Montag, 11. November 2019

Terror von Links - Kindheit von Henning und Wolfgang Beer


Ein Bericht über die Kindheit des ehemaligen RAF-Terroristen Henning Beer sagt sehr wahrscheinlich gleichzeitig auch etwas über seinen Bruder Wolfgang Beer, der ebenfalls RAF-Terrorist war, aus.

Meine Quelle ist: Wunschik, Tobias (1997): Baader-Meinhofs Kinder: Die Zweite Generation der RAF. Westdeutscher Verlag, Opladen.

Als Henning „zehn Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden; von da an lebte er bei seiner Mutter, die an Alkoholsucht litt und mehrfach in psychiatrischen Anstalten untergebracht war. Unter diesen Umständen stellte sein Bruder Wolfgang Beer die einzige feste Bezugsperson für ihn dar. Dieser war es auch, der ihn später in diverse Wohngemeinschaften und Zirkel mit linksextremen Ambiente einführte“ (S. 225).

Ab Februar 1974 hatte Wolfgang Beer eine Haftstrafe zu verbüßen. Henning war plötzlich auf sich allein gestellt. „Er kam in der Wohngemeinschaft seines Bruders unter, wo sich insbesondere Prieß und von Seckendorff-Gudent um ihn kümmerten. Letzterer machte ihn mit linksextremen und revolutionärem Gedankengut vertraut“ (S. 226). Der am 30.11.1958 geborene Henning Beer muss zu dieser Zeit gerade einmal 15 Jahre alt gewesen sein.

Sein Bruder Wolfgang wurde Ende 1953 geboren. Zur Zeit der Trennung der Eltern war Wolfgang entsprechend ca. 15 Jahre alt. Inwieweit auch er die Alkoholsucht der Mutter miterlebt hat, erschließt sich nicht. Die Vermutung liegt im Raum, dass es schon vor der Trennung Probleme im Elternhaus gab. In der o.g. Quelle wird kein einziges Wort zum Vater geschrieben. Dass die Kinder bei der alkoholkranken Mutter unterkamen, spricht nicht gerade für ihn. Da Wunschik schreibt, dass nach der Trennung der Eltern nur der große Bruder Bezugsperson für Henning war, wird der Vater vermutlich aus dem Leben der Kinder verschwunden sein.

Donnerstag, 7. November 2019

Terror von Links - Kindheit von Silke Maier-Witt


Auch über die ehemalige RAF-Terroristin Silke Maier-Witt finden sich einige aufschlussreiche Details aus ihrer Kindheit.
Meine Quelle dafür ist: Wunschik, Tobias (1997): Baader-Meinhofs Kinder: Die Zweite Generation der RAF. Westdeutscher Verlag, Opladen.

Als Silke 6 Jahre alt war (1956), starb ihre Mutter. „Eine erneute Ehe ihres Vaters währte nur etwa ein Jahr. Infolgedessen wuchs das Mädchen zunächst bei ihren Großeltern in Hamburg, dann bei der Schwester ihrer Mutter in Itzehoe auf. Dort wurde sie auch wegen nervöser Störungen behandelt; in der Schule wurde sie `verschickt`. Nach einer erneuten Heirat des Vaters zog Silke Maier-Witt im Oktober 1959 wieder zu ihm. Seine neue Gattin fand jedoch keinen `Draht` zu dem Mädchen und ihrer schon 1946 geborenen Schwester; auch später war das Thema der Wiederheirat des Vaters innerhalb der Familie tabu. (…) Maier-Witt bekam im Elternhaus kaum einmal die Gelegenheit zu vertrauensvollen Gesprächen und wagte auch nicht, ihre Probleme offen auszusprechen. Die häufig aufkeimenden Spannungen wurden stets nur verdeckt ausgetragen. Nach außen hin bot sich das Bild einer intakten Familie, doch `ich war mir schon sehr früh sehr sicher, dass ich so wie meine Eltern nicht werden wollte`“ (S. 215f).

In einem Hamburger Mädchengymnasium, das ihr Vater für sie gewählt hatte, fühlte sich Silke als "soziale Außenseiterin". Als Jugendliche begannen vermehrt Konflikte mit dem Vater. Silke forderte mehr Mitsprache, ihr Vater wehrte ab. Auch Auseinandersetzungen um politische Themen begannen, ebenso wie Fragen nach der Vergangenheit des Vaters während der NS-Zeit.

Tod der Mutter, Trennung vom Vater, wechselnde Bezugspersonen und psychische Probleme (als Folge all dieser Erlebnisse?), Probleme mit der neuen Stiefmutter, Außenseiterrolle und wenig Raum für ihre Bedürfnisse und Probleme. All dies verdichtet sich zu der Schlussfolgerung, dass die Kindheit von Silke Maier-Witt sehr belastet war.

Ergänzend stellt sich mir die Frage, was unter der „Verschickung“ während der Schulzeit zu verstehen ist? In der Nachkriegszeit war es in der Tat üblich, dass Kinder „verschickt“ (in Heime oder zu Lehrzwecken) wurden. Über diese Kinderverschickungen gibt es heute mittlerweile Berichte, die erschaudern lassen. „Hunderttausenden von Kindern brachten Ferien in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren Erfahrungen, die sie besser nie gemacht hätten. Sie wurden, wie man damals sagte `verschickt`. Sommers wie winters nahmen staatliche, konfessionelle und private Erholungsheime für Wochen oder Monate Kleinkinder und Schulkinder auf, um Eltern zu entlasten.“ (Fetscher, C., 08.07.2018, Kindesmissbrauch in der Nachkriegszeit. Ferienverschickung – vor allem tat meist das Heim weh, Tagesspiegel-Online) Die Zustände waren dem Bericht folgend nicht selten katastrophal: Gewalt, Drohungen, Demütigungen, Missbrauch und Misshandlungen gehörten dazu. Hat auch Silke damals ähnliches erlitten?

Mittwoch, 6. November 2019

Terror von Links - Die Kindheit von Susanne Albrecht


Über die ehemalige RAF-Terroristin Susanne Albrecht habe einige wenige, aber aufschlussreiche Informationen über ihre Kindheit gefunden.
Meine Quelle dafür ist: Wunschik, Tobias (1997): Baader-Meinhofs Kinder: Die Zweite Generation der RAF. Westdeutscher Verlag, Opladen. 

Susanne Albrecht wuchs in einer großbürgerlichen und konservativen Familie in Hamburg auf. Wunschik schreibt über ihre Kindheit: „Es herrschte ein strenger Erziehungsstil, gelegentlich erhielt das Mädchen auch Schläge. Kam es wegen der Edukation der Tochter zu Streitigkeiten zwischen den Eltern, fühlte sich Albrecht hierfür verantwortlich. Sich mit ihren Sorgen Dritten anzuvertrauen, kam indes für sie nicht in Frage – nach dem Willen der Eltern durften innerfamiliäre Differenzen keinesfalls nach außen getragen werden. Entsprechend ihrer sozialen Herkunft sollte sie auch bei der Auswahl ihrer Freunde auf deren gesellschaftliche Stellung achten“ (S. 211).

Der Druck der Eltern scheint sich auf viele Bereiche bezogen zu haben. So sollte sie z.B. Klavier lernen und Tennis spielen, hatte daran aber gar keine rechte Freude. Die Eltern übten einen „allgemeinen Leistungsdruck auf ihre Tochter aus und überforderten diese schlichtweg mit ihren Leistungserwartungen“ (S. 215). „Das Mädchen schottete sich zunehmend von ihrer Umwelt ab. Schwierigkeiten mit den Eltern führten dazu, dass sie auf ein Internat nach Holzminden geschickt wurde. Doch dort erwartete sie die `Fortsetzung des Erziehungsstils von zu Hause`“ (S. 211f).
Was genau sie alles im Internat erlitten hat, bleibt offen. Fest steht, dass es dort streng zuging. Außerdem war sie gänzlich aus ihrem alten Umfeld in Hamburg herausgerissen.

Ein weiteres Ereignis scheint mir von Bedeutung zu sein. Als Jugendliche erlebte sie, dass sich ihr damaliger Freund umbrachte. Susanne machte „die Welt der Erwachsenen einschließlich ihrer Eltern hierfür verantwortlich“ (S. 212).

Als Soziologiestudentin politisierte sie sich später zusehends und kam in Kontakt mit Hausbesetzern, zu denen auch spätere RAF-Terroristen gehörten. Ihre Radikalisierung nahm ihren Lauf...

Dienstag, 29. Oktober 2019

Terror von Links - Kindheit von Holger Meins


Über die Kindheit des RAF-Terroristen Holger Meins fand ich nur wenige, aber aufschlussreiche Informationen in dem Buch:
Conradt, Gerd (2001): Starbucks - Holger Meins: Ein Porträt als Zeitbild. ESPRESSO Verlag, Berlin. 

Holger Meins wurde am 26. Oktober 1941 in Hamburg inmitten des Krieges geboren.
Der Vater von Holger sagte in Gesprächen: „Ganz frühzeitig hatte er eine Operation nach einem Leistenbruch, die lebensgefährlich war. In den ersten Monaten durfte er weder schreien noch weinen, weil dann die Gefahr eines `kalten Brandes` aufgetreten wäre und er hätte daran sterben können. In seinen ersten Lebensjahren verlebte er bis zum Kriegsende jeden Sommer an der Ostsee, um mit seiner Mutter und seinem Bruder den Luftangriffen auf Hamburg nicht ausgesetzt zu sein. Ein beeindruckendes Erlebnis für ihn war, dass er während des Winters mit seiner Mutter nicht rechtzeitig in den Luftschutzbunker gekommen war und einen Luftangriff außerhalb der Luftschutzräume miterlebte. Er sprach von einem schönen Feuer: `Da waren herrliche Lichter am Himmel und es machte Bummbumm wie ein Feuerwerk.` Das war für ihn kein erschütterndes Kriegserlebnis. Das hat er mit strahlendem Gesicht erzählt. 
1943 wurden wir ausgebombt. (…). Wir fanden aber in Hamburg einen Unterschlupf am Stadtpark, wo Holger seine Jugend verbrachte. Im Sommer 1948 war er zu einer Kinderverschickung in der Schweiz, bei der Schreinerfamilie Albert Fürer in Bühler“ (S. 13).

Hier haben wir gleich mehrere Informationen. Zunächst die frühzeitige, lebensgefährliche Operation – offensichtlich im Kleinkind- oder Säuglingsalter. Wie wurde damals das Kind dazu gebracht, dass es nicht schreit oder weint? Gab es dazu irgendwelche damals übliche Methoden? Wie konnte dies in diesem jungen Alter überhaupt gelingen? Diese Fragen stehen im Raum.

Holger verlebte ganz eindeutig eine traumatische Kriegskindheit, auch wenn sein Vater die Situation in der Erinnerung sehr beschönigt. Hamburg wurde vielfach bombardiert und Holger war seine gesamte frühe Kindheit über – außer im Sommer – in der Stadt.

Über die Länge der „Kinderverschickung“ erfährt man nichts von dem Vater. Holger muss damals ca. 6 Jahre alt gewesen sein. Da er von Hamburg aus in die Schweiz „verschickt“ wurde, gehe ich davon aus, dass es ein längerer Aufenthalt und insofern eine längere Trennung von der Familie in diesem jungen Alter gewesen ist. Auch über die Situation vor Ort erfährt man fast nichts. Der Vater kommentiert, dass Holger in Briefen für seine gute Rechtschreibung und sein mathematisches Können gelobt und für das Herumspielen mit Werkzeug kritisiert wurde. Außerdem habe sein Sohn „Ich bin gerne hier“ unter die Briefe geschrieben (S. 14).
Da hier auch von „Briefen“ die Rede ist, bestätigt dies meine Vermutung, dass der Aufenthalt länger dauerte. Für ein sechs Jahre altes Kind ist das, egal was nun der Vater dazu kommentiert, eine große Belastung, so weit weg in der Fremde und getrennt von der Familie zu sein.

Der Vater ist eine zentrale Figur in dem Buch. Er stand zu seinem Sohn, auch, als dieser Terrorist und inhaftiert wurde. Es scheint eine doch starke Bindung zwischen Vater und Sohn gegeben zu haben. Fakt ist aber auch, dass der Vater nichts über die Erziehung und den familiären Alltag Preis gibt. Wir wissen schlicht nicht, wie die Eltern konkret mit ihren Kindern umgingen und ob und wenn ja wie Strafen ausgeführt wurden.

Ein Sachverhalt sticht in dem Buch ins Auge: Der Vater überstrahlt alles, die Mutter dagegen bleibt fast gänzlich unerwähnt und ausgeblendet. Dies liegt wohl an folgendem Sachverhalt:
Die Nachbarn kannten Holger alle. Drüben bei Meyers war er fast wie ein halber Sohn, nachdem meine Frau verstorben war. Sie war nervenkrank gewesen, darum hatten wir eine Wohnung im Grünen“ (S. 16).

Was genau sich an psychischer Krankheit hinter dem Wort „nervenkrank“ verbirgt, bleibt unsere Fantasie überlassen. Fest steht aber, dass die Mutter auch alleine für die Kinder sorgte, so z.B. im Sommer, wie oben zitiert. War die Mutter schon damals "nervenkrank" und wenn ja, was erlebten die Kinder mit einer „nervenkranken“ Mutter?

In dem Buch „Starbucks - Holger Meins: Ein Porträt als Zeitbild“ fällt mir besonders ins Auge, dass die Sozialisation und Kindheit von Holger Meins als möglichst normal und freundlich dargestellt wird. Das Buch an sich ist sehr tendenziell und sympathisiert deutlich mit linken Ideen und den damaligen Akteuren. Der Staat, der die Isolationshaft der RAF-Häftlinge verantwortete, erscheint dagegen tendenziell als Gegner. Das Buch erscheint eher als Denkmal für Holger Meins.

Wie auch immer: Trotzdem konnte ich so einige Informationen über die Kindheit von Holger Meins herausziehen. Es wird sehr deutlich, dass Holger sehr belastet aufgewachsen ist.

Freitag, 25. Oktober 2019

Kinder in Moria: "Da ist das Leben des Menschen doch vorbei"

Jeden Tag könnte man über das Leid von Kindern in der Welt berichten…

Ich selbst habe mich in diesem Blog vor allem auf das Thema Kindesmisshandlung fokussiert. Und ich habe das Gefühl, dass ich damit etwas Gutes tue, und ja, auch etwas bewirke.
Heute möchte ich auf die Situation von Kindern im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos hinweisen. Ich kann den Kindern dort nicht helfen, aber mir ist es ein tiefes Bedürfnis, kurz etwas dazu zu schreiben.

Jeder Europäer sollte diesen Bericht sehen: „Kinder in Moria: Auf dem Weg nach Europa | Exklusiv-Reportage aus dem völlig überfüllten Flüchtlingscamp auf Lesbos“ (ARD)

Die Lage dort ist katastrophal, vor allem auch für die Schwächsten, die Kinder. Ein Arzt berichtet, dass Kinder versuchen, sich umzubringen oder sich selbst Verletzungen zufügen. „Ihre Kindheit wird ihnen genommen“, sagt der Mann. Es gibt keine Schulen, keine Beschäftigung, keine Decken, keine Unterkünfte, keine Toiletten, keinen Schutz, zu wenig Essen und und und.

Am Ende des Berichts fragt ein Mädchen eine Reporterin, die sich in das Lager hineingeschmuggelt hat: „Wie lange müssen wir hier noch bleiben?“ Die Reporterin antwortet: „Was schätzt Du denn?“ „Ich frage Sie doch!“, sagt das Mädchen. „Vielleicht ein Jahr“, antwortet die Reporterin. Das Mädchen überlegt eine Weile und sagt: „Da ist das Leben des Menschen doch vorbei

Ich bin dafür, dass zumindest alle Familien mit Kindern nicht länger als eine Woche in solchen Lagern leben sollten! Zumal wir hier von europäischem Boden sprechen. Wenn wir dies wollten, könnten wir dies auch leisten!

Das wäre - neben den menschlichen Aspekten - auch Prävention! Denn wenn diese Kinder irgendwann in andere europäische Länder überführt werden (nicht Wenige auch nach Deutschland) und dort aufwachsen, dann muss es im Interesse der Aufnahmeländer sein, dass diese Kinder möglichst wenig traumatische Erfahrungen gemacht haben. Ansonsten haben die Aufnahmeländer später weit mehr Probleme, als wenn jetzt investiert würde. Die möglichen Folgen von Traumatisierungen im Kindesalter habe ich hier im Blog jahrelang ausführlich behandelt. Das Handeln der EU, gerade bezogen auf die Kinder, die als Flüchtlinge kommen, macht also keinen Sinn. Es wäre viel günstiger, jetzt und sofort zu helfen, als Traumatisierungen durch diese Lager systematisch zu fördern. Was wir heute an Leid gegen Kinder zulassen, kommt übermorgen auf uns zurück.

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Terror von Links - Kindheit von Stefan Wisniewski


Der ehemalige RAF-Terrorist Stefan Wisniewski wurde am 08.04.1953 geboren. Wenig später, am 9. Oktober 1953, starb sein Vater im Alter von nur 27 Jahren an einer Nierenentzündung. Die Krankheit, davon ging Stefans Mutter aus, sei Folge der Zeit im Konzentrationslager. Während des Krieges war Stefans polnischstämmiger Vater von den Deutschen verschleppt und interniert worden. Die Mutter bemühte sich um Wiedergutmachung und finanzielle Hilfen, aber vergebens (Krall, 2007).

Geboren wurde Stefan in Klosterreichenbach, einem Dorf im Schwarzwald. Angst habe ihn und seine Familie begleitet. In der Umgebung wohnten damals viele ehemalige SS- und SA-Männer. Die Geschichte des Vaters musste geheim bleiben (Hengst & Schwabe, 2007).

Später scheint es massive Probleme mit Stefan gegeben zu haben: „Als Stefan wieder einmal aus der Schule weggelaufen war, bat Gisela bei Pädagogen um Rat. Es waren Pädagogen der Jugendhilfe. Sie rieten ihr, den Sohn ins Heim zu geben. `Dort landet er früher oder später sowieso`, sagten die Pädagogen. Stefan war ein Jahr im Heim. (…) Heimleiter war ein Pastor, ein stämmiger Mann mit feistem Gesicht und starken Fäusten. Der Pastor vergab an jeden drei Zensuren pro Woche: für Arbeit, Unterricht, Betragen. Hatte man nur eine einzige Sechs darunter, verbrachte man das Wochenende im Isolationsraum. Dort gab es zwei Bretter. Ein niedriges zum Sitzen, ein höheres, um Arme und Kopf aufzustützen“  (Krall, 2007).
Die „starken Fäuste“ des Heimleiters werden in dem zuvor zitierten Text mehrmals erwähnt und hervorgehoben. Ich deute dies dahingehend, dass der Heimleiter auch – neben der psychischen Gewalt - körperliche Gewalt gegen Stefan angewandt haben könnte.

Siebenmal flüchtet Stefan aus dem Heim, innerhalb eines Jahres. „Die Polizei bringt ihn immer wieder zurück“ (Hengst & Schwabe. 2007).

Verwendete Quellen: 

Hengst, B. & Schwabe, A. (2007, 23. April): Stefan Wisniewski. Wie aus einem Provinzler die Furie der RAF wurde. Spiegel-Online.

Krall, H. (2007, 27. April): „Stefan Wisniewski, Sohn eines Zwangsarbeiters“. Welt-Online.

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Kindheit von Robert Ley (u.a. Reichsorganisationsleiter der NSDAP)


Robert Ley war ein führender Nationalsozialist. Er gehörte zu den 24 im „Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher“ Angeklagten. Seiner Verurteilung entzog er sich durch Suizid.

In der Hierarchie der NS-Führungsriege rangierte er an fünfter Stelle (Wald 2004, Angabe des Verlags in der Inhaltsbeschreibung bzw. auf der Buchrückseite)

Wie war Robert Ley als Mensch, fragt sich der Biograf Ronald Smelser. Und er antwortet selbst: „Er war schroff und hart, hatte keinerlei Hemmungen, neigte zu Gefühlsausbrüchen, war korrupt und bestechlich, und es fehlte ihm in erstaunlichem Maß an Urteilsvermögen. Er war auch ein notorischer Schürzenjäger und ein starker Trinker. Gleichzeitig war er ein intelligenter Mensch, der echtes Organisationtalent besaß (…). Er war auch ein ungewöhnlich ehrgeiziger Mensch mit einem starken Geltungsbedürfnis. Vor allem war er Adolf Hitler, in dem er einen Gott-Menschen sah, sklavisch ergeben“ (Smelser 1989, S. 13). Im Privaten kam Leys Destruktivität überdeutlich zu Tage. So z.B. gegenüber seiner zweiten Ehefrau, die er wohl nicht nur einmal öffentlich demütigte. „Ein andermal enthüllte Ley anscheinend seine Gattin direkt, indem er versuchte, ihr die Kleider vom Leib zu reißen, damit die Gäste ihren herrlichen Körper bewundern könnten. `Er behandelt mich schamlos`, sagte sie. `Ich bin überzeugt, eines Tages bringt er mich noch um`“ (Smelser 1989, S. 116). Am 29.12.1942 erschoss sich Leys Frau Inge nach einem belanglosen Streit mit ihrem Mann. Smelser meint, dass Inge Ley vermutlich stark unter der Alkoholsucht ihres Mannes litt.

Robert war das siebte Kind seiner Eltern, die insgesamt elf Kinder bekamen. Von den 11 Kinder waren drei im Kleinkindalter oder bei der Geburt gestorben (Wald 2004, S. 15). Ob Robert den Tod dieser Geschwister miterlebte und wie sich diese Tragödie auf die Familie auswirkte, wird nicht beschrieben.
Robert Ley wurde in eine armen Region hineingeboren, seine Familie gehörte aber zu den Privilegierten und war wohl relativ reich. Sein Vater – Friedrich - konnte mit dem Reichtum allerdings nicht umgehen. Er ließ sich auf verlustbringende Geschäfte ein. „In seiner Verzweiflung zündete Friedrich offenbar den Hof an, um die Versicherungssumme zu kassieren. Die Sache wurde aufgedeckt; Friedrich Ley wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Der junge Robert war damals sechseinhalb Jahre alt, und dieses Erlebnis zeichnete ihn für sein Leben. Mit einem Schlag stürzte die Familie in bittere Armut“ (Smelser 1989, S. 18). Die älteren Geschwister verließen daraufhin die Familie, um Arbeit zu finden. Die Familie brach offensichtlich auseinander. „Der älteste Sohn, der zur Zeit des Brandes 21 Jahre alt war, und der vierte zogen wie andere junge Männer ins Wupper-Tal und Niederbergische. Der zweite ging allein fort, Richtung Rhein. Der dritte arbeitete zunächst als Metzgergeselle im übernächsten Dorf und folgte dann dem ältesten Bruder. Sie versuchten, bei dem Geldverleiher die Schulden abzubauen, aber das gelang nicht“ (S. 16).
Die Familie kam nicht mehr von dem Geldleiher los: „Die beiden Töchter mussten zu ihm in den Dienst, zunächst die ältere, die 14 war, als der Hof abbrannte, dann auch die jüngere. Die zweite – zarte kleine, aber zähe und unerschrockene – habe schließlich aufbegehrt: `Nu is Schluss, wir versinken ja im Elend`“ (Wald 2004, S. 16). Ein wohlhabender Verwandter habe dann Geld vorgeschossen, so dass der Peiniger ausgezahlt werden konnte. „Dass Ley dies im Kindesalter erlebte, muss bei ihm ein Trauma hinterlassen haben; er blieb stets äußerst empfindlich in Bezug auf seine soziale Stellung und entwickelte ein heftiges Geltungsbedürfnis – wie es für eine ganze Reihe hoher NS-Führer typisch war“ (Smelser 1989, S. 19).

Die Mutter zog mit den beiden jüngsten Kindern – darunter auch Robert – in ein verfallenes Anwesen in der Nähe. „Für die Mutter, die vorher schon, so wie der Hof der Leys verschuldete, mehr und mehr zu leisten hatte, riss die Arbeit nicht ab. Das Leben mit den beiden Kleinen war arm und eng, aber nach den Jahren der Ungewissheit und der Aufregung endlich ruhig“ (Wald 2004, S. 15).
 Über seine Mutter berichtete Ley später: „Sie musste öfters auf Gericht gehen, Demütigungen ertragen. Dann weinte sie sich bitter aus, und wir Kinder trösteten sie“ (Smelser 1989, S. 33). Als Robert 11 Jahre alt war, kam sein Vater wieder nach Hause. Ley notierte dazu: „Wir Kinder hatten ihn kaum vermisst. (…) Und die Mutter redete nie von ihm … So war denn die Heimkunft des Vaters wie eine Alltäglichkeit“ (Smelser 1989, S. 33). Robert Leys Tochter schreibt zum Vater-Sohn-Verhältnis ihres Vaters: „Zum Vater (…) bestand Distanz. Der war kein Vorbild“ (Wald, 2004, S. 127). Zur Mutter habe dagegen, so Robert Reys Tochter Renate Wald, eine enge Bindung bestanden. Die Mutter habe auch hohe Erwartungen gegenüber ihrem Sohn Robert gehabt, was seine Lebensperspektive geformt hätte.

1914, als junger Mann, meldete sich Robert Ley als Kriegsfreiwilliger. Er machte diverse Kampferfahrungen und blieb in Frankreich zusammen mit zwei Kammeraden der einzige Überlebende einer 42-köpfigen Batteriebesatzung (Smelser 1989, S. 22).

Leider erfährt man in beiden verwendeten Quellen im Grunde nichts über den Erziehungsalltag bei den Leys. Auf jeden Fall war der Alltag hart. Die Kinder mussten auf dem Hof mitarbeiten. Der Brand und die Haft des Vaters blieben Familientrauma. Mit Blick auf die gezeigten Abläufe und die vielen Kinder ist zu vermuten, dass kaum Zeit für mütterliche Fürsorge gegenüber den Kindern, insbesondere auch den Jüngsten, zu denen damals Robert gehörte, da war. Der Vater an sich war sowohl durch die Haft, als auch danach auf Abstand zu seinem Sohn Robert. Dass Robert Ley als Kind vielfach belastet war, ist überdeutlich.

Ich betone in solchen Fällen auf Grund der Quellenlage immer, dass weder elterliches Gewaltverhalten, noch elterliche Gewaltfreiheit nachweisbar ist. Wir wissen nicht, ob zu all den schweren Lebensumständen auch noch elterliche Strafen und Gewalt dazukam. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass Robert Ley 1890 geboren wurde (dazu noch im ländlichen Raum). Nachweisbar wurde die große Mehrheit der um 1900 Geborenen im Elternhaus geschlagen, oft kamen dann auch noch Prügelstrafen durch Lehrer oder Lehrherren hinzu. Das Leben an sich war damals von Härten geprägt. Ich halte es demnach für sehr wahrscheinlich, dass Robert Ley nicht zu der Minderheit gehörte, die gewaltfrei aufwachsen durfte.



Verwendete Quellen:

Smelser, Ronald (1989): Robert Ley : Hitlers Mann an der "Arbeitsfront". Eine Biographie. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn.

Wald, Renate (2004): Mein Vater Robert Ley. Meine Erinnerungen und Vaters Geschichte. Martina Galunder-Verlag, Nümbrecht.

Dienstag, 15. Oktober 2019

Terror von Links - Kindheit und Jugend von Michael "Bommi" Baumann


Michael Baumann (genannte auch „Bommi“) war Mitbegründer der terroristischen „Bewegung 2. Juni“. Baumann hat in den 1970er Jahren seine Autobiografie veröffentlicht:
Baumann, Bommi (1976) Wie alles anfing - Dieses Buch wurde am 24.11.75 beschlagnahmt und wird jetzt trotz des Verbotes von verschiedenen Personen und Verlagen neu herausgegeben: Verschiedene Verlage und Einzelpersonen, Frankfurt am Main.

In harter und oft derber Sprache schildert er in dem Buch seinen Weg zum Terrorismus. Am Ende des Buches schreibt er: „Ich stehe immer noch hinter allen Sachen, die ich gemacht habe. Ich verdamme nichts und ich verurteile auch nichts daran (…). Ich habe es gemacht und es ist in Ordnung“ (S. 137).
Zu den „Sachen“, die er gemacht hat, gehörten u.a. Bombenanschläge, Banküberfälle, Sachbeschädigungen und Körperverletzung.

Baumann gibt in seinem Buch im Grunde fast keinen Einblick in seine Familie, über seine Eltern oder seine Kindheit. Im Alter von 12 Jahren sei die Familie von Ostdeutschland gen Westberlin umgesiedelt. Als Jugendlicher ließ er sich lange Haare wachsen und sei dadurch massiv diskriminiert worden. „Die ham uns aus Kneipen rausgeschmissen, auf den Straßen angespuckt, beschimpft und sind hintergerannt, also du hast wirklich nur Trouble gehabt. Auf der Arbeit bist du rausgeflogen oder hast gar keine mehr gekriegt (…)“ (S. 8).

Mit seinen Eltern wohnte er in einer Hochhaussiedlung, in der es keine Freizeit- oder Kommunikationsangebote gab und eine hohe Jugendkriminalität vorherrschte. Baumann über diese Zeit in der Siedlung: „Die Vereinzelung war schon ziemlich groß, es war echt ne Leistung, die Sache durchzuhalten, du hast nur Schwierigkeiten gehabt, och selbst unter Jugendlichen noch (…)“ (S. 10).

Über seine Eltern oder deren Erziehungsmethoden gibt er nur indirekt Hinweise:
Die Studenten hatten damals ziemliche Schwierigkeiten sich gegen Bullen zu wehren, einfach von ihren Erziehungsgeschichten her. Die habe ich nicht gehabt, ich habe immer bei Demonstrationen zurückgehauen, wenn sie mich angefasst haben, darum bin ich auch nie verhaftet worden auf `ner Demo“ (S. 21).
An einer anderen Stelle schreibt er darüber, dass seine Gruppe proletarische bestimmt war, nur wenige Mitglieder waren Studenten. Dem gegenüber stand die RAF, die nur wenige Arbeiter als Mitglieder hatte. „Das Problem der Gewalt ist verschieden gehandhabt worden. (…) Ein Intellektueller zieht den Moment, wo er Gewalt anwendet, aus einer Abstraktion, weil er sagt, ich mache Revolution wegen des Imperialismus oder aus anderen theoretischen Beweggründen. Davon leitet er den Anspruch ab, dass er Gewalt einsetzen kann, den anderen gegenüber. (…) Wir haben mit der Gewalt von Kindesbeinen an gelebt, das hat eine materielle Wurzel. Wenn Zahltag ist, der Alte kommt besoffen nach Hause und verprügelt erst mal deine Alte, das sind doch die Geschichten. In der Schule, da keilst du dich, sich mit Fäusten durchzusetzen, das ist für dich eine ganz normale Sache, du keilst dich auf der Arbeitsstelle, du keilst dich in Kneipen, du hast dazu ein gesundes Verhältnis. Für dich ist Gewalt eine ganz andere Sache, die du ganz leicht abwickeln kannst. Da war auch immer der Sprung zwischen der RAF und uns, in der Entstehung der Gewalt, wo sie herkommt“ (S. 92f).

Auch wenn Michael Baumann hier nicht direkt „ich“ schreibt, „ich habe das so erlebt“, so wird in diesen oben zitierten Zeilen doch überdeutlich, das bei ihm Zuhause und in seiner Umgebung Gewalt Alltag war. Insofern reiht sich auch dieser Terrorist bzgl. seiner Sozialisation ein in die Reihe der Linksterroristen, die ich bisher hier im Blog analysiert habe.

Ergänzend muss noch erwähnt werden, dass Baumanns Vater ein Nazi war (Welt-Online, 21. Juli 2016): Der charismatische Proletarier des Terrors. Von Sven Felix Kellerhoff) Dies traf sicher auf viele junge Leute der 68er Generation zu. Gepaart mit seinen deutlichen Andeutungen über die destruktiven Verhältnisse zu Hause, macht dieser NS-Hintergrund seines Vaters das Bild noch einmal mehr rund. Dass gerade auch viele NS-Täter nach dem Krieg auch zu Hause weiter Terror und Gewalt verbreitet haben, ist nachweisbar keine Seltenheit.

Samstag, 12. Oktober 2019

Terror in Halle: Stephan Balliet


Über den Täter Stephan Balliet habe ich mir natürlich schon meine Gedanken gemacht. Wir werden sehen, was zukünftig über seine Kindheit und Sozialisation zu Tage gebracht werden wird.

Seine Taten an sich zeigen, dass es im Grunde gar nicht um Ideologie ging. Ideologie ist nur der Außenanstrich oder der Zündfunke. Nachdem er keinen Zugang zur Synagoge fand, brachte er halt eine zufällig vorbeikommende Passantin um. Er war auf "Sendung" (per Livestream) und es gab kein zurück mehr. Menschen sollten sterben. Gelingt dies bei dem einen Ziel nicht, dann halt beim nächsten oder übernächsten (in dem Fall dann der Dönerladen). Noch deutlicher kann man eigentlich nicht zeigen, dass es um einen tiefen, extremen Hass geht, der dem Außen demonstriert werden soll. Und das gilt auch nach innen, denn Barriet musste damit rechnen, dass er erschossen wird. Der Selbsthass ist der Kern jeder solchen Tat.

Alle weiteren Gedanken und Kommentare kann ich mir sparen, da der Kinderarzt und Autor Renz-Polster am 11.10.2019 einen sehr guten Blogbeitrag zu dem Fall veröffentlicht hat: Halle: Was wir von einem ”Loser” lernen können.  Er zitiert dabei auch aus meinem Blog und meinem Buch.

Freitag, 27. September 2019

Terror von Links - "Case history of a German terrorist" (wahrscheinlich Christof Wackernagel)



1984 wurde eine anonymisierte Fallstudie über einen deutschen RAF-Terroristen veröffentlicht:
Billig, Otto (1984): The case history of a German terrorist. In: Studies in Conflict & Terrorism, 7:1, S. 1-10.

Schaut man sich einige Eckdaten an, dann handelt es sich bei dem untersuchten Mann (im Text „Rolf“ genannt) sehr wahrscheinlich um Christof Wackernagel. Die Eckdaten aus dem o.g. Text sind folgende:

-        -  Der Vater starb, als „Rolf“ sieben Jahre alt war
-        -   Sein Vater war ein bekannter Künstler
-         -  „Rolf“ wollte u.a. Schauspieler werden
-         -  „Rolf“ wurde 1977 zusammen mit einem Freund verhaftet, als sie sich in eine Telefonzelle begeben hatten. Dabei wurden sowohl die beiden Terroristen als auch drei Polizisten verletzt.

Alle diese Daten und Begebenheiten treffen auf Christof Wackernagel (der mittlerweile Schauspieler ist) zu. Der Autor Otto Billig hat sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht, die Eckdaten zu verändern (damals gab es aber auch noch kein Internet und eine Recherche der Eckdaten war entsprechend aufwendig). Der Name „Rolf“ scheint die einzige Veränderung zu sein. Da ich trotz dieser Überschneidungen nicht 100%ig sicher sein kann, ob Christof Wackernagel wirklich hinter „Rolf“ steckt, bleibe ich im Verlauf bei dem Pseudonym „Rolf“.

Kommen wir nun zur Kindheit des untersuchten Terroristen (Quelle siehe oben):

Wie schon oben erwähnt starb sein Vater früh. Dies bedeutet an sich ein schweres Trauma für ein Kind. „Rolfs“ Mutter bezeichnete ihren Mann als „Neurastheniker“, was wohl damals depressive Verstimmungen meinte. Die Familie habe Rücksicht auf die Beschwerden des Vaters genommen. Auf Grund seiner Karriere, Unsicherheiten und körperlichen Verfassung habe er keine Nähe zur Familie aufbauen können. „Rolfs“ Beziehung zum Vater sei entsprechend von Distanz geprägt gewesen. 

Die familiäre und berufliche Situation bedeutete auch, dass die Mutter nur wenig Zeit mit den Kindern verbrachte. Dies galt einmal mehr nach dem Tod ihres Ehemannes. Zum Vorbild für Rolf wurde ein Freund der Familie (ein Anwalt), der sich sehr für das Kind interessierte. Wie diese Beziehung zwischen dem Anwalt und dem Kind aussah, erfährt man in dem Text nicht.

Rolf entwickelte nach dem Tod des Vaters ein großes Verantwortungsgefühl für die Familie, insbesondere für seine stark ausgelastete Mutter. "Rolf" war 12 Jahre alt, als ein neuer Mann an die Seite seiner Mutter kam. „Rolf“ habe sich daraufhin verändert und sich zurückgesetzt gefühlt. Alles, was Otto Billig dazu weiter ausführt, legt den Schluss nahe, dass „Rolf“ durch die neue Verbindung seiner Mutter seinen letzten Halt verlor. 

Als Jugendlicher kam „Rolf“ in Kontakt mit der Drogenszene und wurde auch einmal auf Grund des Besitzes von Haschisch festgenommen. In seiner späten Adoleszenz wurde er dann Stück für Stück politisch aktiver und schloss sich radikalen Gruppen an. Es kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem Stiefvater bzgl. der politischen Einstellungen von „Rolf“.

Als 17-Jähriger zog er von zu Hause aus und brach den Kontakt mit seiner Familie ab. Später wurde er von einem Anwalt, der RAF-Mitglieder vertreten hatte, angesprochen und um Hilfe gebeten. (Was für ein Zufall, dass dieser Verbindungsmann nun gerade Anwalt war, so wie es sein einziges männliches Vorbild in der Kindheit auch gewesen war) So wuchs er langsam in die Gruppe hinein und wurde schließlich RAF-Mitglied.




Montag, 23. September 2019

Terror von Links - Kindheit von Margrit Schiller


Die ehemalige RAF-Terroristin Margrit Schiller hat 2007 ihre Autobiografie veröffentlicht:
  Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung. Ein Lebensbericht aus der RAF (Konkret Literatur Verlag, Hamburg). 

Auch ihr Bericht über Kindheit und Jugend reiht sich bzgl. destruktiver Erfahrungen ein in die Berichte der anderen RAF-Terroristen, die ich kürzlich vorgestellt habe.

Nachdem ich mein Abitur gemacht hatte, zog ich von zu Hause aus, weil ich es dort nicht mehr aushielt. Mein Vater war Major beim MAD, dem Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr. Er hatte immer versucht, mich mit Drohungen einzuschüchtern und in allem zu kontrollieren. Er nahm mir die Luft zum Atmen“ (S. 19)
Als Kind habe sie immer auf ihre Geschwister aufpassen müssen. Als sie auszog, verweigerten ihre Eltern jegliche Unterstützung. Wenn sie Hunger habe, könne sie ja nach Hause kommen.
Mit meiner Mutter hatte ich heftige Diskussionen, weil ich ihr Lebenskonzept nicht übernehmen wollte. (…) Meine Kindheit war bedrückend und beengend gewesen. Ich verließ mein Elternhaus mit dem dumpfen Gefühl, verstümmelt worden zu sein. Ich wollte auf keinen Fall so leben, so werden wie meine Eltern. (…) Seit ich nicht mehr zu Hause wohnte und mein Leben selbst in die Hand nehmen konnte, versuchte ich, die Trauer abzuschütteln, die mich über die Jahre begleitet hatte“ (S. 21f).

„Ich fühlte mich sehr einsam. Das war mein grundlegendes Lebensgefühl, seit ich denken konnte. Ich kannte es nur so, dass sich jeder allein durchs Leben kämpfen musste“ (S. 24).

Als sie sich mit ca. neun Jahren in einen Jungen verliebte und ihre Mutter dies mitbekam, versuchte diese zunächst mit Verboten einzuwirken. „Als ihr das nicht gelang, prügelte sie mich grün und blau. Vorher schickte sie meine jüngere Schwester zum Spielen auf die Straße, verlangte, dass ich mich auszog und schlug mich dann so lange mit Stricknadeln, bis ich an Rücken und Beinen blaue Striemen hatte. Am nächsten Tag in der Schule fragte mich jeder danach. Ich schämte mich und sagte nichts. Bis zu diesen Schlägen war ich ein frühentwickeltes Mädchen gewesen. Jetzt kehrte sich meine Entwicklung völlig um, ich blieb noch jahrelang ganz kindlich. Jahre später merkte ich, dass mein Vater starke sexuelle Gefühle mir gegenüber empfand, auch wenn er mich nie körperlich missbrauchte. Aber die Art und Heftigkeit seiner Emotionen waren mir immer bedrohlich. (…) Für ihn war ich sein Besitz, und er war während meiner gesamten Jugend eifersüchtig auf jedes männliche Wesen, mit dem ich auch nur den geringsten Kontakt hatte“ (S. 31f). Als sie ihren ersten Freund hatte, schlug der Vater ihr vor den Augen des Freundes ins Gesicht.

Auch in einem Radiobeitrag (SWR2 (2015, 13. Nov.): Untergrund.Gefängnis.Exil von Margot Overath) hat Margrit Schiller auf die erlittene körperliche Gewalt durch Vater und Mutter hingewiesen. Außerdem sei sie die ersten 10 Jahre ihres Lebens in einem Barackenlager aufgewachsen. Ihre Eltern waren nach dem Krieg Vertriebene und hatten damals kaum Geld.
 
In ihrem Buch berichtet Schiller auch, wie sie über einen Freund Kontakt zur RAF bekam. Schon vorher hatte sie sich politisiert. Jetzt wurde sie um Hilfe für Leute gebeten, die „Schwierigkeiten mit der Polizei hätten“ (S. 35). Dies habe sie neugierig gemacht und auch angezogen, so Schiller. Sie hatte eine deutliche Ahnung, um was für Leute es ging. Erst wurde sie um ihren Pass gebeten. Danach um ihre Wohnung, aus der sie sich dann zunächst ausquartierte. Und dann traf sie schließlich auf die RAF: „Als ich in meine Wohnung kam, saßen dort Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe“ (S. 39).

Im Fall von Margrit Schiller sieht man sehr gut, wie einiges zusammenkommen muss, damit ein Mensch zum Terroristen wird. Ihr Kindheitstrauma war das Fundament. Die politisierte Umgebung (auch an ihrer UNI) und Zeit wirkten stark auf diesen jungen Menschen. Durch mehr oder weniger Zufälle kam sie in Kontakt mit der RAF. Danach geriet sie in eine Dynamik, der sie sich nicht mehr entziehen konnte oder wollte. Am Ende landete sie im Gefängnis.

Mittwoch, 18. September 2019

Terror von Links - Kindheit von Hans-Joachim Klein


Der ehemalige Terrorist Hans-Joachim Klein hat deutliche Einblicke in seine Kindheit innerhalb seiner Autobiografie „Rückkehr in die Menschlichkeit - Appell eines ausgestiegenen Terroristen“ (1979, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek) gegeben.

Kurz nach seiner Geburt im Jahr 1947 starb seine Mutter. Sein Vater gab das Kind danach in ein Heim. Im Alter von drei oder vier Jahren sei er dann zu „sogenannten Pflegeeltern“ gegeben worden (S. 31). Genauer: er lebte von da an bei einer alleinstehenden Frau und ihren Großeltern. Auch wenn er zusammenfasst, dass es dort „im großen und ganzen recht manierlich“ zugegangen sei (S. 31), hängt Klein im nächsten Satz gleich an, dass es Ohrfeigen gab, wenn er nicht spurte. In einem katholischen Kindergarten habe er als kleines Kind einen „fürchterlichen Knacks“ (S. 31) wegbekommen, nachdem eine Nonne ein Huhn geköpft hatte und das Tier ohne Kopf durch die Gegend flatterte. Er konnte in der Folge nicht mehr alleine sein, schlecht schlafen und machte ins Bett. Er berichtet auch von Strafen, nachdem er sich im Kindergarten in die Hose gemacht hatte. Er wurde daraufhin in einen Holzverschlag gesperrt.

Die Schule mochte er nicht. Nachmittags war er Teil einer Kinderbande. Dabei hatte er stets „die Rolle des Prügelknaben (…). Egal, was passierte (…) ich bekam die Prügel für jeden Misserfolg. Ich war halt der schwächste (…) (S. 32).
Als Hans-Joachim ca. 9 oder 10 Jahre alt war, tauchte sein echter Vater, der auch eine neue Frau an seiner Seite hatte, wieder auf und holte ihn zurück.
Die erste Zeit ging es ganz manierlich zu. Das änderte sich aber schlagartig, als mein Bruder auf die Welt kam. (…) Es setzte Prügel noch und nöcher“ (S. 33). Prügel gab es fürs ins Bett machen, mit dreckigen Händen vom Spielen kommen, fürs zu spät nach Hause kommen usw. Ergänzend bekam er dann auch nichts mehr zu Essen fürs zu spät kommen.  „Und die Prügel: erst mit den Händen oder der Faust. Dann erkannte man, dass dies wohl nicht das richtige sei und griff zu allem, was in Reichweite lag. Beliebt waren vor allen Dingen Elektrokabel (…), ein Nudelholz und Kochlöffel. Bei letzteren gab`s noch mal Nachschlag, wenn sie zerbrachen, und das war sehr oft. Einmal brach ich im Winter im Ostpark ins Eis ein, und irgendjemand holte mich da unter Lebensgefahr heraus und brachte mich nach Hause. Anstatt froh zu sein, dass ich noch am Leben war, wurde ich dafür fürchterlich durchgeprügelt. Stubenarrest war auch ein sehr beliebtes Mittel oder 1000 mal denselben Satz aufschreiben. Ich war in der Zeit ungeheuer isoliert (…)“ (S. 33).

Nachdem Hans-Joachim den Wellensittich Bubi zum Fester rausgelassen hatte, damit dieser frei sein könne, wurde er von seinem Vater fast totgeprügelt. Danach lief er von zu Hause weg und ging zum Jugendamt. „Ich also zum Jugendamt – meine erste Rebellion, hatte mächtig schiss – und erzählte der Frau, dass ich nicht mehr nach Hause wolle und zeigte ihr meinen zugerichteten Körper. Kommentar: man lässt ja auch keine `Bubis` fliegen. Ich wurde wieder nach Hause gebracht (….)“ (S. 34). Im Alter von 16 Jahren kam er dann allerdings doch - nachdem er im Jugendclub deutlich gemacht hatte, dass er sich ansonsten umbringen würde - auf eigenen Wunsch für ca. ein Jahr in ein Jugendheim. Auch dort war er nicht vor Gewalt sicher. Gleich am ersten Tag setzte er sich vor ein Schlagzeug und spielte darauf. „Da kam mein `Erzieher`; die allererste Begegnung (…) und haute mir links und rechts in die Fresse, dass ich wirklich vom Hocker kippte. Auf meinen Einwand, er soll das Prügeln lassen – damit, dass dies ein Ende haben soll, deswegen wäre ich freiwillig hierhergekommen -, als Antwort dasselbe noch mal, damit du weißt, wie es hier langgeht. Den Rest kann ich mir sparen zu schildern, wie es Mitte der sechziger Jahre in den `Erziehungsheimen` zuging, wisst ihr ja nur zu genau“ (S. 35).  Danach kam er wieder bei seinem Vater unter. Die Prügeleien hörten zwar auf, aber sein Vater ging zu Psychoterror über.

Hans-Joachim Klein wurde als Kind ganz eindeutig schwer traumatisiert! Er fand nirgends Hilfe. Im Gegenteil, von Seiten der Betreuer in Hilfseinrichtungen ging ebenfalls Gewalt und Gleichgültigkeit aus.

Dienstag, 17. September 2019

Terror von Links - Kindheit von Wolfgang Grams


Wolfang Grams (geb. 1953) war Mitglied der RAF und kam nach einem Schusswechseln mit der GSG9 im Jahr 1993 um. Über seine Geschichte (sowie parallel auch die von Alfred Herrhausen, der zum Opfer der RAF wurde) hat Andreas Veiel (2005) ein ganzes Buch geschrieben:
Black Box BRD: Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main. 

Veiel hat Informationen aus Gesprächen mit Wolfgangs Bruder Rainer und auch früheren Klassenkameraden wiedergegeben. Daraus werde ich gleich zitieren.

Wolfangs Vater trat 1942 als 17-Jähriger freiwillig in die Waffen-SS ein und kämpfte u.a. an der russischen Front, wobei er auch verwundet wurde. Wie so viele damalige Männer wird dieser Mann wohl auch traumatisiert nach Hause zurückgekehrt sein. Wolfgangs Mutter musste bei Kriegsende mit ihrer Familie aus Ostpreußen vor den russischen Truppen fliehen. Sie träumte davon, irgendwann in die Heimat zurückkehren zu können. Wenig Rücksicht nahm sie bei diesem Thema auf ihren Sohn Wolfgang. „Immer wieder hat Wolfgang Grams seinen Freunden eine Geschichte erzählt, wie ihn die Mutter zum Brötchenholen schickt, acht Jahre mag er alt gewesen sein. Als er vom Bäcker zurückkommt, gibt die Mutter die Brötchen in eine Schale. Dann bläst sie die Tüte auf, ruft Wolfgang herbei und zerschlägt sie mit einem lauten Knall direkt neben seinem Ohr. Dann habe die Mutter über sein Erschrecken gelacht. Sie soll gesagt haben: `Du musst dich an den Gefechtslärm gewöhnen. Es wird Krieg geben. Irgendwann wird die Heimat wieder deutsch werden`“ (S. 27f). So überträgt man Kriegstraumata an die nächste Generation!

Für den Vater stand die Arbeit im Mittelpunkt. „Der beruflich stark eingespannte Werner Grams ist wenig zu Hause, er sieht seine Söhne kaum“ (S. 27). „Erst die Arbeit, dann kommt das Essen. Und dann vielleicht noch wir. Da konnte keine Nähe aufkommen“, berichtet Rainer Grams (S. 29).
Beide Eltern wendeten körperliche Gewalt gegen Wolfgang an. Wolfgang sollte ein Musikinstrument lernen und gut darin werden. Der Druck sei extrem gewesen. „Da wurde vom Vater abends abgefragt, ob richtig geübt worden ist, notfalls wurde Wolfgang mit einer Ohrfeige dazu angehalten“ (S. 30).
Die Mutter von Wolfgang wollte, dass auch Rainer mit Wolfangs Freunden spielen durfte. „Wenn Wolfgang sich nicht daran hält, indem er etwa den jüngeren Bruder rausschickt, setzt es in Anwesenheit der Freunde auch mal eine Ohrfeige. Albert Eisenach erinnert sich noch heute gut an die stumme Wut, die das in Wolfgang Grams hervorruft“ (S. 30).
Es kommt oft zu Streitigkeiten zwischen Wolfgang und Rainer. Die schlichtet die Mutter, indem sie mit dem Vater droht“ (S. 29). Hat Wolfgang also auch diesen klassischen Satz zu hören bekommen: `Warte nur, bis Papa nach Hause kommt`?  In der Erwartung von Prügel? Vieles spricht dafür, dabei vor allem die Berichte über die Routine von Körperstrafen im Hause Grams.

Der Schulfreund Eisenach berichtet, dass Wolfgang sich früh gegen die bürgerliche Existenz auflehnte: „Er hat das gemacht, was er sich in den Kopf gesetzt hat. Da haben ihn auch die Schläge von zu Hause nicht abgehalten, ganz im Gegenteil“ (S. 33).

In der Pubertät haute Wolfgang nach heftigem Streit zu Hause ab, kommt bei seinem Freund Eisenach unter oder, bei anderen Gelegenheiten, in einer Kleingartenkolonie. Wolfgang probiert Haschisch und auch LSD. Er politisiert und radikalisiert sich Stück für Stück immer mehr und findet schließlich den Weg zur RAF und in den Untergrund.


Mittwoch, 11. September 2019

Terror von Links - Kindheit von Till Meyer


Ich habe im Nachgang zu meinem Buch und dem Kapitel über Terroristen weitere Einzelfälle recherchiert, die ich hier demnächst vorstellen werde. Beginnen wir heute mit Till Meyer, ehemaliges Mitglied der terroristischen „Bewegung 2. Juni“ und Teil des bewaffneten Kampfes.
Die nachfolgenden Informationen habe ich aus dem Buch:
Meyer, Till (2008): Staatsfeind. Erinnerungen. Rotbuch Verlag, Berlin. 


Der Vater starb im Krieg ca. Anfang 1945 als Tíll noch ein Baby war. Die Mutter musste in der Folge für sechs Kinder alleine aufkommen und war damit von morgens bis abends beschäftigt, wie Till Meyer ausführt. Alle Kinder waren in der Kriegs- und Nachkriegszeit stark unterernährt. „In meiner Erinnerung spielten sich die ersten sechs Jahre meines Lebens zwischen Entbehrung und Hunger ab, mit Lebertran, Leibchen und langen, kratzigen Strümpfen, zwischen Langeweile zu Hause und aufregenden Entdeckungstouren auf den Straßen und in den Ruinen. (…) An Beachtung und Liebe fehlte es mir nicht. Trotz ihrer großen Belastung hatte ich immer die besondere Zuwendung und Aufmerksamkeit meiner Mutter. Vielleicht, weil ich der Jüngste war“ (S. 230).

Ich setze hinter diesem gezeichneten positiven Bild seiner Mutter gewisse Fragezeichen. Denn Meyer selbst hat zuvor in seinem Buch beschrieben, dass seine Mutter extrem gefordert war und kaum Zeit hatte. Er selbst berichtet aber auch an zwei Stellen über strenge Erziehungsmaßnahmen seiner Mutter. Dies lässt das idealisierte Bild deutlich bröckeln. „Den Spitznamen Brüller hatte ich mir eingehandelt, weil ich abends nie freiwillig nach oben in die Wohnung wollte und aus freien Stücken nicht aus den Ruinen herauskam. Wann immer man mir beim Spielen etwas verweigerte oder gar verbot, fing ich tränenlos, doch lauthals an zu brüllen. Und zwar so lange, bis man meinem Willen nachgab oder aber meine Mutter mit einer schallenden Ohrfeige dem Gebrüll ein Ende setzte. Die Nachbarn kannten das Ritual“ (S. 231). Und: „Ich lernte nicht und machte keine Schularbeiten, sondern träumte mich durch einsame Abenteuer in weiter Wildnis. (…) Ich verweigerte mich hartnäckig. Alles büffeln unter den Fittichen meiner Mutter und die vielen Ohrfeigen, die ich wegen meiner Lernunwilligkeit verpasst bekam, halfen nicht“ (S. 235). In beiden Berichten zeigt sich, dass die Gewalt der Mutter häufig vorkam!

Till Meyer hasste die Schule, wohl auch wegen der strengen Methoden. „In den Schulen herrschte zu jener Zeit strikte Disziplin und penible Ordnung. Vorlautes Dazwischensprechen, Kaugummi kauen, Tuscheln oder Abschreiben vom Nachbarn bestraften die Lehrer nicht selten durch einen heftigen Schlag mit dem Lineal auf die Handflächen des Schülers. Auch Ohrfeigen setzte es zuweilen. Mildere Strafen waren Nachsitzen, ellenlange Strafarbeiten oder mit dem Gesicht zur Wand In-der-Ecke-Stehen“ (S. 233). Auch in der Schule gab es also keinen Schutz vor Übergriffen durch Erwachsene.

Und so sollte es auch in der Lehre weitergehen. Till wollte Seemann werden und landete mit 15 Jahren auf einem Frachter. Sein Traum wurde schnell zerstört. Man beutete ihn aus und verstieß gegen alle möglichen Jugendarbeitsschutzgesetze. Der Kapitän war nicht nur sein Lehrherr, sondern auch Erziehungsberechtigter. Einmal in der tiefen Nacht, als Till am Ruder war, nickte er ein und das Schiff machte eine starke Linkskurve. Die Mannschaft war in der Folge aus den Betten gefallen. „Im Schlafanzug, ein Stück Tau, den sogenannten Tampen in der Hand, jachtete der Kapitän den Niedergang rauf: `Du Scheiß Berliner bist eingepennt!`, und noch bevor er das Schiff wieder auf Kurs brachte, schlug er wie von Sinnen mit dem Tauende auf mich ein. Noch ein Tritt, `verschwinde von der Brücke`, und ich war weg“ (S. 84). Till brach dann die Lehre ab.

In Hamburg wurde Till dann Teil einer „Halbstarkenclique“: „Wo immer sich unsere Clique an den verschiedenen Straßenecken des Viertels versammelte, gab es Ärger mit den Bürgern und bald auch mit der Polizei. (…) Wir waren laut, aggressiv und fühlten uns wie `King Elvis` persönlich. Unter den Jungarbeitern herrschte eine harte Sprache und ein aggressives Klima. Streitigkeiten, auch innerhalb der Clique, meistens wegen Nichtigkeiten, wurden vielfach mit den Fäusten ausgetragen“ (S. 88).
Da er die Berufsschule als Jugendlicher dauerhaft schwänzte, wurde er eines Tages von der Polizei zur Schule gebracht. In der Pause floh er erneut aus der Schule. Dies brachte ihn damals vor den Richter. Er wurde zu drei Wochen Jugendarresthaft verurteilt. Über seine Zeit im Arrest schreibt er: „Ich fühlte mich einsam und hoffnungslos. Du bist dem hier schutzlos ausgeliefert. Das hältst du nicht durch. Es hatte etwas von Endgültigkeit. Hier kommst du nie mehr raus. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Stundenlang weinte ich lautlos vor mich hin“ (S. 108).
Später politisierte und radikalisierte sich Till Meyer im Zuge der 68er Bewegung und fand schließlich zum Terrorismus.

Die Kindheits- und Jugendgeschichte von Till Meyer ist auch ein Zeitzeugenbericht für eine allgemeine „Kultur der Gewalt“, die in der Nachkriegszeit in Deutschland herrschte. Eltern schlugen und demütigen ihre Kinder, Lehrer schlugen und demütigten die Kinder, Lehrherren schlugen und demütigten die Kinder. Und selbst das Justizsystem war gnadenlos (siehe die Inhaftierung des jugendlichen Till). Es wundert mich überhaupt nicht, dass aus dieser Gewaltkultur eine teils erheblich gewaltbereite und im Extrem eben auch terroristische Generation heranwuchs. Was nichts entschuldigt, aber einiges erklärt.

Für sich alleine genommen zeigt der Lebensbericht von Meyer eine sehr traumatische Kindheit und Jugend auf. Sicher ging es vielen Kindern damals ähnlich. Das ist aber nicht der Punkt! Es geht nicht darum, dass aus solchen Verhältnissen automatisch Terroristen hervorgehen. Es geht darum, dass diese Verhältnisse das Fundament für Terrorismus und Extremismus sein können. Und es geht darum, dass dieser Fall – mal wieder – zeigt, dass als Kind gewaltfrei und liebevoll behandelte Menschen nicht zu Terroristen werden.

Der Kindheitsbericht von Till Meyer zeigt mir persönlich aber auch, wie viel sich mittlerweile verändert hat. Elterliche Gewalt gegen Kinder ist heute hierzulande verboten und Nachbarn, die dies mitbekommen, halten nicht mehr so oft still wie damals. Lehrer dürfen schon lange keine Kinder mehr schlagen. Lehrherren würde man heute vor Gericht bringen, wenn sie ein Kind so misshandeln, wie dies Till geschah. Und einem jungen Dauerschulverweigerer würde man nicht drei Wochen wegsperren und demütigen, sondern ihm Sozialarbeiter an die Seite stellen. Ich will damit nicht sagen, dass heute alles gut ist! Aber mir ist nach der Lektüre des o.g. Buches noch einmal überdeutlich bewusst geworden, dass all diese genannten Veränderungen und Verbesserungen eben auch Extremismusprävention sind (ohne dass dies wohl das eigentliche Ziel war).

Montag, 9. September 2019

Nazi-Familien: "Wir waren keine glückliche Familie"


Heidi Benneckenstein wuchs in einer Nazi-Familie auf und hat über ihr Leben und auch ihren Ausstieg aus der rechten Szene ein Buch geschrieben: „Ein deutsches Mädchen: Mein Leben in einer Neonazi-Familie“ (2019).

Sie schreibt: „Ich habe meine ersten 18 Jahre mit Nazis verbracht. Nicht aus sicherer Distanz und nicht für ein, zwei Jahre in der Pubertät, sondern mittendrin, ausschließlich und von Anfang an. Ich wurde von ihnen erzogen und aufs Leben vorbereitet. Ich wurde von ihnen geschlagen und drangsaliert, gelobt und belohnt. Eigentlich kannte ich überhaupt keine anderen Menschen: meine Großeltern, mein Vater, die Freunde meiner Eltern, die Kinder, mit denen ich meine Ferien verbrachte, meine erste Clique, mein erster Freund, ja sogar der Mann, mit dem ich heute verheiratet bin – alles Nazis (…). Ich wurde von klein auf ideologisch geschult und militärisch gedrillt. (…) Ich prügelte und wurde verprügelt, griff Polizisten an und rannte vor ihnen weg“ (S. 13f)

Disziplin, Gehorsam, Fleiß, Ehre und Heimatliebe waren die Werte, die ihr Vater ihr versuchte einzutrichtern. Dazu kam ständiger Leistungsdruck. Lieblosigkeit und Psychoterror waren dabei sein wesentliches Erziehungsprogramm. Dies fing schon nach der Geburt von Heidi an: Ihr Vater bestand darauf, dass der Säugling die Nächte in den Wochen nach der Geburt alleine im Kinderzimmer zu verbringen hatte und nicht im Schlafzimmer der Eltern. „Ich tat mir wahnsinnig leid, als ich das hörte, stellte mir vor, wie ich einsam in meinem dunklen Zimmer lag und weinte, ohne dass mich jemand hörte“ (S. 29). „Wir waren keine glückliche Familie“, schreibt Heidi Benneckenstein an einer Stelle im Buch (S. 50).

Und ist es nicht genau das, was immer wieder bzgl. Rechtsextremen auszumachen ist? Diese Leute, diese Hasser und Menschenverachter, sind zutiefst unglückliche Menschen. Man schaue sich die Gesichter und Mimik auf entsprechenden Demos und Versammlungen einmal an! Das sind keine Leute, die strahlen, die zufrieden und gesund wirken, die sich dem Leben zuwenden. Ich sehe dort das genaue Gegenteil.

Es ist kein Zufall, dass rechtsextreme Familien – wie in dem oben genannten Bericht gesehen – von Chaos, Unglück und Gewalt bestimmt sind. Die Forschungslage bzgl. Kindheitshintergründen von Rechtsextremisten ist da ja ziemlich deutlich: Bei der überwältigenden Mehrheit findet man sehr destruktive Kindheiten. Das Fundament dafür, in Extremismus und Gewalt abzurutschen.

Auch die Autorin hat diese Zusammenhänge offensichtlich ausgemacht. Sie bezieht sich im Buch auf das Lied der Gruppe Die ÄrzteSchrei nach Liebe“ und merkt an: „Es stimmt leider nur zur Hälfte: Bei vielen Kameraden ist die Gewalt kein stummer Schrei nach Liebe, sondern Konsequenz einer verkorksten Kindheit“ (S. 81). Wenn jemand, der über 18 Jahre lang ein Nazi und tief in die Szene integriert war, so etwas schreibt, dann sollte man das sehr ernst nehmen. Und sie beschreibt auch, wie diese Leute im Prinzip zutiefst unsichere Menschen sind, die keine tieferen Beziehungen mit Menschen (inkl. den eigenen Kindern) hinbekommen. Und: Sie sehnen sich nach Anerkennung. „Es klingt wie ein Klischee, aber meiner Meinung nach ist es die Wahrheit: Der Nährboden für rechte Gesinnung ist fast immer persönliche Unzufriedenheit“ (S. 98).
Bzgl. Heidi kommt noch die Besonderheit dazu, dass ihre Familie und Umfeld bereits rechtsextrem war. Andere Akteure werden durch ihre destruktiven Kindheitshintergründe und Zufälle/Begegnungen erst im Laufe ihrer Jugend zu Extremisten.

Ergänzend möchte ich auf den Beitrag Die Kinder der NS-Täter und die Kindheit der NS-Täter hinweisen. Auch in diesem Beitrag konnte ich an Hand der Familiengeschichte von Kindern der NS-Täter deutlich herausstellen, dass diese Familien keine glücklichen Familien waren, um es milde auszudrücken...

Mittwoch, 4. September 2019

Psychotraumatologie: Widerstandsinszenierungen, Rückschrittsfantasien und Opfer-Wahrnehmungen von rechten, politischen Bewegungen


Bzgl. der Zustände in der Welt und vor allem auch politischer Verrücktheiten (inkl. der hohen, aktuellen Wahlergebnisse der AFD in Sachsen und Brandenburg) lohnt immer auch ein Blick auf die Psychotraumatologie. 

Dazu habe ich aktuell zwei Bücher durchgesehen:

Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft? Wie Täter-Opfer-Dynamiken unser Leben bestimmen und wie wir uns daraus befreien“ (2019), von dem Professor für Psychologie und Psychotherapeuten Franz Ruppert.

und

 „Verkörperte Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann“ (2018), des Psychiaters und weltweit anerkannten Psychotraumaexperten Bessel van der Kolk.

Einzelne Passagen aus diesen Büchern möchte ich zunächst hervorheben:

Viele Traumatisierte stellen fest, dass sie mit den Menschen in ihrer Umgebung kaum noch zurechtkommen. Einige finden Trost in Gruppen von Menschen, die ähnliches wie sie erlebt haben (…). Die Isolation in einer streng definierten Opfergruppe fördert eine Sicht, die andere Menschen als bestenfalls irrelevant und schlimmstenfalls gefährlich erscheinen lässt – was wiederum zu einer noch stärkeren Entfremdung führt. Gangs, extremistische politische Parteien und religiöse Kulte können Trost bieten, aber sie fördern kaum die mentale Flexibilität, die Menschen brauchen, um sich dem, was das Leben bietet, völlig zu öffnen, und deshalb können sie ihre Mitglieder nicht von ihren Traumata befreien. Menschen mit guter allgemeiner Funktionsfähigkeit können individuelle Unterschiede akzeptieren und das Menschsein anderer anerkennen“ (van der Kolk 2018, S. 98).

 „Doch für viele Menschen sind Panik und Wut erstrebenswerter als deren Gegenteil: sich zu verschließen und damit für die Welt wie tot zu sein. Die Kampf-/Fluchtreaktion mobilisiert ihre Energie. Deshalb fühlen sich so viele missbrauchte, misshandelte und anderweitig traumatisierte Menschen erst angesichts von Gefahr völlig lebendig, wohingegen sie in komplexeren, aber objektiv ungefährlichen Situationen - wie Geburtstagsparty und Festessen der Familie - in einen Zustand der Gefühlstaubheit verfallen“ (van der Kolk 2018, S. 102).

Ob wir Menschen kooperativ oder aggressiv sind, liegt in erster Linie an der Verfassung unserer Psyche. So wie es in unserer Psyche aussieht, so gestalten wir auch unsere Umwelt, die soziale wie die natürliche. Herrscht in unserer Psyche Chaos, so veranstalten wir auch im Außen Chaos. Sind wir mit unserer Psyche im Reinen, können wir auch in unserer Umwelt für klare und geordnete Verhältnisse sorgen“ (Ruppert 2019, S. 19).

Die ausschlaggebende Ursache für die Destruktivität von uns Menschen ist die Traumatisierung unserer Psyche. Sie führt in nicht endende Täter-Opfer-Beziehungsdynamiken hinein. Wird diese Tatsache erkannt und von den betroffenen Menschen auch anerkannt, dann ist der Ausstieg aus dieser Destruktivität wieder möglich, selbst wenn wir uns schon lange darin aufgehalten und bereits daran gewöhnt haben“ (Ruppert 2019, S. 20).

Da Familien und die Eltern-Kind-Beziehungen der Kernbereich jeder Gesellschaft sind, hat das Auswirkungen über die Familie hinaus. Wenn nämlich aus psychisch traumatisierten Kindern Erwachsene werden, dann tragen sie ihre psychischen Störungen in sämtliche Bereiche einer Gesellschaft hinein: in das Bildungs-, das Arbeits- und das Politiksystem. Sie verbleiben mit einem wesentlichen Teil ihrer Psyche in einer unguten Form von Kindlichkeit verhaftet. Aufgrund ihrer aus der Kindheit stammenden Traumatisierungen können sie die aktuellen Realitäten entweder gar nicht oder verzerrt wahrnehmen, fühlen und denken. Sie konstruieren sich ihre eigene Welt und folgen ihren Illusionen und ausgedachten Prinzipien entgegen der Realität. Sie bleiben in der Scheinwelt ihrer kindlichen Trauma-Überlebensstrategien stecken“ (Ruppert 2019, S. 51f).

Durch Trauma-Erfahrungen geraten wir (…) in den Zustand einer in sich gespaltenen Psyche, in der Wahrnehmung, Fühlen, Denken, Wollen, Erinnern und Handeln nicht mehr als Einheit zusammenwirken, sondern sje für sich existieren und unabhängig voneinander Informationen über die reale Welt verarbeiten; oder sich immer weiter von dieser entfernen. Die Selbstorganisation des psychischen Systems funktioniert nicht mehr (Ruppert 2019, S. 81).

Einer traumatisierten Psyche fällt es schwer, Innen und Außen, Damals und Heute, Ich und Du, Realität und Fiktion klar und zuverlässig zu unterscheiden. Traumatisierte Menschen können schon beim geringsten Anlass in Stress und helle Aufregung geraten. Andererseits kann es sein, dass sie in brandgefährlichen Situationen den Ernst der Lage überhaupt nicht begreifen. Trauma bedeutet, dass wir mit den Überlebensmustern von früher die Probleme von heute zu bewältigen versuchen“ (Ruppert 2019, S. 83).

Traumatisierte Menschen leben in einem permanenten Zustand des inneren Bedrohtseins. Wenn daher der äußere Stress nachlässt, wird das innere Bedrohungsgefühl umso deutlicher wahrgenommen. So erleben sich Menschen instinktiv selbst als andauernde Quelle der Bedrohung und versuchen von sich selbst abzulenken und vor sich selbst wegzulaufen. Sie schauen dann lieber auf die gesellschaftlichen Vorkommnisse statt auf sich selbst“ (Ruppert 2019, S. 164).


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All diese Beobachtungen müssen nur verknüpft werden mit dem Ausmaß an psychischen Traumatisierungen. Der größte Bereich ist dabei das „Entwicklungstrauma“ in der Kindheit (durch immer wieder vorkommende Destruktivität gegen das Kind durch seine nahen Bezugspersonen, dabei vor allem die eigenen Eltern), also eine komplexe Traumatisierung, die man nicht mit einem traumatischen „Einzelereignis“ (Unfälle, Gewaltakt usw.) vergleichen kann, weil die Folgen viel komplexer sind.
Noch etwas kommt hinzu: Menschen, die zu Tätern werden, traumatisieren sich ebenfalls durch ihre Taten. Franz Ruppert nennt solche Akteure „Trauma-Täter“. Sie wurden durch erlebte Traumatisierungen zum Täter und traumatisieren sich durch ihre Taten erneut.

In diesem Blog habe ich vielfach aufgezeigt, in welchen Regionen auf der Welt welche Art und wie viele Belastungen von Kindern zu finden sind. Es verwundert mit Blick auf die oben zitierten Auszüge kaum, dass in Regionen mit hohen Belastungsraten für Kinder häufig auch politisches, soziales und ökonomisches Chaos zu finden ist. Darüberhinaus erinnern viele Verhaltensweisen und Äußerungen von rechten und sonstigen extremistischen Politakteuren an klassische Verhaltensweisen von traumatisierten Menschen.

Was lernen wir aus all dem mit Blick auf die AFD & Co.?

Was seit Monaten oder auch einigen Jahren die mediale Diskussion hierzulande immer wieder bestimmt, sind die großen Fragezeichen in Angesicht von Wahlen von Rechten und Hetzern, Brexit-Chaos, Erfolge der AFD, Wahl von Donald Trump usw. oder auch schlechter Stimmung in Teilen der Bevölkerung trotz objektiv guter Lage und Lebenssituation. Klassisch ist auch das Mehr von Kriminalitätsfurcht obwohl Jahr für Jahr die Sicherheitslage (vor allem in Deutschland) immer besser wird. Wenn man zudem die Reden von rechten Politikern hört, dann glaubt man, dass diese in einer anderen Welt leben: Überall sind Bedrohungen, man selbst würde dauernd zum Opfer, die Ganzheit des Volkes wäre bedroht und die Welt stünde kurz vor dem Abgrund... Rational kann man dies alles nicht umfassend erklären. Mit den oben zitierten Textstellen wird dagegen vieles klarer.

Ein Mehr an Fortschritt, Sicherheit, politischer Stabilität und auch ein Mehr von gesellschaftlicher, pluralistischer Entwicklung bei gleichzeitiger immer mehr Ausdifferenzierung der Individuen bedeutet einen unermesslichen Druck auf all jene Menschen oder besser gesagt Anteile in der Bevölkerung, die überdurchschnittlich traumatisiert sind. Die Ruhe im Land, Veränderungen und der Fortschritt macht sie bildlich gesprochen (aber teils wohl auch real) wahnsinnig. Positive Entwicklungen gilt es deswegen rückgängig zu machen. Oder anders gesagt: Die äußere Welt muss chaotischer, real bedrohlicher und auch gewalttätiger werden, damit Innen und Außen wieder gut zusammenpassen und man von seiner eigenen, inneren Misere wieder mehr abgelenkt ist. Das ist der eigentliche Antrieb destruktiver, politisch gefärbter Bewegungen (inkl. AFD, Brexiteers, Trumpanhänger, Bolsonaro in Brasilien usw.), die im Grunde eigentlich emotionale Bewegungen sind. Es geht niemals um ein Besser, das Ziel ist, die gegenwärtige Realität zu zerstören, damit die Gesellschaft schlechter dasteht (aus besagten Gründen).

Der Politologe Matthias Quent sagte nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg mit Blick auf die Ergebnisse der AFD:  "Wir haben es hier nicht mit wütendem Protest, sondern mit einer Art Kulturkampf zu tun." Ich würde dem ergänzend anhängen, dass es auch um einen inneren, emotionalen Kampf geht! Wenn dem so ist, so sind kurzfristige Lösungen nicht in Sicht. Langfristig gesehen geht es um die Reduzierung von traumatischen Erfahrungen und der Aufarbeitung von Traumatisierungen.

Warum wird nun im Osten deutlich mehr rechts gewählt? Warum finden auch überproportional viele rechte Attacken im Osten statt?

Dazu müssen wir in die „Traumageschichte“ des Ostens schauen. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster hat dies eindrucksvoll z.B. mit Blick auf das autoritäre Kita- und Erziehungssystem der DDR getan, das Folgen bis heute hat. Er hat den fehlenden „Link“ zur Erklärung der Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Ost und West geliefert.

Dazu kommen ganz sicher die (Trauma)Erfahrungen in einer Diktatur, sowohl als Opfer als auch als Täter (letztere leben immer noch im Land, was gerne vergessen wird).

Ganz zentral sind für mich auch die drei großen Abwanderungswellen aus der DDR (einmal von 1949 bis 1961; sodann von 1989 bis 1994 und schließlich ab dem Jahr 2000). „Bevorzugt jüngere, gut ausgebildete Menschen, darunter viele Spezialisten wie Ärzte und Ingenieure, kehrten dem Land den Rücken.“ (bpb, 20.03.2010, "Zug nach Westen – Anhaltende Abwanderung") Und: Überproportional viele junge und gut ausgebildete Frauen verließen den Osten, vor allem ab der Wende. Es ist bisher nicht erforscht, wie die psychosoziale Struktur dieser Menschen aussieht. Ich vermute, dass diese Abwanderer auf Grund ihrer jüngeren Altersstruktur und ihrer flexibleren Einstellung (sonst wären sie nicht abgewandert) psychisch verhältnismäßig weniger belastet sind, als der Durchschnitt. Dadurch würde sich die psychosoziale Situation in den verlassen Gebieten verschärfen, nicht nur durch den Wegzug der flexiblen (vermutlich weniger traumatisierten) Leute, sondern auch weil vor Ort die Menschen fehlen, die etwas bewegen, die in Diskussionen auch mal dagegenhalten oder die auch Situationen durch ihre Art entschärfen.

Leider wird es Zeit brauchen, bis sich die Welt wieder deutlich beruhigt. Die psychisch unbelastetere Generation (die auch mit deutlich weniger elterlicher Gewalt und Destruktivität aufgewachsen ist), steht erst in den Startlöchern. In Zeiten des Klimawandels verlieren wir leider durch die aktuellen "Rückschrittsprozesse" in der Welt wertvolle Zeit. Zeit, die wir dringend bräuchten. 

Montag, 12. August 2019

Massenmord in El Paso und Dayton. Die Kindheit der Täter und Kindheitshintergründe in über 150 weiteren Fällen


Nach den Massenmorden in El Paso und Dayton in den USA haben die beiden Forscher Jillian Peterson and James Densley einen Artikel in der Los Angels Times (04.08.2019, "Op-Ed: We have studied every mass shooting since 1966. Here’s what we’ve learned about the shooters") veröffentlicht, in dem Sie wesentliche Ergebnisse ihrer Studie von Massenmorden in den USA vorweg erläutern. Das Forschungsprojekt – „The Violence Project Mass Shooter“ (siehe dazu auch hier) – wird vom National Institute of Justice finanziert. Die Gesamtergebnisse werden erst Anfang 2020 veröffentlicht.

Untersucht wurden mehr als 150 öffentliche Massenmorde in den USA zwischen 1966 und 2018. Dies ist somit das bisher größte mir bekannte wissenschaftliche Projekt zur Erforschung von öffentlichem Massenmord!

Vier Gemeinsamkeiten verbindet die Massenmörder: 

Der Erste Punkt ist der für mich wichtigste:
„The vast majority of mass shooters in our study experienced early childhood trauma and exposure to violence at a young age. The nature of their exposure included parental suicide, physical or sexual abuse, neglect, domestic violence, and/or severe bullying. The trauma was often a precursor to mental health concerns, including depression, anxiety, thought disorders or suicidality.“ (L.A.-Times siehe oben)
Somit wurde hier eindrucksvoll nachgewiesen, dass als Kind unbelastet aufgewachsene Menschen i.d.R. keine Massenmorde begehen! Und für die deutliche Minderheit, wo sich keine Kindheitsbelastungen nachweisen ließen, sind Belastungen selbstverständlich nicht ausgeschlossen. In Kapitel 11 meines Buches habe ich ausführlich – auch an Hand von Studien - die Probleme beschrieben, die ganze Wahrheit des Kindheitsleids von Gewalttätern aufzudecken. Trotz dieser Widerstände haben die o.g. Forscher offensichtlich deutliche Hinweise auf Kindheitsbelastungen gefunden. Wohl nicht ohne Grund wurde von den Forschern der Punkt „Kindheitsbelastungen“ zuerst genannt.

Der zweite Punkt ist eine persönliche Krise (eine Art Auslöser), die den Taten in den Wochen oder Monaten vorher vorausging. Diese Krise zeigte sich oft auch Dritten, durch deutliche Verhaltensänderungen, Suizidgedanken usw.

Der dritte Punkt: Die meisten Massenmörder haben sich vorher mit Taten anderer Massenmörder befasst und sie wohl als Vorbild genommen.

Der vierte Punkt: Alle Massenmörder hatten die Mittel, um ihre Taten auszuführen. Dabei vor allem Zugang zu Waffen.

Einen wichtigen fünften Punkt haben die Forscher übrigens nicht erwähnt: Fast alle Täter waren männlich! 

Über die beiden Täter Patrick Crusius (Massenmord in El Paso) und Connor Betts (Massenmord in Dayton) habe ich bisher nur kurz recherchiert. In beiden Fällen fand ich relativ schnell Hinweise auf destruktive Kindheitserfahrungen.

Über die Kindheit von Patrick Crusius schreibt die Washington Post:
His childhood had challenges: His parents divorced in 2011, and his father chronicled a four-decade drug addiction in a self-published memoir. (…) In a 2014 self-published book, “Life Enthusiasm: A Path to Purpose Beyond Recovery,” the elder Crusius described how he and his wife, Lori, had been essentially estranged for years before they divorced in 2011. The elder Crusius wrote that he long abused drugs and alcohol, including pills most commonly associated with attention deficit/hyperactivity disorder. After the divorce `any semblance or pretense of stability crumbled,` he wrote.“ (The Washington Post, 04.08.2019, „El Paso shooting suspect could face federal hate crime charges“ )
Eine Ex-Freundin von Connor Betts sagte kurz etwas zu mentalen Problemen von Conor und über seine Kindheit: „She says Betts didn’t like his parents, there were issues during his childhood she wouldn’t go into.“ (10tv, 07.08.2019, „Ex-girlfriend of Dayton shooter: There were warning signs“)

Es wird wohl deutlich, dass beide Täter ziemlich gut in das Raster passen, dass Jillian Peterson and James Densley entwickelt haben, das gilt insbesondere für die Kindheit, aber auch für die drei anderen Punkte (die sich abzeichnen, wenn man sich mit den beiden Fällen weiter befasst).

Dienstag, 30. Juli 2019

Die Kindheit von Donald Trump


Auch bei Donald Trump finden sich deutliche destruktive Kindheitshintergründe. Das dürfte viele Leser und Leserinnen hier kaum überraschen. Vielleicht hat sich manch einer eher gewundert, warum ich bisher weder im Blog, noch in meinem Buch die Kindheit von Donald Trump besprochen habe.
Erstens: Ich dachte mir, dass jemand wie Trump sich und sein Verhalten letztlich von selbst erklärt. Warum sollte ich mir also die Mühe machen?
Zweitens: Ich war es so was von leid (was wahrscheinlich sein politischer Vorteil ist, weil viele Leute einfach nicht mehr aushalten, was er so macht und sagt…), mich mit Trump zu befassen! Da aber bald der nächste Präsidentschaftswahlkampf ansteht, komme ich an ihm jetzt wohl kaum vorbei.
Drittens: In meinem Hinterkopf hatte ich irgendwie fantasiert, dass es jemand wie Trump doch narzisstisch sehr kränken müsste, wenn ich alle möglichen politischen Führer (und speziell auch in meinem Buch amerikanische Präsidenten) bespreche und nun gerade IHN auslasse. Nun, dies war meine gehässige Fantasie ;-), real wird er sich natürlich eh nicht mit dem befassen, was ich hier schreibe.

Wer sich mit dem Werden von Donald Trump befasst, der kommt nicht an seinen Vater, Fred Trump, vorbei. Fred Trump war „ein pingeliger, förmlicher Mann, der auch zu Hause ein Jackett und eine Krawatte trug. Er war oft mürrisch und fühlte sich in Gesellschaft unwohl“ (Kranish & Fisher 2016, S. 60). Kranish & Fisher berichten zudem von pedantischem Verhalten des Multimillionärs. Fred Trump habe z.B. bei seinen Bauprojekten unbenutzte Nägel eingesammelt und sie den Zimmerleuten gebracht. D`Antonio schreibt, dass Fred Trump es nicht ertragen konnte, wenn auch nur ein einziger Cent verschwendet wurde (D`Antonio 2016, S. 108).
 „Fred Trump kompensierte seine Mängel im zwischenmenschlichen Kontakt durch extrem harte Arbeit. Er verbrachte selten einen Tag, ohne in irgendeiner Form geschäftlich tätig zu sein, und er arbeitete auch zu Hause, am Telefon, so gut wie jeden Abend. Ein Sohn oder eine Tochter, der oder die sich ein wenig Zeit mit ihm wünschte, begleitete ihn bei einem Wochenendausflug ins Büro oder bei einem Besuch von Baustellen. (…) Unterwegs bekamen sie dann Vorträge über die Bedeutung von Ehrgeiz, Disziplin und harter Arbeit zu hören. (…) Nach dem Familienkodex waren unflätige Wörter und kleine Snacks zwischendurch tabu, darüber hinaus verlangte er Gehorsam und Loyalität. Verstöße jeglicher Art wurden jeden Abend bei Freds Heimkehr gemeldet, und er verhängte dann die entsprechende Strafe“ (D`Antonio 2016, S. 79f). Der Biograf Michael D`Antonio beschreibt das Aufwachsen der Trump-Kinder als ungewöhnliche Kombination aus strenger Disziplin, Luxus und Überlegenheitsgefühl, auf das alle Kinder unterschiedlich reagierten.
Fred war, ebenso wie seine Frau, ein strenger Erzieher: „Fred und Mary führten ein strenges Regiment, sie verbaten ihren Kindern, sich gegenseitig mit Spitznamen anzureden, Lippenstift zu tragen oder länger als ausgemacht aufzubleiben. Jeden Abend erkundigten die Trumps sich bei ihren Kindern nach ihren Hausaufgaben und verlangten, dass sie ihren Haushaltspflichten nachkamen. Genau wie in der Schule rebellierte Donald gegen die Regeln und stritt sich deswegen mit seinem Vater. Trotzdem sagte Fred seinem Sohn stets, er sei ein `König` und müsse ein `Killer` werden in allem, was er tue“ (Kranish & Fisher 2016, S. 60).

An anderer Stelle gibt D`Antonio einen Einblick in das, was man wohl unter Strafen im Hause Trump u.a. verstand: nämlich auch körperliche Gewalt. Der ältere Bruder von Donald, Freddy, hatte Schwierigkeiten, die Ansprüche seines Vaters zu erfüllen. „Donald wünschte sich, dass Freddy sich etwas mehr Mühe gegeben hätte (…). Außerdem wurde von einem männlichen Trump erwartet, hart zu sein, selbst im Umgang untereinander; aber als der Vater Freddy eine Ohrfeige verpasste, war der so verletzt, dass er körperlich zu schrumpfen schien. Es war schwer zu ertragen, das mit anzusehen. Donald zog seine Lehren aus dem, was er beobachtete, und beschloss, sich gegen jeden zu wehren, der ihn herausforderte – auch gegen seinen Vater. Viele Jahre später sagte er einmal: `Ich habe mich immer gewehrt. Mein Vater war ein richtig harter Knochen.`“ (D`Antonio 2016, S. 108f). Ob auch Donald Trump von seinem Vater geschlagen wurde, scheint nicht belegt zu sein. Freddy Trump wurde übrigens zum Alkoholiker und starb 1981 im Alter von 41 Jahren an den Folgen seiner Alkoholsucht (Welt – Online 2017).

Über die Mutter, Mary Anne MacLeod, von Donald Trump wird öffentlich meist weniger berichtet, als über den Vater. Sie wurde 1912 in Schottland als letztes von 10 Kindern geboren. Ihr Vater war Fischer. „Ihre Kindheit und Jugend waren von Isolation, Entbehrungen und Düsterkeit geprägt“ (Kruse 2017). Außerdem sei sie in krasser Armut aufgewachsen. 1930 wanderte sie in die USA aus und lernte dort Fred Trump kennen.
1948 bekam sie ihr fünftes und letztes Kind. Die Geburt war schwierig. Schwerwiegende Blutungen und Infektionen machten eine Reihe von Operationen nötig. „Es war nicht sicher, ob Mary Trump überleben würde. An diesem Wendepunkt war Donald Trump zwei Jahre alt und musste den Beinahetod seiner Mutter miterleben. Wie mag ihn das geprägt haben?“ (Kruse 2017).
D`Antonio beschreibt Mary Trump wie folgt: „Sie war auf ihre stillere Art ebenso hart, stur und ehrgeizig wie ihr Mann. (…) Sie liebte außerdem jene Art von Überfluss, wie er von der britischen Monarchie repräsentiert wurde“ (D`Antonio 2016, S. 75).
In dem Artikel „Was für einen Sohn habe ich erschaffen?“ wurde zentral dem Einfluss von Mary Trump auf das Werden von Donald Trump nachgegangen. Der Autor schreibt zusammenfassend, dass die Mutter von Donald „geisterhaft abwesend“ erscheint und die Beziehung zwischen Mutter und Sohn offensichtlich von Distanz geprägt war (Kruse 2017).

Ein weiteres Ereignis in der Kindheit von Donald Trump ist von zentraler Bedeutung! Gegen Ende der siebten Klasse, Donald war damals 13 Jahre alt, entdeckte Fred Trump, dass sein Sohn mit seinem besten Freund heimlich Ausflüge nach New York gemacht hatte. Fred war sehr wütend (ergänzend kamen wohl auch vorherige Probleme mit Disziplin in der Schule dazu) und beschloss, seinen Sohn auf ein Militärinternat zu schicken. Donald konnte sich nur am Telefon von seinem besten Freund, der ziemlich vor den Kopf gestoßen war, verabschieden (Kranish & Fisher 2016, S. 61f).
Die Devise im Internat war, die Zöglinge erst zu brechen und hinterher wiederaufzubauen. Körperliche Brutalität und verbaler Missbrauch wurden toleriert und gefördert. Neulinge mussten Aufnahmerituale über sich ergehen lassen, wozu z.B. Prügel mit Besenstielen durch ältere Schüler und der Zwang, in dampfgefüllten Duschen bis zur Ohnmacht zu stehen, gehörten. Geschlafen wurde in Baracken, jeden Morgen wurden die Schüler mit Trompetenlauten geweckt (Kranish & Fisher 2016, S. 62-65). D`Antonio schreibt, dass die Schüler dort einer „Kultur“, der „Herrschaft, Gewalt und Subversionen von Autoritäten“ ausgesetzt wurden (D`Antonio 2016, S. 83).
Donalds Erzieher in diesem Militärinternat war Theodore Dobias (genannt auch Doby), ein Kriegsveteran der US Army. Dobias war ein ruppiger Mann und er schlug die Schüler mit der offenen Hand, wenn sie nicht gehorchten. „Zwei Nachmittage pro Woche stellte er einen Boxring auf und befahl Kadetten mit schlechten Noten und denen, die Probleme mit der Disziplin hatten, gegeneinander zu kämpfen, ob sie wollten oder nicht. `Er konnte ein verdammtes Arschloch sein`, erinnerte sich Trump einmal. `Richtig fertigmachen konnte der einen. Man musste lernen zu überleben.` Doby anzustarren oder nur den leichtesten Sarkasmus anzudeuten, so Trump, veranlasste den Drill Sergeant, `auf mich loszugehen, dass man gar nicht wusste, wie einem geschieht`. Ob seine Schüler nun die Söhne von Klempnern oder von Millionären waren, das war Dobias egal.“ (Kranish & Fisher 2016, S. 63). „Damals prügelte man einen noch grün und blau. (…) Er vermöbelte uns gnadenlos.“, sagte Donald Trump später mit Blick auf diese Zeit im Internat (D`Antonio 2016, S. 84). Es macht sehr hellhörig, dass gerade dieser brutale Ausbilder und Erzieher später über das Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Donald und Fred sagte: „Der Vater behandelte den Jungen wirklich streng. (…) Er war sehr deutsch. (…) er war sehr hart“ (D`Antonio 2016, S. 85).
Donald passte sich allerdings schnell an und entwickelte den Ehrgeiz, der Beste im Internat zu sein. Er fing an, Wettbewerbe und Auszeichnungen zu lieben. Als Oberstufenschüler befahl Donald seinerseits Gewalt gegen einen Kadetten oder ging auch selbst auf einen Schüler los, nachdem dieser ihn provoziert und geschlagen hatte. Er versuchte damals, den entsprechenden Schüler aus dem ersten Stock zu schmeißen, was nur durch die Intervention zweier Kadetten verhindert werden konnte (Kranish & Fisher 2016, S. 66f).

Nicht jeder, der eine solche Kindheit und Jugend erlitten hat, wird zu einer Persönlichkeit wie Donald Trump (aber manche werden in anderen Bereich auffällig, siehe z.B. das Leben seines älteren Bruders Freddy). Aber: Persönlichkeiten wie Donald Trump haben auffällig häufig eine solche oder ähnliche destruktive Kindheit und Jugend erlitten. Und: Hätte Donald Trump eine fürsorgliche, liebevolle und gewaltfreie Kindheit und Jugend erlebt, dann wäre aus ihm niemals ein rechtspopulistischer Hassredner und Menschenfeind geworden, davon bin ich überzeugt. Entschuldigen tut dies alles nichts! Aber es erklärt einiges und zeigt auf, wie sich menschliche Destruktivität von Grund auf verhindern lässt.



Siehe bei Interesse ergänzend auch das psychologische Profil von Donald Trump: The Mind of Donald Trump



Verwendete Quellen:

D'Antonio, M. (2016): Die Wahrheit über Donald Trump. Econ Verlag, Berlin.

Kranish, M. & Fisher, M. (2016): Die Wahrheit über Trump: Die Biografie des 45. Präsidenten. Plassen Verlag, Kulmbach.

Kruse, M. (2017, 21. Nov.): „Was für einen Sohn habe ich erschaffen?“ Welt-Online.

Dienstag, 23. Juli 2019

ACE-Studien in den USA / DIE Grafik

Aktualisiert am 13.09.2019


In meinem Buch habe ich auf Seite 25 ein Diagramm von dem Onlineauftritt der Centers for Disease and Prevention (CDC) eingefügt. Leider ist dieses Diagramm nach der Neugestaltung der entsprechenden Homepage seit ca. März 2019 nicht mehr online. Ich habe das CDC kürzlich angeschrieben und darum gebeten, dieses wichtige Diagramm an anderer Stelle erneut zu veröffentlichen. Leider bekam ich keine positive Antwort. Allerdings wurde sehr deutlich darauf hingewiesen, dass die Veröffentlichungen und Grafiken des CDC Arbeiten des U.S. Governments und für die Öffentlichkeit gedacht sind und somit keinem Copyright unterliegen (allerdings auf die Quelle hingewiesen werden muss).
Ich werde also hiermit diese bedeutende Grafik hier in meinem Blog veröffentlichen. (Außerdem habe ich noch einen Screenshot von der damaligen Homepage (inkl. der Grafik), den ich bei Bedarf gerne rausgebe.)
Der Grafik liegen Daten von groß angelegten Befragungen in den USA zu Grunde. Acht unterschiedliche Belastungsfaktoren in der Kindheit (ACE-Werte) wurden abgefragt: Körperliche, emotionale und sexuelle Misshandlung, Miterleben von häuslicher Gewalt, Verlust mindestens eines Elternteils, Gefängnisaufenthalt eines Familienmitgliedes, Alkohol- oder Drogensucht eines Familienmitgliedes und psychische Erkrankung eines Familienmitgliedes. Man fand mehr als 40 verschiedene negative Effekte von belastenden Kindheitserfahrungen. Für diese 40 negativen Effekte wurde das unten zu sehende Diagramm mit der durchschnittlichen Effektstärke erstellt, das für sich spricht. Erfasste negative Gesundheitsprobleme waren u.a. Rauchen, chronisch obstruktive Lungenerkrankung, Hepatitis, sexuell übertragbare Krankheiten, Herzerkrankungen, Diabetes, Alkoholsucht, Drogenkonsum, psychische Erkrankungen wie z.B. Depressionen und Suizidversuche. Außerdem zeigten sich negative Effekte bzgl. des beruflichen Werdegangs und Bildungswegs.


Hinweis: Die Grafik ist hier im Beitrag etwas undeutlich. Wenn man draufklickt, erhält man ein besseres Bild!


Ergänzend möchte ich auf folgende Datenauswertung hinweisen:
Merrick, M.T., Ford, D.C., Ports, K. A., Guinn, A. S. (2018): Prevalence of Adverse Childhood Experiences From the 2011-2014 Behavioral Risk Factor Surveillance System in 23 States. JAMA Pediatrics, 172(11), S. 1038-1044.
ACE-Daten von insgesamt 214.157 befragten Frauen und Männern in den USA konnten ausgewertet werden. Dies ist somit die bisher größte Datensammlung von belastenden Kindheitserfahrungen in den USA überhaupt!!

Siehe ergänzend auch: Diagramme der menschlichen Destruktivität (hier im Blog)

Online gibt es noch eine Quelle, die die o.g. Grafik abgebildet hat:
"Adverse Childhood Experiences and the Effects on Pediatric Health Outcomes"
(von Angela Mattke im Rahmen von The Bright Side 2018 – A Women’s and Children’s Health Symposium, 21.09.2018)


Montag, 22. Juli 2019

Der Beginn der Kinderschutzbewegung um 1900 als Folge der Evolution von Kindheit?


Mir stellte sich die Frage, wie historisch ein Bewusstsein und ein Wille dafür aufkam, dass Kinder vor (elterlicher + schulischer) Gewalt zu schützen sind. Die Antwort auf diese Frage ist komplex. An anderer Stelle werde ich darauf zurückkommen. Zunächst macht es Sinn, sich einmal die Kindheitsbiografien von wichtigen Akteuren, die historisch den Kinderschutz vorantrieben, anzuschauen.

Beginnen wir mit Eglantyne Jebb (1876-1928), der Gründerin von Save The Children. Jebb gilt außerdem als Wegbereiterin der UN-Kinderrechtskonvention. Eglantyne wuchs mit fünf Geschwistern in wohlhabenden Verhältnissen auf und gehörte zur Upper-Class in Großbritannien. Ihr Vater galt als sanfter Intellektueller, „sensitive as a woman“, wie seine älteste Tochter einmal sagte (Mulley  2015. 9). Er wird außerdem als sympathischer Landbesitzer beschrieben; die Ehe der Jebb-Eltern sei sehr liebevoll gewesen (Mulley  2015, S. 10+11). Beide Elternteile waren hingebungsvolle Eltern, die Freude an ihrer Elternschaft hatten (Mulley  2015, S. 11). Eglantynes Vater, Arthur, „was also an affectionate father, reading aloud to the children and listining with delight to their own stories“ (Mulley  2015, S. 14).
Die Kinder scheinen zudem viele Freiheiten beim Spielen bekommen zu haben. Reiten auf Ponys, Bäume, die in den Erinnerungen zu Schlössern wurden, dunkle Wälder, überall wurde gespielt. Die Biografin schreibt zusammenfassend: „The three youngest children were particularly close, enjoying a childhood almost too good to be true" (Mulley  2015, S. 17).
Bezugspersonen waren außer den Eltern auch Kindermädchen und vor allem eine sehr aufgeweckte Tante, die mit in dem Anwesen wohnte. Eglantynes Mutter „was a loving and involved mother, but she was not expected to care for the children alone, and a succession of nurses and gouvernesses filed through The Lyth“ (Mulley  2015, S. 23). Die Mutter war aber auch Vorbild für die Kinder. Einmal traf sie auf einen Jungen, der weinte und vollkommen frustriert über eine 6-Tage-Arbeitswoche war. Daraufhin begann ihr soziales Engagement. Das Glück endete später abrupt, als Arthur starb.  Eglantyne muss zu dieser Zeit ca. 18 Jahre alt gewesen sein.

Die politisch interessierte, diskussionsfreudige und sozial engagierte Atmosphäre bei den Jebbs war sicher prägend. Die Biografin schreibt zum Abschluss des Kapitels über Kindheit und Jugend von Eglantyne Jebb: „It was a legacy that all the children would benefit from, alone with their mothers`s efficient example of practical social work and their aunt`s intelligent questioning of the world around them. Brought up in a house where a human sympathy, if not radical politics, was the dominant perspectice, it is perhaps not suprising that all of the Jebb children later sought their own ways to contribute to enhancing more equitable social relations, but none more effectively than Eglantyne“ (Mulley  2015, S. 27).


Eine weitere bedeutende Frau habe ich für diesen Beitrag ausgewählt: Ellen Key (1849-1926).
Sie gehörte zu den einflussreichsten Vertretern der Reformpädagogik, sprach sich öffentlich gegen das Schlagen von Kindern aus und wurde weltweit durch ihren im Jahr 1900 veröffentlichten Bestseller „Das Jahrhundert des Kindes“ bekannt.
Die Schwedin Ellen wuchs in wohlhabenden Verhältnissen als ältestes von insgesamt sechs Geschwistern auf. „Die familiäre Atmosphäre soll eine Mischung aus solider Geborgenheit und aufgeklärter Intellektualität gewesen sein. Das Elternhaus war liberal gesinnt; die Keys beschäftigten sich mit den politischen und gesellschaftlichen Zeitabläufen ebenso wie mit der damals aktuellen nationalen und internationalen Literatur“ (Mann 2004, S. 9). Ellen fiel bereits früh durch ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl auf. Vor allem ihr Vater war eine wichtige Identifikationsfigur in ihrem Leben. Das Mädchen besuchte nie eine Schule, sondern wurde von verschiedenen Hauslehrerinnen unterrichtet. Die Biografin merkt dazu an: „Außerdem mag der Umstand, dass Ellen Key niemals den egalisierenden Schulzwang am eigenen Leib erleben musste, mit dazu beigetragen haben, aus ihr später eine relativ unabhängige und fortschrittlich denkende Frau werden zu lassen“ (Mann 2004, S. 11).
Über die konkrete Erziehung und den Umgang der Eltern mit den Kindern erfährt man relativ wenig in der verwendeten Quelle. Auffällig fand ich, dass Ellen oft und gerne den Erwachsenen bei Ihren Gesprächen zuhörte und dafür unter den Tisch kroch und so tat, als ob sie spielte. Noch etwas fand ich aufschlussreich: „Die intellektuellen Interessen Ellen Keys führten dazu, dass das Mädchen bezüglich praktischer Tätigkeiten im Haushalt mehr oder minder ungeübt war und blieb. Trotz mancher dadurch auftretender Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter tolerierte man offenbar die Entwicklung der jungen Ellen Key und honorierte schließlich ihr Bedürfnis, still und zurückgezogen lesen zu wollen, mit einem eigenen Zimmer, das dem Mädchen ab dem 12. Lebensjahr zur Verfügung stand. Noch als Erwachsene hat sich Elle Key immer wieder in dieses Zimmer ihres Elternhauses zurückgezogen und es als ihren Schutzraum betrachtet“ (Mann 2004, S. 11).
Bedenken wir an dieser Stelle noch einmal, dass Ellen im Jahr 1849 geboren wurde. Damals gehörte auch in Schweden die autoritäre Erziehung zur Routine. Ellen durfte aber unterm Tisch spielen, während die Erwachsenen sich unterhielten. Man unterwarf sie offensichtlich auch nicht und zwang sie, gegen ihren Willen, zur Hausarbeit. Sie durfte ungehorsam sein. Mehr noch, man ging auf sie und ihre besonderen Bedürfnisse ein und akzeptierte ihren Hang zum intensiven Lesen. Dies gibt uns einen deutlichen Einblick in die Familie und ihre Werte. Offensichtlich wurde in dieser Familie auf Kinder eingegangen und es scheint keine übermäßige Strenge geherrscht zu haben.
Bedeutsam ist darüber hinaus sicher auch noch ein tragischer Unfall. Zwei von Ellens Cousinen ertranken beim Baden. Die damals 17-Jährige Ellen war die einzige Überlebende bei diesem Unglück (Mann 2004, S. 12). Jeglicher religiöse Glaube war nach diesem Ereignis endgültig bei ihr - die schon früh an einem Christen-Gott gezweifelt hatte - abgetan. Wie sie dies Ereignis verarbeitete und ob und wie sie aufgefangen wurde, erschließt sich in der Quelle nicht.


Die Kindheit eines weiteren, wichtigen Akteures muss besprochen werden: Henry Bergh (1813-1888). Bergh war Gründungsmitglied und Vizepräsident der New York Society for the Prevention of Cruelty to Children (NYSPCC), der ersten Kinderschutzorganisation der Welt. Einige Jahre zuvor hatte Bergh, der auch eine Zeit lang Diplomat war, die erste Tierschutzorganisation in den USA gegründet. Im Rahmen dieser Tätigkeit wurde er auf den Fall Marry Ellen aufmerksam. Marry Ellen wurde damals schwer von ihrer Stiefmutter misshandelt und vernachlässigt. Die Polizei und auch die Behörden hatten jede Unterstützung von Mary Ellen abgelehnt, weil es keine gesetzliche Handhabe gab. Hilfe kam erst durch Tierschützer Henry Bergh, der in der Folge die Gründung der NYSPCC vorantrieb. „I regard a helpless child in the same light as a dumb animal. Both are God´s creatures. Neighter can protect themselves. My duty is imperative to aid them“, sagte Bergh einst (Furstinger 2016, S. 126). Was war das für ein Mensch, der Mitleid mit geschunden Tieren und Kindern hatte und sich engagierte? Und vor allem: Wie sah seine eigene Kindheit aus?

Auch Henry Bergh wurde – wie Jebb und Key - in wohlhabende Verhältnisse hineingeboren. Sein Vater, Christian, war ein erfolgreicher und bekannter Schiffsbauer in New York. Er hatte den Ruf, der „ehrlichste Mann“ der Stadt zu sein (Furstinger 2016, S. 6; Übersetzung: Sven Fuchs.). U.a. beschäftigte er ehemalige Sklaven und bezahlte ihnen den gleichen Lohn wie den Weißen. Henrys Mutter hatte offensichtlich ebenfalls eine hohe Moral. Beispielsweise fand Henry in seiner Kindheit einst ein Geldstück auf der Straße. Seine Mutter ermahnte ihn, das Geld zurückzulegen, für den Fall, dass der Besitzer zurückkommen würde. „From his Mother, he would learn kindness and honesty“ (Furstinger 2016, S. 7). Die Schiffswerft wurde für Henry und seine Geschwister, so die Biografin, zum großen Spielplatz. Was für ein Abendteuer! Über den konkreten Erziehungsstil der Eltern erfährt man in der verwendeten Quelle nichts. Allerdings lässt sich – wie oben gezeigt - wohl deutlich ableiten, dass seine Eltern sehr menschenfreundlich waren. Zu diesem Bild passt, wie Henry Bergh später als Erwachsener agierte.


Fazit

Alle drei untersuchten Akteure kamen aus wohlhabenden Verhältnissen. Das halte ich für keinen Zufall. Erstens brauchte es für ihre später wohltätige Arbeit entsprechende Ressourcen (und sicher auch Bildung). Zweitens: Im 19. Jahrhundert war das Leben für viele Kinder schwer und leidvoll. Wenn sie denn überhaupt überlebten, denn die Kindersterblichkeit war damals auch noch in den USA, Großbritannien und in Schweden sehr hoch. Der Wohlstand hatte bei allen drei Akteuren ganz sicher auch protektive Effekte. Auffällig ist auch, dass neben einer wohlwollenden und als Vorbild fungierenden Mutter, auch ein wohlwollender und als Vorbild fungierender Vater stand. Das war im 19. Jahrhundert sicherlich keine Selbstverständlichkeit. Gerade Väter waren in dieser Zeit oftmals autoritäre und traditionelle, patriarchale Männer.
Ich glaube nicht, dass mit Blick auf unsere heutige Zeit die These aufgestellt werden kann, dass Menschen, die sich für Tierschutz und Kinderschutz stark engagieren, meist eine behütete Kindheit und nette Eltern hatten. Ganz im Gegenteil ist meine persönliche Erfahrung die, dass in Kinderschutzvereinen und ähnlichen Institutionen Menschen mit einer belasteten Kindheit gar nicht so selten sind.
Mir geht es hier aber auch nicht um das Heute, sondern um Anfänge eines organisierten Kinderschutzes um die Jahrhundertwende. Damals wurde die Mehrheit aller Kinder geschlagen und gedemütigt. Und: Kaum jemand störte sich daran. Um aus diesem verdrehten und destruktivem Mehrheitsdenken und Handeln herauszutreten und eine andere Richtung einzuschlagen, brauchte es mehr. Nämlich eine eigens erlebte, positivere Kindheit und – in der Folge - einen Zugang zu eigenen Emotionen und die Fähigkeit zu Mitgefühl. Die aufkommende Kinderschutzbewegung wäre demnach auch ein Produkt der Evolution von Kindheit, in diesem Fall in den Familien Jebb, Key und Bergh.



Verwendete Quellen:

Furstinger, N. (2016): Mercy: The Incredible Story of Henry Bergh, Founder of the ASPCA and Friend to Animals. Houghton Mifflin Harcourt, Boston / New York.

Mann, K. (2004): Ellen Key. Ein Leben über die Pädagogik hinaus. Primus Verlag, Darmstadt.

Mulley, C. (2015): The Woman Who Saved the Children: A Biography Of Eglantyne Jebb: Founder Of Save The Children. Oneworld, London.