Dienstag, 18. Oktober 2016

Kindheit von Bill Clinton - Er hätte niemals Präsident werden dürfen

Ich habe mich erneut – diesmal noch ausführlicher als in meinem Text "Bill Clinton: Kindheit und Kriegsführungspersönlichkeit; siehe ergänzend auch "Kindheit von Hillary Clinton (oder Kindheit der Clintons)" – mit der Kindheit von Bill Clinton befasst. Dies auch vor dem Hintergrund, dass Hillary Clinton vermutlich die nächste Präsidentin der USA werden wird und mit ihr Bill Clinton als Ehemann und sehr gewichtiger, wie auch einflussreicher Berater an ihrer Seite erneut ins Weiße Haus einziehen würde. Ich möchte gleich eines vorwegnehmen: Bill Clinton hätte meiner Meinung nach niemals Präsident der USA werden dürfen!
In einer Beschreibung meines Blogs und über meine Person habe ich unter „Positionierung“ folgendes (auch mit Bezug auf Politiker) geschrieben: „Ich bin trotz aller deutlichen Worte immer dafür, Menschen nach ihrem Verhalten zu beurteilen. Ich habe schon diverse absurde Vorschläge gelesen, z.B. von einem psychologischen Zwangstest für Politiker (wo man sich dann außerdem auch fragen muss, wie viel Macht einzelnen Gutachtern zukommt) …" Diese und weitere Ausführungen unter meiner „Positionierung“ halte ich weiterhin grundsätzlich für richtig. Allerdings muss ich im Fall von Bill Clinton etwas ergänzen. Seine Kindheit war derart destruktiv, derart von massiver und häufiger Gewalt, Vernachlässigung, Lüge, Suchtverhalten, Manipulationen und Missbrauch bestimmt, dass ein verantwortlicher Mensch Bill Clinton im Wissen um seine Hintergründe und trotz seiner politischen Begabungen (und einem IQ von 137) andere Wege hätte einschlagen sollen, als das Ziel in Angriff zu nehmen, politisch ganz weit vorne mitzubestimmen. Seine Kindheitsgeschichte ist so heftig, dass dies alleine – ohne zuvor sein politisches Verhalten erlebt zu haben – ausgereicht hätte, Clinton von diesem Weg abzuraten. Mehr noch: Seine Kindheit hätte spätestens während seiner Nominierung Thema werden müssen, damit sich die Wählerschaft ein Bild hätte machen können. Gleichzeitig macht mir dies auch ein Stück weit Bauchschmerzen, weil Psychologisierungen im Vorfeld auch Ungerecht sein können und Raum für böse politische Spielchen geben. Aber, wie gesagt, seine Kindheit war nun mal nicht einfach „irgendwie destruktiv“ und „unglücklich“, sondern ein jahrelanger Alptraum. Das ist dann schon etwas, was gesondert betrachtet gehört, wenn ein Mensch sich anschickt, der mächtigste Mann der Welt zu werden.    

 Was mir als Erstes ins Auge fiel bei der Durchsicht seiner Autobiografie war die Widmung: „Für meine Mutter, die mir die Liebe zum Leben geschenkt hat.“ (Clinton 2004, S. 5) Danach folgen weitere Familienmitglieder. Dieser erste Satz ist ganz und gar erstaunlich, wenn man sich die Fakten vor Augen hält, die Clinton im Buch ausführt und die ergänzend durch andere Quellen belegt sind. Fangen wir von vorne an:

Bill war etwa ein Jahr alt, da verließ ihn seine Mutter und zog nach New Orleans. Sie wollte sich zur Anästhesieassistentin weiterbilden. (ebd., S. 15) Bill blieb bei den Großeltern (mütterlicherseits), bis er vier Jahre alt war. „Meine Großmutter und ich fuhren in dieser Zeit zweimal mit dem Zug nach New Orleans, um meine Mutter zu besuchen.“ (ebd., S. 16) Seinen biologischen Vater hat Bill Clinton nie kennengelernt, er starb kurz vor seiner Geburt. 1950 heiratete seine Mutter Roger Clinton mit dem Bill und seine Mutter zukünftig zusammenlebten und den Bill fortan „Daddy“ nannte.  (ebd.,  S. 30)
Bill Clinton fängt einen Absatz damit an zu beschreiben, dass sein Stiefvater Roger ihn und auch seine Mutter wirklich liebte. Die Selbstzweifel des Stiefvaters und seine Trinkerei wären das Problem. Und dann folgt auf den Schlag die heftigste Schilderung über seinen gewalttätigen Stiefvater: „Sein selbstzerstörerischer Alkoholismus gipfelte eines Abends in einem Streit mit Mutter, den ich nie vergessen werde. Mutter wollte meine Urgroßmutter, die im Sterben lag, im Krankenhaus besuchen. Daddy wollte das aus irgendeinem Grund verhindern. Ich hörte, wie sie sich im Schlafzimmer anschrien. Ich weiß nicht mehr, ob ich meiner Mutter helfen wollte; jedenfalls ging ich in den Flur hinaus und zum Schlafzimmer. Gerade, als ich in der Tür stand, zog Daddy eine Pistole hervor und schoss in Mutters Richtung. Die Kugel schlug zwischen ihr und mir in der Wand ein. Ich war fassungslos und völlig verängstigt. (…) Mutter packte mich und lief mit mir über die Straße zu den Nachbarn, die die Polizei riefen. Ich sehe Daddy noch vor mir, wie er kurz darauf in Handschellen abgeführt wurde. Er musste die Nacht im Gefängnis verbringen.“ (ebd., S. 32+33)
Gleich darauf meint Clinton, dass er sich sicher sei, sein Stiefvater hätte seine Mutter oder ihn damals keinen Schaden zufügen wollen, dies hätte dieser nicht verkraftet. Bill Clinton umrahmt diese erschütternde Szene also mit Idealisierungen seines Stiefvaters und entschuldigt ihn auch noch, was klassisch ist bzgl. Kindern, die elterlichen Machtmissbrauch und Misshandlungen erleben. 

An einer anderen Stelle in seinem Buch berichtet Bill Clinton über eine weitere besonders heftige Szene. Er berichtet zunächst davon, dass er selbst mit "Geheimnissen" aufwuchs, die in „Daddys Alkoholabhängigkeit und den Misshandlungen, die er unserer Familie angedeihen ließ“ wurzelten. (ebd., S. 66) Und dann berichtet er von einem Erlebnis im Alter von vierzehn Jahren: „Eines Abends schloss Daddy die Schlafzimmertür und begann Mutter anzuschreien. Dann schlug er sie. (…) Ich holte einen Golfschläger und stieß die Schlagzimmertür auf. Meine Mutter lag auf dem Boden. Daddy stand über ihr und schlug auf sie ein. Ich schrie ihn an, wenn er nicht sofort aufhöre, werde ich ihm die Seele aus dem Leib prügeln. Er hielt inne, starrte mich irritiert an, sank in sich zusammen und ließ sich in einen Sessel fallen, wo er mit gesenktem Kopf sitzen blieb. Es machte mich krank.“ (ebd., S. 67) Dieser Schilderung hängt er wieder Gedanken über seine „Geheimnisse“ an. Der Winkel der Seele, wo wir ein Geheimnis aufbewahren „kann sich in einen Abgrund verwandeln, wenn die Geheimnisse zu einer schweren Bürde werden. Und das geschieht insbesondere, wenn ein Gefühl der Scham damit verbunden ist (…). Unsere Geheimnisse können unser Leben so sehr bestimmen, dass wir uns ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen können. Ohne diese Geheimnisse wüssten wir nicht mehr, wer wir sind.“ (ebd., S. 68)

Clinton beschreibt eine dritte Misshandlungsszene, die er erneut mit einer Idealisierung beginnt:
Wie die meisten Alkoholiker und Drogenabhängigen, die ich kennen gelernt habe, war Roger Clinton im Grunde ein guter Mensch. Er liebte seine Frau, mich und den kleinen Roger.“ (ebd., S. 73) Clinton beschreibt dann, wie er kürzlich eine Akte über das Scheidungsverfahren seiner Mutter gelesen hatte. Darin stand auch eine Zeugenaussage von ihm, als er ein Jugendlicher war. Er hatte damals einen Anwalt angerufen, der wiederum die Polizei verständigt hatte. Die Polizei nahm Roger Clinton daraufhin in Gewahrsam. „Ich hatte in meiner Aussage erklärt, er habe mir Prügel angedroht, als ich ihn davon abhielt, Mutter zu misshandeln. Dass er auf mich losgehen wollte, war eigentlich lächerlich, da ich zu jener Zeit bereits größer und stärker war als er. Beide Vorfälle hatte ich vergessen. Für Experten ein typisches Phänomen in Familien von Alkoholikern, die weiter mit dem Süchtigen zusammenleben. Meine Erinnerungen belieben 40 Jahre lang verschüttet.“ (ebd., S. 73)
Dem Psychologen John D. Gartner nach – der eine psychologische Biografie über Bill Clinton geschrieben hat – führte Roger Clinton Senior eine „Terrorherrschaft“ und schlug regelmäßig seine Frau und auch Roger Junior, den Halbruder von Bill. Roger Junior erinnert sich daran, dass seine Mutter mit ihm und Bill viele Abende aus dem Haus floh und in einem Motel übernachtete.  (Gartner 2008, Kapitel 4. „The Three Stages Of  Roger. Stage 1. Repeating Abuse“, Position 2215.)
Eine andere Quelle weist darauf hin, dass auch Bill Clinton von seinem Stiefvater körperlich misshandelt wurde. (Marranis 1998, Kapitel „Ten“, Position 564)

Nun, was für ein Mensch Roger Clinton war, scheint deutlich zu sein. Doch auch die Mutter von Bill, Virginia, scheint kein guter Ausgleich gewesen zu sein. Sie selbst zeigte Suchtverhalten, rauchte Kette und trank exzessiv Alkohol. Bereits Virginias Vater Eldridge - Bills Großvater, bei dem er die ersten Jahre aufwuchs – hatten einen ungesunden Bezug zu Alkohol, den er – damals illegal – in seinem Lebensmittelgeschäft verkaufte, selbst oft trank und seine Tochter im Alter von zwölf Jahren mit Whiskey vertraut machte.  (Gartner 2008, Kapitel „Like Mother, Like Son“ - „The Family Drama“, Position 448-456) Virginia hatte eine schwierige Kindheit. Ihre Mutter Edith – Bills Großmutter - war impulsiv und ging verächtlich mit ihrem Mann Eldridge um, beschimpfte diesen, schrie ihn an, schlug ihn oder warf Dinge nach ihm. Diese destruktiven Streitereien – oftmals nachts, wie sich Virginia erinnert – gingen über Jahre. (ebd., Position 397-406) Später erinnert sich Virginia, wie sie sich damals wünschte, ihr Vater würde einmal zurückschlagen, was er nie tat. (ebd., Position 561) Auch Virginia wurde Opfer ihrer Mutter, die ihre Tochter beständig kritisierte, kontrollierte und eine Peitsche nutzte, um sie zu prügeln. (Maraniss 1995, S. 22) Lloyd deMause ist sich sicher, dass Edith auch Bill körperlich misshandelte, während sie in seinen ersten Lebensjahren für ihn verantwortlich war. (deMause 2000, S. 78) Dafür gibt es allerdings, sofern man seinen Quellen folgt, keine Belege. Was ich allerdings ebenso wie deMause für wahrscheinlich halte ist, dass der kleine Bill im Haus seiner Großeltern keine unbeschwerte Kindheit erlebt hat. Dafür gibt es zu viele Hinweise auf enorm destruktive Verhaltensweisen der Großeltern.

Über den Erziehungsstil, den Virginia gegenüber Bill anwandte, ist wenig bekannt. Fakt ist, dass sie jahrelang an der Seite ihres gewalttätigen Mannes, den sie sogar zweimal heiratete, ausharrte, mit allen Konsequenzen für ihre Kinder. Eine gewalttätige Familie hatte sie selbst erlebt, ebenso Alkoholmissbrauch; sie kannte es gar nicht anders. Insofern komme ich noch einmal zu meiner Einleitung zurück. „Für meine Mutter, die mir die Liebe zum Leben geschenkt hat.“, die ersten Worte in Bill Clintons Autobiographie. Sie machen nur Sinn, wenn man sich in das Kind hineinversetzt, das Bill einst war. Was wäre, wenn er – neben Roger - auch seine Mutter so betrachten würde, wie sie war, mit all ihren eigenen destruktiven Anteilen? Unerträglich für ein Kind, denn dann wäre es bitter alleine auf der Welt und ohne Hoffnung. Das Kind muss sich also blind gegenüber der Wahrheit machen, mit allen Folgen, die sich daraus für die eigene Psyche und das spätere Leben ergeben können.
Es gibt allerdings auch noch ein weiteres dunkles Kapitel, dass erst kürzlich in die Öffentlichkeit drang. Die bekannte Journalistin und Autorin Lucinda Franks hat in ihren Memoiren aus dem Jahr 2014 Auszüge aus einem im Jahr 1999 mit Bills Ehefrau, Hillary Clinton, geführtem Interview veröffentlicht, welche sie bisher zurückgehalten hat. Hillary sagte darin, dass Bill von seiner Mutter missbraucht worden sei, wobei sie nicht ins Detail gehen wollte. Hillary Clinton betonte aber die negativen Folgen: „He was abused. When a mother does what she does, it affects you forever.“  (Franks 2014, Kapitel 22, Position 5034.)

Lloyd deMause (2000) sieht zwischen der extrem schweren Kindheit Clintons und dem späteren kriegerischen und destruktivem Agieren als US-Präsident (vor allem der Bombardierung Ex- Jugoslawiens, sowie dem Festhalten an den Iraksanktionen, was hunderttausenden irakischen Kindern das Leben kostete *) einen deutlichen Zusammenhang, was er ausführlich in einem Artikel darstellt. Ich kann mich dem nur anschließen. Und ich wiederhole, dass ein Mensch, der derart destruktiv als Kind aufgewachsen ist, nicht Präsident der USA hätte werden dürfen. Nun, demnächst wird Bill Clinton wohl erneut im Weißen Haus zu sehen sein. Mal sehen, welchen Einfluss er dort ausüben wird, vermutlich keinen guten.




* Ergänzender Hinweis: In einem Text für die "Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit" schrieb Dr. Heinz Gmelch unter dem Titel "Die drei Golfkriege": "Seit 1991 sind nach Schätzungen internationaler humanitärer Organisationen rund 1,5 Millionen Iraker, darunter über 550 000 Kinder unter fünf Jahren, den Folgen dieser Wirtschaftssanktionen zum Opfer gefallen - durch Mangelernährung und unzureichende medizinische Versorgung. Das entspricht rund sieben Prozent der irakischen Bevölkerung. Hans Graf von Sponeck, Leiter des UN-Hilfsprogramms für den Irak, trat im Februar 2000 aus Protest gegen die Folgen der Wirtschaftssanktionen von diesem Posten zurück. Er warf den Vereinten Nationen sogar Völkermord vor."




Quellen:

Clinton, B. (2004): Mein Leben. Econ Verlag, Berlin.

deMause, L. (2000): Die phallische Präsidentschaft: Die Clinton-Skandale und der Krieg gegen Jugoslawien als Reinigungs-Kreuzzüge. In: Janus, L. & Kurth, W. (Hrsg.): Psychohistorie, Gruppenphantasien und Krieg (S. 77– 82). Mattes Verlag, Heidelberg.

Franks, L. (2014): Timeless: Love, Morgenthau, and Me. Sarah Crichton Books, New York. Kindle E-Book Edition.

Gartner, J. D. (2008): In Search of Bill Clinton: A Psychological Biography. St. Martin's Press, New York. Kindle E-Book Edition.

Maraniss, D. (1995): First in His Class: The Biography of Bill Clinton. Simon & Schuster, New York. Kindle E-Book Edition.

Maraniss, D. ( 1998): The Clinton Enigma: A Four and a Half Minute Speech Reveals This President's Entire Life. Simon & Schuster, New York. Kindle E-Book Version.

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Amoktäter Alen R.: "Ich bin das Opfer", "Nein, das bist Du nicht! Du bist ein Täter!"

Kürzlich ist Alen R. (der in Graz mit einem Auto auf Menschen Jagd gemacht hatte) wegen dreifachen Mordes und 108-fachen versuchten Mordes schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt worden.
Über Alen R. sind einige Details aus seiner Biografie und Kindheit bekannt, auf die ich gleich eingehen werde. Alen R. scheint dem unten zitierten Medien-Artikel nach für sein vielfaches Scheitern im Leben wie auch für seine Taten keine Verantwortung übernehmen zu wollen. Er sagte wörtlich: „Ich bin das Opfer.“

An dieser Stelle möchte ich eines einmal deutlich und grundsätzlich klarstellen, was für mich im Grunde selbstverständlich ist: Eine Täter ist ein Täter ist ein Täter! Schlimme Kindheitserfahrungen, Scheitern, psychische Probleme, all das kann und darf nichts entschuldigen. Es ist der blanke Hohn für die Hinterbliebenen der Opfer seiner Taten, wenn dieser Täter sich hinstellt und sagt: „Ich bin das Opfer.“ Menschen, die kurz vor einem Amoklauf stehen oder sich selbst sonst wie nicht unter Kontrolle bekommen und zu einer Gefahr für Andere werden können, haben die verdammte Pflicht, sich notfalls selbst in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung einweisen zu lassen und nach all der Hilfe zu rufen, die moderne Gesellschaften bieten. Wer zum Täter wird, gehört juristisch zur Verantwortung gezogen.

Ich sehe es allerdings genauso, wie es Alice Miller einmal so oder so ähnlich formuliert hat: Mitgefühl muss man nicht mit Tätern wie Alen R. haben (sondern mit seinen Opfern), Mitgefühl kann man aber für das Kind haben, das Alen R. und andere Täter einst waren. Das ist ein großer Unterschied! Vor uns steht ein erwachsener Mensch, der drei Leben ausgelöscht hat, darunter das eines Kindes. Dies ist nicht zu entschuldigen. Die Analyse der Genese solcher Täter und das Mitgefühl für das Kind, das diese einst waren, ermöglicht uns aber eines: Gewalt-Prävention. Bei der heutigen Kindergeneration müssen wir ansetzen und sie vor ähnlichen Erfahrungen bewahren, wie sie so viele Täter, Mörder, Terroristen usw. als Kind durchlitten haben. Wir müssen aktiv werden, bevor das Kind im wahrsten Sinne des Wortes in den Brunnen gefallen ist. Darum und um nichts anderes geht es mir in diesem Blog. Ein erwachsener Täter dagegen ist mir persönlich im Grunde herzlich egal. Ich möchte verhindern, dass Menschen zu Tätern werden. Das Leben eines Massenmörders kann man nicht mehr drehen, es ist bereits sein Leben.

Zur Kindheit und Biografie von Alen R.:
Alen R. stammt aus Bosnien. Nach eigenen Angaben hat er als Kind vom damaligen Krieg in der Region so viel mitbekommen, dass er traumatisiert wurde. 1999 floh die Familien nach Österreich. Dort habe er sich von Gleichaltrigen abgelehnt gefühlt und blieb oft für sich alleine. Die eigenen Eltern beschreibt er als lieb ihm gegenüber wie auch untereinander. Nachbarn beschreiben dagegen ein anderes Bild. Bei der Familie war „ständig die Hölle los“, das Kind hätte ihnen leid getan. Weitere Nachbarn auch anderer Wohnorte berichten ähnliches. Von häuslicher Gewalt ist die Rede und einer gebrochenen Rippe der Mutter, sowie von Beschimpfungen und sogar Todesdrohungen gegen Nachbarn. Nachbarn hätten schlicht Angst vor der Familie gehabt. Alen R. war seinerseits früh auffällig, fiel u.a. durch Wutausbrüche als Schüler auf. Als Erwachsener war er gewalttätig gegenüber seiner Frau, die vier Wochen vor seiner Amokfahrt ins Frauenhaus floh. Seine Geschichte gleicht die von so vielen anderen Tätern dieser Art. Und trotzdem wird mir schlecht und macht es mich wütend, wenn so jemand im Zusammenhang mit seiner Anklage sagt „Ich bin das Opfer.“ Sein Opfersein, das ja durchaus real war, ist etwas, das er für sich bestenfalls in einem therapeutischen Prozess bearbeiten kann. Aber eben für sich, Es darf aber niemals zur Entschuldigung dienen, gerade auch vor Gericht. Vor Gericht steht ein Täter, im Plenum sitzen die Hinterbliebenen und Opfer.

Alle o.g. Infos zur Biografie und Kindheit stammen aus dieser Quelle:
Kronen Zeitung, 18.09.2016, Todeslenker Alen R.: "Ich bin das Opfer!"  

Dienstag, 4. Oktober 2016

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(nur wesentliche Beiträge)


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Mittwoch, 14. September 2016

Ursachen des Zorns junger Männer

Im SWR, 08.09.2016, lief die Dokumentation „Der Zorn junger Männer“ (von Uli Kick) (leider ist nur noch der Trailer online), in der wegen schwerer Körperverletzung angeklagte junge Männer während eines Anti-Aggressions-Trainings begleitet werden. Das Training müssen sie durchziehen, wenn sie nicht ins Gefängnis wollen.
Ein junger Mann berichtet über das Verhältnis zu seinen Eltern. Die Beziehung zu seiner Mutter sei „o.k.“, wie er lapidar sagt.  Sein Stiefvater habe ihn mit der Faust geschlagen. (ca. ab Minute 18 in der Doku) Diese Schläge seien „ein paar Mal“ vorgekommen. Danach stockt er und ergänzt: „Hab aufgehört zu zählen“. Der junge Mann ist dabei gänzlich teilnahmslos, zeigt keine Emotionen.

Das Selbe gilt für den nächsten jungen Mann, der ohne jegliche Regung aussagt, er hätte schon manchmal von seinem Vater „eine bekommen, das ist ja völlig normal“. Auf Nachfrage wird er dann konkreter: „Mal ne Ohrfeige oder mit dem Gürtel, ne Schelle oder ne Faust“. Er hätte zwar Schmerzen gehabt, hätte aber nicht geblutet oder bleibende Spuren gehabt. Er habe halt verstanden, was er falsch gemacht hatte. Auf Nachfrage sagt er bzgl. der Häufigkeit der Schläge pro Situation: „10 bis 15 Schläge“. Mit 11 Jahren, als er beim Rauchen erwischt wurde, habe er so viele Schläge bekommen, dass er ab dem 15. Schlag aufgehört habe zu zählen. 
Der Pädagoge fragt: „Und das ist normal?“.
Antwort: „Ich finde es gut, dass er das gemacht hat.
Frage des Pädagogen: „Warum?“.
Antwort: „Weil mir das gezeigt hat, dass ich einfach manche Sachen nicht mache. Ok ich rauche zwar immer noch, aber bei manchen Sachen hat es was gebracht, bei den meisten“.
Der Pädagoge fragt erneut, ob es ok sei, dass ein Vater seinen Gürtel auszieht und zuschlägt.
Antwort: „Bei uns in Russland ist das halt so, ich würde mein Kind genauso erziehen. Ich würde es gar nicht anders machen.


Diese Aussage hört man oft von als Kind schwer misshandelten Menschen, sie ist jedes Mal erneut schwer zu ertragen. Alle diese jungen Männer in der Doku wirken auf mich emotional erkaltet. Sogar die Gesichtszüge sind bei vielen komplett erstarrt. Lachen tun sie nur, wenn es um blöde Sprüche geht, wenn sie über Gewalt reden oder wenn sie unsicher sind. Klassisch ist also auch, dass – sofern es konkrete Erinnerungen an Misshandlungen gibt, was nicht selbstverständlich ist – eigene Schilderungen über dieses Erleben teilnahmslos daherkommt. Keine Emotion. Keine Traurigkeit. Keine Tränen. Kein Mitgefühl für das Kind, das diese Täter einst selbst waren. Manches Mal sogar Zustimmung zu der Gewalt, wie oben beschrieben. Was alle diese Männer haben ist allerdings ihr Hass und ihr Zorn. 
Laut Doku ist die Rückfallquote nach dem Training relativ gering. Ich habe da meine Zweifel. Zunächst müssten diese jungen Männer emotional "reanimiert"werden und das dauert in Therapie sicher Monate, manchmal Jahre. Sie müssten aus der emotionalen Starre zurückgeholt werden. Dafür müssten sie sich aber auch an das verletzte Kind herantrauen, das sie einst waren. Mit all den schmerzlichen Gefühlen. Und natürlich müssen sie sich auch emotional mit ihrem Tätersein befassen. Ob diese jungen Männer dies schaffen? Ich bin mir nicht sicher....



Dienstag, 13. September 2016

Extremismus-Studie. Belastende Kindheitserfahrungen bedeutsamer als Ideologie

Nachträglicher Hinweis: Ursprünglich hatte ich hier die Ergebnisse aus einer Vorabveröffentlichung (Trauma as a Precursor to Violent Extremism: How non-ideological factors can influence joining an extremist group) aufgeführt. Diese Ergebnisse weichen leicht von denen ab, die in der Endauswertung bzw. eigentlichen Veröffentlichung der Studie zu finden sind. Unten nun die Daten aus der Endauswertung: 

Quelle: Simi, P., Sporer, K. & Bubolz, B. F. (2016): Narratives of Childhood Adversity and Adolescent Misconduct as Precursors to Violent Extremism: A Life-Course Criminological Approach. Journal of Research in Crime and Delinquency. Vol 53, Issue 4. S. 536-563. (download hier!)

Für die Studie wurden 44 ehemalige Mitglieder (6 weiblich) von gewalttätigen, rechtsextremistischen Gruppen (aus verschiedenen Regionen in den USA) mit Hilfe von Interviews befragt.

Entgegen der Vorstellung, Mitgliedschaften in extremistischen Gruppen seien ideologisch bedingt, ist das zentrale Ergebnis dieser Studie, dass es eine Reihe von nicht-ideologischen Faktoren gibt, die Menschen motivieren, solchen Gruppen beizutreten. 

Belastende Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, ACEs):

43 % wurden als Kind körperlich misshandelt
23 % erlebten in Kindheit/Jugend sexuellen Missbrauch
41 % wurden emotional/körperlich vernachlässigt
27 % hatten Elternteile, die inhaftiert wurden
36 % wurden von Elternteilen verlassen
64 % wurden als Kind Zeugen schwerer Gewalt (in Familie und/oder Nachbarschaft)
59 % der Befragten hatten Familienmitglieder mit einem Suchtproblem
48 % hatten Familienmitglieder mit psychischen Problemen 

Gesundheitsprobleme / Risikoverhalten:

57 % berichteten über Selbstmordgedanken
41 % berichteten über weitere psychische Probleme
73 % hatten ein Drogen- und/oder Alkoholproblem
59 % waren Schulschwänzer
55 % waren Schulversager

Dienstag, 6. September 2016

Zwischengedanken. In eigener Sache.

Der Blog läuft langsam aber sicher auf den 400. Beitrag zu und auf Besucher bzw. Seitenaufruf Nr. 400.000. Seit 8 Jahren besteht der Blog, seit fast 14 Jahren befasse ich mich mit Gewaltursachen und Kindesmisshandlung. Vielleicht ist es jemandem aufgefallen, aber ich hatte und habe es eilig. Zum Einen, weil das Thema extrem wichtig ist und mehr Öffentlichkeit braucht, zum Anderen weil ich seit meiner Zeit als Student im Grunde (voraussehbar) stetig weniger Zeit habe, mich intensiv in neue Bücher einzuarbeiten oder Texte auszuformulieren. Trotz dieses Zeitmangels habe ich so einiges geschafft. Mir wird allerdings immer klarer, dass diese fast 400 Beiträge dringend zusammengefügt werden müssen. Erst ein Gesamttext erhöht die Wirkungskraft. Für mich wäre eine solche Zusammenfassung auch eine Art Abschluss oder der Beginn einer längeren Pause, wir werden sehen... Die Zeit der Entdeckungen ist für mich im Grunde vorbei. Ich glaube nicht, dass es weitere 100 Beiträge braucht.

Ich weiß nicht, wie es den Lesenden hier geht, aber mir haben die Erkenntnisse aus dem Blog auch ein Stück weit inneren Frieden gegeben. Klingt vielleicht komisch, ist aber so. U.a. weil menschliche Gewalt und Terror für mich erklärbar ist (was nicht mit entschuldigen zu verwechseln ist). Und: Gewalt nimmt stetig ab, Gewalt gegen Kinder nimmt ab, in Europa sogar bahnbrechend schnell. Wenn die Menschheit es schafft, sich nicht selbst in den nächsten 50-100 Jahren auszulöschen, dann werden sich viele Dinge quasi "von alleine" lösen. Ich glaube an das Gute, das durch eine stetig verbesserte Kindererziehung und - fürsorge in die Welt kommt. Und ich glaube an das Gute, das durch gelungene Psychotherapie und Hilfen für die einst Gedemütigten wieder entstehen kann.

Für die Zusammenfassung der Beiträge oder sagen wir eine buchähnliche Variante des Textes "Als Kind geliebte Menschen fangen keine Kriege an" werde ich mich aus dem Blog weiter zurückziehen müssen. Irgendwoher muss ich die Zeit ja nehmen. Diesen Gesamttext werde ich dann online stellen und hier und da aktualisieren (und diese Aktualisierungen kenntlich machen), das ist der Plan.

Mittelfristig plane ich noch einige Texte. U.a. eine Aktualisierung des Textes über die Kindheit von Bill Clinton, dann eine kritische wie auch verbindende Besprechung der Thesen von Prof. Gunnar Heinsohn und vor allem einen ausführlichen Text über die Menschen, die als Kind misshandelt wurden, aber nicht zu Gewalttätern und Terroristen wurden, aber dennoch durch die "vergiftete" Kindheit schwer beeinflusst sind. Letzterer Text soll vor allem auf die häufige Kritik reagieren, dass Kindheit kein Faktor bzgl. Gewaltursachen sei, weil sonst die Welt voller Gewalttäter wäre. Dieser Einwand übersieht die vielfältigen Ausdrucksformen einer "vergifteten" Kindheit. Das umfassend darzustellen, wird nicht leicht.

Was ich nicht vorhabe ist, mich bis ans Ende meines Lebens mit den Themen des Blogs herumzuschlagen. Ich stelle leider aber auch immer wieder fest, wie ich täglich (ohne es zu wollen) mit dem Thema konfrontiert werde, durch Äußerungen und Verhalten von Menschen, durch Berichte in Medien, durch Lieder von Musikern (die auf eine verstörende Kindheit hinweisen) usw. usf. Ich kann da die Augen nicht mehr schließen, sie sind nun mal auf.

Bisher brachte mir der Blog mehr, als er mir genommen hat. Er war nie Arbeit für mich, sondern einfach Notwendigkeit und half mir auch, mich zu sortieren. Ich glaube, dass ich mittlerweile auf einen Punkt zu gehe, wo es Arbeit wird. Insofern muss ich etwas ändern.

Samstag, 13. August 2016

Kindheit von Hillary Clinton (oder Kindheit der Clintons)

(aktualisiert am 09.11.2016)

Vor über einem Jahr recherchierte ich etwas im Internet und versuchte etwas über die Kindheit von Hillary Clinton herauszufinden. Ich fand nicht viel. Vor allem aber fiel mir auf, dass Frau Clinton routinemäßig schwärmerisch über ihre Mutter berichtete. Ich beließ es zunächst bei diesen Erkenntnissen.
Ich plante nun vor Kurzem einen Text, in dem ich den Bogen zu einem Thema spannen wollte, das ich im Blog bisher nicht explizit besprochen habe. Und zwar ist mir immer wieder (sowohl im Leben/Alltagserfahrungen, als auch in Büchern und Berichten, aber auch durch die Arbeit von Lloyd deMause) aufgefallen, dass sich Menschen oftmals gruppieren, die ähnliche Kindheiten durchgemacht haben (meist ohne bewusst darum zu wissen). Das gilt natürlich für extremistische Gruppen etc. oder Führungsapparate, teils vielleicht auch für Unternehmen, besonders auffällig aber auch bei Paaren.

Mein geplanter Text sollte die Frage enthalten, was es denn wohl ist, das Hillary Clinton und ihren Mann Bill Clinton verbindet? Bill Clinton ist als Kind nachweisbar schwer misshandelt und vernachlässigt worden, zudem erlebte er schwere häusliche Gewalt gegen seine Mutter mit, bis hin zu Tötungsversuchen (und es sieht so aus, als ob er dies nie aufgearbeitet hätte). Seine Kindheit war derart destruktiv, dass er auch in den USA zu einem kleinen Prozentsatz von Menschen gehört, die so einen Kindheitsalptraum erlebt haben. Meine nächste Frage hätte gelautet: Kann es sein, dass die Kindheit von Hillary wirklich so rosig war, wie es nach ersten Recherchen und ihren eigenen Aussagen nach erscheint? Oder gibt es da nicht doch eine dunkle Seite? Ich hätte wohl auch spekuliert, dass ich es für sehr unwahrscheinlich halte, dass jemand, der als Kind Glück, Liebe und Geborgenheit erlebt hat, sich in einen als Kind schwer traumatisierten Mann verliebt und diese Ehe Jahre hält. Dieser Satz klingt vielleicht hart, soll aber keine Abwertung von traumatisierten Menschen sein, sondern einfach die Dinge beschreiben, wie sie nun mal nach meiner Wahrnehmung wahrscheinlich oder entsprechend unwahrscheinlich sind. Ergänzend hätte ich angefügt, dass Hillary Clinton auf mich nicht gerade echt und menschlich wirkt und sie in der Vergangenheit durch destruktive Entscheidungen wie u.a. ihrem Ja zum Irakkrieg oder ihren Einsatz für den Krieg in Libyen und die Tötung von Gaddafi (was sie lachend mit den Worten "We came, we saw, he died" kommentierte) aufgefallen ist.

Nun, einen ausführlichen Text zum Thema „Menschen mit ähnlichen Kindheiten gruppieren sich“ muss ich noch mal nach hinten schieben. Wobei, im Fall des Paares Clinton bestätigt sich diese These nach einem neuen Rechercheansatz von mir nun doch. Einem Bericht der New York Times (19.07.2015) nach, herrschte in Hillarys Kindheit ein rauer Ton, Strenge und straffe Regeln in der Familie. Ihr Vater weckte seine Tochter auf, wenn sie schlecht in Mathe war und nahm sie in die Mangel, in dem er sie rechnen ließ. Und zu gute Leistungen kommentierte er mit „You must go to a pretty easy school.“ (ebd.) Wenn Hillary vergaß, den Deckel auf die Zahnpastatube zu schrauben, warf ihr Vater die Tube aus dem Fenster, auch im Winter und Hillary musste sie suchen. Gegenüber seiner Frau und den Kindern war der Vater zudem beißend sarkastisch. Und er war gewalttätig und schlug seine Kinder. „He hurled biting sarcasm at his wife and his only daughter and spanked, at times excessively, his three children to keep them in line, according to interviews with friends and a review of documents, Mrs. Clinton’s writings and former President Bill Clinton’s memoir.“ (ebd.) In deutscher Sprache hat meines Wissens nach nur die BILD (20.07.2015) diese Dinge aufgegriffen.

In der amerikanischen Dokumentation "Amerika hat die Wahl - Clinton gegen Trump" (von Michael Kirk, ausgestrahlt auf ARTE TV am 01.11.2016) wurde gesagt, dass die Mutter von Hillary unter ihrem Mann litt. Er beleidigte sie und ging respektlos mit ihr um. Es gab oft Streit im Hause der Familie. Carl Bernstein, Autor von  „ Hillary Clinton - Die Macht einer Frau“, sagt in der Doku: „Wenn er ihre Mutter in einem lauten Streit demütigte, lief Hillary in ihr Zimmer, hielt sich die Ohren zu und sagte: `Ich ertrag das nicht.`“ In der Dokumentation "Macht, Geld, Lügen. Clinton gegen Trump" (von Daniel Pontzen - ausgestrahlt im ZDF am 08.11.2016) kommt wieder Carl Bernstein zu Wort. Er sagt: "Hillarys Vater war ein schwieriger und sturer Mann, ein Menschenfeind, der die Mutter körperlich misshandelte." (Ebenso erlebte es Bill Clinton in seiner Familie bzgl. seines Stiefvaters, der seine Mutter misshandelte.)
Das zuvor erwähnte Buch von Bernstein gibt weitere vertiefende Einblicke oder besser gesagt: es legt Abgründe offen. „Hugh Rodham war ein bitterer, unerfülter Mann, dessen Kinder seinen unablässigen, herabsetzenden Sarkasmus und seiner misanthropischen Neigungen ertragen, seinen peinlichen Hang zur Sparsamkeit erdulden und schweigend hinnehmen mussten, wie er ihre Mutter demütigte und erniedrigte.“ (Bernstein  2007, S. 23) Die Beziehung der Eltern habe „geradezu krankhaft zerstörerische Züge“ gehabt, so Bernstein. (ebd., S. 24) Die destruktiven Verhaltensweisen von Hugh scheinen beständig zugenommen zu haben. Bernstein schreibt: „Als Hillary ins Teenageralter kam, schienen die schlechten Charakterzüge ihres Vaters endgültig die Oberhand gewonnen zu haben: Er konnte sich für fast nichts mehr begeistern und verlor jede Heiterkeit, während seine tyrannischen Ausfälle, seine schlechte Laune, die Klagelitaneien und seine Niedergeschlagenheit immer mehr zunahmen und er sich immer tiefer darin verstrickte.“ (ebd., S. 25) und „Das Leben im Hause Rodham hatte gewisse Ähnlichkeit mit einem militärischen Ausbildungslager, über das ein Spieß herrschte, der seine Schützlinge ständig heruntermachte und den man unmöglich zufriedenstellen konnte.“ (ebd., S. 27) Hugh „putzte jeden herunter, redete vollbrachte Leistungen klein, ignorierte Erfolge und legte die Latte für seine frustrierten Kinder immer höher, eine Methode, die er als `Charakterbildung` bezeichnete.“ (ebd., S. 27+28)

War seine Wut einmal geweckt, so war er furchterregend, und manchmal hatte es den Anschein, als könnte der ganze Haushalt jeden Augenblick bersten. Betsy und die wenigen Freundinnen, die Hillary mit nach Hause brachte, konnten sehen, wie schmerzlich erniedrigend das Leben mit Hugh Rodham für die Mutter war und dass Hillary unter den Wutausbrüchen ihres Vaters zusammenzuckte und unter seinem Geiz litt.“ (ebd., S. 29) Hillary, berichtet Bernstein, strengte sich furchtbar an, um einmal Anerkennung aus dem Munde ihres Vaters zu bekommen, wohl vergebens. (Mir kommt es so vor, als ob Hillary Clinton dies während ihrer politischen Karriere wiederholte. Sie war oft „nicht geliebt“, so sehr sie auch leistete, sich einbrachte und an Macht gewann. Zugespitzt zeigt sich dies im aktuellen Wahlkampf. Selbst wenn sie gewinnen sollte, sie scheint einfach ungemein unbeliebt in den USA zu sein.)
Die Wut des Vaters konnte auch handfester werden. Bernstein zitiert Hillary wörtlich bzgl. gewaltsamen Übergriffen auf die Kinder. Ihr Vater habe nicht mit der Rute gespart und an anderer Stelle sagte sie: „Gelegentlich ging es mit ihm durch, wenn er uns bestrafte. Dann brüllte er lauter oder griff insbesondere gegenüber meinen Brüdern zu härteren körperlichen Strafen (…). Doch selbst wenn er wütend war, zweifelte ich nie daran, dass er mich liebte.“ (ebd., S. 36+37) (Ihr Ehemann Bill Clinton idealisierte seinen gewalttätigen Vater genauso, wenn er über  (mit-)erlebte Misshandlungen berichtete, wieder eine Parallele.)

Ergänzend nahm ich die Autobiografie „Gelebte Geschichte“ von Hillary Rodham Clinton (2003) zur Hand. Hillary selbst beschreibt ihre Eltern wie folgt: „Hugh und Dorothy waren überzeugt davon, dass wir Härte brauchen würden, damit wir uns später auch unter widrigen Bedingungen behaupten könnten.“ (Rodham Clinton 2003, S. 28)
Bei all ihren Schilderungen über ihre Eltern fiel mir immer wieder auf, dass sie diesem Satzkonstrukt sinngemäß wie folgt treu blieb: „Härte? Ja. Aber nur zu meinem Besten! Meine Eltern lieben mich.“ Kritik gegenüber ihren Eltern und deren Erziehungsmaßnahmen findest man nicht in ihrer Autobiografie. Diese Sichtweise ist nicht ungewöhnlich, sondern ganz im Gegenteil geradezu klassisch für Kinder (und die später Erwachsenen), die destruktive Erziehungsmaßnahmen erlitten haben. Oft habe ich im Blog darüber berichtet. (Am Besten hat diesen Prozess der Identifikation mit dem Aggressor Arno Gruen beschrieben.)

Hillary gibt ein Beispiel über ihre Mutter Dorothy. Hillary wurde oft von einem Nachbarsmädchen gehänselt und belästigt, kam manches Mal weinend nach Hause. Sie war gerade mal vier Jahre alt. Ihre Mutter versperrte ihr eines Tages, an dem Hillary wieder einmal nach Hause geflüchtet war, den Weg und schickte sie raus. Sie gab ihr die Erlaubnis, sich gegen das Mädchen zu verteidigen, auch mit Gewalt. „Du musst lernen, dich zu verteidigen. In diesem Haus ist kein Platz für Feiglinge“, sagte sie. (ebd., S. 28)
Diese Szene wird von Hillary idealisiert. Sie nahm sie als Lehre dafür, Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg zu gehen und Stärke zu zeigen. Und sie verbucht sie als Erfolg, denn ab dem Tag – denn das vier Jahre alte Mädchen ging kämpferisch zu der Peinigerin zurück - wurde sie nicht mehr gehänselt und sogar Freundin des Mädchens. Ihre Mutter habe sich nach diesem Rausschicken der Tochter eigenen Angaben zu Folge schrecklich gefühlt und aus dem Fenster heraus beobachtet, wie die Tochter nach Gegenüber marschierte.
In diesem Bericht ist alles enthalten, um was es mir geht. Eine Mutter, die als mitfühlend dargestellt wird und ihre Härte nur zum Wohle des Kindes einsetzen würde. Um es gleich klarzustellen: Mich freut es für Hillary, dass das Ganze damals gut ausging. Zudem bin ich ganz dafür, Mädchen wie Jungen auch Wehrhaftigkeit mit auf dem Weg zu geben. (Ich als Elternteil von einem vier Jahre alten Mädchen hätte die Situation allerdings anders gelöst und wäre als Erwachsener zu den Nachbarn gegangen, um dort zu reden und ggf. auch auf den Tisch zu hauen. Wie auch immer.) Mir geht es um den Satz: „In diesem Haus ist kein Platz für Feiglinge.“ Mit dem Wissen um weitere (teils oben angerissene) Details aus der Familie und ihren Erziehungsvorstellungen, wird hier zentral deutlich, dass dem Mädchen keine Wahl gelassen wurde: Friss oder stirb; Leistung oder wir lassen Dich fallen; Härte bewundern wir, ansonsten gehörst Du nicht zu uns, Feigling...

Sehr ausführlich beschreibt Hillary übrigens die Kindheit ihrer Mutter. Diese wurde schon sehr früh von ihren Eltern sich selbst überlassen. Sie bekam im Alter von drei oder vier Jahren Essensmarken für ein Restaurant in der Nähe, statt Mahlzeiten zu Hause. Zusammen mit ihrer Schwester wurde sie in der Verwandtschaft herumgereicht und war oft alleine. Als sich die Eltern scheiden ließen, wurde die achtjährige Dorothy zusammen mit der dreijährigen Schwester in einen Zug gesetzt und beide reisten alleine quer durch die USA zu den Großeltern nach Kalifornien.
Meine Mutter blieb zehn Jahre in Kalifornien. Ihren Vater sah sie selten, die Mutter nie. Der Großvater Edwin senior (…) überließ die Mädchen seiner Frau Emma, einer strengen Person (…). Sie hegte eine tiefe Abneigung gegen meine Mutter und ließ ihr nur dann Aufmerksamkeit zuteil werden, wenn es darum ging, ihre strikten Hausregeln durchzusetzen. (…) Als das Mädchen sich einmal an Halloween über die strengen Regeln hinwegsetzte und mit den anderen Mädchen von Tür zu Tür ging, um Süßigkeiten zu erbitten, wurde sie hart bestraft. Sie sollte ein Jahr lang auf ihrem Zimmer bleiben, das sie nur verlassen durfte, um zur Schule zu gehen. Sie durfte ihre Mahlzeiten nicht am Küchentisch einnehmen und auf dem Heimweg von der Schule nicht trödeln oder im Vorgarten verweilen.“ (ebd., S. 15, 16) Mehrere Monate musste Dorothy dies ertragen, bis eine Verwandte, die zu Besuch kam, das Ganze beendete. Im Alter von vierzehn Jahren verließ Dorothy ihre Großeltern und fand Unterschlupf bei einer Familie, die sie als Hausmädchen anheuerte.

Heute wissen wir viel über die unbewusste Weitergabe von Traumatisierungen an die folgende Generation. Dorothy gehört zu einer Generation, für die Therapie noch ein Fremdwort war. Es ist im Grunde unmöglich, dass eine so heftige (unbearbeitete) Kindheitsgeschichte nicht destruktiv auf ihre Kinder gewirkt hat. Woher sollen Empathie und Wärme kommen, wenn mensch als Kind so alleine gelassen wurde? Sicher erkennt man auch einen Fortschritt, denn sie schaffte es, ihre Kinder nicht alleine zu lassen, Die Ängste vor dem Leben hat sie meiner Meinung nach ganz sicher auf ihre Kinder übertragen. "Werde hart, denn das Leben ist hart", scheint mir die zentrale Botschaft zu sein, die diese Mutter ihren Kindern mit auf dem Weg gab. Ich bin nach den geschilderten Details sehr skeptisch, was schwärmerische Schilderungen von Hillary über ihre Mutter angeht. Ich denke, dass meine Skepsis nachvollziehbar ist.

Auch bzgl. ihrem Vater fallen Idealisierungen ins Auge. Die oben beschriebene körperliche Gewalt gegen die Kinder erwähnt Hillary nicht in ihrer Autobiografie, was schon einmal an sich Einiges aussagt. (Nebenbei bemerkt hat Hillary an einer Stelle auch verraten, dass ihr Vater wohl selbst als Kind Prügel erhielt. Sie berichtet von seinen Erzählungen. Er hatte während eines Ausflugs mit einem Freund einen Unfall mit einem Lastwagen. Seine Beine wurden eingequetscht und die Ärzte wollten sie amputieren. Seine Mutter verhinderte dies, die Beine konnten gerettet werden. Im Krankenhaus verlor er das Bewusstsein. "Als er wieder zu sich kam, hielt seine Mutter an seinem Bett Wache. Sie versicherte ihm, dass seine Beine gerettet seien und dass er eine ordentliche Tracht Prügel beziehen würde, sobald er wieder nach Hause käme." (ebd., S. 18) Unfassbar, einem Kind in einer solchen Situation mit Prügel zu drohen! Offensichtlich hat er später diese körperliche Gewalt an seinen Kindern wiederaufgeführt.)
Hillary schreibt: „Mein Vater war strikt in seinen Auffassungen und ausgesprochen starrköpfig. Sein Wort war in unserem Haus Gesetz, gleich wie extrem (…) seine Ansichten auch sein mochten.“ (ebd., S. 26,27) Oder: „Mein Vater war ein Mann mit Überzeugungen, die er vehement vertrat. In den angeregten und manchmal hitzigen Diskussionen beim Abendbrot ertrug die Familie seine Vorträge, in deren Mittelpunkt meist Kommunisten, dubiose Geschäftsleute oder korrupte Politiker standen – in seinen Augen die drei niedrigsten Lebensformen.“ (ebd., S. 28)

Was ich mit Idealisierung meine, wird an Hand folgenden Zitates deutlich (in dem es um die bereits erwähnte Situation mit der Zahnpastatube geht): „Vergaß eines von uns Kindern, die Verschlusskappe auf die Zahnpastatube zu schrauben, warf mein Vater diese aus dem Fenster, und wir mussten hinausgehen, und sei es bei Schnee, um in den Büschen vor dem Haus danach zu suchen. Auf diese Weise rief er uns immer wieder ins Gedächtnis, dass wir nichts vergeuden sollten, und sei es nur Zahnpasta, die aus einer unverschlossenen Tube quoll. Ich lernte diese Lektion gut. Bis heute gebe ich nicht gegessene Oliven in das Glas zurück, wickle auch den winzigsten Käserest noch in Frischhaltefolie und fühle mich schuldig, wenn ich irgendetwas wegwerfe. Er war ein harter Lehrmeister, aber wir wussten, dass er sich um uns sorgte und alles für uns tun würde.“ (ebd., S. 27)  Es macht mich fast etwas fassungslos, wie deutlich in diesem Zitat die Unterwerfung des Kindes wird, das seine eigene Sicht aufgibt und den (harten, strafenden) Vater idealisiert. Solche Art Sätze habe ich hunderte gelesen im Laufe meiner Beschäftigung mit den Folgen von Kindesmisshandlung und destruktiver Erziehung. Es ist immer das gleiche Muster. Doch wir reden hier über eine der mächtigsten Frauen der Welt und demnächst vielleicht sogar der Mächtigsten, die als Erwachsene immer noch in dieser Zwickmühle zu stecken scheint.  Diese Zwickmühle gilt für alle Kinder von destruktiven Eltern, weil natürlich sind sie auf die Liebe und den Schutz angewiesen. Werden sie von den Eltern verletzt oder bedroht, müssen die Eltern zum eigenen Schutz idealisiert werden. Leider geht dies oftmals auf Kosten der emotionalen Welt. Vielleicht ist genau das die Kälte, die viele Beobachter, wie auch ich, bei Hillary Clinton wahrnehmen?

Einen Tag vor dem Tod ihres Vaters (dieser hatte einen Schlaganfall erlitten und all ihre Gedanken kreisten um ihn in dieser Zeit) hielt Hillary Clinton eine Rede vor 14.000 Menschen. Sie zitierte darin den Politikberater Lee Atwater, der kurz vor seinem Krebstod einen Artikel  über das „spirituelle Vakuum im Herzen der amerikanischen Gesellschaft“ geschrieben hatte, was Hillary hervorhebt. (ebd., S. 214) In ihrer Rede zitierte sie ihn u.a. wie folgt: „Ich erwarb mehr Reichtum, Macht und Prestige als die meisten. Aber man kann alles erwerben, was man sich wünscht, und sich immer noch leer fühlen.“ (ebd., S. 214) Meinte sie damit auch sich selbst?

Insgesamt betrachtet würde ich sagen, dass die Kindheit von Hillary Clinton im Vergleich zu der ihres Mannes weniger destruktiv war. Allerdings wird klar, dass diese beiden Menschen nicht zufällig zusammengefunden haben. Beide verbinden ähnliche Kindheitserfahrungen. Zudem: Ein ähnliches Traumaniveau wie das von Bill vermute ich nach den o.g. Schilderungen auch bei der Mutter von Hillary. Menschen suchen manches mal Partner aus, die der Struktur der Eltern oder eines Elternteils  ähneln und reinszenieren auf die Art die Familiengeschichte.



Verwendete Quellen:

Bernstein, Carl (2007): Hillary Clinton. Die Macht einer Frau. Droemer Verlag, München.

BILD.de, 20.07.2015, "Warum Clinton ungern über ihren Vater spricht"

Pontzen, Daniel: Dokumentation "Macht, Geld, Lügen. Clinton gegen Trump" (ausgestrahlt im ZDF am 08.11.2016)

Kirk, Michael: Dokumentation: Amerika hat die Wahl - Clinton gegen Trump" (ausgestrahlt auf ARTE TV am 01.11.2016)

Rodham Clinton, Hillary (2003): Gelebte GeschichteEcon Verlag, München.

The New York Times, 19.07.2015, "Hillary Clinton Draws Scrappy Determination From a Tough, Combative Father" (von Amy Chozick)