mich wichtigste:
„The vast majority of mass shooters in our study experienced early childhood trauma and exposure to violence at a young age. The nature of their exposure included parental suicide, physical or sexual abuse, neglect, domestic violence, and/or severe bullying. The trauma was often a precursor to mental health concerns, including depression, anxiety, thought disorders or suicidality.“ (L.A.-Times siehe oben)
Somit wurde hier eindrucksvoll nachgewiesen, dass als Kind unbelastet aufgewachsene Menschen i.d.R. keine Massenmorde begehen! Und für die deutliche Minderheit, wo sich keine Kindheitsbelastungen nachweisen ließen, sind Belastungen selbstverständlich nicht ausgeschlossen. In Kapitel 11 meines Buches habe ich ausführlich – auch an Hand von Studien - die Probleme beschrieben, die ganze Wahrheit des Kindheitsleids von Gewalttätern aufzudecken. Trotz dieser Widerstände haben die o.g. Forscher offensichtlich deutliche Hinweise auf Kindheitsbelastungen gefunden. Wohl nicht ohne Grund wurde von den Forschern der Punkt „Kindheitsbelastungen“ zuerst genannt.

Der zweite Punkt ist eine persönliche Krise (eine Art Auslöser), die den Taten in den Wochen oder Monaten vorher vorausging. Diese Krise zeigte sich oft auch Dritten, durch deutliche Verhaltensänderungen, Suizidgedanken usw.

Der dritte Punkt: Die meisten Massenmörder haben sich vorher mit Taten anderer Massenmörder befasst und sie wohl als Vorbild genommen.

Der vierte Punkt: Alle Massenmörder hatten die Mittel, um ihre Taten auszuführen. Dabei vor allem Zugang zu Waffen.

Einen wichtigen fünften Punkt haben die Forscher übrigens nicht erwähnt: Fast alle Täter waren männlich! 

Über die beiden Täter Patrick Crusius (Massenmord in El Paso) und Connor Betts (Massenmord in Dayton) habe ich bisher nur kurz recherchiert. In beiden Fällen fand ich relativ schnell Hinweise auf destruktive Kindheitserfahrungen.

Über die Kindheit von Patrick Crusius schreibt die Washington Post:
His childhood had challenges: His parents divorced in 2011, and his father chronicled a four-decade drug addiction in a self-published memoir. (…) In a 2014 self-published book, “Life Enthusiasm: A Path to Purpose Beyond Recovery,” the elder Crusius described how he and his wife, Lori, had been essentially estranged for years before they divorced in 2011. The elder Crusius wrote that he long abused drugs and alcohol, including pills most commonly associated with attention deficit/hyperactivity disorder. After the divorce `any semblance or pretense of stability crumbled,` he wrote.“ (The Washington Post, 04.08.2019, „El Paso shooting suspect could face federal hate crime charges“ )
Eine Ex-Freundin von Connor Betts sagte kurz etwas zu mentalen Problemen von Conor und über seine Kindheit: „She says Betts didn’t like his parents, there were issues during his childhood she wouldn’t go into.“ (10tv, 07.08.2019, „Ex-girlfriend of Dayton shooter: There were warning signs“)

Es wird wohl deutlich, dass beide Täter ziemlich gut in das Raster passen, dass Jillian Peterson and James Densley entwickelt haben, das gilt insbesondere für die Kindheit, aber auch für die drei anderen Punkte (die sich abzeichnen, wenn man sich mit den beiden Fällen weiter befasst).

Dienstag, 30. Juli 2019

Die Kindheit von Donald Trump


Auch bei Donald Trump finden sich deutliche destruktive Kindheitshintergründe. Das dürfte viele Leser und Leserinnen hier kaum überraschen. Vielleicht hat sich manch einer eher gewundert, warum ich bisher weder im Blog, noch in meinem Buch die Kindheit von Donald Trump besprochen habe.
Erstens: Ich dachte mir, dass jemand wie Trump sich und sein Verhalten letztlich von selbst erklärt. Warum sollte ich mir also die Mühe machen?
Zweitens: Ich war es so was von leid (was wahrscheinlich sein politischer Vorteil ist, weil viele Leute einfach nicht mehr aushalten, was er so macht und sagt…), mich mit Trump zu befassen! Da aber bald der nächste Präsidentschaftswahlkampf ansteht, komme ich an ihm jetzt wohl kaum vorbei.
Drittens: In meinem Hinterkopf hatte ich irgendwie fantasiert, dass es jemand wie Trump doch narzisstisch sehr kränken müsste, wenn ich alle möglichen politischen Führer (und speziell auch in meinem Buch amerikanische Präsidenten) bespreche und nun gerade IHN auslasse. Nun, dies war meine gehässige Fantasie ;-), real wird er sich natürlich eh nicht mit dem befassen, was ich hier schreibe.

Wer sich mit dem Werden von Donald Trump befasst, der kommt nicht an seinen Vater, Fred Trump, vorbei. Fred Trump war „ein pingeliger, förmlicher Mann, der auch zu Hause ein Jackett und eine Krawatte trug. Er war oft mürrisch und fühlte sich in Gesellschaft unwohl“ (Kranish & Fisher 2016, S. 60). Kranish & Fisher berichten zudem von pedantischem Verhalten des Multimillionärs. Fred Trump habe z.B. bei seinen Bauprojekten unbenutzte Nägel eingesammelt und sie den Zimmerleuten gebracht. D`Antonio schreibt, dass Fred Trump es nicht ertragen konnte, wenn auch nur ein einziger Cent verschwendet wurde (D`Antonio 2016, S. 108).
 „Fred Trump kompensierte seine Mängel im zwischenmenschlichen Kontakt durch extrem harte Arbeit. Er verbrachte selten einen Tag, ohne in irgendeiner Form geschäftlich tätig zu sein, und er arbeitete auch zu Hause, am Telefon, so gut wie jeden Abend. Ein Sohn oder eine Tochter, der oder die sich ein wenig Zeit mit ihm wünschte, begleitete ihn bei einem Wochenendausflug ins Büro oder bei einem Besuch von Baustellen. (…) Unterwegs bekamen sie dann Vorträge über die Bedeutung von Ehrgeiz, Disziplin und harter Arbeit zu hören. (…) Nach dem Familienkodex waren unflätige Wörter und kleine Snacks zwischendurch tabu, darüber hinaus verlangte er Gehorsam und Loyalität. Verstöße jeglicher Art wurden jeden Abend bei Freds Heimkehr gemeldet, und er verhängte dann die entsprechende Strafe“ (D`Antonio 2016, S. 79f). Der Biograf Michael D`Antonio beschreibt das Aufwachsen der Trump-Kinder als ungewöhnliche Kombination aus strenger Disziplin, Luxus und Überlegenheitsgefühl, auf das alle Kinder unterschiedlich reagierten.
Fred war, ebenso wie seine Frau, ein strenger Erzieher: „Fred und Mary führten ein strenges Regiment, sie verbaten ihren Kindern, sich gegenseitig mit Spitznamen anzureden, Lippenstift zu tragen oder länger als ausgemacht aufzubleiben. Jeden Abend erkundigten die Trumps sich bei ihren Kindern nach ihren Hausaufgaben und verlangten, dass sie ihren Haushaltspflichten nachkamen. Genau wie in der Schule rebellierte Donald gegen die Regeln und stritt sich deswegen mit seinem Vater. Trotzdem sagte Fred seinem Sohn stets, er sei ein `König` und müsse ein `Killer` werden in allem, was er tue“ (Kranish & Fisher 2016, S. 60).

An anderer Stelle gibt D`Antonio einen Einblick in das, was man wohl unter Strafen im Hause Trump u.a. verstand: nämlich auch körperliche Gewalt. Der ältere Bruder von Donald, Freddy, hatte Schwierigkeiten, die Ansprüche seines Vaters zu erfüllen. „Donald wünschte sich, dass Freddy sich etwas mehr Mühe gegeben hätte (…). Außerdem wurde von einem männlichen Trump erwartet, hart zu sein, selbst im Umgang untereinander; aber als der Vater Freddy eine Ohrfeige verpasste, war der so verletzt, dass er körperlich zu schrumpfen schien. Es war schwer zu ertragen, das mit anzusehen. Donald zog seine Lehren aus dem, was er beobachtete, und beschloss, sich gegen jeden zu wehren, der ihn herausforderte – auch gegen seinen Vater. Viele Jahre später sagte er einmal: `Ich habe mich immer gewehrt. Mein Vater war ein richtig harter Knochen.`“ (D`Antonio 2016, S. 108f). Ob auch Donald Trump von seinem Vater geschlagen wurde, scheint nicht belegt zu sein. Freddy Trump wurde übrigens zum Alkoholiker und starb 1981 im Alter von 41 Jahren an den Folgen seiner Alkoholsucht (Welt – Online 2017).

Über die Mutter, Mary Anne MacLeod, von Donald Trump wird öffentlich meist weniger berichtet, als über den Vater. Sie wurde 1912 in Schottland als letztes von 10 Kindern geboren. Ihr Vater war Fischer. „Ihre Kindheit und Jugend waren von Isolation, Entbehrungen und Düsterkeit geprägt“ (Kruse 2017). Außerdem sei sie in krasser Armut aufgewachsen. 1930 wanderte sie in die USA aus und lernte dort Fred Trump kennen.
1948 bekam sie ihr fünftes und letztes Kind. Die Geburt war schwierig. Schwerwiegende Blutungen und Infektionen machten eine Reihe von Operationen nötig. „Es war nicht sicher, ob Mary Trump überleben würde. An diesem Wendepunkt war Donald Trump zwei Jahre alt und musste den Beinahetod seiner Mutter miterleben. Wie mag ihn das geprägt haben?“ (Kruse 2017).
D`Antonio beschreibt Mary Trump wie folgt: „Sie war auf ihre stillere Art ebenso hart, stur und ehrgeizig wie ihr Mann. (…) Sie liebte außerdem jene Art von Überfluss, wie er von der britischen Monarchie repräsentiert wurde“ (D`Antonio 2016, S. 75).
In dem Artikel „Was für einen Sohn habe ich erschaffen?“ wurde zentral dem Einfluss von Mary Trump auf das Werden von Donald Trump nachgegangen. Der Autor schreibt zusammenfassend, dass die Mutter von Donald „geisterhaft abwesend“ erscheint und die Beziehung zwischen Mutter und Sohn offensichtlich von Distanz geprägt war (Kruse 2017).

Ein weiteres Ereignis in der Kindheit von Donald Trump ist von zentraler Bedeutung! Gegen Ende der siebten Klasse, Donald war damals 13 Jahre alt, entdeckte Fred Trump, dass sein Sohn mit seinem besten Freund heimlich Ausflüge nach New York gemacht hatte. Fred war sehr wütend (ergänzend kamen wohl auch vorherige Probleme mit Disziplin in der Schule dazu) und beschloss, seinen Sohn auf ein Militärinternat zu schicken. Donald konnte sich nur am Telefon von seinem besten Freund, der ziemlich vor den Kopf gestoßen war, verabschieden (Kranish & Fisher 2016, S. 61f).
Die Devise im Internat war, die Zöglinge erst zu brechen und hinterher wiederaufzubauen. Körperliche Brutalität und verbaler Missbrauch wurden toleriert und gefördert. Neulinge mussten Aufnahmerituale über sich ergehen lassen, wozu z.B. Prügel mit Besenstielen durch ältere Schüler und der Zwang, in dampfgefüllten Duschen bis zur Ohnmacht zu stehen, gehörten. Geschlafen wurde in Baracken, jeden Morgen wurden die Schüler mit Trompetenlauten geweckt (Kranish & Fisher 2016, S. 62-65). D`Antonio schreibt, dass die Schüler dort einer „Kultur“, der „Herrschaft, Gewalt und Subversionen von Autoritäten“ ausgesetzt wurden (D`Antonio 2016, S. 83).
Donalds Erzieher in diesem Militärinternat war Theodore Dobias (genannt auch Doby), ein Kriegsveteran der US Army. Dobias war ein ruppiger Mann und er schlug die Schüler mit der offenen Hand, wenn sie nicht gehorchten. „Zwei Nachmittage pro Woche stellte er einen Boxring auf und befahl Kadetten mit schlechten Noten und denen, die Probleme mit der Disziplin hatten, gegeneinander zu kämpfen, ob sie wollten oder nicht. `Er konnte ein verdammtes Arschloch sein`, erinnerte sich Trump einmal. `Richtig fertigmachen konnte der einen. Man musste lernen zu überleben.` Doby anzustarren oder nur den leichtesten Sarkasmus anzudeuten, so Trump, veranlasste den Drill Sergeant, `auf mich loszugehen, dass man gar nicht wusste, wie einem geschieht`. Ob seine Schüler nun die Söhne von Klempnern oder von Millionären waren, das war Dobias egal.“ (Kranish & Fisher 2016, S. 63). „Damals prügelte man einen noch grün und blau. (…) Er vermöbelte uns gnadenlos.“, sagte Donald Trump später mit Blick auf diese Zeit im Internat (D`Antonio 2016, S. 84). Es macht sehr hellhörig, dass gerade dieser brutale Ausbilder und Erzieher später über das Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Donald und Fred sagte: „Der Vater behandelte den Jungen wirklich streng. (…) Er war sehr deutsch. (…) er war sehr hart“ (D`Antonio 2016, S. 85).
Donald passte sich allerdings schnell an und entwickelte den Ehrgeiz, der Beste im Internat zu sein. Er fing an, Wettbewerbe und Auszeichnungen zu lieben. Als Oberstufenschüler befahl Donald seinerseits Gewalt gegen einen Kadetten oder ging auch selbst auf einen Schüler los, nachdem dieser ihn provoziert und geschlagen hatte. Er versuchte damals, den entsprechenden Schüler aus dem ersten Stock zu schmeißen, was nur durch die Intervention zweier Kadetten verhindert werden konnte (Kranish & Fisher 2016, S. 66f).

Nicht jeder, der eine solche Kindheit und Jugend erlitten hat, wird zu einer Persönlichkeit wie Donald Trump (aber manche werden in anderen Bereich auffällig, siehe z.B. das Leben seines älteren Bruders Freddy). Aber: Persönlichkeiten wie Donald Trump haben auffällig häufig eine solche oder ähnliche destruktive Kindheit und Jugend erlitten. Und: Hätte Donald Trump eine fürsorgliche, liebevolle und gewaltfreie Kindheit und Jugend erlebt, dann wäre aus ihm niemals ein rechtspopulistischer Hassredner und Menschenfeind geworden, davon bin ich überzeugt. Entschuldigen tut dies alles nichts! Aber es erklärt einiges und zeigt auf, wie sich menschliche Destruktivität von Grund auf verhindern lässt.



Siehe bei Interesse ergänzend auch das psychologische Profil von Donald Trump: The Mind of Donald Trump



Verwendete Quellen:

D'Antonio, M. (2016): Die Wahrheit über Donald Trump. Econ Verlag, Berlin.

Kranish, M. & Fisher, M. (2016): Die Wahrheit über Trump: Die Biografie des 45. Präsidenten. Plassen Verlag, Kulmbach.

Kruse, M. (2017, 21. Nov.): „Was für einen Sohn habe ich erschaffen?“ Welt-Online.

Dienstag, 23. Juli 2019

ACE-Studien in den USA / DIE Grafik

Aktualisiert am 13.09.2019


In meinem Buch habe ich auf Seite 25 ein Diagramm von dem Onlineauftritt der Centers for Disease and Prevention (CDC) eingefügt. Leider ist dieses Diagramm nach der Neugestaltung der entsprechenden Homepage seit ca. März 2019 nicht mehr online. Ich habe das CDC kürzlich angeschrieben und darum gebeten, dieses wichtige Diagramm an anderer Stelle erneut zu veröffentlichen. Leider bekam ich keine positive Antwort. Allerdings wurde sehr deutlich darauf hingewiesen, dass die Veröffentlichungen und Grafiken des CDC Arbeiten des U.S. Governments und für die Öffentlichkeit gedacht sind und somit keinem Copyright unterliegen (allerdings auf die Quelle hingewiesen werden muss).
Ich werde also hiermit diese bedeutende Grafik hier in meinem Blog veröffentlichen. (Außerdem habe ich noch einen Screenshot von der damaligen Homepage (inkl. der Grafik), den ich bei Bedarf gerne rausgebe.)
Der Grafik liegen Daten von groß angelegten Befragungen in den USA zu Grunde. Acht unterschiedliche Belastungsfaktoren in der Kindheit (ACE-Werte) wurden abgefragt: Körperliche, emotionale und sexuelle Misshandlung, Miterleben von häuslicher Gewalt, Verlust mindestens eines Elternteils, Gefängnisaufenthalt eines Familienmitgliedes, Alkohol- oder Drogensucht eines Familienmitgliedes und psychische Erkrankung eines Familienmitgliedes. Man fand mehr als 40 verschiedene negative Effekte von belastenden Kindheitserfahrungen. Für diese 40 negativen Effekte wurde das unten zu sehende Diagramm mit der durchschnittlichen Effektstärke erstellt, das für sich spricht. Erfasste negative Gesundheitsprobleme waren u.a. Rauchen, chronisch obstruktive Lungenerkrankung, Hepatitis, sexuell übertragbare Krankheiten, Herzerkrankungen, Diabetes, Alkoholsucht, Drogenkonsum, psychische Erkrankungen wie z.B. Depressionen und Suizidversuche. Außerdem zeigten sich negative Effekte bzgl. des beruflichen Werdegangs und Bildungswegs.


Hinweis: Die Grafik ist hier im Beitrag etwas undeutlich. Wenn man draufklickt, erhält man ein besseres Bild!


Ergänzend möchte ich auf folgende Datenauswertung hinweisen:
Merrick, M.T., Ford, D.C., Ports, K. A., Guinn, A. S. (2018): Prevalence of Adverse Childhood Experiences From the 2011-2014 Behavioral Risk Factor Surveillance System in 23 States. JAMA Pediatrics, 172(11), S. 1038-1044.
ACE-Daten von insgesamt 214.157 befragten Frauen und Männern in den USA konnten ausgewertet werden. Dies ist somit die bisher größte Datensammlung von belastenden Kindheitserfahrungen in den USA überhaupt!!

Siehe ergänzend auch: Diagramme der menschlichen Destruktivität (hier im Blog)

Online gibt es noch eine Quelle, die die o.g. Grafik abgebildet hat:
"Adverse Childhood Experiences and the Effects on Pediatric Health Outcomes"
(von Angela Mattke im Rahmen von The Bright Side 2018 – A Women’s and Children’s Health Symposium, 21.09.2018)


Montag, 22. Juli 2019

Der Beginn der Kinderschutzbewegung um 1900 als Folge der Evolution von Kindheit?


Mir stellte sich die Frage, wie historisch ein Bewusstsein und ein Wille dafür aufkam, dass Kinder vor (elterlicher + schulischer) Gewalt zu schützen sind. Die Antwort auf diese Frage ist komplex. An anderer Stelle werde ich darauf zurückkommen. Zunächst macht es Sinn, sich einmal die Kindheitsbiografien von wichtigen Akteuren, die historisch den Kinderschutz vorantrieben, anzuschauen.

Beginnen wir mit Eglantyne Jebb (1876-1928), der Gründerin von Save The Children. Jebb gilt außerdem als Wegbereiterin der UN-Kinderrechtskonvention. Eglantyne wuchs mit fünf Geschwistern in wohlhabenden Verhältnissen auf und gehörte zur Upper-Class in Großbritannien. Ihr Vater galt als sanfter Intellektueller, „sensitive as a woman“, wie seine älteste Tochter einmal sagte (Mulley  2015. 9). Er wird außerdem als sympathischer Landbesitzer beschrieben; die Ehe der Jebb-Eltern sei sehr liebevoll gewesen (Mulley  2015, S. 10+11). Beide Elternteile waren hingebungsvolle Eltern, die Freude an ihrer Elternschaft hatten (Mulley  2015, S. 11). Eglantynes Vater, Arthur, „was also an affectionate father, reading aloud to the children and listining with delight to their own stories“ (Mulley  2015, S. 14).
Die Kinder scheinen zudem viele Freiheiten beim Spielen bekommen zu haben. Reiten auf Ponys, Bäume, die in den Erinnerungen zu Schlössern wurden, dunkle Wälder, überall wurde gespielt. Die Biografin schreibt zusammenfassend: „The three youngest children were particularly close, enjoying a childhood almost too good to be true" (Mulley  2015, S. 17).
Bezugspersonen waren außer den Eltern auch Kindermädchen und vor allem eine sehr aufgeweckte Tante, die mit in dem Anwesen wohnte. Eglantynes Mutter „was a loving and involved mother, but she was not expected to care for the children alone, and a succession of nurses and gouvernesses filed through The Lyth“ (Mulley  2015, S. 23). Die Mutter war aber auch Vorbild für die Kinder. Einmal traf sie auf einen Jungen, der weinte und vollkommen frustriert über eine 6-Tage-Arbeitswoche war. Daraufhin begann ihr soziales Engagement. Das Glück endete später abrupt, als Arthur starb.  Eglantyne muss zu dieser Zeit ca. 18 Jahre alt gewesen sein.

Die politisch interessierte, diskussionsfreudige und sozial engagierte Atmosphäre bei den Jebbs war sicher prägend. Die Biografin schreibt zum Abschluss des Kapitels über Kindheit und Jugend von Eglantyne Jebb: „It was a legacy that all the children would benefit from, alone with their mothers`s efficient example of practical social work and their aunt`s intelligent questioning of the world around them. Brought up in a house where a human sympathy, if not radical politics, was the dominant perspectice, it is perhaps not suprising that all of the Jebb children later sought their own ways to contribute to enhancing more equitable social relations, but none more effectively than Eglantyne“ (Mulley  2015, S. 27).


Eine weitere bedeutende Frau habe ich für diesen Beitrag ausgewählt: Ellen Key (1849-1926).
Sie gehörte zu den einflussreichsten Vertretern der Reformpädagogik, sprach sich öffentlich gegen das Schlagen von Kindern aus und wurde weltweit durch ihren im Jahr 1900 veröffentlichten Bestseller „Das Jahrhundert des Kindes“ bekannt.
Die Schwedin Ellen wuchs in wohlhabenden Verhältnissen als ältestes von insgesamt sechs Geschwistern auf. „Die familiäre Atmosphäre soll eine Mischung aus solider Geborgenheit und aufgeklärter Intellektualität gewesen sein. Das Elternhaus war liberal gesinnt; die Keys beschäftigten sich mit den politischen und gesellschaftlichen Zeitabläufen ebenso wie mit der damals aktuellen nationalen und internationalen Literatur“ (Mann 2004, S. 9). Ellen fiel bereits früh durch ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl auf. Vor allem ihr Vater war eine wichtige Identifikationsfigur in ihrem Leben. Das Mädchen besuchte nie eine Schule, sondern wurde von verschiedenen Hauslehrerinnen unterrichtet. Die Biografin merkt dazu an: „Außerdem mag der Umstand, dass Ellen Key niemals den egalisierenden Schulzwang am eigenen Leib erleben musste, mit dazu beigetragen haben, aus ihr später eine relativ unabhängige und fortschrittlich denkende Frau werden zu lassen“ (Mann 2004, S. 11).
Über die konkrete Erziehung und den Umgang der Eltern mit den Kindern erfährt man relativ wenig in der verwendeten Quelle. Auffällig fand ich, dass Ellen oft und gerne den Erwachsenen bei Ihren Gesprächen zuhörte und dafür unter den Tisch kroch und so tat, als ob sie spielte. Noch etwas fand ich aufschlussreich: „Die intellektuellen Interessen Ellen Keys führten dazu, dass das Mädchen bezüglich praktischer Tätigkeiten im Haushalt mehr oder minder ungeübt war und blieb. Trotz mancher dadurch auftretender Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter tolerierte man offenbar die Entwicklung der jungen Ellen Key und honorierte schließlich ihr Bedürfnis, still und zurückgezogen lesen zu wollen, mit einem eigenen Zimmer, das dem Mädchen ab dem 12. Lebensjahr zur Verfügung stand. Noch als Erwachsene hat sich Elle Key immer wieder in dieses Zimmer ihres Elternhauses zurückgezogen und es als ihren Schutzraum betrachtet“ (Mann 2004, S. 11).
Bedenken wir an dieser Stelle noch einmal, dass Ellen im Jahr 1849 geboren wurde. Damals gehörte auch in Schweden die autoritäre Erziehung zur Routine. Ellen durfte aber unterm Tisch spielen, während die Erwachsenen sich unterhielten. Man unterwarf sie offensichtlich auch nicht und zwang sie, gegen ihren Willen, zur Hausarbeit. Sie durfte ungehorsam sein. Mehr noch, man ging auf sie und ihre besonderen Bedürfnisse ein und akzeptierte ihren Hang zum intensiven Lesen. Dies gibt uns einen deutlichen Einblick in die Familie und ihre Werte. Offensichtlich wurde in dieser Familie auf Kinder eingegangen und es scheint keine übermäßige Strenge geherrscht zu haben.
Bedeutsam ist darüber hinaus sicher auch noch ein tragischer Unfall. Zwei von Ellens Cousinen ertranken beim Baden. Die damals 17-Jährige Ellen war die einzige Überlebende bei diesem Unglück (Mann 2004, S. 12). Jeglicher religiöse Glaube war nach diesem Ereignis endgültig bei ihr - die schon früh an einem Christen-Gott gezweifelt hatte - abgetan. Wie sie dies Ereignis verarbeitete und ob und wie sie aufgefangen wurde, erschließt sich in der Quelle nicht.


Die Kindheit eines weiteren, wichtigen Akteures muss besprochen werden: Henry Bergh (1813-1888). Bergh war Gründungsmitglied und Vizepräsident der New York Society for the Prevention of Cruelty to Children (NYSPCC), der ersten Kinderschutzorganisation der Welt. Einige Jahre zuvor hatte Bergh, der auch eine Zeit lang Diplomat war, die erste Tierschutzorganisation in den USA gegründet. Im Rahmen dieser Tätigkeit wurde er auf den Fall Marry Ellen aufmerksam. Marry Ellen wurde damals schwer von ihrer Stiefmutter misshandelt und vernachlässigt. Die Polizei und auch die Behörden hatten jede Unterstützung von Mary Ellen abgelehnt, weil es keine gesetzliche Handhabe gab. Hilfe kam erst durch Tierschützer Henry Bergh, der in der Folge die Gründung der NYSPCC vorantrieb. „I regard a helpless child in the same light as a dumb animal. Both are God´s creatures. Neighter can protect themselves. My duty is imperative to aid them“, sagte Bergh einst (Furstinger 2016, S. 126). Was war das für ein Mensch, der Mitleid mit geschunden Tieren und Kindern hatte und sich engagierte? Und vor allem: Wie sah seine eigene Kindheit aus?

Auch Henry Bergh wurde – wie Jebb und Key - in wohlhabende Verhältnisse hineingeboren. Sein Vater, Christian, war ein erfolgreicher und bekannter Schiffsbauer in New York. Er hatte den Ruf, der „ehrlichste Mann“ der Stadt zu sein (Furstinger 2016, S. 6; Übersetzung: Sven Fuchs.). U.a. beschäftigte er ehemalige Sklaven und bezahlte ihnen den gleichen Lohn wie den Weißen. Henrys Mutter hatte offensichtlich ebenfalls eine hohe Moral. Beispielsweise fand Henry in seiner Kindheit einst ein Geldstück auf der Straße. Seine Mutter ermahnte ihn, das Geld zurückzulegen, für den Fall, dass der Besitzer zurückkommen würde. „From his Mother, he would learn kindness and honesty“ (Furstinger 2016, S. 7). Die Schiffswerft wurde für Henry und seine Geschwister, so die Biografin, zum großen Spielplatz. Was für ein Abendteuer! Über den konkreten Erziehungsstil der Eltern erfährt man in der verwendeten Quelle nichts. Allerdings lässt sich – wie oben gezeigt - wohl deutlich ableiten, dass seine Eltern sehr menschenfreundlich waren. Zu diesem Bild passt, wie Henry Bergh später als Erwachsener agierte.


Fazit

Alle drei untersuchten Akteure kamen aus wohlhabenden Verhältnissen. Das halte ich für keinen Zufall. Erstens brauchte es für ihre später wohltätige Arbeit entsprechende Ressourcen (und sicher auch Bildung). Zweitens: Im 19. Jahrhundert war das Leben für viele Kinder schwer und leidvoll. Wenn sie denn überhaupt überlebten, denn die Kindersterblichkeit war damals auch noch in den USA, Großbritannien und in Schweden sehr hoch. Der Wohlstand hatte bei allen drei Akteuren ganz sicher auch protektive Effekte. Auffällig ist auch, dass neben einer wohlwollenden und als Vorbild fungierenden Mutter, auch ein wohlwollender und als Vorbild fungierender Vater stand. Das war im 19. Jahrhundert sicherlich keine Selbstverständlichkeit. Gerade Väter waren in dieser Zeit oftmals autoritäre und traditionelle, patriarchale Männer.
Ich glaube nicht, dass mit Blick auf unsere heutige Zeit die These aufgestellt werden kann, dass Menschen, die sich für Tierschutz und Kinderschutz stark engagieren, meist eine behütete Kindheit und nette Eltern hatten. Ganz im Gegenteil ist meine persönliche Erfahrung die, dass in Kinderschutzvereinen und ähnlichen Institutionen Menschen mit einer belasteten Kindheit gar nicht so selten sind.
Mir geht es hier aber auch nicht um das Heute, sondern um Anfänge eines organisierten Kinderschutzes um die Jahrhundertwende. Damals wurde die Mehrheit aller Kinder geschlagen und gedemütigt. Und: Kaum jemand störte sich daran. Um aus diesem verdrehten und destruktivem Mehrheitsdenken und Handeln herauszutreten und eine andere Richtung einzuschlagen, brauchte es mehr. Nämlich eine eigens erlebte, positivere Kindheit und – in der Folge - einen Zugang zu eigenen Emotionen und die Fähigkeit zu Mitgefühl. Die aufkommende Kinderschutzbewegung wäre demnach auch ein Produkt der Evolution von Kindheit, in diesem Fall in den Familien Jebb, Key und Bergh.



Verwendete Quellen:

Furstinger, N. (2016): Mercy: The Incredible Story of Henry Bergh, Founder of the ASPCA and Friend to Animals. Houghton Mifflin Harcourt, Boston / New York.

Mann, K. (2004): Ellen Key. Ein Leben über die Pädagogik hinaus. Primus Verlag, Darmstadt.

Mulley, C. (2015): The Woman Who Saved the Children: A Biography Of Eglantyne Jebb: Founder Of Save The Children. Oneworld, London.

Freitag, 5. Juli 2019

Züchtigungsverbot in Frankreich: Rechte Politiker sind für Körperstrafen gegen Kinder


Der französische Senat stimmte jetzt nach der Nationalversammlung einem entsprechenden Gesetz zu, dass jegliche Körperstrafen gegen Kinder in der Familie untersagt. Ich hatte bereits Ende 2018 in dem Beitrag Wie peinlich! Frankreich verbietet elterliche Gewalt gegen Kinder! über diese Entwicklung berichtet.

"Zuletzt hatten nur noch die Abgeordneten um Marine Le Pen das Recht der Eltern verteidigt, ihre Kinder mit einem Klaps auf den Po („la fessée“) oder einer Ohrfeige zu maßregeln. Die Abgeordnete Emmanuelle Ménard von Le Pens Partei RN beschwerte sich, der Staat mische sich in familiäre Angelegenheiten ein." (FAZ, 04.07.2019, "Frankreich schafft Züchtigungsrecht von Eltern ab")

Es ist sicher kein Zufall, dass rechte Politiker auffällig häufig für das Schlagen von Kindern sind (siehe dazu auch Rechte Politiker, rechte Wähler und Kindheit). Rechtsextreme Einstellungen, wie auch rechtsextreme Gewalttaten stehen nachweisbar in einem starken Zusammenhang zu eigens erlittener Gewalt und/oder autoritären Erziehungsmaßnahmen, sowie fehlender elterlicher Zuwendung. Dass sich diese Erkenntnisse wohl auch auf rechte Politiker übertragen lassen, zeigen die o.g. Entwicklungen.
Wer sich als Erwachsener nicht von diesem elterlichen "Gewaltsystem" innerlich und emotional befreien konnte und mit dem Aggressor identifiziert bleibt, ist mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit auch für das Schlagen von Kindern. Mich wundert es entsprechend überhaupt nicht, dass die RN-Abgeordneten so agierten wie gezeigt.


In Deutschland wurden im Jahr 2000 durch das Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung jegliche Körperstrafen gegen Kinder in der Familie verboten. Damals gegen den Willen von CDU/CSU! Dass die Konservativen dagegen stimmten, ist sicher auch kein Zufall.

Wäre es nach den GRÜNEN gegangen, wäre jegliche körperliche Gewalt gegen Kinder schon Anfang der 1990er Jahre verboten worden. Siehe dazu: Gesetzentwurf der Abgeordneten Frau Schoppe und der Fraktion DIE GRÜNEN: Entwurf eines Gesetzes zur Prävention von Gewalt gegen Kinder (Drucksache 11/7135, 15.05.1990)

und

Gesetzentwurf des Abgeordneten Konrad Weiß (Berlin) und der Gruppe BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Entwurf eines Gesetzes zur gewaltfreien Erziehung von Kindern (Züchtigungsverbotsgesetz) (Drucksache 12/5359, 30. 06. 1993)


Manche Gegenargumente von CDU/CSU sind auch heute noch erschreckend aufschlussreich. Zwei Beispiele:

Gesetz zur Änderung des § 1631 BGB (Mißhandlungsverbotsgesetz) (G-SIG: 12020619, Bundesratsitzung 15.10.1993.
Bayerischer Staatssekretär Johann Böhm (CSU): Bilden wir Beispiele! Soll es wirklich kriminelles Unrecht sein, wenn eine Mutter ihrem Kind in einer zugespitzten Konfliktsituation eine Ohrfeige gibt? Wie ist es mit dem vielzitierten Klaps, der schon wehtut? Darf der Staat solche Maßnahmen wirklich als Missbrauch des Erziehungsrechtes definieren und – mehr noch – mit dem Verdikt der Strafbarkeit versehen? Ich meine entschieden: nein! Der Entwurf überschreitet hier die Grenze des Vertretbaren.“ (Seite 455)

oder

Erste Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des § 1631 BGB (Mißhandlungsverbotsgesetz) Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 219. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 14. April 1994

Dr. Wolfgang Götzer (CDU/CSU):
„Aber, wir dürfen dabei auch nicht über das Ziel hinausschießen. Sicherlich geht es nicht in allen Familien vorbildlich und gesittet zu. Andererseits ist auch nicht jede Familie oder die Familie schlechthin eine gewalttätige Institution, aus der man das Kind befreien muß. Ja, wenn Sie die einschlägige Literatur aus einschlägigen Kreisen über den Gewaltbegriff und über die strukturelle Gewalt, die ja schon in den 70er Jahren angesprochen worden ist und an die ich mich noch sehr gut erinnern kann, studieren, dann stellen Sie selbstverständlich fest, daß da die Familie als verlängertes Herrschaftsinstrument eines repressiven Staates etc. und als ähnlicher Quatsch bezeichnet worden ist. Deshalb lehnen wir ganz klar Forderungen nach einem Verbot jeglicher Strafen ab. (…) Wir sind dagegen, jegliche Strafe zu verbieten. Dann wäre ja auch das Fernsehverbot beispielsweise eine Strafe, die verboten werden müßte. Meine Damen und Herren, auch ich bin Vater von zwei Kindern. Deswegen weiß ich, daß man mit Lob, mit Vorbild besser erzieht als mit Bestrafung. Aber aus meiner Erfahrung weiß ich auch, daß man bei einer Erziehung nicht ohne jegliche Sanktionen auskommen kann, wenn man seinen Erziehungsauftrag ernst nimmt. Den SPD-Entwurf, der ein völliges Verbot von Gewalt als Erziehungsmittel vorsieht — die anderen Entwürfe stehen ihm da nicht nach —, lehnen wir aus dem Grund ab, den ich schon vorher erwähnt habe: weil wir zum einen die Ausuferung des Gewaltbegriffes in den 70er Jahren erlebt haben und mittlerweile auch in der Rechtsprechung einen sehr weit gefaßten Gewaltbegriff vorfinden. (…) Bislang war die körperliche Mißhandlung im familiären Bereich durch das in der Rechtsprechung weitgehend anerkannte elterliche Züchtigungsrecht ausnahmsweise gerechtfertigt. Dieser Rechtfertigungsgrund soll nun abgeschafft werden. Meine Damen und Herren, damit ist aber jede körperliche Einwirkung, die von § 223 StGB erfaßt wird, rechtswidrig, also in letzter Konsequenz auch die leichte Ohrfeige oder der so oft zitierte Klaps. Ich habe meine Zweifel, ob ein solches Verhalten in jedem Falle einen Mißbrauch des elterlichen Erziehungsrechts darstellt, der ein generelles Verbot rechtfertigen würde. Außerdem fehlt wohl bei der großen Mehrheit der Bevölkerung jedes Verständnis dafür. Wir schaffen damit eine Kriminalisierung elterlichen Erziehungsverhaltens.“ (Position: 19025 + 19026)




Donnerstag, 4. Juli 2019

Schweizer Studie über biografische Hintergründe von Rechtsextremisten


Insgesamt 26 Schweizer Jugendliche (6 junge Frauen, 20 junge Männer, Altersdurchschnitt = 19 Jahre), die eine politisch rechtsextreme Einstellung haben und zu gewalttätigen Handlungen neigen, wurden zum Klima innerhalb der Familie, zum Umgang mit Konflikten, Erziehungsstil und der Qualität der innerfamiliären Beziehungen befragt. Die Studie wurde im Jahr 2007 abgeschlossen:  Fachstelle für Rassismusbekämpfung (Hrsg.) (2007): Jugendliche und Rechtsextremismus: Opfer, Täter, Aussteiger. Wie erfahren Jugendliche rechtsextreme Gewalt, welche biografischen Faktoren beeinflussen den Einstieg, was motiviert zum Ausstieg? Bern. 

Zusammenfassend schreiben die Autoren:
Die Jugendlichen und ihre Familien sind keine «Modernisierungsverlierer». Sie sind weder Opfer von ökonomischem noch von gesellschaftlichem Wandel. In den 26 untersuchten Beispielen lässt sich ein grosses Mass an «Normalität» der Lebensentwürfe und -welten nachweisen. Die Jugendlichen und ihre Familien gelten als gut integriert. Hingegen spielten häusliche Gewalt und die Folgen von Elternkonflikten eine wichtige Rolle. Überrascht hat die Forschenden die hohe Anzahl Jugendlicher, die in Jugendhilfemassnahmen leben.
Für die Entwicklung von rassistischen Einstellungen und Handlungsanlagen bei Jugendlichen spielen die Familien, das soziale Umfeld sowie ihre Kultur und Geschichte eine entscheidende Rolle. Auch wenn der Kontakt zu rechten Szenen auf Zufälligkeiten und Gelegenheitsstrukturen beruht, ist die für die Jugendlichen damit verbundene Bedeutung keinesfalls zufällig, sondern biografisch bedingt.“ (S. 6)

Leider wurden in der Studie keine Zahlen vorgestellt (Anteil von Jugendlichen, die Gewalt erlebt haben, Anteil von Jugendlichen, die Jugendhilfemaßnahmen erlebt haben usw.) Trotzdem sind die Auswertungen ziemlich deutlich. Verschiedene Belastungen während der Kindheit und Jugend bestimmen durchgehend das Bild.

Drei unterschiedliche familiäre Muster und biografische Verlaufsformen wurden ausgemacht, die rechtsextreme Einstellungen und Gewalttaten begünstigen, die ich nachfolgend vorstelle.

– Abgrenzung durch Überanpassung – Radikalisierung der Werte und Normen des Herkunftsmilieus

Diese biografische Verlaufsform zeichnet sich dadurch aus, dass politisch rechte Einstellungen und Handlungsfelder bereits bei den Eltern beziehungsweise bei nahen Bezugspersonen (Grosseltern, vor allem Grossväter) des Jugendlichen/ jungen Erwachsenen vorhanden sind. Angst vor Überfremdung, nationale Grenzziehung, Zuschreibungen kultureller Eigenheiten und Abwertungen sind politisch diskutierte Themen innerhalb der Familie. Die junge Generation nimmt diese Argumentation auf und geht einen Schritt weiter.“ (S. 8+9)
Gewalterfahrungen und/oder autoritäre Erziehung wird bei dieser Verlaufsform nur angedeutet bzw. nicht durchgängig nachgewiesen: „Kritik an den Eltern, den Erziehungsformen und der familiären Lebensweise wird in den Interviews nicht oder kaum thematisiert. Vielmehr werden strenge und autoritäre Erziehungsstile positiv bewertet, zum Teil wird eine zu liberale Erziehung der Eltern kritisiert.“ (S. 11) Allerdings wird die Familie in den Erzählungen der Jugendlichen in vielen Fällen ausgeschlossen oder kurz idealisiert. Auffällig war den Autoren zu Folge auch, dass diese Jugendlichen Kontakt der Forschenden zu den Eltern lediglich in einem Fall gewährten. "Die Perspektive der Eltern hätte möglicherweise ihr idealisiertes Bild an einzelnen Stellen brüchiger
gemacht." (S. 11)

– Gewalt, Missachtung und Suche nach Anerkennung

Den Jugendlichen dieser zweiten Verlaufsform gemeinsam ist die Erfahrung von unkontrollierter Gewalt innerhalb der Familie. Die gewalttätigen und für die Jugendlichen oft nicht voraussehbaren Reaktionen auf ihre Person, vor allem durch den Vater, kennzeichnen die gegenseitigen Beziehungen dieses familiären Musters. Die Erfahrung des «Nicht-Eingreifens» der Mutter und des sozialen Umfeldes verstärken die Ohnmachtserfahrungen des betroffenen Jugendlichen. (…) Macht, Selbstbemächtigung und die Suche nach Anerkennung bilden in dieser Verlaufsform zentrale Momente der Zugehörigkeit zur rechten Gruppe. (…) In den gewalttätigen Auseinandersetzungen wird die am eigenen Leib erfahrene unkontrollierte Gewalt umgedreht: nun schlägt der Jugendliche unkontrolliert zu, obwohl der Ablauf im Gruppenkontext standardisiert und damit für die Gewalttäter nach vorhersehbaren Mustern erfolgt. Die eigene Gewaltausübung wird von den Jugendlichen selbst als unkontrollierbar beschrieben, zum Teil in Analogie zur eigenen Opfererfahrung. (…) Weil die Jugendlichen während ihres Aufwachsens nie gelernt haben, sich in die Situation von anderen Personen zu versetzen, fehlt ihnen das Mitgefühl für die Opfer.“ (S. 17-19)

– Nicht-Wahrnehmung und Suche nach Erfahrung, Sicherheit und Differenz.

Die familiäre Situation dieser Jugendlichen ist gekennzeichnet durch mangelnde emotionale Wärme und Anerkennung. Kennzeichnend ist entweder ein hohes Maß an Gefühlskontrolle oder die völlige Abwesenheit von Gefühlen. Diese Jugendlichen erlebten keine körperliche Gewalt oder aggressive Missachtung, schreiben die Autoren. Trotzdem hängen sie an, dass die familiären Muster von autoritär bis wechselseitiger Nicht-Wahrnehmung, über räumliche und zeitliche Trennungen bis hin zu Idealisierungen des Heranwachsenden reichen.
Diese Verlaufsform wird einleitend mit einem Fallbeispiel begonnen. Der entsprechende Jugendliche wurde ab dem 5. Lebensmonat von seiner Mutter zur Adoption freigegeben. Zu seinen leiblichen Eltern hat er keinen Kontakt. Was in diesen ersten fünf Monaten passierte, wird nicht geschildert oder ist nicht überliefert. Es wird angedeutet, dass es von außen (Behörden, Pädagogen) Kritik an der Erziehung der Pflegeeltern gab. Der Jugendliche idealisierte dagegen seine Pflegeeltern. Mit 15 Jahren fing er an, harte Drogen zu konsumieren. Mit 19 schloss er sich einer Skingruppe an. Besonders brisant: Die erste Frau des Pflegevaters (es scheint also später eine Trennung gegeben zu haben) war Jüdin, alle ihre Familienmitglieder, außer ihr Bruder, waren in Konzentrationslagern umgekommen. Ausgerechnet dieses Pflegekind wurde zum Rechtsextremisten.
An diesem Fallbeispiel sieht man sehr deutlich, welch enorme Belastungen auch hinter den Biografien stecken, wo z.B. keine körperliche Kindesmisshandlung stattfand (oder nachgewiesen wurde).

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Diese Studie reiht sich bzgl. der Ergebnisse ein in eine ganze Reihe von Studien über Extremisten, die ganz ähnliche Ergebnisse erbracht haben. Einige dieser Studien habe ich hier im Blog bereits besprochen, andere bisher nur in meinem Buch erwähnt. Ich hänge diesem Beitrag noch mal die wesentlichen Quellen an. Extremismus fällt nicht vom Himmel. Es gibt immer biografische Muster, die stets in die gleiche Richtung zeigen: Destruktive Kindheitserfahrungen.


Frindte, W. & Neumann, J. (2002): Der biografische Verlauf als Wechselspiel von Ressourcenerweiterung und – einengung. In: Frindte, W. & Neumann J. (Hrsg.): Fremdenfeindliche Gewalttäter. Biografien und Tatverläufe. Westdeutscher Verlag. Wiesbaden. S. 115-153.

Funke, H. (2001): Rechtsextremismus 2001. Eine Zwischenbilanz. Verwahrlosung und rassistisch aufgeladene Gewalt – Zur Bedeutung von Familie, Schule und sozialer Integration. In: Eckert, R. et al. (Hrsg.): Demokratie lernen und leben – Eine Initiative gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. Band 1. Weinheim, Freudenberg Stiftung. S. 59-108.

Jäger, H. & Böllinger, L. (1981): Studien zur Sozialisation von Terroristen. In: Jäger, H., Schmidtchen, G. & Süllwold, L. (Hrsg.): Lebenslaufanalysen (Analysen zum Terrorismus 2). Westdeutscher Verlag, Opladen. S. 117-231.

Köttig, M. (2004): Lebensgeschichten rechtsextrem orientierter Mädchen und junger Frauen: Biografische Verläufe im Kontext der Familien- und Gruppendynamik. Psychosozial-Verlag, Gießen.

Lützinger, S. (2010): Die Sicht der Anderen. Eine qualitative Studie zu Biographien von Extremisten und Terroristen (Polizei + Forschung Bd. 40). BKA – Bundeskriminalamt, Kriminalistisches Institut (Hrsg.). Luchterhand Fachverlag, Köln.

Salloum, R. (2014, 01. Dez.): Interviewreihe mit Dschihadisten. Besuch im Terroristenknast. SPIEGEL-Online.

Schmidtchen, G. (1981): Terroristische Karrieren. Soziologische Analyse anhand von Fahndungsunterlagen und Prozessakten. In: Jäger, H., Schmidtchen, G. & Süllwold, L. (Hrsg.): Lebenslaufanalysen (Analysen zum Terrorismus 2). Westdeutscher Verlag, Opladen. S. 13-78.

Simi, P., Sporer, K. & Bubolz, B. F. (2016): Narratives of Childhood Adversity and Adolescent Misconduct as Precursors to Violent Extremism: A Life-Course Criminological Approach. In: Journal of Research in Crime and Delinquency. Vol 53, Issue 4. S. 536-563.

Wahl, K., Tramitz, C. & Gaßebner, M. (2003): Fremdenfeindliche Gewalttäter berichten: Interviews und Tests. In: Wahl, K. (Hrsg.): Skinheads, Neonazis, Mitläufer. Täterstudien und Prävention. Leske & Budrich, Opladen.

Wiezorek, C. (2002): Fallbeispiele zur biografischen Genese von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. In: Frindte, W. & Neumann J. (Hrsg.): Fremdenfeindliche Gewalttäter. Biografien und Tatverläufe. Westdeutscher Verlag. Wiesbaden.

Dienstag, 2. Juli 2019

Filmkritik "Elternschule"


Morgen, am Mittwoch den 03.07.2019, wird der umstrittene Film „Elternschule“ erstmals im Fernsehen in der ARD ausgestrahlt. Ich habe den ganzen Film bereits kürzlich gesehen. Vorher hatte ich mir fest vorgenommen, trotz einiger Artikel (u.a. diesen hier in der ZEIT), die ich über den Film gelesen hatte, möglichst unvoreingenommen an den Film heranzugehen (Mir ist z.B. bewusst, dass hoch traumatisierte Kinder anders ticken und – je nach Einzelfall-  deutlichere Grenzen brauchen, als unbelastete Kinder. Ich rechnete also damit, dass dies evtl. ein Grund für den strikteren Umgang in der Klinik sein könnte.). Im Vorfeld entzündete sich z.B. die Kritik an dem Film heftig alleine schon auf Grund des kurzen Trailers. Kritik kann man aber nur äußern, wenn man das Werk, um das es geht, komplett gesehen hat. Außerdem las ich, bevor ich mir den Film angesehen habe, einen Artikel in der Süddeutschen, der auch etwas die Perspektive der Filmemacher und den enormen Shitstorm, den sie erlebt haben, beschreibt.

Mein Gesamtfazit zum Film lautet wie folgt: Der Film ist eine einzige Werbung dafür, dieser gezeigten Abteilung der Klinik niemals Kinder anzuvertrauen!

Ich könnte jetzt den Film Stück für Stück ausführlich besprechen, aber diese Arbeit kann ich mir sparen, denn der Kinderarzt Herbert Renz-Polster hat den Film und die Arbeit der Klinik am 28.06.2019 bereits ausführlich und fachmännisch kommentiert: Elternschule“ jetzt im Fernsehen. Roter Teppich für eine umstrittene Therapie?

Warum ich mich zu diesem Film äußere, ist meine Sorge darum, dass der Film von verunsicherten Eltern oder allgemein von für Kinder Zuständigen und Betreuungspersonen, die vielleicht manches Mal eh in ihrem Herzen für eine autoritäre Erziehung sind, dazu genutzt wird, den Umgang mit Kindern entsprechend anzupassen oder zu rechtfertigen.

Ein wenig werde ich zum Film also noch anmerken. Hervorgehoben wird regelmäßig, dass die Filmemacher den Film nicht kommentieren, sondern einfach zeigen, was ist. Sie also quasi "neutral" wären. Das stimmt so aber nicht! Der Titel des Films – „Elternschule“ – suggeriert bereits, dass es um eine generelle Anleitung für Erziehung geht. Dabei ist die Situation vor Ort die, dass dort Kinder mit massiven Problemen und Verhaltensstörungen behandelt werden. Viele der dort gezeigten Eltern wirken zudem nach meinem Eindruck stark in ihrer Grundpersönlichkeit verunsichert, teils fallen auch sehr destruktive Eltern auf, z.B. eine Mutter, die gleich im Erstgespräch dem Leiter trotzig erklärt, dass sie ihr Kind in ein Kinderheim geben wird, wenn sich kein Erfolg durch die Behandlung einstellt. Der Film ist zudem in Schwerpunkte aufgeteilt. Nach den gezeigten Szenen wird immer wieder „entspannte, friedliche“ Musik eingespielt, teils mit unterlegten Szenen in Zeitlupe von spielenden Kindern in der Klinik oder Eltern, die ihre Kinder streicheln. Diese Zwischenszenen mildern unterbewusst das ab, was man zuvor gesehen hat. Sie suggerieren: „Alles ist gut, den Kindern geht es gut.“ Am Ende des Films wird eine Luftsicht auf ein Labyrinth gezeigt. Eine Familie geht durch das Labyrinth und kommt ans Ziel. Der Film endet dann. Auch hier wird deutlich suggeriert, dass die Methoden der Klinik zum Erfolg führen. Von Neutralität der Filmemacher kann also keine Rede sein.

Durch den o.g. Kommentar von Renz-Polster habe ich einige Hintergrundinfos erhalten, die bei der unkommentierten Variante der „Elternschule“ natürlich fehlen, aber von großer Bedeutung sind. So war mir beim Sehen des Films z.B. nicht klar, dass die gezeigten ärztlichen Untersuchungen der Kinder täglich stattfinden, auch ohne medizinischen Grund.  Laut Renz-Polster (siehe oben verlinken Text) sind dies gezielte Maßnahmen zur Stressauslösung. „Man muss sich das einmal vorstellen: Da werden Säuglinge und Kleinkinder von einem Arzt körperlich untersucht und vom Personal dazu auf der Untersuchungsliege festgehalten – und das nicht etwa, weil der Arzt wissen will, ob die Kinder krank sind. Sondern um sie unter Stress zu setzen. Denn so würden sie sich an den Stress allmählich gewöhnen. Die von Kindern so gehasste Halsuntersuchung etwa findet dann nicht statt um zu sehen, ob die Mandeln geschwollen oder der Hals entzündet ist – sondern als „Therapie“. Als Arzt bin ich darüber so schockiert, dass ich eigentlich nicht weiter begründen muss, warum ich zum Thema „Elternschule“ immer wieder Stellung bezogen habe.“

Besonders krass fand ich im Film eine Szene, in der eine „Kinderschwester“ ein Kleinkind lieblos und steril auf ihrem Schoß festhält und immer wieder eine Milchflasche in den Mund des Kindes einführt. Das Kind wehrt sich dabei, jammert und versucht den Kopf wegzudrehen. Für das Kind könnte dies, so mein Eindruck, evtl. eine Erstickungsbedrohung bedeutet haben. Denn schließlich wurde ihm offensichtlich eine Flüssigkeit in den Mund gestopft oder dies versucht. Ca. 5 Minuten ging dieser Kampf, berichtete die Schwester später im Kollegium. Krass fand ich auch, wie einem Kleinkind, dass bereits durch die Trennung zur Mutter verunsichert war, einfach der Schnuller aus dem Mund gezogen wurde, Tür zu und weg. Das Kind fing natürlich massiv an zu weinen. Oder ein Kleinkind, das vorher wohl nicht alleine geschlafen hatte. Es wurde einfach in ein Gitterbett gesetzt, alleine in einem sterilen Krankenzimmer, Licht aus, Tür zu und weg. Oder der psychologische Leiter, der als letztlich fremder, großer Mann alleine mit einem Mädchen zum joggen in den Park geht. Trotz Weinen und Widerstand fordert er immer wieder, dass das Joggen fortgesetzt wird, zerrt einmal sogar an den Armen des Mädchens. Oder die bewusst ausdruckslose Mimik und Gesichter der Betreuunungspersonen, was wohl zum Konzept gehöhrt. Oder oder oder….

Letztlich ist extrem auffällig, dass im Film gänzlich die wohlwollenden Worte und Gesten gegenüber den Kindern fehlen (außer, wenn sie endlich so sind und sich so verhalten, wie es gewollt ist). Oder um erneut Renz-Polster zu zitieren: „Und deshalb will ich zum Schluss das benennen, was mich an dem Film am meisten stört: Nämlich, dass darin die gütigen Worte fehlen. Dass es immer nur um Stärke geht, um Überlegenheit und „Führung“ der Kinder („Das Kind muss Führung körperlich spüren“, so heißt es in dem Film).“ Besser kann man es nicht zusammenfassen!

Montag, 1. Juli 2019

Gewalt gegen Kinder und bewaffneter Konflikt in Kolumbien


Seit ca. Mitte der 1960er Jahre gab es ca. 50 Jahre lang bewaffnete Konflikte in Kolumbien. Erst vor wenigen Jahren fanden schließlich Friedensverhandlungen statt und ein Friedensvertrag mit der FARC-Guerilla wurde geschlossen.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie suchte u.a. nach Zusammenhängen zwischen dem bewaffneten Konflikt und Körperstrafen gegen Kinder: Cuartas, J.,  Grogan-Kaylor, A.,  Ma, J.,  & Castillo, B.: (2019): Cevil conflict, domestic violence, and poverty as predictors of corporal punishment in Colombia. In: Child Abuse & Neglect, 90, S. 108-119.

Die Frage war also, ob die Erfahrung von bewaffneten Konflikten die Raten von Gewalt gegen Kinder erhöht. Der Ansatz ist nicht uninteressant.  Wobei die Ergebnisse nicht wirklich überzeugen (Körperstrafen gegen Kinder mit Gegenständen sind in Regionen, die vom bewaffneten Konflikt betroffen waren, nur mäßig erhöht, während andere Körperstrafen – „spanking“ - in diesen Regionen sogar etwas weniger vorzufinden sind, als in Regionen, die von dem Konflikt nicht betroffen waren). Denn der größte Risikofaktor für das Schlagen der eigenen Kinder war der Studie nach selbst erlittene Gewalt in der Kindheit der Mütter und nicht etwa die Erfahrung bewaffneter Konflikte (ebd., S. 115).
Im Text selbst haben die Autoren ergänzend vier Studien zitiert, die einen bedeutenden Einfluss von eigens erlittener Gewalt in der Kindheit auf das spätere Gewaltverhalten gegen eigene Kinder herausgestellt haben (ebd. S.110). Die Autoren zitieren ferner, um ihre Hypothese zu erklären, eine Studie von Human Rights Watch, die herausstellte, dass in von der FARC- Guerilla besetzen Gebieten in Kolumbien seitens der Rebellen widerspenstiges Verhalten von zwangsrekrutierten Kindern, aber auch von Kindern, die im Einflussgebiet der FARC lebten, hart bestraft wurde (durch Körperstrafen, Folter und manchmal durch Exekutionen) (ebd. S. 110). Die eigentlich naheliegende Frage, wie denn die Kindheit dieser Rebellen ausgesehen hat und in wie weit sie Körperstrafen als Kinder erlitten haben, wurde in der hier von mir besprochenen Studie nicht gestellt.

Grundsätzlich halte ich die Frage für absolut berechtigt, in wie weit Kriegserfahrungen Einfluss auf das Erziehungsverhalten haben. Trotzdem halte ich es für viel wesentlicher zu fragen, in wie weit destruktive Kindheitserfahrungen Kriege und bewaffnete Konflikte mitverursacht haben?
Hier bietet die Studie einige aussagekräftige Zahlen. Insgesamt wurden Daten für 11.759 Kinder, die jünger als fünf Jahre alt sind, besprochen. Im Schnitt wurden 24 % dieser Kinder mit Gegenständen (wie z.B. Stöcke, Besenstiele oder Gürtel) geschlagen und 20 % erlebten leichtere Formen von Gewalt („spanking“) (ebd., S. 111). Diese Zahlen gelten für das Gewalterleben innerhalb von vier Wochen vor der Befragung (die Raten für die gesamte Kindheit dürften entsprechend höher sein)! Die erfassten Kinder waren im Schnitt ca. 2 ½ Jahre alt, die Mütter im Schnitt ca. 27.

Das ist ein enorm hohes Ausmaß von Gewalt gegen eine Altersgruppe, die besonders sensibel ist und sich noch in einer entscheidenden Entwicklungsphase befindet. In der Studie wurde aber noch mehr erfasst, nämlich eigens erlittene Gewalt der befragten Mütter in deren Kindheit. Im Schnitt wurden 51 % der Mütter als Kind mit Gegenständen geschlagen und 9 % erlebten „spanking“ (ebd., S. 111). Es ist nicht deutlich ersichtlich, ob diese selbst erlittene Gewalt auch nur für die Phase der frühen Kindheit gilt oder für die gesamte Kindheit. Ich vermute so oder so, dass es in der Tat eine Abnahme der Gewalt gegen Kinder in Kolumbien gab (was dem allgemeinen Trend des Gewaltrückgangs entsprechen würde). Wenn dieser Trend sich weiter ausweiten sollte, werden sich in Kolumbien auch politische Spannungen nachhaltig entschärfen.

Was diese Studie auf jeden Fall (mal wieder) gezeigt hat ist, dass in Ländern mit hohem Konfliktpotential stets auch hohe Raten von Kindesmisshandlung zu finden sind. Diese Kindheitserfahrungen bilden das Fundament, auf dem politische Krisen und politische Gewalt aufgebaut werden können.   


Montag, 24. Juni 2019

Mord an Walter Lübcke. Kindheit und Lebensweg von Stephan Ernst


Hinweis: Am 27.06. aktualisiert um den klaren Nachnamen des Täters

Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) beschäftigt derzeit das Land. Heute Vormittag hörte ich im Deutschlandfunk die Sendung „Kontrovers“ zu diesem Fall und zum Thema Rechtsextremismus allgemein. Ich kam in der Tat auch bei der Hörerhotline durch und man bat an, evtl. zurückzurufen. Ich hatte der Dame dort erzählt, dass bei solchen Diskussionen stets das Thema destruktive Kindheitserfahrungen ausgeklammert bleibt. Und dies, obwohl es mittlerweile so einige Studien dazu gibt, die alle samt nahelegen, dass Rechtsextremisten in einem enorm hohen Ausmaß von elterlicher Gewalt, Vernachlässigung und sonstigen belastenden Kindheitserfahrungen betroffen sind. Ich verwies auch kurz darauf, dass vom BKA selbst die Studie „Die Sicht der Anderen“ veröffentlicht wurde, in der entsprechende Kindheitshintergründe festgestellt wurden und die Experten trotzdem fast nie darüber sprechen. Geladen bei „Kontrovers“ waren u.a. Andreas Grün (Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Hessen) und Prof. Gideon Botsch (Leiter der Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam). Leider wurde ich nicht zurückgerufen. Ich war allerdings zu meinem Bedauern auch erst ca. 15 Minuten vor Sendeschluss durchgekommen.

Ich hätte die Runde kurz dazu ermahnt, die Kindheitshintergründe bei dem Thema nicht zu vergessen und ich hätte gesagt, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke, Stephan. Ernst , eine sehr destruktive Kindheit hatte.

Am Nachmittag recherchierte ich dann kurz über die Kindheit von Stephan Ernst Normalerweise dauert es oft lange Zeit, bis entsprechende Hintergründe nach solchen Taten bekannt werden. Zu meinem Erstaunen liegen schon jetzt deutliche Informationen vor.

Der Lebensweg von Stephan Ernst entspricht geradezu in lehrbuchartiger Reinform dem klassischen Werdegang solcher Täter. In meinem Buch habe ich entsprechende Studien über Rechtsextremisten besprochen. Stephan Ernst passt 100%ig in das Raster.

Stephan Ernst war in Kindheit und Jugend ein zurückgezogener Einzelgänger. Schon früh wird er auffällig, u.a. durch Delinquenz und als Jugendlicher durch Springerstiefel und rechte Gesinnung. Er schaffte den Hauptschulabschluss, brach später seine Lehre ab und setzte schließlich als 15-Jähriger ein Mehrfamilienhaus in Brand. Mit ca. 18 Jahren stach er mit einem Messer auf einen Menschen mit Migrationshintergund ein. Ca. ein Jahr später verübte er einen Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim, der allerdings misslang.
Später wurde von Gutachtern Fehlentwicklungen, Persönlichkeitsstörungen und selbstverletzende Tendenzen bei Stephan Ernst festgestellt. Nachdem einmal eine Freundschaft mit einem Türken gescheitert war, habe er sich das Wort "Haß" in die Hand geritzt. (Alle vorgenannten Infos und auch nachfolgende Infos zur Kindheit siehe Quelle hier: Stettin,I, Herrnkind, K. & Eißele, I. (2019, 20. Juni): "Hass auf alles und jeden": Auf den Spuren des Mannes, der Walter Lübcke ermordet haben soll. Stern.de)

Stephan Ernst hatte in einem früheren Gerichtsprozess seine Kindheit als wenig glücklich geschildert. „Sein Vater sei Alkoholiker gewesen. Aus Angst vor ihm habe er `mit einem Messer im Bett` geschlafen. Die Mutter habe gearbeitet, so dass er als `Schlüsselkind` viel allein gewesen sei.“ (stern.de)
Die kurzen Schilderungen über seine Kindheit offenbaren bereits ein enorm hohes Ausmaß an Destruktivität in dieser Familie. Wie so oft bei solchen Fällen gehe ich davon aus, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Wer aus Angst vor dem eigenen Vater mit einem Messer im Bett schläft, der wird vorher Etliches erlebt und erlitten haben. Sollte Stephan Ernst erneut begutachtet werden, werden wir evtl. noch ein erweitertes Bild über seine Kindheit erhalten.

Ach hätte man mich doch heute in der genannten Sendung zu Wort kommen lassen. Dieser aktuelle Fall darf nicht isoliert betrachtet werden. Er reiht sich bzgl. der Sozialisation solcher Täter ein in eine lange Liste anderer Fälle.

Freitag, 21. Juni 2019

Was die Krise der etablierten Parteien und "Fridays for Future" mit veränderten Kindheiten und Erziehungsstilen zu tun hat


Nachdem es innerhalb der ZDF-Sendung von Markus Lanz am 12.06.2019 um einen rauen Umgang und Machtkampf innerhalb von Parteien (insbesondere innerhalb der SPD, aber auch bei der CDU) ging, äußerte sich der Journalist Robin Alexander folgendermaßen:
Die Leute wollen das heute nicht mehr. Ich glaube, das Publikum hat sich verändert und nicht die Akteure. (…) Wir haben so eine neue Sensibilität, deshalb kommen auch die Grünen so gut, die ja die ganze Zeit darstellen: Habeck und Baerbock, wie mögen sie sich und sie teilen sich das Büro und wie toll. Die Leute wollen heute eine kooperative Führung mindestens dargestellt haben. Und dieses alte Harte, was die SPD macht wie eh und je, kommt nicht mehr gut an.

Ich habe genau auf einen solchen Aufhänger gewartet! SPD und CDU (aber zum Teil sicher auch die LINKE und die FDP) reiben sich verwundert die Augen und staunen, was da in letzter Zeit passiert. Spätestens seit der Europawahl ist klar, dass sich die politische Landschaft radikal ändern wird.
Bei den 18- bis 35-Jährigen waren die GRÜNEN bei der Europawahl 2019 die stärkste Kraft.
Hätten nur die unter 25-Jährigen gewählt, wären die GRÜNEN sogar bei 34% der Stimmen gelandet, einzig die CDU wäre noch mit 12% im zweistelligen Bereich. Und: Der Aufwind der AFD wäre jäh am Ende, denn diese hätte von den unter 25-Jährigen nur 5 % der Stimmen erhalten (ARD, Umfragen Wähler nach Altersgruppen).

Sicherlich spielt bei dieser Entwicklung das Thema „Klimawandel“ eine wichtige Rolle. Die GRÜNEN haben dabei von Haus aus einen Vorteil. Ich glaube aber, dass die oben zitierte Analyse von Robin Alexander eine mindestens ebenso gewichtige Rolle spielt. Robert Harbeck (geboren 1969), Annalena Baerbock (geb. 1980), Katrin Göring-Eckardt (geb. 1966) oder auch Gesine Agena (geb. 1987), Jamila Schäfer (geb. 1993), Michael Kellner (geb. 1977) oder Marc Urbatsch (geb.  1976) verkörpern nicht nur eine neue Politiker-Generation, sondern vor allem eine neue Mentalität. Und das gilt nicht nur bezogen auf die Gegenpole CDU, CSU, FDP & SPD, sondern auch bezogen auf die „alten GRÜNEN“ wie z.B. Joschka Fischer (geb. 1948), Jürgen Trittin (geb. 1954) oder Claudia Roth (geb. 1955). Allen drei Letztgenannten fehlte die emotionale Leichtigkeit, die die „neuen“ GRÜNEN mitbringen.
Die jüngeren Nachwuchspolitiker anderer Parteien sind zwar auch jung (was logisch ist), aber sie treffen nicht so gut die neuen Mentalitäten (kaum ein junger Politiker verkörpert dies im Extrem so gut wie Philipp Amthor von der CDU, der Jahrgang 1992 ist, aber eine derart konservative Ausstrahlung hat, dass man eher an frühere Zeiten erinnert wird). Zumindest nicht so treffsicher, wie die GRÜNEN.

Wer sich mit Kindheiten befasst, mit der historischen Entwicklung von Kindheit und mit sich verändernden Erziehungsstilen (in Familie und Schule), der wundert sich eigentlich nicht über die aktuelle politische Entwicklung. Diese Entwicklung war geradezu überfällig! Das Publikum hat sich verändert, stellte Robin Alexander fest. Aber die politischen Akteure nicht. Starre Parteien wie CDU, CSU und SPD haben offensichtlich nicht viel Raum gelassen, um Menschen mit neuen Mentalitäten nach oben zu lassen. Das rächt sich jetzt.
Man sieht dies alleine schon am Ungleichgewicht der Altersstrukturen in den Parteien. Die GRÜNEN haben von allen Parteien den geringsten Anteil von Mitgliedern, die über 66 Jahre (also Geburtenjahrgänge unter 1953) alt sind (nämlich 13%, im Vergleich dazu z.B. CDU = 42%, CSU = 38 % und SPD = 42 %). Der Anteil der Mitglieder, die 16 bis 35 Jahre alt sind, ist bei den GRÜNEN ungefähr doppelt so groß wie bei CDU/CSU und SPD (23 % bei den GRÜNEN, dagegen 10 % bei CDU/CSU und 13 % bei der SPD). (Zahlen siehe DER SPIEGEL, Nr. 24, 08.06.2019 „Echt jetzt?“, S. 16)

Die Daten über den stetigen Gewaltrückgang gegen Kinder in Deutschland sind bekannt. Parallel nahm stetig der Anteil der Menschen zu, die über ein hohes Maß an elterlicher Zuwendung berichten. Für die Geburtenjahrgänge zwischen den 1930er und 1950er Jahren ist nachgewiesen, dass diese Jahrgänge nur zu ca. 30 % ein hohes Maß an elterlicher Zuwendung erfahren haben, bei den Jahrgängen ab 1990 sind dagegen mittlerweile Raten von über 60 % nachgewiesen. Gesonderte Schülerbefragungen (mit hohen Fallzahlen) in Niedersachen zeigen ergänzend, dass die Geburtenjahrgänge um das Jahr 2000 mittlerweile zu 78,6 % über ein hohes Maß an elterlicher Zuwendung berichten (Pfeiffer, C., Baier, D. & Kliem, S. (2018): Zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland. Schwerpunkte: Jugendliche und Flüchtlinge als Täter und Opfer. Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften, Institut für Delinquenz und Kriminalprävention, S. 37+39.).

Oder man schaut ganz klassisch in die Shell-Jugendstudien. Der Anteil der Jugendlichen, die „bestens“ mit ihren Eltern auskommen, ist seit der Befragung 2002 stetig gestiegen, von 31 % im Jahr 2002 auf 40 % im Jahr 2015. Fasst man die Items „Kommen bestens miteinander aus“ und „Kommen klar, gelegentliche Meinungsverschiedenheiten“ zusammen, dann ergibt sich folgendes Bild: 2002 = 89 %, 2006 = 90 %, 2010 = 91 % und 2015 = 92 %.  (Geburtsjahrgänge für die Befragung 2002 = ca. 1977 – 1990, für 2015 = ca. 1990 – 2003) Insgesamt betrachtet erging es den Generationen ab dem Geburtenjahrgang 1977 (meinem Geburtsjahr!) also recht gut in ihren Familien.
Noch deutlicher sind sie Ergebnisse, wenn es um die Frage geht, ob man die eigenen Kinder „genauso“ oder „ungefähr so“ erziehen würde, wie man selbst von seinen Eltern erzogen wurde. Dabei gibt es eine stetige Steigerung: 1985 = 53 %, 2000 = 72 %, 2002 = 69 %, 2010 = 72 % und 2015 = 74 % (Shell Deutschland Holding (Hrsg.) 2015: Jugend 2015. Eine pragmatische Generation im Aufbruch. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 52-55.)

Diese so aufgewachsenen Menschen können nichts mehr mit der ruppigen Art, Machtspielen und rhetorischen Luftblasen in der Politik anfangen. Sie wurden kooperativ erzogen und verstehen das Gehampel der politischen Akteure nicht mehr. Das hat die Politik bisher nicht verstanden!

Eine pragmatische Generation im Aufbruch“ wurde die Shell-Studie 2015 betitelt. Gerade im Jahr 2019 mit den Fridays for Futures-Demos könnte dieser Titel nicht besser passen. Wer sich diese Demos hierzulande anschaut, der sieht Kinder und Jugendliche mit einer klaren, ungetrübten Sicht und deutlichen, auf Fakten beruhenden Zielen, das Ganze auch noch gänzlich gewaltlos und ohne Hass. (Bei den 1968ern sah das noch anders aus, vor allem was Hass, Feindbilder und Gewaltfreiheit anging.)

Um die Zukunft müssen wir uns (vom Klimawandel abgesehen) hierzulande keine Sorgen machen. Alle vorliegenden Daten und Informationen zu Kindheit und Jugend lassen den Schluss zu, dass sich unsere Gesellschaft nachhaltig und positiv Stück für Stück weiterentwickeln wird. Die starren, konservativen Charaktere der Vergangenheit, die noch mit Zucht und Ordnung erzogen wurden, gehören bald der Geschichte an. (Schlechte Nachrichten vor allem auch für die AFD und ähnlich Gesinnte!) Oder wie es der Kinderarzt Herbert Renz-Polster anlässlich seines Buches „Erziehung prägt Gesinnung“ in einem Interview formulierte: „Wir haben aktuell die liberalste Gesellschaft in Deutschland, die es jemals gab. (…) Wir ernten derzeit die Früchte einer würdigeren und befreienderen Erziehung. Insbesondere in den Familien haben wir heute ein viel sichernderes, emotional wärmeres, zugewandtes und bedürfnisorientiertes Umfeld“ (Schubert, F. (2019, 25. April): „Nur wer sich selbst als wertvoll ansieht, kann auch anderen einen Wert zugestehen“. Frankfurter Rundschau.).

(Und ja, es ist kein Zufall, dass ich diesen Beitrag heute, da der erste internationale Klimastreik in Aachen stattfindet, veröffentliche ;-) )